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Thomas Finn - Die Chroniken der Nebelkriege

Thomas Finn

Thomas Finn wurde 1967 in Chicago geboren, wuchs in Deutschland auf und lebt heute in Hamburg.

Der preisgekrönte Spiele- und Romanautor und hat einige Jahre als Lektor und Dramaturg in einem Drehbuchverlag und  als Chefredakteur des deutschen Phantastik-Magazins Nautilus gearbeitet.

Hauptberuflich arbeitet er heute als Roman-, Spiele-, Theater- und Drehbuchautor; neben Produktionen für ARD, Sat1, NDR und zahlreiche Theater hat er bei uns vor allem als Autor der Nebelkriege-Trilogie für Furore gesorgt. Anni hat sich mit dem sympathischen Autoren unterhalten.

Anni Sander: Du hast mit Die Letzte Flamme gerade erfolgreich deine erste Trilogie in einem Jugendbuchverlag veröffentlicht. War das Neuland für dich?

Thomas Finn: Neuland insofern, als dass ich erstmals mit einem ausgewiesenen Jugendbuchverlag zusammengearbeitet habe. Privat bevorzuge ich schon lange jene phantastischen Erzählungen, die beflügelt durch den Erfolg von Harry Potter verstärkt in den Buchhandel Einzug gehalten haben. Sei es Philip Pullmans „His Dark Materials“-Trilogie, Jonathan Strouds „Bartimäus“-Zyklus, die Trilogien von Kai Meyer, aber auch die Romane von Ralf Isau. Insbesondere letztere zwei Kollegen – deren Werke ich übrigens sehr schätze - haben durch ihren guten Ruf ganz sicher dazu beigetragen, auch anderen deutschen Autoren den Weg zu ebnen.

Anni Sander: Inwiefern sind Kinder und Jugendliche ein anderes Publikum als Erwachsene?

Thomas Finn: Nun, das offiziell anvisierte Lesepublikum ist zunächst einmal jünger. Das bedeutet zum Beispiel, dass man sich als Autor mit Gewaltdarstellungen etwas zurückhält bzw. diese in ein anderes erzählerisches Gewand kleidet. Das Lesepublikum hat aber auch Auswirkungen auf die Erzählperspektive. Es macht eben einen Unterschied, ob ich meine Geschichte allein aus der Perspektive eines einzigen Romanhelden schildere, oder ob ich zwischen den Kapiteln die Perspektiven wechsle, das heißt, zwischen mehreren Protagonisten hin und her springe. Einige Kollegen sehen das sicher unverkrampfter. Ich aber habe die Erfahrung gemacht, dass ein jugendliches Zielpublikum durchaus dankbar dafür ist, wenn die Geschichte stets aus der Sicht einer Figur geschildert wird. Dramaturgisch bringt eine solche Entscheidung natürlich mit sich, dass man seine Geschichte etwas anders aufbaut, als einen Erwachsenentitel. Es ist sogar etwas schwieriger.
Davon abgesehen sind Jugendliche ebenso intelligent, kritisch und aufmerksam wie Erwachsene. Von den beiden obigen Kriterien abgesehen, lege ich mir daher beim Schreiben und der Konstruktion der Handlung keinerlei spürbare Einschränkungen auf. Ich schreibe grundsätzlich das, was ich auch selbst gern lesen würde.

flamme Anni Sander: Die Chroniken der Nebelkriege werden doch aber nicht nur von Jugendlichen gelesen.

Thomas Finn: Richtig. Tatsächlich handelt es sich auch bei den Chroniken um sogenannte „All Age-Literatur“, sprich, um Romane, die Erwachsene und Jugendliche gleichermaßen lesen. Traue ich den Rückmeldungen, die mich erreichen, liegt das Verhältnis von erwachsenen und jugendlichen Leser in etwa bei 40:60. Die Kollegen und Verlagsredakteure, mit denen ich mich über dieses Thema unterhalten habe, unterstützen diesen Eindruck nachdrücklich.
Noch interessanter wird es, wenn man sich überlegt, wer die Kaufentscheidung trifft. Bei einem angenommenen Durchschnittspreis pro Buch von etwa 16 Euro erschließt sich einem schnell, dass eine solche Summe schnell das übliche Taschengeld-Budget sprengt. Gestaltung, Inhalt und vieles mehr muss also ganz nachdrücklich auch Erwachsene ansprechen. Klar, das sind Dinge, um die sich vor allem die Marketing-Abteilung eines Verlages kümmern muss, doch als Autor ist man klug beraten, all dies ebenfalls im Hinterkopf zu behalten.

Anni Sander: Bietet einem Autor das Schreiben für diese Zielgruppe andere Möglichkeiten?

Thomas Finn: Ja. Ich meine festzustellen, dass die wirklichen Innovationen innerhalb der Phantastik, derzeit ausschließlich im Bereich der phantastischen Jugendbuch-Literatur stattfinden. Irgendwie trauen sich die Kollegen hier mehr Buntheiten, Skurrilitäten und Verrücktheiten zu, als es bei anderen Fantasytiteln üblich ist. Das macht das Schreiben auch so aufregend.

Anni Sander: Stimmt es, dass die Figuren einer Geschichte irgendwann ein Eigenleben entwickeln und den Autoren in eine ganz andere Richtung lenken als ursprünglich beabsichtigt? Was macht man in so einem Fall?

Thomas Finn: Natürlich entwickeln Figuren irgendwann ein Eigenleben. In einem gewissen Rahmen sollen sie das ja auch. Aber mir ist noch nie eine Figur ausgebrochen. Dies zu verhindern ist einer der Gründe dafür, warum ein Autor gut beraten ist, bereits vor dem Schreiben genau zu wissen, wie seine Figuren „ticken“. Selbstverständlich handelt eine ängstliche Figur anders, als eine mutige. Wenn sie an einer bestimmten Stelle der Handlung energisch auftreten soll, dann darf ich sie eben nicht als zögerliche Figur einführen. Oder ich muss mir für die konkrete Szene einen glaubwürdigen Grund einfallen lassen, warum sie anders handelt, als sie gefühlsmäßig handeln würde.
Ich kann für solche Fälle also nur den Tipp geben, die Figurenentwicklung noch einmal Schritt für Schritt zu analysieren. Nur so erfährt man als Autor, wo und ab wann die Figur „auszubrechen“ droht.

Anni Sander: Der Jugendbuchmarkt wird derzeit von einer Lawine mehr oder weniger guter Trilogien überrollt. Wie baut man so eine Reihe deiner Meinung nach auf, so dass sie wirklich gut wird?

Thomas Finn: Das ist schwierig zu beantworten. Verlage mögen Trilogien, weil sie sich erfolgreich verkaufen. Autoren mögen Trilogien, weil sie mehr Entwicklungen in einer Geschichte ermöglichen. Handlung und Welt müssen bei alledem stets soviel Tiefe haben, dass kein Buch durchhängt. Eine Trilogie lebt von einer Vielzahl an Schauplätzen, von überraschenden Wendungen und großartigen Entdeckungen. Es gibt dafür kein Patentrezept. Ein Stück weit ist das Gelingen oder Misslingen einer Trilogie also auch immer vom erzählerischen Geschick des Autors abhängig.

Der Eisige SchattenAnni Sander: Stichwort Stella Noctis, das ist der Arbeitstitel für dein nächstes großes Projekt, erneut bei Ravensburger. Darfst du darüber schon etwas verraten?

Thomas Finn: Klar, ich könnte schon. Aber Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude 
Insofern möchte ich mich mit Details noch etwas zurückhalten. Daher nur soviel: Die Erzählung wird ebenso wie die Chroniken in einer Welt spielen, die einen gewissen Wiedererkennungswert besitzt. Diesmal wird es kein Zauberer sein, der im Mittelpunkt der Handlung steht, auch wenn die Möglichkeiten der Zauberei einen wichtigen Part innerhalb der Welt einnehmen. Im Übrigen habe ich den Codenamen nicht ohne Grund gewählt. Rätselraten ist also auch weiterhin erlaubt.

 Anni Sander: Du bist ja nicht nur Romanautor, man kennt dich auch aus dem Rollenspielbereich, wo du viel für Das Schwarze Auge oder H.P. Lovecrafts Cthulhu geschrieben hast. Was hat für dich mehr Reiz: Eine interaktive Geschichte für ein Rollenspiel zu entwerfen, die durch andere Leute mit ihren Aktionen unmittelbar mitgestaltet wird? Oder deiner Phantasie mit einem Roman selbst freien Lauf zu lassen und alle Stricke in der Hand zu haben?

Thomas Finn: Beides übt auf mich gleichermaßen seinen Reiz aus. Beim Fantasy-Rollenspiel entwirfst du als Spielleiter eine schillernde Bühne, vor der die Mitspieler mit ihren gewählten Rollen glänzen können. In Film und Roman nimmst du die Figuren selbst in die Hand und versuchst mit diesen ein weitestgehend anonymes Publikum zu begeistern.
Heute sind Fantasy-Rollenspiele für mich weitestgehend Hobby. Eine Form des Geschichten-Erzählens, bei der ich es mir auch mal erlauben kann, alle Fünfe gerade sein zu lassen. Doch noch immer befruchtet die eine Beschäftigung auch die andere. Manchmal probiere ich Buchideen zuvor im Rollenspiel aus, manchmal wandert auch eine Rollenspiel-Idee oder –begebenheit in abgewandelter Form in eines meiner Bücher. Das ist ein fließender Prozess. Auf jeden Fall hat meine anhaltende Begeisterung für Fantasy-Rollenspiele in unnachahmlicher Weise meinen Blick für Figuren und Dialoge geschärft.

Anni Sander: Was inspiriert dich zu neuen Geschichten? Beginnt das bei kleinen Details, um die du den Rest herumkonstruierst oder hast du bereits einen Plot im Kopf, den du dann mit allem anderen füllst?

Thomas Finn: (Lacht) Im Zweifel inspiriert mich alles. Sachartikel, Filme, Bücher, Gespräche mit Freunden, eine Urlaubsreise. Ich glaube, das ergeht keinem Autor anders. Man nimmt alles irgendwie durch den Fokus des Geschichtenerzählers auf. Ich schleppe jederzeit ein kleines Buch mit mir herum, um auch mal einen schnellen Geistesblitz aufschreiben zu können. Eine Idee allein macht natürlich noch keinen Roman. Irgendwann hat man aber so viele Ideen zusammen, dass man wieder Stoff für eine komplette Geschichte zusammen hat. Jetzt beginnt das eigentliche Plotten, sprich, die Ausgestaltung der Geschichte in groben Zügen. Damit beginnt dann jener Teil der Arbeit, der wirklich Mühe erfordert.

chronos Anni Sander: Wie gehst du bei der Recherche für deine Bücher vor? Der Funke des Chronos behandelt ja ein sehr komplexes Themengebiet mit unendlich vielen historischen oder erfundenen Details. Wühlst du dich da durch alles an Material durch, was du erstmal kriegen kannst oder suchst du gezielt und nach Plan?

Thomas Finn: Ich beginne stets beim Großen und Ganzen und arbeite mich dann zu den Details vor. Im konkreten Fall habe ich weit über zehn Jahre erst einmal ziemlich wahllos alles gesammelt, was mir an interessanten Materialien über die Biedermeierzeit und Hamburg im Speziellen in die Griffel geriet. Erst als ich davon überzeugt war, mich gut in dem betreffenden Zeitraum auszukennen, begann ich mit dem eigentlichen Plotten – und damit einhergehend auch mit ganz gezielten Detailrecherchen in der Hamburger Staatsbibliothek.
Die Probleme begannen erst später, nämlich während des Schreibens. Da musste ich – was meine Rechercheergebnisse anbelangt – in einem weiteren Schritt die Spreu vom Weizen trennen. Noch vor vier Jahren hätte ich dir en detail beschreiben können, wie eine Hamburger Schillingmünze um 1840 aussah. Nur interessiert das keinen Leser. Schade auch.

Anni Sander: Wie bist du überhaupt auf das Thema beim Funken des Chronos gekommen? Und warum hast du dir gerade Heine als prominente Hauptfigur ausgesucht?

Thomas Finn: Die Handlung des Funken geht ursprünglich auf eine Idee zurück, die ich Anfang bis Mitte der Neunziger für das Rollenspiel H.P. Lovecrafts Cthulhu umsetzen wollte. Irgendwann wurde mir aber klar, dass sich das ganze Projekt mehr und mehr zu einer Liebeserklärung an Hamburg wandelte. Und die wollte ich nicht nur Rollenspielern zugänglich machen. Damals besaß ich aber nach eigener Einschätzung noch nicht die handwerkliche Reife, um die Idee in einen Roman zu gießen. Und so ruhte die Story wie ein guter Wein, bis ich dann bei Piper die Gelegenheit bekam, sie endlich umzusetzen.
Auf Heinrich Heine bin ich durch meine Beschäftigung mit seinem reichen Onkel Salomon Heine gekommen, der Hamburg nach dem Großen Brand von 1842 quasi im Alleingang vor dem finanziellen Ruin bewahrt hat. Da erst fiel mir auf, dass sein berühmter Neffe Heinrich Heine gute acht Jahre seines Lebens in Hamburg verbracht hat. Das eine fügte sich so zum anderen.

Anni Sander: Du bist ja zusammen mit Bernhard Hennen, Karl-Heinz Witzko und Hadmar von Wieser unter dem Pseudonym „Magus Magellan“ auch an der Reihe Die Gezeitenwelt mit bisher drei Romanen dabei. Wie lief die Entwicklung dieser ungewöhnlichen Reihe ab?

Thomas Finn: Zu dem Thema könnte ich Bände füllen. Für die Welt- und Plotplanung der Gezeitenwelt haben wir uns viele viele Nächte um die Ohren geschlagen. Telekom und Netzprovider sind durch abertausende Emails und hunderte Telefonate reich geworden und auch Bahn und Tankstellen haben durch uns profitiert. Manches war einfacher, weil wir einander gute und kompetente Ansprechpartner waren, manches aber auch schwerer, weil wir vier „Magellanis“ doch sehr unterschiedliche Charaktere sind. Im Prinzip sind Bernhard, Karli, Hadmar und ich nicht viel anders vorgegangen, als wenn wir alleine an einem Projekt säßen. Wir haben uns zunächst überlegt, was wir erzählen wollen. Dann haben wir eine Welt erschaffen, die unseren Erfordernissen entsprach, schließlich hat jeder von uns Handlungsbögen ersonnen, die geeignet erschienen, unsere erzählerischen Ziele umzusetzen.

Anni Sander: Derzeit liegt die Serie ja auf Eis. Gibt es inzwischen Neuigkeiten, ob mit einer Fortsetzung zu rechnen ist?

Thomas Finn: Sobald es Neuigkeiten gibt, werden wir diese auf unseren privaten Webseiten, auf unserer offiziellen Gezeitenwelt-Seite www.gezeitenwelt.com sowie im dort angeschlossenen Gezeitenwelt-Forum kundtun. Im Moment ruht die Saga, auch wenn wir uns als Autoren weiterhin auf dem Sprung befinden, um dort anzusetzen, wo wir aufgehört haben. Unsere Strategie besteht derzeit darin, uns zunächst weiterhin als Einzelautoren einen guten Namen zu erschreiben. So hat Bernhard inzwischen sehr erfolgreich seine Elfen-Saga mit dem Starttitel „Die Elfen“ vorgelegt und Karli schreibt derzeit an Band 2 von „Die Kobolde“. Auch ich bin in den letzten Jahren ja nicht gerade untätig geblieben. Außerdem hasse ich unerledigte Projekte (lacht). Mit anderen Worten: Wir haben die Gezeitenwelt nicht vergessen. Und wir arbeiten selbstverständlich noch immer daran, dass wir diese tolle Saga eines Tages zu einem glorreichen Abschluss führen können.

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Text Copyright Anna Selina Sander
Bilder Copyright Florian Lacina (Foto), Ravensburger

 
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