USA/UK (2007) Buch: Michael Goldenberg, Regie: David Yates, Kamera: Slawomir Idziak, Musik: Nicholas Hooper, mit: Daniel Radcliffe, Rupert Grint, Emma Watson, Helena Bonham Carter, Robbie Coltrane, Richard Griffiths, Ralph Fiennes, Gary Oldman, David Thewlis, Michael Gambon, Imelda Staunton, Katie Leung, Evanna Lynch, Alan Rickman Originaltitel: Harry Potter and the Order of the Phoenix Erschienen bei: Warner Bros. Preis: ca. 10 € Harry Potter und der Orden des Phönix bei Amazon.de Einen Film zu drehen ist nicht einfach. Doch noch schwerer wird es, wenn die Erwartungen schon vor dem Drehbeginn überspannt sind. Sei es, weil ein berühmtes Buch die Vorlage liefert. Sei es, weil der Film wie ein Sequel behandelt wird. Oder weil jemand vor dir bereits das Beste aus dem Stoff herausgeholt hat. Harry Potter und der Orden des Phoenix hat mit all diesen Problemen auf einmal zu kämpfen. Millionen Fanatiker auf der ganzen Welt werden jede Szene auf ihre Detailtreue zu J. K. Rowlings Original prüfen. Milliarden von Eltern werden mit ihren sechsjährigen Kindern reingehen und einen fünften Stein der Weisen erwarten. Und seien wir ehrlich, Alfonso Cuaron hat nun einmal den bestmöglichen Harry Potter gedreht. Die Bürde auf den Schultern des relativ unbekannten und bisher auch hauptsächlich im Fernsehbereich tätigen Regisseurs David Yates war also immens. Umso größer wurde sie, als der bisherige Drehbuchautor Steve Kloves eine Pause einlegte und die Arbeit Michael Goldenberg (der sich bereits für den ersten Teil beworben hatte) überließ. Doch als die ersten Informationen herausgegeben wurden, das großartige Casting von Evanna Lynch als Luna Lovegood oder Imelda Staunton als Professor Umbridge zum Beispiel, sah es so aus, als würde wieder ein runder Film rauskommen - nicht einer, der sich sklavisch an die Vorlage hält vielleicht, aber doch ihrer würdig ist. Doch dann kündigte Yates an, aus dem bisher längsten Band der Serie einen kurzen Film machen zu wollen.   Einerseits ist dieses Vorhaben verständlich. Order of the Phoenix hat wirklich seine Längen. Die Vorlage verstrickt sich in Subplots und überwirft sich mit Details. Aber nicht ohne Grund - im Kontext betrachtet ist dieser Band der Übergang vom Kinder- zum Erwachsenenroman, deutlich gekennzeichnet durch Harrys Eintritt in die Pubertät und sein Bedürfnis, alles und jeden zusammenzuschreien. Dadurch, dass bis auf Harry und Dumbledore niemand in der Zauberwelt wahrhaben will, dass ihre Nemesis Lord Voldemort wieder auf freiem Fuß ist, erlaubt Order of the Phoenix die Kamera einmal zurückzufahren und über den Rand von Hogwarts zu blicken. Der fünfte Potter liefert Informationen. Viele der erwachsenen Hauptfiguren bekommen nun endlich einen soliden Hintergrund, die Organisation der Zauberwelt erscheint in einem klaren Licht und die Frage, warum es eigentlich immer Harry ist, der dem unglaublich bösen Lord Voldemort gegenüber stehen muss, wird endgültig geklärt. Auch im Vordergrund passiert viel: eine neue, vom Ministerium delegierte Lehrerin für Verteidigung gegen die Dunklen Künste terrorisiert die Schule, Wildhüter Hagrid versteckt seinen Halbbruder, der zufällig ein Riese ist, im anliegenden Wald, gefährliche Verbrecher enfliehen aus dem Gefängnis Askaban und wirklich niemand glaubt Harry, dass Voldemort wieder da ist. Dabei hat er es doch selbst gesehen, oder besser, er sieht es, immer und immer wieder, in seinen Alpträumen. Eine Menge Handlung also, die sich auf knapp 250 Tausend Wörter erstreckt, verstrickt und unter Umständen stellenweise sogar langweilt. Gleichzeitig verläuft sie aber, anders als Goblet of Fire oder Half-Blood Prince linear. Dadurch wird es möglich, die Filmstoryline auf's Nötigste zusammenzuschneiden und eine ordentliche Spannungskurve einzubauen. Das haben Yates und Goldenberg auch getan. Auch ohne die Vorlage zu kennen, lediglich mit den Vorkenntnissen aus den anderen vier Filmen, kann man ihrem Werk problemlos folgen. Wenn der Zuschauer über zwölf ist, jedenfalls. Order of the Phoenix verdient seine Altersfreigabe nicht nur durch die große Endschlacht oder Ralph Fiennes furchteinflößende Darstellung von Lord Voldemort. Dem Zuschauer wird die größte Aufmerksamkeit abverlangt, die mit netter Musik unterlegten Totalen, die in den früheren Filmen Drehortwechsel begleitet hatten und so für Verständnis und eine Pause zum Durchatmen sorgten, fehlen in Yates Film fast komplett. Wohl auch aus Zeitgründen springt die Kamera aus einem Klassenzimmer in Hogwarts, nachdem man gerade erfahren hat, dass ein Mitglied des Ordens schwer verletzt ist, direkt nach London, wo derjenige schon wieder gesund am Weihnachtstisch sitzt. Wer sich an die Handlung aus dem Buch erinnert, kommt sofort mit. Alle anderen bräuchten deutlich mehr Zeit.

Wenn das nicht Grund genug ist, seinen Grundschüler nicht ins Kino zu schleppen, kommt hier ein weiterer: Erzählt wird die Handlung nämlich zu einem großen Teil in bester Spiderman-Manier - über die Überschriften der Daily Prophet-Artikel, die blitzschnell und in atemberaubenden Winkeln am Bildschirm vorbeiziehen, so dass kein ungeübter Leser alles mitkriegen wird. Selbständiges Denken und Auswerten dieser Schlagzeilen wird vom Zuschauer erwartet. Und zu alledem macht der Film Angst. Sei es, als Harry mit seinem eigenen Blut schreiben muss. Sei es, als Professor Umbridge sich in den Verbotenen Wald traut. Und natürlich bei der Endschlacht. Die Eltern des vermutlich Achtjährigen, dem sie den Film durchgehend erklären mussten, verließen mit ihrem Kind den Saal. Doch der fünfte Harry Potter hat ein weiteres, tiefergehendes Problem. Die zugrunde liegende Handlung ist tatsächlich denkbar simpel. Es sind die kleinen Intrigen und Plotdetails, die den Showdown am Ende spannend machen. Doch auf die verzichtete Yates vollständig. Die Gefahr ist also groß, dass niemand den Film mögen wird. Die eingefleischten Fans nicht, da die schönsten Momente der Vorlage - die Interaktionen zwischen Severus Snape und Sirius Black zum Beispiel, komplett der Schere zum Opfer gefallen sind. Die Filmbesucher nicht, weil sie im Zweifelsfall nicht wissen, dass Snape zum Orden des Phoenix gehört (ja, es wird erwähnt, doch wer nicht genau hingehört hat, hat es nicht erfahren) und erst recht nichts von seiner zweifelhaften Vergangenheit ahnen - dadurch fällt ein ganzes Stück Spannung raus. Gleichzeitig wurde aber die Gerichtsverhandlung, die das Buch eröffnet, fast komplett abgefilmt, obwohl sie die Handlung, ähnlich wie das Vorhandensein des Riesen Grawp, kein Bisschen vorantreibt. Interessanterweise bleibt aber die Frage, wer nun den Anschlag auf Harry verübt hatte, im Film ungeklärt, obwohl das Buch eine kurze Antwort darauf parat hat. Viele Änderungen, die die Handlung gerade im dritten Teil erlitten hat, wären unnötig gewesen, hätte man auf die Gerichtsverhandlung verzichtet. Fans beklagen sich - alle anderen finden den Plot zu einfach gestrickt. 
Um doch noch in die Gunst der Fans zu fallen, überschlägt sich der fünfte Harry Potter nur so vor kurzen Episoden, Sekundenauftritten bekannter Charaktere, unerklärt gelassenen Auftritten neuer. Als Beispiel sei der Hauself Kreacher genannt: Wer das Horrorhaus der Familie Black mit dem schreienden Portrait nicht Seite für Seite verschlungen hat, wird mit dem brabbelnden Hauself nichts anfangen können. Und beim Endkampf wird ein Teil des Publikums gar nicht verstanden haben, um was da eigentlich gekämpft wird. Gekämpft wird nämlich, und wie. Die magischen Duelle im letzten Teil des Films sind phänomenal. Eine hervorragende Choreografie vereint mit sorgfältig eingebauten Special Effects macht aus den Zauberstab schwingenden Schauspielern gefährliche Gegner. Die Bedrohung ist so real wie noch nie in einem Potter-Film. Allein dafür lohnt es sich, trotz aller Kritik in den Film reinzugehen Ein anderer Grund ist, dass die Creme de la Creme der britischen Film- und Theaterschauspieler wieder mit an Bord ist und eine glänzende Leistung abliefert. Alan Rickman als Professor Snape ist trotz seiner zu kurz geratenen Rolle der heimliche Star des Films. Gary Oldman, dessen Sirius bei Yates nicht der kaputte alte Mann, sondern Harrys absoluter Held ist, spielt den besten Freund seines Vaters mit größter Leidenschaft. Helena Bonham Carter führt ihre Marla Singer noch einige Schritte weiter richtung Wahnsinn und ist eine hysterische, stark sexuell angehauchte Bellatrix Lestrange. Emma Thompson brilliert wieder als Professor Trelawney, während Nathalia Tena eine großartige Tonks abgibt. Die Liste ist endlos, deren Auftritte jedoch leider zu kurz. Die meiste Leindwandzeit wird, wie immer, den jungen Schauspielern vorbehalten. Doch während Evanna Lynch die geborene Luna Lovegood darstellt, und sich die schauspielerischen Fähigkeiten von Dan Radcliffe (Harry) und insbesondere Rupert Grint (Ron) langsam steigern, legt Emma Watson (Hermione) nachwievor genau einen einzigen, erschrocken-aktivistischen Geschtsausdruck und Tonfall an den Tag. Leider hat sie bereits für die beiden verbleibenden Teile zugesagt, so dass eine glaubwürdige Hermione mit fest im Gesicht verankerten Augenbrauen nicht in Sicht ist. David Yates wird übrigens auch beim sechsten Teil der Potter-Saga Regie führen. Hoffen wir, dass er sich diesmal etwas mehr Zeit nimmt. Text Copyright 2006 Darina Goldin Screenshots, Poster Artwork Warner Bros. |