USA/UK (2007) Buch: Uwe Boll, Regie: Uwe Boll, Kamera: Mathias Neumann, Musik: Jessica de Rooij, mit: Zack Ward, Dave Foley, Chris Coppola, Michael Benyaer, Ralf Moeller, Seymour Cassel, Verne Troyer, Uwe Boll, Vince Desiderio, Larry Thomas Verleih: Kinostar Uwe Boll ist der bevorzugte Hackklotz der Internet-Nerderia. Niemand sonst wird mit soviel Abneigung und Häme überschüttet wie der deutsche Regisseur von Filmen wie Blood Rayne oder Alone in the Dark. Und seien wir ehrlich - gerade die beiden genannten Werke taugen tatsächlich nicht sonderlich. Trotz toller Besetzung (Sir Ben Kingsley gibt bei Blood Rayne immerhin den Obervampir) und ordentlichen Budgets gehören beide zu den Kino-Tiefpunkten der letzten Jahre. Da ist es dann durchaus verständlich, dass die Erwartungen an Bolls neuesten Film Postal sehr, sehr niedrig sind. Umso überraschender, dass der neue Boll genau da punktet, wo Blood Rayne und Alone in the Dark so traurig versagten: Postal unterhält! Wer jetzt eine tiefgreifende Handlung, sorgfältige Charakterzeichnung oder eine logische, nachvollziehbare Erzählung erwartet, der muss sich durchaus die Frage gefallen lassen, was er in diesem Film, der Umsetzung eines spielerisch ziemlich mäßigen PC-Shooters, überhaupt zu suchen hat. Denn dass so etwas nicht geboten wird, das sollte doch klar sein, egal ob ein Uwe Boll auf dem Regiestuhl sitzt oder nicht. In diesem Fall glauben wir aber, dass ausgerechnet Buhmann Boll am Ruder ein Glücksfall für das Projekt war. Denn der schert sich um all diese klassischen Elemente, die ja eigentlich einen guten Film ausmachen, einen feuchten Dreck. Ihm geht es nur um eines - den Zuschauer fern von jeglicher Moral und noch ferner von jeglichem guten Geschmack zu unterhalten und nach Möglichkeit auch den hämischen Bashern noch ordentlich vor den Koffer zu hauen. Ein durchaus nobles Ansinnen. Der Plot um den arbeitslosen Postal Dude, seinen Onkel, der mit einem wahnwitzigen Plan die finanziellen Probleme seiner kleinen Bums-Kommune lösen will und die Taliban, die einen noch wahnwitzigeren Anschlag planen, ist eigentlich kaum mehr als der rote Faden, der die einzelnen Gags und gelegentlichen Shootouts zusammenhält. 
Denn der sogenannte "Gute Geschmack" ist das erste, was bei Postal auf der Strecke bleibt. Egal ob die Taliban, der 11. September, Dr. Mengele oder abartige Sex-Vorlieben einzelner Freizeitpark-Sicherheitsbeamter, Postal ist sich für keinen noch so grenzwertigen Gag zu schade. Und das ist einfach erfrischend. Nach den braven Komödien der letzten Jahre schlägt Postal teilweise wirklich ein wie eine Bombe. Das beginnt schon bei der bitterbösen, gleichzeitig aber auch extrem witzigen Einleitungssequenz: Die Taliban-Selbstmordattentäter sitzen am Steuer der vollbesetzten Passagiermaschine und steuern geradewegs auf das World Trade Center zu. Doch die Entführer sind sich nicht einig, hat man einem der beiden doch 99, dem anderen aber ganze 100 Jungfrauen im Jenseits versprochen - da kann ja etwas nicht stimmen. Ein schneller Anruf bei Osama Bin Laden bringt die Klarheit: Wegen Knappheit kann der Ober-Terrorist lediglich 20 Jungfrauen garantieren. Das ist zu wenig: die beiden Flugzeugentführer beschließen in sonnige Urlaubsgefilde abzudrehen. Da stürmen die Passagiere das Cockpit und im allgemeinen Gerangel knall die Maschine dann doch in das Hochhaus. Das mag sich grenzwertig und geschmacklos lesen, wenn man aber bedenkt, mit welcher Akribie Hollywood in den Monaten nach dem 11. September 2001 jegliche Hinweise auf das World Trade Center entfernten (so wurde beispielsweile das ganze Finale von Sam Raimis Spider-Man verändert), dann sieht man schnell, worum es tatsächlich geht. Die amerikanische Komödie wurde (von wenigen Ausnahmen mal abgesehen) in den letzten Jahren komplett kastriert: Mehr als nett-familienfreundliche Filmchen oder albern-dümmliche Spoofs Marke Scary oder Epic Movie hat es nicht ins Kino geschafft. Ein Film wie der Klassiker Das Leben des Brian hätte heute keine Chance und würde von den konservativen Kräften in den USA nur so von Klagen überhäuft - ein Schicksal, das sich bereits für Postal leicht abzuzeichnen beginnt, wie uns der Regisseur im Interview verrät. 
Manche Gags bei Postal sind toll - das völlig überzogene Bewerbungsgespräch, die Taliban am Airhockey-Tisch oder der Auftritt des Regisseurs persönlich, der zugibt, seine Filme mit Nazigold finanziert zu haben, funktionieren hervorragend. Leider baut der Film dann etwas ab, wenn er auf Action setzt - die langen Feuergefechte in der zweiten Filmhälfte gehören bereits aufgrund der Spielvorlage dazu, hätten aber zugunsten der Gags gerne etwas kürzer ausfallen können. Dafür schockt der Film das Publikum immer mal wieder ganz gerne - egal ob Dave Foley jetzt seinen Pillermann direkt in die Kamera hält oder die grotesk fette Frau des Titelhelden Postal Dude den Beischlaf mit dem ekligen Redneck von nebenan vollzieht, den Zuschauer schüttelts. Auch bei Dr. Mengeles Krankenstation im Nazi-Vergnügungspark machen zart beseitete Naturen große Augen. Die sollten sich den Besuch von Postal daher auch zweimal überlegen. Boll ist nichts heilig, alles wird durch den Dreck gezogen. Da werden dann beim großen Shootout im Freizeitpark auch mal Kinder im dreckigen Dutzend erschossen - woraufhin die karrieregeile Reporterin die Leichen gleich mal möglichst dramatisch anordnen lässt, um dann eine tränenreich geheuchelte Live-Reportage zu senden. Man merkt, dass Boll beim Drehbuchschreiben ordentlich Ärger sublimiert hat. Egal wie sehr ihr auch von House of the Dead, Alone in the Dark und Blood Rayne gebrannt seid - gebt Postal eine Chance. Trotz mancher Schwächen haben wir in letzter Zeit wenige bis keine so erfrischend dreiste und moralfreie Komödien gesehen. Verwandte Artikel: Interview mit Dr. Uwe Boll Text Copyright 2006 Thomas Nickel Screenshots, Poster Artwork Boll Kino Beteiligungs GmbH & Co. KG |