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Gorilla des Monats

bernie 
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Ash - Twilight of the Innocents
ashAsh: Twilight of the Innocents (UK, 2007)

Plattenfirma:  Infectious Records
Tracks: 12
Erscheinungsdatum: 29. Juni 2007
ASIN: B000R9QEK4
Preis: ca. 15 € Twilight of the Innocents bei Amazon.de

Man hatte es ja schon geahnt, als Ash im Frühjahr plötzlich den neuen Song I Started A Fire auf ihrer Website zum Download anboten. Wenige Monate später trübte die Band die Freude auf das mittlerweile fünfte Studioalbum mit der Aussage, dass es auch das letzte dieser Art sein würde. Der Plan ist, in Zukunft nur noch Singles zu veröffentlichen, und zwar online. Mit dem eigenen Studio, das die Band für einige Jahre in New York gemietet hat, bietet das auch einen Sack voller neuer Möglichkeiten:

ash

“The way people listen to music has changed, with the advent of the download the emphasis has reverted to single tracks. (...)
When you're tied to the album format, you find yourself waiting six months between finishing a record and releasing it. By leaving this behind we can enter a new phase of spontaneity and creativity. We have our own studio in New York, we can record a track and release it the next day if we feel like it, give it to people while it's fresh. We're the first band to do this , but I very much doubt we'll be the last.
We've been one of the best singles bands of the last two decades and we're still younger than a lot of bands on the current scene. I’m excited to push this claim further by dedicating ourselves wholly to the art of the single for the digital age.”
(Tim Wheeler auf www.ash-official.com)

 

Ein gewagtes Vorhaben, aber ein interessantes dazu. Es gehört viel dazu, nach 13 Jahren mal größerem, mal kleinerem, aber immer stetigem Erfolg einen solchen Schritt zu tun und alles umzukrempeln. Gerade Wheelers Vermutung, dass viele Bands nachziehen würden, kann man durchaus teilen – man denke nur an den Erfolg der Arctic Monkeys, die sich anfangs nur über Myspace vermarktet und die Möglichkeiten des Weges zum Erfolg massiv erweitert haben.
Das Myspace-Portal von Ash brummt ebenfalls, fast wöchentlich erscheinen neue Blog-Einträge und Ankündigungen und die Postfächer der Mailinglist-Mitglieder sind stetig gefüllt. Der Kontakt zu den Fans, den die Band auch vorher immer gepflegt hat, wird nun noch einfacher, und so lag der letzte Schritt, komplett ins Online-Dasein überzutreten, nicht fern. So manchem schlägt dies auf den Magen, empörte Rufe aus dem Forum auf der Band-Website sprechen für sich. Natürlich ist ein gut gemachtes Album auf einer CD mit Booklet, das man in der Hand halten bzw. durchblättern kann, mit nichts zu ersetzen, das wissen die CD-Käufer nur zu gut. Aber die Zahlen sind rückläufig und, wie Wheeler es formuliert, die Zukunft weist in eine andere Richtung.

Dadurch wurde Ash von so mancher Pressestimme eilig als Singles-Band deklariert, was auf der einen Seite stimmen mag, denn die Singles waren stets erfolgreicher als die Alben. Die Qualität der Alben wird so jedoch mit ihrem Verkaufserfolg gleichsetzt, und das ist schlichtweg unangebracht.
Nun ist aber eine Entscheidung gefallen und die Zukunft bringt Singles bzw. einen stetigen Strom einzelner Songs, die vielleicht irgendwann mal als Compilation doch nochmal einen CD-Player von innen sehen. Die Möglichkeit, die neue Musik sofort dem der Band so wichtigen Publikum zugänglich zu machen und Feedback zu erhalten, ist jedoch essentiell für Ash, wie aus Wheelers Kommentar deutlich zu entnehmen ist. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verfolgen wir die Entwicklung des Bandkonzeptes natürlich weiter.

Doch nun! Die Gegenwart ist schließlich noch da und das neue Album Twilight of the Innocents wartet darauf, gekauft und gehört zu werden. Und damit das auch alle tun, folgt nun die Gorillabetrachtung des Albums, das die Band als ihr bestes bezeichnet.

Es muss einiges passiert sein in Tim Wheelers Leben. Selten fühlt man sich so der Botschaft der Texte verbunden wie bei diesem Album. Sie kommen von ganz tief innen, mit mächtiger Bildsprache und sorgfältig ausgedrückten Emotionen. Transportiert wird das ganze mit einer ganz typischen Art von Musik, die im Kern noch immer den unverkennbaren Ash-Sound trägt, sich jedoch außenrum immer wieder wandelt, so dass am Ende wieder etwas völlig neues herauskommt.
Ein Querschnitt des Albums wurde ja schon auf der Visions Spring Tour geboten, doch erst mit den restlichen Songs wird der Bogen vollständig gespannt. Den Anfang machen drei herrlich springtaugliche Rockstücke, die massiv nach vorne gehen und teilweise noch sehr gut an Meltdown (2004) – Zeiten erinnern. Nach Wheelers Aussage stammt You Can't Have It All tatsächlich noch aus der damaligen Zeit. Der Song wurde als erste Single ausgekoppelt und überzeugt mit fies kreischender Leadgitarre, viel Snare, aggressivem Bass und einem Text, der selbst laut Bandaussage extrem „bitchy“ ist: Eine klare Ansage für nervige Partner, denen man nichts rechtmachen kann und die doch bitte mal einsehen mögen, dass man, richtig, nicht alles haben kann. Verklingt die letzte gebratene Rhythmusgitarre, lehnt man sich zufrieden zurück und denkt: „Jawoll. Geil.“ Und drückt sofort Repeat.

Die Single wird eingerahmt von dem fabelhaften Opener I Started A Fire (dem Download-Experiment, wir erinnern uns) und Blacklisted, das nahtlos an You Can't Have It All anschließt mit genussvoll ausgewalzten Gitarren, Basslastigkeit und Drumgekloppe. So mögen wir das doch!
Und dann beginnt die erste Veränderung auf der CD. Titel 4 ist Polaris, die zweite Singleauskopplung. Ein sich stetig wiederholendes einfaches Klavierthema zieht sich durch den Song, der auf den Rocksound der Vorgänger verzichtet, einen zurückhaltenden Rhythmus hat und der nur im Refrain zu bekannten Dimensionen aufläuft. Der Schwerpunkt liegt auf dem fantastischen Gesang, bei dem Wheelers Stimme in den Tiefen allerdings schon langsam an ihre Grenzen stößt. Der Text ist melancholisch und thematisiert Verlust und Vergänglichkeit der Unschuld vergangener Zeiten.

Von Palace of Excess erwartet man nach der ersten Hälfte nicht mehr viel, der Text ist kurz und setzt auf Wiederholungen. In der Mitte lugt mit einem extrem breitbeinigen, durchaus Ash-klassisch zu nennenden Gitarrensolo kurz wieder die Vergangenheit der Band hervor, ansonsten ist dies eher - wenn man das denn bei der hervorragenden Gesamtqualität  des Albums so sagen kann - einer der schwächeren Titel der CD. End of the World hingegen kommt getragen und chillig daher, der ebenfalls melancholische und verflucht aktuelle Text wird in akustische Gitarren eingebettet. Der Song lässt sich langsam an, zum Ende hin werden aber gehörig Lautstärke und Verzerrkanal aufgedreht und die Hookline wird zum großartigen Mitgröhl-Mantra, was vermutlich einer der Gründe war, als der Song als dritte und letzte Single ausgewählt wurde.

Ritual könnte auch gut an den Anfang der CD passen, hier wird wieder die Indie-Rockschiene gefahren. Es geht um in sich hineingefressene Probleme und Gefühle, die einen mit der Zeit wahnsinnig machen. Bei der Melodie denkt man sich irgendwie, dass da noch mehr gehen könnte, aber trotzdem ein schöner Titel, der auch live gut abgeht.
Schön zum Mitsingen ist auch Shadows, und Princess Six ist ein wunderbarer Posersong, bei dem man Wheeler in Gedanken schon wieder mit brennender Gitarre über die Bühne rennen sieht.
Die letzten drei Songs stehen in krassem Gegensatz zu den ersten dreien, es wird düster und ein wenig getragener. Die Melodie von Dark And Stormy ist eingängig und hat wenige von diesen Ash-typischen Ausreißern, die ihre Musik so prägen. Wenn auch untypisch, so doch ein feiner Song, der besonders von der prägnanten Basslinie lebt. Der sehnsüchtige Text rundet das ganze zu einem Kleinod ab, das wieder auf typisch subtile Art sehr sexy geworden ist. Shattered Glass dagegen holt wieder weit aus mit der Melodieführung, eine langsame einzeilige Bridge trennt die düstere Strophe vom Refrain, ein verzweifeltes Lied, wo eine ganze Menge im Text drinsteckt.

Ja, und dann kommt Twilight of the Innocents als Abschluss. Was zum Henker muss man erlebt haben, um so ein Lied zu schreiben? Das hier ist sowas von untypisch, mit viel Synthesizer und schon wieder so einer sich ständig wiederholenden Refrainzeile. Soviel passiert in diesem Lied, ganz leise fängt es an und immer mehr baut sich oben drauf. Dieser Song ist wie Psychoterror, er brennt sich ins Hirn und kommt da in zwanzig Jahren nicht mehr raus. Sechseinhalb Minuten lang schreit er nach Leben, mit allem Bombast, der dazugehört, Drumsoli, psychedelischem Synthigequietsche und erneut diesem völlig verzweifelten, rauen Gesang – und dann: Zack, Vorhang zu, Feierabend.

Da steht man aber erstmal ne Weile rum wie Falschgeld, bevor man demütig auf die Knie sinkt und sich vor lauter Unwürdigkeit im Boden eingraben will... naja, das passiert dann vielleicht doch nur mir, aber nichtsdestotrotz, vor dieser Band will der Hut gezogen werden. Wie weit weg erscheinen plötzlich Dauerbrenner wie Burn Baby Burn und Shining Light oder sogar die Metal-Songs von Meltdown! Twilight of the Innocents ist erneut ein gelungener Wandel aus dem genialen Hirn von Tim Wheeler. Doch wie eingangs erwähnt bleiben Ash sich im Kern treu, immer wieder erinnern kleine Teile an vorherige Songs und der Sound bleibt unverkennbar – natürlich auch durch Tims Stimme, die noch immer ein bisschen jungenhaft klingt, aber trotzdem so viel vermitteln kann und seit Meltdown gehörig perfektioniert worden ist.

Beim ersten Hören entfaltet sich bei diesem Album allerdings noch nicht so viel wie bei vorherigen CDs, man bleibt tatsächlich erstmal bei den Knallern vom Anfang hängen. Die ganze Genialität will entdeckt werden. Nehmt Euch Zeit für Twilight of the Innocents, hört genau hin und lasst Euch hineinziehen. Und wo Ihr schon dabei seid, kauft am besten noch alle alten Alben. Man braucht ja auch was zum Vergleichen, nicht wahr?

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Text Copyright Anna-Selina Sander 2007
Coverartwork Copyright Ash

 
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