Ryan Adams: Easy Tiger (UK, 2007) Plattenfirma: Lost Highway Tracks: 15 Erscheinungsdatum: 29. Juni 2007 ASIN: B000QFBVEI Preis: ca. 15 € Easy Tiger bei Amazon.de  Easy Tiger, das neue Album aus der Feder des Alt-Country Barden Ryan Adams hatte schon Monate vor seiner Veröffentlichung einen rauschenden Wirbel aus gegensätzlichen Aussagen, Gerüchten und Schnellschussurteilen verursacht. Der Titel des Albums war noch im Februar auf der offiziellen Ryan Adams Website angekündigt worden – dort schwebte er ohne weitere Erklärung in bunt gescheckten Lettern über einer rotierenden Sonne, bis diese wenige Tage später mit einer ebenfalls rotierenden, fetttriefenden Bitmap-Pizza ersetzt wurde. Grund genug für die Bevölkerung einschlägiger Message Boards, Alarm zu schlagen. Adams hatte in den Monaten zuvor auf seiner Website elf Hip Hop- und Speed Metal Alben veröffentlicht. Auch das Pseudonym schien er für sich entdeckt zu haben, denn seine beinahe unerschöpflichen Massen an kostenloser Internetunterhaltung wurden der poetischen Größe von fiktionalen Künstlern wie Werewolph, Sad Dracula oder DJ Reggie zugeschrieben. Während sich darunter hier und da gelegentlich auch markiges Songmaterial wie das malerische Cemetary Hill oder die sonnige Instrumentalnummer 21st Century Wars versteckte, gestaltete es sich dennoch als schwierig, Tracks wie Unicorns (Probably Don’t Exist) oder Cobra Kadabra auch über ihre zweifelsohne erhabenen Titel hinaus Respekt zu zollen. Entsetzte Fan-Reaktionen sahen die Zukunft des einstigen Königs des ‚Slit your wrist’- Songs bereits in Dance Floor Alben mit Hologrammcover.
Dem war allerdings nicht so. Die nächsten Konzerte Adams' mit seiner Band, den Cardinals, sorgten schnell wieder für Entspannung. Nachdem dort mit Goodnight Rose und Tears of Gold einige erste Songs aus der nun ebenfalls publik gemachten Trackliste von Easy Tiger gespielt worden waren, meinte man in Fankreisen eine konsequente Weiterentwicklung des Live Jam - orientierten Sound des Vorgängeralbums Cold Roses erkennen zu können. Doch auch dem war nicht so. Die allseits erhoffte Zelebrierung des raffinierten Band-Sounds der Cardinals findet zwar zweifelsohne statt - Neben dem bereits erwähnten Opener Goodnight Rose klingt besonders das Mittelstück The Sun Also Sets wie eine Einladung zu ausgelassenen Jams. Doch Easy Tiger ist sicherlich das bisher bunteste Ryan Adams Album. Tears of Gold, ein Stück dessen Thematik mit der Vergänglichkeit des Menschen und übertrieben sentimentalen Country-Riffs thematisch wie auch musikalisch hart an der plakativen Grenze des Genres kratzt, rehabilitiert sich lediglich durch einen äußerst männlichen Mittelteil mit militärisch tönender Chor-Unterstützung. Ansonsten klingt er wirkt wie ein Überbleibsel des Hardcore-Country Albums Jacksonville City Nights. Der Bogen aus Two, Everybody Knows und dem vielerorts aufgrund seines ungestrafften Texts geächteten Halloween Head reanimiert das einfache Songwriting kommerzieller Ryan Adams Alben wie Gold und Demolition mit einigen seiner stärksten und subtilsten Gesangsleistungen überhaupt zu perfekt produzierten Single-Kandidaten. Da kann er es sich ruhig auch leisten, die von Sheryl Crow kontribuierten Backup Vocals in Two beinahe unhörbar leise zu schalten. Off Broadway und These Girls, das vielleicht stärkste Lied des Albums, geben zudem einen Einblick in das unveröffentlichte Material, das sich irgendwo zwischen Gold, Love is Hell und Cold Roses der mitunter unverständlichen Qualitätskontrolle des Adams-Labels Lost Highway verweigert hatten. Fuer ihr neues Zuhause auf Easy Tiger wurden die Songs jedoch nicht nur mal eben durch den Cardinals-Filter gejagt – sie zeigen auch über erweiterte Texte, wie sehr Adams' Songwriting gereift ist. Im damals noch 'Hey There Mrs. Lovely' titulierten These Girls wünschte er sich in einem Anflug von ausuferndem Kitsch, die verweinten Augen seiner Dame mit Zimt und Pfirsichen zu trocknen. Die Effektivität eines solchen Vorhabens erscheint fragwürdig. Dies mag auch mit der Grund sein, warum besagte Textzeile in These Girls eliminiert wurde. In der Neuauflage verstört ihn das Lächeln unbekannter Frauen. Er kommt zu dem Schluss, dass sie besser romantische Projektionen seines Kopfes bleiben, und eine konkrete Annäherung weder in seinem, noch in ihrem Interesse liegen kann. Auch der Humor der 11 vorausgegangenen Nonsens-Alben setzt sich im Ton von Easy Tiger ab: Das verspielte Halloween Head zeigt Adams, wie er sarkastisch akzentuiert zwischen zwei Strophen zum 'Guitar Solo!' aufruft. Songtitel wie Oh My God, Whatever, Etc. demonstrieren eine neue Art nicht von Resignation, sondern humoristische Akzeptanz der Einsamkeit.
Easy Tiger ist das Best Of Ryan Adams Album, das es nie geben wird. Und zur großen Freude der Fans besteht es nicht lediglich aus bereits bekannten Songs, sondern skizziert Ryans Werdegang mit einer gleichmäßigen Auswahl an repräsentativen Tracks für seine bisherigen Schaffensperioden. Dabei ist diese konsequente Qualität gar nicht mal in erster Linie dem Künstler selbst zuzuschreiben. Für das erste 'nüchterne' Album des seit 2006 ohne den Schalk und Schrecken des Drogenkonsums lebenden Songwriters ließ sich Adams von seinem Label und den übrigen Mitgliedern der Cardinals unter die Arme greifen. Als Abschiedsgeschenk im Zuge des bald auslaufenden Vertrags mit seinem Label Lost Highway legte Adams ihm eine Auswahl von neuen Favoriten der Band vor, zusammen mit der Frage, welche Art von Album sie sich von ihm wünschten. So entstand ein fokussiertes Album, das sich weder in kryptischen Liedtexten, noch im Gewicht eines übertrieben bestellten Genres verliert, und sicher den einen oder anderen kommerziellen Erfolg feiern wird. Als künstlerische Weiterentwicklung kann es aber leider nicht gewertet werden.
Gegen Ende des Jahres will Lost Highway wohlgemerkt dem jahrelangen Ersuchen seines wohl produktivsten Künstlers entgegenkommen und eine Box mit einer knapp 10 Tonträger umfassenden Auswahl aus Adams’ unveröffentlichtem Material auf den Markt bringen. So schickt sich 2007 an, für Ryan Adams Fans das Jahr der Retrospektive zu werden. Man darf gespannt sein, welche weiteren Einblicke in sein Schaffen sich über das Füllen der Lücken ergeben werden. Text Copyright Michael Ecke 2007 Coverartwork Copyright Ryan Adams |