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Dr. Uwe Boll - Postal

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An English transcript of this interview can be found here.

Zu Behaupten, Uwe Boll sei umstritten wäre die Untertreibung des Jahres - kaum ein Filmemacher wird gerade im Internet mit vergleichbarer Häme verfolgt wie der deutsche Regisseur. Gut, seine Filme Alone in the Dark und Bloodrayne waren nicht unbedingt Oscar-Verdächtig, sein neuestes Werk Postal unterhält dagegen mit derbem Witz und politisch angenehm inkorrekter Satire. Wir haben mit Uwe Boll gesprochen.

Thomas Nickel: Postal ist jetzt Ihr erster selbst geschriebener Film seit längerer Zeit... Warum haben Sie wieder selbst das Script in die Hand genommen?

Uwe Boll: Naja, ich war die schlechten Kritiken einfach leid und habe mir dann gedacht: "Ach komm, wenn ich schon schlechte Kritiken kriege, dann wenigstens für Zeug, das ich selber schreibe". Und durch die Situation mit Bloodrayne, wo wir in den USA im letzten Moment die Kinos gar nicht gekriegt haben, war ich so frustriert und dann auch genau in der richtigen Mentalität, um mir dann zu sagen: "So, jetzt ist mir einfach alles scheißegal". Und deshalb ist Postal dann so geworden, wie er geworden ist. Ich wollte dann einfach 'nen Film machen, den ich witzig finde – im Prinzip einfach ein Film, bei dem ich dahinterstehe, egal welches Rating er kriegt, egal welche Distribution er kriegt – so ist dann Postal eben entstanden.

Thomas Nickel: Ja, die ersten Kritiken sind ja durchaus positiv ausgefallen.

Uwe Boll: Gerade in Amerika haben einige Leute, die mich bisher auf's übelste verrissen hatten dann auf ein paar Festivals Postal gesehen und das war fast schon eine Trendumkehr. Die haben sich dann gesagt: "Komm, wir geben dem noch mal 'ne Chance und schauen uns den Film an" und das fand ich natürlich wirklich gut und ich hoffe mal auch, dass das dann vielleicht auch in Deutschland der Fall sein wird, wenn sie den Film sehen.

Thomas Nickel: Die Reaktionen in der Vorführung, in der ich war, waren recht gemischt - einige haben Tränen gelacht, es gab auch auch immer wieder an bestimmten Stellen etliche Walkouts...

Uwe Boll: Ich hab jetzt zwei Berichte von Sneak Previews gekriegt – das war eine in Böblingen und eine in Villingen, also nicht allzu repräsentativ. Aber man kann sagen 30-35% der Leute, die drin waren, fanden den Film sensationell und würden den auf jeden Fall weiterempfehlen. Und etwa 40% halten den Film für eine absolute Unverschämtheit und eine Beleidigung, die eigentlich gar nicht released werden sollte. Im Prinzip freue ich mich über so ein Testresultat. In den USA waren die Reaktionen ähnlich. Gut, bei den Festivals fanden die meisten den Film gut, aber das sind natürlich auch Filmfans. Aber auch bei einem normalen Testscreening waren die Ergebnisse ähnlich. Da war 'ne Riesenanzahl an Leuten die rausgegangen sind – mehr als bei jedem anderen Testscreening – es gab aber auch 'ne Menge Leute, die gesagt haben, der Film ist super und ich empfehle ihn auf jeden Fall weiter.

Thomas Nickel: Das sind ja dann beides gute Reaktionen – der Film war den Zuschauern also auf keinen Fall einfach egal.

Uwe Boll: Genau das meine ich – dass ich mit dem Film polarisieren will, ist klar. Deshalb überraschen mich diese Reaktionen im Endeffekt nicht. Das ist gut, das wollte ich so.

Thomas Nickel:
Amerikanische Kultur und der kritische oder satirische Umgang damit scheint ein Thema zu sein, dass Ihnen am Herzen liegt...

Uwe Boll: Naja, ein Großteil der Erlöse für die Filme kommt ja aus Amerika. Aber man muss dann eben auch Themen behandeln, die man weltweit kennt. Einen Film zu machen über Angelika Merkel oder John Kerry, das würde einfach nicht viel bringen. Deswegen habe ich auch in Postal George Bush und Bin Laden. Die bestimmen die Weltpolitik seit 8-9 Jahren. Ich muss Filme machen, die sich mit dem großen und ganzen beschäftigen. Und da ist eben Amerika einer der Hauptschauplätze. Im Grunde sind wir doch davon abhängig, wie die sich verhalten. Wenn die jetzt alle durchdrehen, dann gehen wir alle mit unter. Das ist das Problem.

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Rednecks und Nazi-Gags: Bei Postal kriegen alle ihr Fett weg. 

Thomas Nickel: Wie sieht denn Ihr idealer Film aus, lostgelöst von allem Vermarktungsdenken?

Uwe Boll: Den hab ich jetzt gemacht. Das war Postal. Das ist bei weitem mein bester Film und hinter dem steh ich zu 150%. Das heißt jetzt nicht, dass ich in zwei Jahren nicht wieder 'nen anderen Film machen werde, aber von all den Filmen, die ich bisher gemacht habe, halte ich den für meinen besten und wichtigsten Film. Ich halte ihn auch deswegen für wichtig, weil er weh tut, weil er auch vielen Leuten weh tut. Und ich habe dabei auch absichtlich niemanden ausgelassen. Deswegen hab ich auch noch die Nazi-Sache mit reingebracht. Es ist ja einfach, immer nur Bush zu kritisieren. Ich wollte auch mal zeigen, wie sehr wir uns in Deutschland bei so etwas ins Hemd scheißen. Wenn etwas prämiert wird, dann sind es irgendwelche Sophie Scholl-Filme, oder irgendwelche Filme über die Stasi... ich meine, der Film war gut, ich will jetzt nicht den Donnersmarck runterputzen, aber man braucht jetzt nicht irgendwie allzu viel Zivilcourage um 'nen Film über die Stasi oder die Nazizeit zu drehen. Dann wird man eben von allen gepflegt und gehegt.

Thomas Nickel: Ihre Selbstdarstellung in Postal ist ja auch sehr ungewöhnlich und witzig...

Uwe Boll:
Das ist natürlich ein Insiderwitz für diese ganzen Boll-Basher, wenn der Postal Erfinder mich quasi umbringen will während der Film noch gedreht wird. Die Hälfte der Zuschauer wird das nicht begreifen, die werden das nicht einordnen können. Aber für die Spieler war das schon so eine Einlage, in der ich mal mit meinem Image spiele.

Thomas Nickel: Postal hat mich teilweise stark an die alten Zucker-Abrams-Zucker-Filme erinnert...

Uwe Boll: Auf jeden Fall – mit diesen Filmen bin ich ja aufgewachsen. Kentucky Fried Movie, Die Nackte Kanone, Top Secret, Die Unglaubliche Reise in einem Verrückten Flugzeug, die Monty Python-Filme – das sind Sachen, die ich früher einfach super fand und die mich sehr stark beeinflusst haben. Die Benny Hill-Show, die alten Steve Allan-Shows im Fernsehen... Aber auch neuere Sendungen wie South Park.

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B-Movies: Kristanna Lokens Dekolleté ist der heimliche Star von Bloodrayne, Christian Slater spielt die Hauptrolle in Alone in the Dark.

Thomas Nickel: Wie ist das denn mit den Reaktionen auf Ihre Filme – es gibt ja jede Menge Basher- und Hass-Seiten. Wie stehen Sie denn dazu? Können Sie da schon drüber lachen oder ist das eher unangenehm?

Uwe Boll: Angenehm wäre es natürlich, wenn ich einen Oscar nach dem anderen und permanent gute Kritiken kriegen würde. Aber im Prinzip ist das schon etwas übertrieben, denn wenn man sich die Filme mal genauer ankuckt, wird man merken, es gibt ja noch tausende schlechtere Filme. Man muss sich ja nur mal die Direct to DVD-Filme so anschauen und wenn man dann sagt, Bloodrayne ist einer der 50 schlechtesten Filme aller Zeiten, dann hat man einfach 7000 Filme nicht gesehen, die ich in den letzten 10 Jahren gesehen hab. Aber das steht ja auf einem anderen Blatt Papier. Über 'nen gelungenen Verriss kann ich mich auch noch totlachen, es ist nicht so, dass ich das jetzt auch mit Humor nehme. Aber bestimmte Sachen gehen dann auch einfach zu weit. Wenn man dann sieht, dass tausend Leute bei IMDB Dungeon Siege mit nur einem Punkt bewehrten, obwohl sie den Film noch nicht mal gesehen haben, dann kann man da einerseits schon drüber lachen. Andererseits gibt’s aber auch viele ausländische Käufer, die sich bei IMDB informieren und dann sehen: "Huch! 1,5 Punkte – Wat is dat denn für ne Scheiße?!" – und dann überlegen sie natürlich noch mal, ob sie den Film kaufen sollen. Und das ist dann natürlich schädigend, da lach' ich nicht mehr drüber. Und das so was überhaupt erlaubt ist, das ist schon ein Hammer. Ich hab da IMDB schon angerufen – was soll es, dass da Filme bewertet werden können, die noch gar nicht gelaufen sind? Und bei Filmen von großen Hollywood-Studios machen die das auch nicht. Ich glaub' da ist einer, der hat nichts Gutes übrig für mich, und der öffnet meine Filme immer schon, obwohl sie nicht released wurden. Und das ist schon eine sensationelle Unverschämtheit.

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Alle Welt will bei Postal die etwas seltsam geformten Krotchy-Puppe, Regisseur Boll posiert derweile mit seinen Taliban.

Thomas Nickel: Aber trotz aller Kritik haben Sie die letzten Jahre ja quasi am Stück mit Drehen verbracht...

Uwe Boll: Also die letzten beiden Jahre waren schon super-busy. Aber jetzt ist erst mal Pause. Wir haben Farcry jetzt gerade abgedreht und jetzt konzentrier' ich mich auf den Release von Postal und In the Name of the King. Und da will ich jetzt auch keine weiteren Verpflichtungen. Ich will jetzt zu Zuschauerscreenings, zu Festivals und so weiter.

Thomas Nickel: Wie steht es denn gerade um ihren Horrorfilm Seed?

Uwe Boll: Seed wird Ende November in den deutschen Kinos starten, Ende Januar dann auch in den USA. Wir haben momenten große Probleme mit dem Rating. In Deutschland sowieso, aber auch in den USA – wir haben kein R-Rating gekriegt, sondern NC-17 und damit ist es natürlich schwierig, Kinos zu finden. Denn ich denke, man kann den Film nicht wirklich kürzen. Ich denke, der Film kommt härter 'rüber als Hostel oder Saw, weil er sehr bitter ist. Es ist kein Horror-Film, der Spaß macht, er ist sehr deprimierend. Es geht ja um die Todesstrafe und das ist sicherlich ein Grund, warum die amerikanische Rating-Kommission damit so ihre Probleme hat. Aber ich bin gespannt – wir werden sicherlich auch in Deutschland ein paar Kinos kriegen, die bereit sind, den Film ohne Freigabe zu spielen.

Thomas Nickel: Also ist eine Selbstzensur für eine niedrigere Freigabe kein Thema?

Uwe Boll: Naja, es gibt da eben eine Szene, die ist unglaublich brutal, aber gleichzeitig auch für die Handlung sehr wichtig. Sie setzt quasi den Ton für den Film. Und wenn man die rausnimmt, dann fehlt auch der Kern des Films. Ich habe ihn auf dem Weekend of Fear in Erlangen gezeigt. Zunächst haben die Zuschauer eben wie bei Filmen Marke Hostel reagiert. Und als die Szene dann nach so etwa 50 Minuten kam, dann war da völliges Schweigen im Publikum. Und da saßen ja jetzt nur Horror-Fans im Kino. Und diese Stimmung zog sich dann bis zum Ende hin. Ich hab dann auch Einladungen zu diversen weiteren Horrorfestivals gekriegt. Ich werde mit dem Film am 1. September auch in Saarbrücken sein, da ist ein Gore-Fest von Yazid Benfeghoul, der auch auch dieses Deadline-Magazin veröffentlicht. Und der hat auch gesagt, für ihn ist es zu brutal, er wollte das nicht spielen. Er wollte nur Postal haben. Aber ich hab dann gesagt, ich komme nur, wenn er beide spielt. Und wenn schon einer der schon solche Magazine schreibt sagt, es ist für ihn zu brutal, dann habe ich wohl mein Ziel nicht verfehlt. Aber im Grunde ist es vor allem mal eine völlig nihilistische Betrachtung über das Wesen des Menschen. Und deshalb starten wir auch mit diesen Tierquälervideos, die wir von der Tierschutzoganisation PETA gekriegt haben. Wir wollen zeigen, was der Mensch in der Lage ist zu tun, dass er nicht von Geburt an gut ist, sondern in jede beliebige Richtung durch Kultur, Religion, Eltern oder Schule gedreht werden kann. Es ist eben eine sehr deprimierende Bestandsaufnahme in Form eines Horrorfilms. Im Prinzip ist Seed der deprimierende Bruder von Postal.

Thomas Nickel: Das sind ja auch beides Filme, die Grenzen überschreiten und nicht so brav und kastriert daherkommen, wie viele andere Komödien heute.

Uwe Boll: Genau. Ich hab die beiden Filme parallel geschrieben. Und ich war da mal gut und mal schlecht drauf. Ich hab in der gleichen Stimmung beide Drehbücher geschrieben, aber im Endeffekt habe ich die Motive bei Postal ins Witzige und bei Seed ins Brutale gedreht.

seed Thomas Nickel: Sie wurden ja kürzlich wegen einer Website von der New York Post verklagt...

Uwe Boll: Ja, die haben uns jetzt verklagt, aber wir streben erst mal zwei Sachen an. Das erste ist – sie haben ja auch den Amerikanischen Anbieter Freestyle verklagt – und ich bin sicher, der Hauptgrund ist, dass sie ja eigentlich diesen Film verhindern wollen. Das ist deren oberstes Ziel – die würden sich nicht aufregen, wenn ihnen der Film gefallen hätte, aber er geht ja vollständig gegen ihre politische Pro-Bush-Richtung. Von daher geht es im Grunde ja gar nicht um die Website. Sie wollen ordentlich Stimmung gegen den Film machen. Ich habe heute einen Anruf von einer Werbeagentur, die das rote Kreuz vertritt, gekriegt, die haben von dieser Dr. Mengele First Aid-Station gehört, dagegen wollen sie auch noch klagen. Und so kommt eben eins zum anderen. Wir gehen da jetzt erst mal streng juristisch vor. Mir gehören die Websites ja gar nicht, die gehören den Web-Leuten, die die Seite für mich aufgebaut haben. Da werde ich erst mal sagen, das interessiert mich überhaupt nicht, ihr müsst mich mal schön in Deutschland verklagen, in Amerika hab ich überhaupt keine Adresse. Also macht was ihr wollt, aber ich bin dafür nicht zuständig. Und Freestyle, die haben weder etwas mit dem Marketing, noch mit der Website zu tun, die müssen auch aus der Klage rausgenommen werden und mein Anwalt sagt, wir haben eine gute Chance, dass der Richter Freestyle sofort aus der Klage raus nimmt. Und dann machen die sich auch nicht mehr ins Hemd, denn ein Sinn der Klage war ja, dass Freestyle Panik kriegt und sich dann nicht traut, den Film zu zeigen.
Und da sieht man doch erst mal wieder, in was für einer Welt wir leben. Alle haben von Anfang an diese Schere im Kopf – das kann man machen, das kann man nicht machen. Wir scheißen uns alle in die Hose – da schließe ich mich selbst jetzt nicht aus. Aber wenn man sich dann sagt: "Ich will aber ins Fernsehen, ich will ins Kino, ich will den Erfolg", dann macht man nur noch Kompromisse und dann kommt eben nur noch Nachts im Museum oder andere typische Hollywood-Komödien, die man so täglich sieht, heraus. Und die Frage ist eben, ob die Zuschauer jede Woche die nächste Franchise sehen wollen oder ob sie sagen: "Ich schau mir jetzt einfach mal was anderes an, weil ich dafür offen bin, weil ich mich damit beschäftigen will." Und ich bin mal gespannt, ob Postal da seine Zuschauer finden wird, oder ob es in Amerika bis zum Oktober weitere Stolpersteine geben wird, die den Release verhindern werden.

Thomas Nickel:
Dann wünsche ich viel Erfolg und hoffe, dass Postal es dann auch in den USA in die Kinos schafft. Danke für das Gespräch!

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Review: Postal

Text Copyright Thomas Nickel 2007
Pictures Copyright Boll KG

 
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