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DHG: Supervillain Outcast (Norwegen, 2007)
Plattenfirma: Moonfog Tracks: 15 Spieldauer: 56:10 Minuten Erscheinungsdatum: 16. März 2007 ASIN: B000NA7FT6 Preis: ca. 8 € Supervillain Outcast bei Amazon.de Black Metal ist ein satanistisch geprägtes Untergenre des Heavy Metals, welches sich seit Anfang der Achtziger Jahre aus Thrash-Metal-Bands wie Venom, Destruction, Merciful Fate, Sodom, Bathory und Celtic Frost entwickelt hat. Viel bedeutender als diese Gründungsväter waren jedoch seit Ende der Achtziger Jahre norwegische Bands wie Darkthrone, Mayhem und Burzum. Diese entwickelten aus dem Thrash der 80er und einer ganz speziellen skandinavischen Melancholie eine Musikrichtung, die in der Regel aus krächzendem oder kreischendem Gesang, disharmonischen Gitarrenriffs und meist sehr rumpeligem Schlagzeugsound besteht, thematisch stark fokussiert auf Themen wie Verzweiflung, Einsamkeit und Misanthropie. In diesem Umfeld als originäre Black-Metal-Band 1994 gegründet, gelang der Band Dødheimsgard nach zwei Alben und einer Mini-CD 1999 mit dem Album 666 International ein Meilenstein der avantgardistischen Seite des Metals. Wirre Melodien, klirrende Black-Metal-Riffs, irre Texte kreierten mithilfe elektronischer Beats, sanften Klavierklängen und einem über alles thronenden, dröhnenden Sänger einen apokalyptischen Trip in die Tiefen der Seele. Wenn der Mund dann nach 66:06 Minuten (sic!) wieder zuklappte, konnte man sich damit trösten, dass man diesen Genuss ja noch einige Male zu reproduzieren im Stande sei. Hätte man allerdings geahnt, dass ein neues Album dermaßen lange auf sich warten lassen würde, hätte 666 International wohl in deutlich niedrigerer Frequenz den Weg in mein Ohr gefunden, um die Abnutzung zu verlangsamen. Nachher ist man bekanntlich schlauer, doch endlich – beinahe acht Jahre später – gibt es ein neues Lebenszeichen von DHG, wie sie sich heute nennen: Supervillain Outcast. Besetzungswechsel, Selbstfindungstrips, Suizidversuche und die immer wieder gerne zitierten musikalischen Differenzen führten zu der langen Entstehungszeit. Als Entschädigung dafür haben es DHG jedoch tatsächlich geschafft, die Stimmung des Vorgängeralbums sogar noch zu intensivieren: homogener strukturierte und zeitlich deutlich geraffte Songs nehmen den Hörer mit auf eine Reise in eine kalte, industrialisierte Welt, in der der Mensch den durch seine Hand erschaffenen Personifizierungen seiner Seele entgegentreten muss. Der kreative Kopf der Band, Yusaf Parvez, formuliert es selber so: „Das Konzept des Albums ist, in aller Kürze, das Erkennen der mechanischen Strukturen unserer Gesellschaft und der Tabus, die diese Strukturen bestätigen wie auch bekämpfen.“ So handelt es sich bei Supervillain Outcast inhaltlich und auch musikalisch um ein Konzeptalbum, in dem verschiedene Aspekte dieser dunklen, futuristisch anmutenden Welt beschrieben werden. „the future gave up, emotionally bankrupt”  Das Album beginnt mit dem Intro Dushman, welches auf orientalischen Flötensamples basiert. So wird der Einstieg in diese Welt zu einem Spaziergang über einen Basar, wimmelnd von zwielichtigen Gestalten, verruchten Hinterhofspielhöllen und heruntergekommenen Prostituierten. Vendetta Assassin macht daraufhin von Anfang an klar, worum es hier musikalisch zum Großteil geht. Blastbeats – also die für extremen Metal typischen schnellen Polkabeats – bieten das Grundgerüst für breite, sehr rhythmisch agierende Gitarrenwände. Diese werden dazu mit klagenden Gitarrenmelodien übertüncht, welche der harten Fassade eine gewisse psychedelische Fragilität verleihen. Diese Basiszutaten werden in den folgenden Tracks mit zusätzlichen Elementen stets variiert, jedoch verlässt das Album den einmal eingeschlagenen Pfad nie ganz. „the pendulum stops, every mouth chews the silence“ The Snuff Dreams Are Made Of gewährt interessante Einblicke in DHGs Sichtweise auf Musik. Der Grundsound wird mit geschickt modulierten Flötensamples und elektronischen Synthies aufgepeppt. Zu hören in diesem Song auch das erste Mal cleaner Gesang, der faszinierenderweise aufgrund seines Timbres und seiner Intonation an Crooner wie Frank Sinatra oder Bing Crosby erinnert. Frank lebt in dieser Welt allerdings in einer kleinen Souterrainwohnung und ist seit Tagen auf Acid. Der neue Sänger Kvohst steht dem alten Aldrahn also in Aberwitz in nichts nach – Glück gehabt! Hervorzuheben sind im weiteren Verlauf des Albums besonders Apocalypticism, welches eine Reise durch die morbiden Seiten unserer Welt darstellt: „…an elderly couple sit by the fire with gunshot wounds to the skull, international leaders break down on live tv…“ All Is Not Self überrascht mit straightem Elektro-Rock, verspielten Chören und dem bereits erwähnten „Crooning“-Gesang des Sängers Kvohst. Die Stimmung, die dieser Gesangsstil vermittelt, nämlich eine voll morbider Verruchtheit, illustriert folgende Zeile recht treffend: „i’m leading a quiet life at an abandoned casino“ Dieser Gesang, der sich außer in einigen Songs vor allem in den A-cappella-Interludes (Secret Identity, Chrome Balaclava & Cellar Door) finden lässt, steht in starkem Kontrast zu den ansonsten meist gebrüllten Vocals. Er gewährt dem Hörer immer wieder eine Verschnaufpause, die Zartheit hinter der Aggression einmal genauer beleuchtend. 21st Century Devil feiert schließlich das sich dem Ende zuneigende Album. Mit einer fast schon poppigen Keyboardline, viel Pathos und beinahe Stadionrockattitüde ist dieser Song ein würdiger Abschluss einer vielseitigen Scheibe. DHG haben mit diesem Werk eigentlich alles richtig gemacht. Jedes Element – Texte, Songwriting, Produktion, Konzepttreue – stellt klar: so muss moderner, intelligenter Black Metal klingen. Supervillain Outcast, durchaus auch als eine Bezeichnung für Satan zu verstehen, erzählt keine Fantasiegeschichten, in denen Wikinger und Elfen sich prügeln oder sonstige Ergüsse simpler Geister. Vielmehr wird unsere real existierende Welt auf sehr zwielichtige Weise betrachtet, eher höhnisch als fatalisierend, beziehungsweise rotzig statt winselnd. Musik für unsere Generation, erschaffen von wahren, weil innovationsfreudigen Musikern: leider wie so oft verkannt von vielen. Hoffentlich ändert sich das mit diesem Stück Musik. Mit Sicherheit jedoch haben DHG mit dieser Scheibe meinen Geist wieder einmal zu einem gewissen Grad modifiziert.
Text Copyright Matin Wasiri 2007 Coverartwork Copyright Moonfog |