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Heute wird das Ganze eher eine kleine Lehrstunde in Hirnbiologie und Psychologie. Klingt erstmal dröge, kann aber durchaus ganz interessant sein zu wissen, was da im Oberstübchen eigentlich abläuft. Was macht eigentlich so ein Stirnlappen? Die Stirnlappen (auf Schlau Lobus frontalis) liegen genau dort, wo es der Name auch andeutet, nämlich hinter der Stirn. Man spricht wirklich von zwei Stirnlappen, weil es auch zwei Hirnhälften gibt und eben jede einen Stirnlappen hat. Sie sind ein Teil der Frontallappen des Großhirns und lassen sich grob in drei Bereiche unterteilen: den motorischen und den prämotorischen Cortex (zusammen heißen sie auch Motorcortex) und den präfrontalen Cortex (Von dem spricht Dr. Kawashima dann in Mehr Gehirnjogging, nicht mehr von den Stirnlappen.). Der Motorcortex steuert unsere Bewegungen, der präfrontale Cortex – und jetzt wird’s interessant – die kognitiven Prozesse in unserem Gehirn. Die Hirnforscher – und auch Freund Kawashima – nehmen an, dass hier Informationen so verarbeitet werden, dass wir einer Situation entsprechend handeln können. Wird der präfrontale Cortex beschädigt, dann drohen Gedächtnisstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen oder eine Verschlechterung des logischen Denkens. Allgemein gelten die Stirnlappen als die Hirnregion, in der Kreativität, Gedächtnis, Kommunikation und Selbstbeherrschung sitzen. Kein Wunder, dass gerade dieser Hirnbereich für Kawashima so interessant ist.
Ein Gedächtnis? – Viel zu wenig! Wo wir gerade das Wort Gedächtnis erwähnen – wie viel Gedächtnis braucht ein Mensch eigentlich? Manchmal hat man ja doch das Gefühl, dass eins nicht ausreicht, um sich alles merken zu können. Was ein Glück, dass jeder gleich drei Gedächtnisse hat! Blöd nur, dass das nicht dreimal soviel bislang ungenutzten Speicher bedeutet. Unsere drei Gedächtnisse sind quasi drei aufeinander folgende Ablagen für alles, was wir wahrnehmen. Da gibt es zunächst mal das sensorische Gedächtnis. Das speichert eine Information sobald sie von uns bewusst oder unbewusst wahrgenommen wird. Leider, oder besser glücklicherweise aber nur für wenige Sekunden. Alles, was nicht wert ist, dass man sich dran erinnert, wird gleich wieder aussortiert und fällt dem Vergessen anheim. Wär’ ja noch schöner, wenn wir uns mit Gedächtnismüll wie der unterschiedlichen Form der Knubbel auf einer Raufasertapete abquälen müssten… Was von unserem Gehirn als „wert, sich daran zu erinnern“ erkannt wurde, wandert auf Stufe 2 des Gedächtnisses, in das Kurzzeitgedächtnis. Dort werden die Informationen dann für mehrere Minuten lang abrufbereit gehalten. Hier landen Gesprächsinhalte, Telefonnummern und was man sich so kurz vor einer Prüfung noch an Info ins Hirn ballert. Das Kurzzeitgedächtnis wird übrigens – soweit man weiß – von Alterungsprozessen nicht beeinflusst. Allerdings hat es viel mit Aufmerksamkeit zu tun und die nimmt ja im Alter auch ab.
Wollen wir uns dann wirklich an etwas erinnern, müssen die Informationen im Langzeitgedächtnis abgespeichert werden. Dort können wir dann Tage oder auch Jahre lang darauf zugreifen. Damit aber eine Info auch wirklich langfristig präsent ist, müssen wir schon was dafür tun. Und hier scheint die beste Methode immer noch das ewige Wiederholen zu sein – zumindest wenn es darum geht, etwas auswendig zu lernen. Auch das Langzeitgedächtnis lässt sich noch mal unterteilen. Da gibt es das visuelle Gedächtnis, das alles umfasst, was wir gesehen haben, oder einen Gedächtnistyp, der Fakten speichert, wie zum Beispiel die Information, die ihr gerade lest oder die Antwort auf die Frage „Wie heißt eigentlich die Hauptstadt von Ghana?“. Auch dieses Gedächtnis, in dem unser gesammeltes Wissen liegt, wird im Alter nicht beeinflusst. (Immer dran denken: Das Gehirn sieht seine besten Tage, wenn wir 25 sind!) Ein anderer Gedächtnistyp speichert Erinnerungen, an die wir bewusst denken müssen, um sie zurückzuholen, wie zum Beispiel was alles auf der Einkaufsliste steht oder wo schon wieder der verdammte Autoschlüssel liegt. Vor einigen Jahren haben Hirnforscher festgestellt, dass etwas, das sie kristalline Intelligenz nennen, einen großen Einfluss darauf hat, wie gut wir auf Informationen im Langzeitgedächtnis zurückgreifen können. Und die können wir trainieren. Warum Intelligenz manchmal flüssig und manchmal kristallin ist... Im Jahre 1971 fand der Psychologe Raymond Cattell, dass es eigentlich nicht generell die Intelligenz gibt, sondern dass man da durchaus Unterschiede machen sollte und führte die Begriffe fluide und kristalline Intelligenz ein (kurz übrigens gF und gC). Fluide Intelligenz ist nach Cattell unter anderem die Fähigkeit, neue Probleme zu lösen und Zusammenhänge zu finden und zwar unabhängig davon, ob wir vorher darüber irgendetwas gelernt haben. Da wir das ja eigentlich ein Leben lang können, nimmt Cattell an, dass die fluide Intelligenz wenig oder gar nicht durch Hirnschäden beeinflusst wird. Leider kommt aber auch hier wieder das Alter ins Spiel: die fluide Intelligenz funktioniert mit Mitte Zwanzig am besten und nimmt danach beständig ab, wenn wir nichts dagegen tun. Die kristalline Intelligenz auf der anderen Seite bedeutet, bestimmte Fähigkeiten wie lesen oder rechnen anzuwenden (an dieser Stellen sagen wir kurz Hallo! zu unserem japanischen Doktor), unser Wissen und unsere Erfahrungen. Man darf dabei aber nicht die kristalline Intelligenz mit Erinnerung gleich setzen, aber wie schon gesagt hat sie einen Einfluss darauf, wie gut wir uns an etwas erinnern können. Die meisten IQ-Tests versuchen, beide Arten von Intelligenz zu messen, weil beide zusammen hängen. Und weil das so ist, beeinflusst das Trainieren der einen auch immer die andere.
Wenn man durch Kernspintomographien oder ähnlichem dem Hirn beim Arbeiten zuschaut, stellt man fest, dass die fluide Intelligenz unter anderem im Bereich des präfrontalen Cortex sitzt, die kristalline dagegen eher in Hirnregionen, die mit dem Langzeitgedächtnis zusammenhängen. Soweit der Ausflug in die Hirnbiologie und die psychometrische Psychologie. Man merkt schon, dass hier alles irgendwie zusammenhängt. Nächstes Mal dann mehr darüber, warum und wie wir unser Gehirn am besten fit halten sollten. Text Copyright 2007 Bettina Herbig Bilder Copyright Dr. Ryuta Kawashima |