|

An English transcript of this interview can be found here. Wer Judd Apatows Fernsehserien Freaks & Geeks und Undeclared kennt, weiß schon seit Jahren, dass der vielseitige Autor und Regisseur zu den größten Comedy-Talenten unserer Zeit gehört. Aufrichtig, gefühlvoll und mit unerreichtem Wortwitz erzählt Apatow wie kein anderer urkomische Alltagsgeschichten abseits der ausgelatschten Hollywood-Pfade. Zur Deutschlandpremiere seines Schwangerschaftsstreifens Beim Ersten Mal stand uns Apatow Rede und Antwort.
Peter Clausen: Was halten Sie vom deutschen Filmtitel?
Judd Apatow: Keine Ahnung. Wie heißt der Film auf Deutsch?
Peter Clausen: Beim Ersten Mal.
Judd Apatow: Beim Ersten Mal? Naja, das stimmt schon. Aber was bedeutet der Untertitel (er zeigt auf das Filmposter).
Peter Clausen: Ein One Night Stand mit Folgen.
Judd Apatow: Damit haben sie ins Schwarze getroffen.
Peter Clausen: Im wahrsten Sinne des Wortes!
Judd Apatow: Ja, genau.
Peter Clausen: Vor Beim Ersten Mal haben Sie zwei hervorragende Fernsehserien namens Freaks & Geeks und Undeclared gemacht. Beide wurden bereits vor dem Ende der respektiven ersten Staffel abgesetzt. Ist ihr aktueller Filmerfolg im Angesicht dieser Rückschläge eine besondere Genugtuung?
Judd Apatow: Nun, ich hatte immer großes Vertrauen in unsere Schauspieler und Geschichten. Es war sehr frustrierend, dass wir so früh abgesetzt wurden. Aber wir haben Freaks & Geeks auch als Miniserie empfunden. Wir hatten immer die Ahnung, dass wir früher oder später abgesetzt werden, und deswegen haben wir auch sehr früh eine letzte Folge geschrieben, die wir dann in der Mitte der ersten Staffel gedreht haben. So wussten wir, dass der Sender nicht den Stecker ziehen konnte, ohne uns ein Ende zu ermöglichen. Und es ist wirklich toll, all unsere Schauspieler so erfolgreich zu sehen. Seth hat gerade den von mir produzierten Film Pineapple Express mit James Franco gedreht, und mit Jason Segel haben wir jetzt auch schon einen Film gemacht. Der Filmerfolg unseres Ensembles freut mich wirklich!
Peter Clausen: Ist ihr aktueller Erfolg denn sozusagen das Erbe von Freaks & Geeks?
Judd Apatow: Das ist er. Wir haben kürzlich noch einen weiteren Film namens Superbad gemacht, und der ist mehr oder weniger wie eine unzensierte Episode von Freaks & Geeks. Genau so wäre die Serie gewesen, hätten wir all diese Dinge im Fernsehen machen und sagen können.
Peter Clausen: Hatte die Absetzung von Freaks & Geeks denn einen Einfluss auf ihre Arbeitsweise als Filmemacher? Judd Apatow: Auf jeden Fall. Ich war sehr stolz auf die Sendung, und sie hat mich sehr selbstbewusst gemacht. Denn obwohl wir abgesetzt wurden konnte ich kaum glauben, wie gut uns die Serie gelungen ist. Ich weiß nicht einmal, wie diese magische Synthese von Autoren und Schauspielern zustandekommen konnte. Alles was nach Freaks & Geeks kommt, ist nur noch der Zuckerguss auf dem Kuchen. Und das ich jetzt ein paar andere Produktionen habe, die sich anfühlen, als würden sie sich im gleichen Universum ereignen, macht mich wirklich stolz. Als ich mit der Arbeit an Beim Ersten Mal begonnen habe, wusste ich von Anfang an, dass ich etwas im Stil von Freaks & Geeks machen wollte.
Peter Clausen: Und würden Sie, jetzt wo sie so großen Erfolg haben, zum Fernsehen zurückkehren? Judd Apatow: Das würde ich, vor allem weil ich gern mit den gleichen Schauspielern zusammenarbeite und Charaktere über längere Zeit erforsche. Irgendwann möchte ich das auf jeden Fall tun, sofern mein Leben und meine Familie es zulassen.   Comedy-Erfahrung zahlt sich aus: Beim Ersten Mal
Peter Clausen: Nur wenige Regisseure haben so großes Vertrauen in ihre Schauspieler wie Sie. Warum lassen Sie Ihrem Ensemble so viel Freiraum zur Improvisation?
Judd Apatow: Nun, ich versuche immer, ein gutes Drehbuch abzuliefern, in dem etwas ungewöhnliches passieren kann, etwas aufrichtiges, das man nicht von vornherein erwartet. Nehmen wir nur den Moment, wenn Seth herausfindet, dass er Vater wird. Wir könnten die Szene nehmen, die ich Nachts um Zwei in meiner Unterwäsche geschrieben habe, und das wäre in Ordnung. Aber was Seth aus seinem Bauchgefühl heraus abliefert, wird mich überraschen und wahrscheinlich wesentlich besser und aufrichtiger sein. Wir haben einfach eine große Auswahl an Material, und entscheiden uns dann für die beste Variante. Aber wenn man Leute engagiert, die witzig, klug und schlagfertig sind, und keine Skrupel haben ihre dunklen Seiten zu enthüllen, kann etwas fantastisches dabei herauskommen. Aber die emotionale Entwicklung ist immer in Stein gemeißelt.
Peter Clausen: Und wieviel Material ist tatsächlich improvisiert?
Judd Apatow: Schwer zu sagen. Ich habe ja bereits mit den Schauspielern zusammengearbeitet, als ich das Drehbuch geschrieben habe. Ich habe Paul Rudd angerufen und ihn gefragt, was seine Frau an ihm hasst und worüber sie streiten. Dieser Aspekt hat sehr früh seinen Weg ins Buch gefunden. Und dann hatten wir Lesungen, Proben und Castings, bei denen Seth mit jedem der Schauspieler zusammen las. Und als dann die erste Klappe fiel, hatte er mit hunderten anderer Schauspieler gearbeitet und improvisiert und alles verschwamm zu einer großen Suppe aus alten und neuen Ideen.
Peter Clausen: Beim Ersten Mal hält sich nicht an die typischen Klischees der Romantic Comedy. War es wichtig für Sie, einen anderen Pfad einzuschlagen?
Judd Apatow: Wissen Sie, ich habe den Film nie als Romantic Comedy gesehen. Ich habe einfach nur versucht, eine Geschichte über zwei Leute zu erzählen, die versuchen, sich unter sehr ungewöhnlichen Umständen kennenzulernen. Es ist eine gute Frage, was zum Teufel mit romantischen Komödien passiert ist, aber ich habe nicht wirklich versucht eine zu machen.
Peter Clausen: Was ich an ihrer Arbeit wirklich mag, ist auch dass die Figuren sehr authentisch wirken. Lange, emotionale Monologe gibt es nicht, und niemand fühlt sich verpflichtet, seine innersten Empfindungen zu enthüllen. Ist es wichtig für Sie, solche Charaktere darzustellen?
Judd Apatow: Naja, ich habe ziemlich lange mit Gary Shandling an der Larry Sanders Show gearbeitet, und er hat immer gesagt, dass niemand wirklich sagt, was er eigentlich denkt. Und falls es doch geschieht, ist es umso signifikanter. Menschen haben immer mehr als nur eine Absicht, und das versuche ich in meiner Arbeit stets zu berücksichtigen.   Der ganz normale College-Alltag: Undeclared
Peter Clausen: Und in den meisten modernen Filmen reden die Charaktere so wie es kein echter Mensch jemals tun würde. Und wir, die Zuschauer, haben diese irrealen Konversationen inzwischen akzeptiert, weil es im Film eben so ist. Und wenn dann ein Streifen wie Beim Ersten Mal daherkommt, in dem die Figuren so ungewohnt authentisch sprechen, ist es wirklich erfrischend.
Judd Apatow. Oh ja, und die richtigen Darsteller finden auch einen Weg, um wie echte Menschen zu sprechen und trotzdem amüsant zu sein. Dazu muss man nicht auf herkömmliche Sitcom-Muster zurückfallen. Einige Leute, die von Natur aus komisch sind, brillieren in diesem Bereich. Gary Shandling beispielsweise hat im wahren Leben sehr viel Gemeinsamkeiten mit Larry Sanders, und deswegen fühlt sich seine Arbeit nie aufgesetzt an. Er ist einfach 24 Stunden am Tag witzig. Ich versuche immer Leute zu finden, die im Einklang mit ihrer Persönlichkeit und ihrem Humor sind.
Peter Clausen: Und wie wichtig ist Natürlichkeit in Komödien, verglichen mit abgedrehteren Produktionen wie Anchorman?
Judd Apatow: Ich habe da keine Präferenzen. Momentan versuche ich aber mutig zu sein, und in meinen Filmen mehr von mir selbst zu enthüllen. Ich habe aber gerade einen Film namens Walk Hard für John C. Reilly geschrieben, der als Parodie auf Musikerbiographien aufgebaut ist, und das hat mir ebensoviel Spaß gebracht. Was ich nicht mag, sind unentschiedene Filme, die keinen eigenen Ton finden. Entweder sollen sie ehrlich und aufrichtig, oder hemmungslos albern wie Anchorman sein. Wenn der Film irgendwo dazwischen liegt, wird es kompliziert.
Peter Clausen: Wer macht denn momentan die einflussreichsten Comedys? Großbritannien oder Amerika?
Judd Apatow: Schwer zu sagen. Ich bewundere jede Art von Comedy, aber momentan bringt mich nichts so sehr zum Lachen wie Extras. Bei der Sendung komme ich kaum aus dem Lachen heraus. Und ich bin eigentlich ein großer Comedy-Zyniker, aber gegen Extras bin ich machtlos. Aber dann haben mich auch die Sopranos immer sehr amüsiert. Für mich war diese Sendung oft eine sehr düstere Komödie. Aber ich liebe britische Comedy von Little Britain bis hin zu Hot Fuzz. Edgar Wrights Arbeit ist absolut unglaublich!
Peter Clausen: Ihre Frau hat mir erzählt, dass sie sich mit Ricky Gervais und /oder Stephen Merchant treffen werden.
Judd Apatow: Das hoffe ich, aber sicher ist es noch nicht. Ich maile Stephen Merchant, der mir vorher schon über den Weg gelaufen ist, dauernd an und bitte ihn sich mit uns zu treffen. Aber das heißt nicht, dass es auch tatsächlich geschieht. Aber ich denke, wir haben ein tolles Jahr für Comedy. Die etablierten Stars, von Will Ferrell über Adam Sandler bis hin zu Jim Carrey haben eine Menge am Laufen, und dann gibt es ja auch noch all die neuen Leute. Ich finde das sehr aufregend.
Peter Clausen: War Comedy denn in den letzten Jahren in einer kleinen Krise?
Judd Apatow: Da bin ich mir nicht sicher. Es gab immer Komödien, die ich mochte. Manchmal mehr, manchmal weniger. Vor ein paar Jahren hatten wir zum Beispiel Verrückt nach Mary oder Dumm und Dümmer, das waren großartige Komödien. Und jetzt steht eine neue Generation in den Startlöchern. Aber das ist ganz natürlich, all die altgedienten Komödianten sind inzwischen über vierzig. Als sie in ihren Zwanzigern waren, haben sie Knallköpfe gespielt. Inzwischen spielen sie andere Rollen, aber es gibt immer neue Schauspieler, die ihre Nachfolge antreten.
  Ein Kobold und ein Maniac: Freaks & Geeks
Peter Clausen: Wie strukturieren Sie denn ihre Drehbücher? Sind die Geschichten wichtiger oder die Entwicklung der Figuren?
Judd Apatow: Ich glaube die Figuren. Inzwischen glaube ich wirklich, dass der Plot so simpel wie möglich aufgebaut werden sollte. Wenn die Charaktere interessant und vielschichtig sind, kann man wirklich gute Arbeit leisten. Es kommt vor allem auf die kleinen Details, und die Aufrichtigkeit an, nicht auf eine komplizierte Geschichte. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass ich keine komplexen Geschichten schreiben kann. Vielleicht rationalisiere ich nur.
Peter Clausen: Ist die emotionale Entwicklung der Grundstein, auf dem Sie Ihre Drehbücher errichten?
Judd Apatow: Ich habe immer eine gradlinige emotionale Entwicklung im Hinterkopf, wie zum Beispiel "Dieser Typ lernt seine Lektion", die ich ausarbeite. Ich denke in dem Moment noch gar nicht an die komödiantischen Aspekte, die kommen erst dazu, wenn die Geschichte ausgearbeitet ist.
Peter Clausen: Ihre Figuren sind ja oft ziemliche Außenseiter. Smarte, erfolgreiche Geschäftsleute sieht man hingegen in ihren Filmen nicht. Ist es ihnen wichtig, diese ungewöhnliche Art Protagonist in einem positiven Licht darzustellen?
Judd Apatow: Ich schreibe einfach nur über Menschen die ich kenne. Ich habe meine Karriere als Stand Up Comedian begonnen, und wir waren alle so drauf. Das ist die Welt, die ich verstehe. Die Welt eines Börsenmaklers ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln, deswegen schreibe ich auch nicht darüber. Ich habe wenig Fantasie. Ich schreibe nicht über Eskimos oder Zauberer, sondern über Sprücheklopfer, die Gras rauchen und Videospiele spielen. Damit kenne ich mich seltsamerweise aus. Und ich glaube, wir alle sind irgendwo Außenseiter. Selbst der gutaussehende Wallstreet-Mensch fühlt sich im tiefsten Inneren nicht anders als der komische Typ, der Halo spielt. Tatsächlich spielt der Börsenmakler wohl sogar erst recht Halo. Die Leute sagen oft, dass es in Komödien um Underdogs geht, aber ich glaube, irgendwo sind wir alle Underdogs.
Peter Clausen: Sie stellen also den Underdog in uns allen dar?
Judd Apatow: Ich denke schon. Deswegen mögen die Zuschauer auch Jungfrau (40), Männlich, sucht..., wir alle sind nervös und haben Angst, in unserer Unfähigkeit enttarnt zu werden. Das Konzept des unglaublich gutaussehenden, smarten Alleskönners spricht nicht an. Wer will das in einer Komödie sehen?
Peter Clausen: Vielen Dank für dieses Interview!
Verwandte Artikel: Interview: Seth Rogen Interview: Judd Apatow Interview: Leslie Mann Interview: Paul Rudd Review: Undeclared Review: Freaks & Geeks Review: Beim ersten Mal Text Copyright Peter Clausen 2007 Bilder Copyright Universal |