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UK, seit 2002 Umfang: bislang 4 Staffeln mit insgesamt 31 Folgen a' 60 Minuten, eine fünfte Staffel ist in Arbeit Buch: Roy Mitchell, Nigel McCrery Regie: Rob Evans, Graham Theakston Darsteller: James Bolam, Alun Armstrong, Amanda Redman, Dennis Waterman, Susan Jameson, Anthony Calf
"It's alright, it's okay, doesn't really matter if you're old and grey. It's alright, doing fine, we're going to the end of the line. High tech, low tech take your pick, cause you can't teach an old dog a brand new trick. I don't care what anybody says, at the end of the day." (Dennis Waterman) Schon Alfred Hitchcock wusste es: Die Polizei ist langweilig. So langweilig, dass es sich kaum noch lohnt, einen Film über die Jungs und Mädels von der Exekutive zu drehen. Vom kaffeschlürfenden Ruhrpottkommissar bis hin zu frustrierten Großstatdbullen wurde inzwischen jedes denkbare Klischee von vorne bis hinten abgefeiert. Und im allseits beliebten Genre des Fernsehkrimis sieht es noch schlimmer aus. Emotionslose High Tech-Ermittler sorgen für ebenso wenig Aufregung wie ihn Weiland ein lethargischer Stefan Derrick und sein langweiliger Assi Harry Klein versprühten. Was motiviert diese allzeit bereiten Gesetzeshüter, welche Interessen haben sie, und welchen Einfluss nimmt ihr Privatleben auf die ewig gleich strukturierten Ermittlungen? Gute Frage, denn tatsächlich erfährt der Zuschauer meist herzlich wenig über die Gattung des gemeinen TV-Bullen. Fernsehpolizisten sind Werkzeuge, um den Plot voranzutreiben, Charakterisierung hat Seltenheitswert. Alle Jubeljahre begegnen uns aber tatsächlich filmische Polizisten, die einen zweiten Blick wert sind. Und in diese Gruppe gehören auch die alten Hasen aus der populären BBC-Serie New Tricks. Besagte Sendung befasst sich nämlich nicht mit dem typischen Ermittler von der Stange, sondern mit einer Gruppe frühpensionierter grauer Eminenzen, die für den Polizeidienst reaktiviert wird, um ungelöste Fälle aus vergangenen Jahrzehnten neu aufzurollen. Wo die moderne Polizei auf Papierkrieg, Datenbanken und Wissenschaft setzt, haben die Jungs von UCOS (Unsolved Crime and Open Case Squad) nämlich deutlich direktere Methoden.
 Da wäre zum einen der ehemalige Chief Superintendant Jack Halford (gespielt von Likely Lad James Bolam). Seit dem Ableben seiner Ehefrau ist Halford nur noch ein Schatten seiner selbst. Wenn er nicht gerade im heimischen Garten golft oder imaginäre Dialoge mit seiner verstorbenen Gattin hält, versucht er wie besessen, den mysteriösen Unfalltod seiner Frau aufzuklären. So ruhig, sympathisch und humorvoll Jack auf den ersten Blick auch erscheint, verbirgt er eine unglaubliche Einsamkeit, Verzweiflung und Wut hinter einer zunehmend transparenten Fassade. Der Zweite im Team ist Brian Lane (Alun Armstrong), ein mental instabiler Frührentner mit einer obsessiven, annähernd autistischen Deduktionsgabe. Brian erforscht jedes noch so kleine Detail, verstrickt sich pausenlos in Nebensächlichkeiten und hat einen fanatischen Ordnungshang. Im einen Moment benimmt sich Brian wie ein euphorisches Kind, im nächsten zaubert er die überraschendsten Einsichten aus dem Hut. Ohne seine Ehefrau Esther ist der sozial inkompetente Endfünfziger nur ein halber Mensch. Kein Wunder also, dass seine Gegner ihn oft unterschätzen. Und dann gibt es noch Gerry Standing (Dennis Waterman, bekannt aus dem Life on Mars-Vorbild Die Füchse / The Sweeney und der Kultserie Der Aufpasser / Minder), den in die Jahre gekommenen Cockney-Charmeur. Als Bulle der alten Schule handelt Standing stets nach dem klassischen Motto "erst schlagen, dann denken". Dank zahlreichen Unterweltkontakten und einer bewundernswerten Manipulationsgabe macht sich der eingerostete Herzensbrecher aber schon nach kurzer Zeit unbezahlbar. Und das ist auch gut so, wenn man bedenkt wie viele Alimente Gerry an seine drei Ex-Frauen abdrücken muss.
  Abgerundet wird das Team von seiner Chefin, Detective Superintendant Sandra Pullman. Mit Anfang Vierzig ist die Karrierefrau das jüngste Mitglied der Truppe. Ihr Privatleben hat Sandra zugunsten der Arbeit schon lange aufgegeben und die Ernennung zur Leiterin des Tattergreis-Geschwaders sorgt Anfangs eher für Frustration als Motivation. Aber es kommt wie es kommen muss, und bereits nach kurzer Zeit beginnen die unkonventionellen Methoden der athritischen Ermittler auf ihre einst so regeltreue Vorgesetzte abzufärben. Ähnlich wie auch im grandiosen Sci-Fi/Cop-Show-Hybriden Life on Mars wird bei New Tricks auf das Zusammenspiel von alten und neuen Methoden gesetzt. Teilweise eröffnen moderne Polizeimethoden wie DNA-Analyse und virtuelle Datenbanken eine neue Perspektive auf angestaubte Kriminalakten, aber mindestens genauso oft unterschlagen die gesetzten Gesetzeshüter Beweismittel, setzen Verbrecher mit illegalen Tonbandaufnahmen unter Druck und lassen im Notfall sogar die Fäuste sprechen. Dass derlei Methoden in den höheren Etagen des Polizeipräsidiums auf wenig Gegenliebe stoßen ist klar, aber dank immenser Erfolgsquote und einer verständnisvollen Chefin hat das Trio mit seinen unkonventionellen Methoden fast immer Erfolg. Fast immer. Denn vor Fehlern sind die UCOS-Jungs mit Sicherheit nicht gefeit. Manchmal scheitern Jack, Brian und Gerry an ihrem fehlenden Verständnis für das einundzwanzigste Jahrhundert, manchmal an ihrem Egoismus und hier und da werden sie auch von ihren maroden Knochen im Stich gelassen. Keine Frage, ihre Blütezeit haben diese Verbrechensjäger schon lange hinter sich, aber mit Verbissenheit, Teamwork und einer gesunden Portion Menschenkenntnis weisen sie der neuen Garde spielend den Weg. Neben der ungewöhnlichen Charakterisierung verleiht vor allem die einmalige Interaktion zwischen den Protagonisten New Tricks ein besonderes Flair. Die Hauptfiguren sind nicht nur Arbeitskollegen sondern gute und erfreulich glaubwürdig dargestellte Freunde, die ebenso oft mit- wie übereinander lachen, nie ein Blatt vor den Mund nehmen und sich in der Not den Rücken stärken. Rührseligkeit und Gefühlsduselei sind für diese alten Schlachtrösser Fremdwörter. Echte Freundschaften haben solchen Unsinn nicht nötig und die Interaktion dieses Trios ist so glaubwürdig, dass sie die meisten Fernsehfreundschaften gnadenlos in den Boden stampft. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet eine Krimiserie dieses Kunststück vollbringen würde?
 Denn das ist die wahre Stärke von New Tricks. Selten gab es eine Produktion mit dermaßen konstanter Charakterisierung. Jede exzentrische Eigenart der Helden, jede Schwäche und jedes Verhaltensmuster wird permanent weitergestrickt und erforscht. So wichtig die Kriminalfälle im Gesamtgeflecht von New Tricks auch sind, treten sie im Angesicht der erstklassigen Charakterentwicklung oft in den Hintergrund. Meist sind die Fälle nur Katalysatoren für einen Einblick in die vielschichtige Psyche des Protagonistenquartetts. Egal ob sich die aktuelle Folge gerade um die Torschlusspanik von UCOS-Chefin Sandra, die fortlaufende Ermittlung um den Mord an Jacks Frau, die Patchworkfamilie von Ex-Lothario Gerry oder Brians exzentrische Obsessionen dreht, sind dramatische Wendungen ebenso wie eine Extraportion typisch britischer Wortwitz immer garantiert. Und die kriminalistischen Plots sind trotzdem nicht von schlechten Eltern. Während die Autoren in der ersten Staffel meist auf klassische Mordfälle setzen, werden sie ab dem zweiten Jahr deutlich experimentierfreudiger und selbstbewusster. Was macht man z.B. wenn auf einer Waldlichtung die Eingeweide einer Toten gefunden werden? Kann das UCOS-Team mit seiner einmaligen Einsicht und modernen Polizeimethoden die Hintergründe des Mordes und die Identität des Opfers enthüllen? Gute Frage, aber wer herausfindet, warum ein vermeintlicher Wahnsinniger seit Jahrzehnten altersschwache Schoßhunde niedermeuchelt, wie eine intrigante Fernsehköchin in den Sechzigern vor laufender Kamera ihren Mann vergiften konnte und warum die beiden größten Eishersteller von London seit Urzeiten in einen nahezu apokalyptischen Kleinkrieg verstrickt sind, schreckt vor keiner Herausforderung zurück. Zugegeben, wer komplexe Rätsel will, ist mit Privatermittlern wie Hercule Poirot besser beraten, aber wer bereit ist, die Kopfnüsse einer Agatha Christie für ungewöhnliche Plots, exzentrische Ideen und ein unvergleichliches Ensemble einzutauschen, liegt bei New Tricks goldrichtig. Obwohl sich die Stammbesetzung zum Großteil aus rüstigen Rentnern zusammensetzt ist New Tricks in Sachen Plotstruktur, Kontinuität, Dialogqualität und Charakterentwicklung alles andere als altmodisch. Diese Oldies gehören noch lange nicht aufs Abstellgleis!
Text Copyright 2007 Peter Clausen Bilder Copyright BBC/Acorn Media |