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Orson Welles' Macbeth

Macbeth Cover LargeBuch & Regie: Orson Welles, Kamera: John L. Russell, Musik: Jacques Ibert,  mit: Orson Welles, Jeanette Nolan, Roddy McDowall

erschienen bei: Kinowelt/Arthaus

Preis: ca. 20 € Macbeth bei Amazon.de

Hier nimmt es vielleicht seinen Anfang, das Kuriositätenkabinett des Orson Welles: 1948, mit seiner ersten Shakespeare-Verfilmung, Macbeth. Seine vorigen Regiearbeiten, Citizen Kane, The Magnificent Ambersons, The Lady from Shanghai, um nur ein paar zu nennen, waren erfolglos geblieben und/oder von den Studios mit empörender Sorgfalt zerfleddert worden. Das Wunderkind Welles stand kurz davor, die „größte Modelleisenbahn der Welt“ – wie er den filmischen Technik-Fuhrpark auf dem Kane-Set genannt hatte – schmollend abgeben zu müssen. Potentielle Geldgeber zeigten sich auf jeden Fall schon keusch-zurückhaltend bis misstrauisch. Entsprechend hatte Welles sich wohl selbst und der Studiowelt etwas zu beweisen, als er für das B-Western-Studio Republic das sogenannte Scottish Play von Shakespeare umsetzte, für den Spottpreis von etwas unter 900 000 US$. In knapp drei Wochen bekam er das hin, sogar unter Budget, sehr zur Freude der Studiobosse. Es half auch nicht mehr - in der Ferne dräute schon das europäische Exil. Wer daran Schuld hatte? Zu einem guten Teil Welles selbst. Rekord-Drehzeit hin oder her, er konnte einfach nicht aus seiner Haut.

Aus dem C-Budget entwuchs nämlich im Falle seines Macbeth eine ganz andere Radikalität, ein zutiefst merkwürdiger, den Zuschauer bewusst entfremdender Grenzgang zwischen äußerst experimentellem Expressionismus und den wackelnden Pappmâché-Kreuzen von Ed Woods Friedhöfen. In Macbeth fängt Welles an, aus der finanziellen Not eine trashige, zerfahren-modernistische Hybrid-Ästhetik zu entwickeln, die im Folgenden einen Großteil seines fragmentarischen Werks ausmachen sollte. Das Schloss des schottischen Adeligen und späteren Königs Macbeth ist bei ihm eine felsige, unförmige Feste voller tödlich-spitzer Kanten, direkt in den Fels gehauen. Ein Platz, der sich nicht so ganz entscheiden mag zwischen vollends unfruchtbarer, menschenfeindlicher Ödnis und archaischem Zivilisationsort. Oder so gesagt: Auf diesem Burghof könnte man problemlos auch die Protagonisten eines besonders pessimistischen Beckett-Stücks platzieren. Andererseits jedoch sieht man jedem Felsbrocken deutlich an, dass ein einziger Fausthieb genügen würde, um ein klaffendes Loch in den Karton zu schlagen.

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Anders gesagt, nichts wirkt echt an diesem Film, nichts soll überhaupt echt wirken. Alles ist zusammengewürfelt aus disparatem Zivilisationsmüll: die Kostüme aus dem nächstbesten Republic-Western, die Schwerter ganz klar angemaltes Sperrholz, die Statisten oft sichtlich orientierungslos, die Sets changierend zwischen billigem Horrorfilm und genialischer, minimalistischer Ausdruckskraft. Alles ist fake, wird vorgeführt als fake, aber wo die Grenze hin zur unfreiwilligen Komik verläuft, wo Camp und Trash anfangen, das weiß man nie so genau. Davon sind auch die (weitgehend unbekannten und bisweilen unbedarften) Schauspieler nicht auszunehmen, die von Welles zudem noch die irrsinnige Anweisung erhielten, mit schottischem Akzent zu spielen. Bei den meisten – gerade beim Meister selbst - läuft das darauf hinaus, dass scheinbar willkürlich der eine oder andere Diphtong zum Monophtong wird und das „r“ gnadenlos gerollt wird.

Man lacht trotzdem nicht. Welles’ Fleckerlteppich fesselt von der ersten Minute, in der die drei Hexen sich eine Voodoo-Puppe von Macbeth basteln. Ihre Gesichter bleiben im Schatten verborgen, ständige weiche Blenden sorgen für grandiose Verwirrung, was überhaupt vor sich geht, zerstören die Idee, ein Filmbild könnte verlässlich sein. Ernsthaft unheimlich, durchaus im Freudschen Sinne, ist das, was Welles in der Folge aus seinen scheinbar inakzeptablen Dekors und mäßig begabten Schauspielern herausholt. Mal zerhackt er das Geschehen in dermaßen viele Einstellungen, Untersichten, Aufsichten, krasse tiefenscharf-verzerrte Weitwinkel-Aufnahmen, dass man nur noch von den gemeinen Helldunkel-Kontrasten der Photographie überrannt wird. Dann schneidet er wieder ein halbes Reel lang gar nicht, lässt seine Kamera durch das halbe Schloss schweben, bis man sich ernsthaft fragen muss, wie er diese präzisen, komplizierten Plansequenzen mit seinem Budget hat umsetzen können. Er nutzt konsequent alle Ausdrucksmittel, die ihm die Technik bietet, schert sich einen feuchten Kehricht um Studioregeln: die Bilder werden unscharf, verzerren; in Kranfahrten fängt er seine Styropor-Felsen in solch irrsinnigen Winkeln ein, dass man die Fakeness vollends vergisst und sich einfach nur von der graphischen Wirkung überwältigen lässt. Das ist Rock’n’Roll-Kino avant la lettre, ein Fest der entfesselten, manisch tanzenden Unvollkommenheit, und noch dazu eine ziemlich gute Shakespeare-Umsetzung. Das Sperrholz-gewordene Unbewusste von Macbeths gebeuteltem Geist, veräußert in Form seiner Burg, hinterlässt einen größeren Eindruck als das mit ähnlicher Intention, aber weit mehr Geld errichtete Schloss Elsinore in Laurence Oliviers Hamlet aus demselben Jahr. Einen Sinn für Welles’ doch sehr eigene Sorte von filmischem Wahnsinn sollte man allerdings mitbringen – wer vom Kino Geschlossenheit und heimelig-konventionelle Illusion erwartet, dürfte mit seinen Filmen sowieso nicht warm werden.

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Bei Arthaus dürfen wir uns derweil für eine gewohnt schöne Premium-Edition bedanken, die zwei Versionen des Films auf den beiden Discs versammelt (Welles’ Langfassung und eine neu synchronierte, gekürzte Version, die einzige, die bis 1980 zu sehen war). Die wunderbar grisseligen Chiaroscuro-Bilder des Psycho-Kameramanns John L. Russell sind ausgezeichnet restauriert worden. Schade nur, dass man wohl keinen Markt für die französische Drei-Disc-Fassung sah, die mit wesentlich mehr Extras daherkommt. Auf den deutschen DVDs bleiben von dieser Deluxe-Fassung nur die mäßig interessante Konversation mit einem französischen Kritiker über Welles’ Shakespeare-Begeisterung sowie einige Ausschnitte (Audio und Video) von Theateraufführungen des Stoffes, die Welles zuvor realisiert hatte. Wie dem auch sei: Welles' Macbeth ist sicher eine der aufregendsten DVD-Veröffentlichungen der letzten Monate.

Text Copyright 2007 Jochen Ecke
Orson Welles Macbeth Screenshots, Box Art Copyright Kinowelt/Arthaus

 
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