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Interview mit Thomas Böcker

Thomas BöckerAm 22. August ist es wieder soweit: Am Abend vor der Eröffnung der Games Convention findet im Gewandhaus von Leipzig das traditionelle Eröffnungskonzert statt - seit Jahren ist dieses quasi das Aushängeschild der immer größer und bedeutender werdenden Messe. Und nicht nur das, hier gibt sich die Internationale Creme de la Creme der Spiele-Musiker die Klinke in die Hand. Wir haben mit Thomas Böcker (www.thomasboecker.com), dem Mann hinter den Kulissen gesprochen - er plaudert aus dem Nähkästchen und erklärt euch hoffentlich auch, warum ihr das diesjährige Konzert auf keinen Fall verpassen solltet - noch sind Tickets erhältlich.

Thomas Nickel: Stell dich doch bitte kurz vor und erzähle uns, was du so machst und wie du zur Spielemusik gekommen bist.

Thomas Böcker: Ich heiße Thomas Böcker und arbeite seit 2001 in der Spieleindustrie. 2003 habe ich mich selbständig gemacht und konzentriere mich seitdem auf den Audio-Bereich als (Ausführender) Produzent und Berater.
Beispiele meiner Tätigkeit sind natürlich die Spielekonzerte in Leipzig seit 2003, die Welttournee PLAY! A Video Game Symphony, aber auch Orchesteraufnahmen zu Stalker - Shadow of Chernobyl von Markus Holler, das CD-Album von Square-Enix-Komponist Masashi Hamauzu namens Vielen Dank oder Orchester- und Choraufnahmen der Musik zu SEGAs Arcade-Spiel World Club Champion Football von Takenobu Mitsuyoshi.
Das FILMharmonic Orchestra Prague unterstütze ich beratend in Sachen Aufnahmen von Spielesoundtracks. Titel wie Romance of the Three Kingdoms, Brothers in Arms oder EverQuest II gehören zu den Referenzen des Orchesters.
Zur Spielemusik bin ich als Kind gekommen, als ich Musik von Chris Hülsbeck auf dem Commodore 64 gehört habe und sie mich nicht mehr losließ. Er ist also an allem schuld!

Thomas Nickel: Wie müssen wir uns als Zuhörer die Arbeit hinter den Kulissen vorstellen? Ruft man da einfach mal bei Square Enix an und sagt "Wir würden gerne was von Final Fantasy spielen?"

Thomas Böcker: In etwa schon, ja. Allerdings muss man natürlich zuvor ein Konzept aufgestellt haben, das die Publisher überzeugt. Denn die Hersteller möchten ihre Produkte in guten Händen wissen. Wenn man soweit ist, dass man Publisher um Genehmigungen bitten kann, ist man in der Planung eigentlich schon recht weit fortgeschritten.
Sehr oft erstellen wir die Arrangements auf unserer Seite. Dann muss geklärt werden, wer die Musik für Orchester umsetzen wird, in welcher Form dies geschehen kann - und auch nicht ganz unwesentlich: wie der finanzielle Part gelöst werden sollte.
Im Falle von Final Fantasy kann man auf eine große Bibliothek an Partituren zugreifen und diese ausleihen. 2004 und 2006 haben wir allerdings auch selbst Titel für Orchester umgeschrieben: Let The Battles Begin! für Klavier und Orchester und Dancing Mad für Orgel, Orchester und Chor. Besonders letzteres war ein Mammutprojekt.

Thomas Nickel: Wie hat sich das Konzert seit dem ersten Mal entwickelt? Was hat sich
seitdem geändert?


konzertThomas Böcker: Es ist jedes Jahr professioneller geworden, man hat Erfahrungen gesammelt, aus Fehlern gelernt. Das Team ist besser eingespielt. Auch wenn man sich bereits kannte: 2003 war etwas ganz Besonderes, weil es eben das erste Konzert dieser Art außerhalb Japans darstellte und keiner wusste, wie es angenommen werden würde.
Ich denke, wir konnten alle mit dem Projekt wachsen - 2003 hätte ich nicht daran gedacht, sieben Solisten, ein volles Orchester, Chor, Orgel usw. einzusetzen, so wie wir das 2007 machen können.
Nicht zu vergessen: die Unterstützung von allen Seiten ist größer geworden - man kann sich eine GC ohne Spielemusikkonzert nicht mehr vorstellen, für viele ist es eines der Highlights schlechthin. Soetwas hilft uns als Organisatoren natürlich ungemein.

Thomas Nickel: Gibt es irgendwelche Anekdoten hinter den Kulissen die du unbedingt mal mit der Öffentlichkeit teilen willst?

Thomas Böcker: 2003 habe ich Nobuo Uematsu mit einem Teil unseres Teams vom Flughafen abgeholt. Es hat einige Zeit gedauert, bis ihm glaubhaft gemacht werden konnte, dass ich das Konzert tatsächlich organisiere - und nicht nur als Assistent gekommen war. Denn: er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand in diesem Alter ein Spielemusikkonzert initiieren und leiten könnte (ich war damals 25 Jahre alt). Sicherlich spielte hier ein kultureller Unterschied in die Verwunderung von Nobuo Uematsu, aber in gewisser Weise habe ich mich trotzdem geehrt gefühlt.

Thomas Nickel: Erzähl uns doch etwas zum aktuellen Konzert 2007. Welche Besonderheiten erwarten uns?

Thomas Böcker: Wie im Vorjahr wird Andy Brick das FILMharmonic Orchestra Prague inklusive Chor dirigieren. Aber: es wird keine Reden geben, d. h. die Zuhörer erwartet stattdessen mehr Musik!
Das Spielemusikkonzert 2007 hat wirklich gigantische Ausmaße und dürfte weltweit ein Novum darstellen: Insgesamt werden wir über 120 Musiker begrüßen dürfen - und mehr als zehn Spielemusikkomponisten aus aller Welt, darunter Größen wie Chris Hülsbeck, Yuzo Koshiro, Allister Brimble, Mark Griskey und Olof Gustafsson. Weitere Ankündigungen folgen.
2007 zeichnet sich durch eine große Anzahl von Solisten aus: sieben Künstler - plus weitere Überraschungen, die ich noch nicht bekanntgeben möchte. Angekündigt haben wir jedoch schon die japanische Opernsängerin Izumi Masuda für Final Fantasy XI - und den libanesischen Percussionkünstler Rony Barrak für Metal Gear Solid 3.
Darüber hinaus haben wir Sängerin Conny Kollet für Stranglehold eingeladen - Josef Krusek wird mit zarten neun Jahren auch schon singend auf der Gewandhausbühne stehen dürfen - für Ragnarok 2. An der Orgel begrüßen wir Daniela Kosinova für The Abbey und am Klavier Jaromir Klepac, der u. A. für SaGa Frontier II tätig werden wird. Trompeter Marek Zvolanek wird die Orchesterfassung von Musik aus Turrican 2 unterstützen.

Thomas Nickel: Zum Thema Spielemusik allgemein: Die hat sich in den letzten Jahren ja radikal geändert – Früher hatte sie die wichtige Aufgabe, Spielen die emotionale Wirkung zu geben die sie zu 8- und 16-Bit-Zeiten nicht durch Stilmittel wie Kameraarbeit, Mimik und Sprache ausdrücken konnten. Heute hat sie eher untermalenden Charakter, ähnlich wie Filmmusik. Wie siehst du selbst die Entwicklung?

konzertThomas Böcker: Ich kann mit der Entwicklung gut leben. Ich höre wie gesagt seit meiner Kindheit Spielemusik - und gewinne quasi der alten wie neuen Spielemusik etwas ab. Ich würde nie auf die Idee kommen, Soundtracks aus der 8- und 16-Bit-Ära als minderwertig anzusehen, nur, weil sie nicht von einem Orchester eingespielt wurden - oder mit hochwertiger Technik erstellt. Es gab einfach andere Herausforderungen - und die Leistung der Musiker beeindruckt mich stark. Ich liebe die sogenannte klassische Videospielemusik und ihre extreme Vielfalt.
Was ich tatsächlich nicht möchte ist Filmmusik im Spiel. Professionelle Produktion: ja, aber dann muss die Musik auch ein integraler Bestandteil sein und sich dem Medium anpassen. Es nützt nichts, wenn ich ein Hollywood-Orchester engagiere, um den Soundtrack aufzunehmen - die Musik letztlich im Spiel aber stört oder langweilt. Teil der Entwicklung sollte sein, dass sich die Hersteller u. A. über den interaktiven Part Gedanken machen und versuchen, Musik sinnvoll einzusetzen - und für bestimmte Abschnitte auch einmal keine Musik verwenden.
Es nutzt sich etwas ab, weil ich das Beispiel schon oft brachte: aber in Sachen Musik-Integration ist Zelda für mich ein sehr gutes, gelungenes Beispiel.

Thomas Nickel: Alle Bekanntschaften mit den Komponisten die du heute hast außer acht gelassen... welche Soundtracks beeindrucken dich immer wieder?

Thomas Böcker: Das ist schwierig und kann eigentlich nur dazu führen, dass ich etwas Wichtiges vergesse, deswegen beschränke ich es auf einen Titel: Turrican, damit bin ich quasi aufgewachsen. Ich glaube, keinen anderen Soundtrack habe ich so oft gehört.

Thomas Nickel: Konkret zum Arrangement älterer Stücke: So etwas kann ja schon mal recht aufgeblasen wirken - also nach mehr als es eigentlich ist und mit Symphonieorchester kann man ja auch einige nette kleine Stücke kaputt spielen. Wie stellt man sicher, dass die Stücke nicht zu Tode arrangiert werden und auf Biegen und Brechen für großes Orchester spielbar gemacht werden?

Thomas Böcker: Da gibt es mehrere Wege. Man kann die Musik für kleinere Ensembles arrangieren - Streichquartett zum Beispiel. Das machen wir 2007. Für einen Titel wie Secret of Mana haben wir uns entschieden, ihn ausschließlich von Streichern aufführen zu lassen. Kurz: man setzt das Orchester entsprechend geschickt ein. Nur, weil über 110 Musiker plus Solisten auf der Bühne sitzen, muss ein Stück nicht permanent Gebrauch davon machen und im Bombast ertränkt werden.

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Text Copyright Thomas Nickel

 
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