Advertisement

Gorilla des Monats

bernie 
Home arrow Filme arrow Out of the Blue
Out of the Blue

OOTB Cover LargeRegie: Dennis Hopper, Buch: Gary Jules Jouvenat, Brenda Nielson, Leonard Yakir, Kamera: Marc Champion, Musik: Neil Young, Tom Lavin,  mit: Dennis Hopper, Linda Manz, Sharon Farrell

Erschienen bei: Koch Media
Preis: ca. 18 €  Out of the Blue (Special Edition, 2 DVDs) bei Amazon.de  

Zeitkapseln nennt Dennis Hopper seine Filme gerne, die Handvoll, die er bisher drehen durfte. Zeitkapseln in dem Sinne, als dass sie immer genau den Moment ihrer Entstehung einfangen sollten: im Dekor (so viel zeitgenössische Americana wie möglich), in der Musik (bloß kein zeitloser symphonischer Score), in der kaum vorhandenen Handlung (es geht ihm viel eher um menschliche Bedingtheiten), im möglichst freien Schauspiel. Sie sollen datierbar sein, dem hier und jetzt gerecht werden, dann aber auch unbedingt altern. Hoppers dritte Regiearbeit Out of the Blue (1980) wird diesem selbstauferlegten Anspruch der Modernität für die ausgehenden 70er Jahre genauso gerecht wie Easy Rider für das Ende der Hippie-Ära. Dabei war Out of the Blue weit weniger erfolgreich als das Roadmovie, das fast ein Jahrzehnt zuvor mithalf, für eine kurze Weile New Hollywood und dem amerikanischen Independentfilm den Weg zu ebnen. Das lag nicht nur daran, dass Regisseur und Darsteller Hopper sich mit seinem zweiten Film, dem grenzenlos prätentiösen und desaströs erfolglosen The Last Movie auf Jahre hin quasi selbst Berufsverbot erteilt hatte. Vielmehr war es wohl Ende der 70er schon gar nicht mehr möglich, ein Thema mit so universellem Anspruch zu finden wie die utopische Freiheit der Chopper in Easy Rider. New Hollywood zuckte noch, war aber eigentlich schon tot. Die Zeit des (auch vorher wohl schon illusorischen) Pop-Konsens war so gut wie vorbei. Alles zersplitterte.

Genau die Verzweiflung und Haltlosigkeit dieses mittlerweile doch ziemlich historischen Moments macht Out of the Blue spürbar. Die Heldin Cindy „Ceebee“ Barnes, eine fünfzehnjähirge Göre, verehrt den Punkrocker Johnny Rotten und ergeht sich in Imitation desselben in ebenso sinnlosen wie ziellosen Revoluzzergesten gegen ihre Umwelt. Aber gleich neben den Plakaten der Punkbands an der Wand ihres Kinderzimmers hängt ein Fotoschrein für Elvis, der gerade erst gestorben ist. Nichts in diesem Zimmer passt zusammen, und selbst wenn es gelingen würde, irgendwelche angestrengten Parallelen zwischen dem King und Sid Vicious zu ziehen: die Idee, dass in der Popkultur Identitätsstiftung und Erlösung liegen könnten, hat der Film mehr oder weniger aufgegeben.

OOTB 01 OOTB 02

 

Das Schlagzeug und die Punkposter hatte der Ausstatter allerdings nicht von Anfang an für Cindys Zimmer vorgesehen. Zuerst sollte Out of the Blue unter einem anderen Regisseur, dem Drehbuchautor Leonard Yakir, wohl ein relativ belangloses Teenagerdrama werden. Hopper war nur als Darsteller verpflichtet – er sollte Ceebees Vater geben. Erst als Yakir über die erste Woche der Dreharbeiten nur schwachbrüstige Dailies ablieferte, sprang Hopper auch als Regisseur ein (behielt allerdings seine Rolle) und überarbeitete binnen eines Wochenendes das gesamte Buch. Wie im (etwas schweigsamen) Audiokommentar Hoppers auf der DVD anklingt, wurde so wohl überhaupt erst eine Hopper’sche Zeitkapsel aus dem Film. Das Ergebnis ist ein faszinierendes, fragmentarisches Mischmasch aus klar definierten Ideen Hoppers, aus präzise von der Regie geformten, von allen Darstellern oft brillant improvisierten Szenen und wieder anderen Momenten, die aus dem früheren Screenplay stammen müssen. Hopper markiert diese Szenen schon allein damit als merkwürdige Fremdkörper, indem er sie völlig anders filmt als die eigenen Szenen: Während der größte Teil des Films in ebenso kunstvollen wie unmerklichen langen Einstellungen und vielen, vielen Tracking Shots gehalten ist, sind diese Rückstände des früheren Buchs ganz konventionell auf Montage gebaut. Über die Reste der ursprünglich geplanten Rahmenhandlung eines Psychiaters, der Cindys Entwicklung besorgt von außen beobachtet, macht sich Hopper nur lustig.

Und geht stattdessen mit der beeindruckenden jungen Darstellerin Linda Manz auf eine Irrfahrt durch die Straßen einer namenlosen amerikanischen Großstadt. Mehr oder weniger zufällig eingefangene Straßenszenen mit ungemein kaputten Passanten auf den nächtlichen Straßen wechseln sich dabei ab mit genauer, geplanter inszenierten Episoden. Besonders im Gedächtnis bleibt die Sequenz, in der ein Taxifahrer Ceebee mit in ein Bordell schleppt, und die abstoßenden Ereignisse in einem mit einem Spiegel verkleideten Zimmer des Etablissements. Der Mann hatte sie mit nicht mal sonderlich enthusiastisch vorgetäuschtem Interesse an Popkultur dorthin gelockt – “let’s punk out“. Aber Musik sorgt nicht mehr für Gemeinschaft, sondern ist nur Mittel zum Zweck zur Vergewaltigung. Dass sich für Ceebee weder eine sinnvolle (Geschlechter-)Identität noch ein gangbares Ziel im Leben findet, ist in einem solchen Szenario kaum verwunderlich, die modernistische Eskalation für Hopper wohl unvermeidbar. Faszinierend ist dagegen, wie Hopper den Weg dorthin gestaltet, wie er Ceebees Verhältnis zu dem von ihm selbst gespielten Vater gestaltet, der sein eigenes Leben genauso konsequent an die Wand fährt wie das Verhältnis zu seiner Tochter. Diese Entwicklung hat mit klassischen Melodramen überhaupt nichts gemeinsam, ist nie vorhersehbar gestaltet, ist gespickt mit wunderbaren schauspielerischen Einfällen, die Hopper etwas grummelnd im Audiokommentar herunterspielt als Selbstverständlichkeiten. Aber nicht nur das Schauspiel bleibt wohl auf Dauer hängen von diesem übersehenen, unterschätzten Film, sondern auch Hoppers inszenatorische Ideen. Da ist diese eine Szene, in der Ceebee durch die verglaste Wohnzimmertür ihrer Mutter zusieht, wie die sich einen Schuss setzt. Mit dem nächsten Schnitt sitzt die junge Frau schon auf der Pritsche eines Lasters, auf der Flucht. Aber Hopper schneidet wieder zurück zur Wohnzimmertür, immer wieder zwischen Ceebees Ausreißen und diesem Moment an der Tür hin und her. Als sie schließlich von der Pritsche steigt, filmt Hopper Ceebee durch das Gittermuster eines Zauns. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bilden den gleichen Rahmen, die gleiche Ausweglosigkeit.

OOTB 03OOTB 04

Koch Medias DVD-Fassung dieser Rarität des späten New Hollywood ist mustergültig: der Film wurde einwandfrei remastered; außerdem hat man sich um eine Vielzahl von wirklich sinnvollen Extras bemüht. Neben dem Audiokommentar Hoppers und einiger Produzenten findet sich auf der zweiten DVD noch ein 90minütiges Interview mit dem Regisseur aus dem Jahr 1982, das Hoppers gesamte Karriere bis zu diesem Zeitpunkt umspannt. Thomas Willmanns langes Essay im beigelegten Booklet ist ebenfalls gelungen und angenehm launig geschrieben, ohne in übertriebene Heldenverehrung auszuarten.

Text Copyright 2007 Jochen Ecke
Out of the Blue Screenshots, Box Art Copyright Koch Media, Robson Street

 
< zurück   weiter >
© 2012 www.g-wie-gorilla.de
Joomla! is Free Software released under the GNU/GPL License.