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Autor: Brian Azzarello Zeichner: Marcelo Frusin Coloristin: Patricia Mulvihill
Erschienen bei: DC / Vertigo Preis: 9,99 US$ / 8,99 € A Kin of Homecoming bei Amazon.de
In Brian Azzarellos und Marcelo Frusins Loveless weiß keiner, wo er eigentlich hingehört, geschweige denn, wer er ist. Zwei Jahre nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkrieges ist der Hass zwischen Nord- und Südstaaten immer noch so groß, dass eine Heilung völlig unmöglich erscheint. In einem kleinen Dorf in Missouri namens Blackwater setzt sich der Konflikt entsprechend in Miniatur fort: Rebellenbanden ermorden Soldaten aus dem Norden dem Dutzend nach und knüpfen schwarze Feldarbeiter an Bäumen auf. Das tun sie nicht nur aus Rassismus, sondern auch, um die Nahrungsmittelproduktion lahmzulegen. Die Motivation dahinter: Der völlig absurde Versuch, die frühere Identität als southern gentleman zu bewahren. Gentlemen, die kleine Kinder lynchen. In diese völlig irre gewordene Welt kehrt der Rancher Wes Cutter aus der Kriegsgefangenschaft zurück, aber im Gegensatz zu seinen früheren Kameraden aus der Südstaatenarmee trägt er sich mit keinen Illusionen, man könne die Uhr zurückdrehen. Im Gegenteil: Cutter ist zwar auch ein mordender, hinterhältiger, gerissener Bastard geworden, aber im Gegensatz zu seinen früheren Kameraden hat er sich völlig bewusst neu erfunden. "Fuck the Union, fuck the South, fuck the niggers, fuck the whites, fuck the redskins. Fuck all people." Cutter ist ein Beinahe-Nihilist geworden, der sich nur noch um die eigenen Belange kümmert. Warum diese Interessen ihn überhaupt in seine alte Heimat zurückführen, wo scheinbar keine Frau, keine Familie mehr auf ihn wartet, wo sein Land von der Union eingezogen wurde, das lässt Azzarello ziemlich hinterhältig offen. Klar ist nur, dass sein Noir-Cowboy Cutter einen Plan hat. Und der ist zu kompliziert, um ihn mit dem simplen Wort "Rache" zusammenzufassen. So gewinnt Cutters Heimkehr tatsächlich etwas sehr merkwürdiges, geheimnisvolles, wie es schon der Titel des ersten Bandes verheißt: "A kin of homecoming", 'ne komische Art von Rückkehr. Schließlich wünschen sich die Bewohner von Blackwater kaum etwas mehr, als dass Cutter und der geheimnisvolle zweite Reiter in seinem Schlepptau wieder verschwinden.  Die Welt von Loveless ist ein ganz schön furchtbarer Ort. Typisch für Frusin: In allen drei Panels Spiele mit Vor- und Hintergrund, welche die Figuren zueinander in Beziehung setzen.
Nicht nur der Nihilismus Cutters rückt Loveless also in die Nähe eines Noir-Universums, das ausnahmsweise nicht auf regennassen Straßen, sondern in der Prairie verortet ist. Die ganze Welt ist ihm feindlich gesonnen, von den Soldaten der Union über seine früheren Mitstreitern hin zu den Bewohnern der Klitsche Blackwater. Die kleine Welt rund um das Dorf wird bestimmt von hohler, emotionsloser Gewalt, die plötzlich, unerwartet, ganz und gar unpersönlich losschlägt wie das Maschinengewehr am Ende von Peckinpahs The Wild Bunch. Niemand ist hier sympathisch oder hilfsbereit, solidarisch oder wenigstens nicht paranoid. Ganz besonders unser Protagonist Cutter nicht, der mordet und hintergeht, wie und wo er nur kann. Das macht Loveless zu ganz schön hartem Tobak: Selbst im sowieso schon häufig zynischen Italo-Western dürfte sich kaum ein fieseres Stück Genre-Arbeit finden. Gerade von dieser völligen Haltlosigkeit der Geschichte, die jede Moral über Bord wirft, geht aber eine ungeheure Faszination aus. Relativiert wird der hollow man Cutter allein durch die zahlreichen, enorm kunstvoll eingesetzten Rückblenden, die immer wieder mit dem Geschehen in der Gegenwart verschmelzen. Sie stehen ganz in der romantischen Tradtion der pathetischen Flashbacks Sergio Leones: Dort sieht man Cutter und seine Frau Ruth vor dem Krieg, Romantiker, die sich ein Leben aufbauen, anständig, voller Zweifel am Krieg, voll Sorge für einander.  Eine von Detail- und Großaufnahmen dominierte Seite, schwitzende echte Männer: Azzarello und Frusin haben Spaß daran, sich ein bisschen an Leone-Pastiche zu betätigen.
Um die Flashbacks von der Gegenwart zu unterscheiden, muss man manchmal ganz genau hinsehen. Oft sind es nur visuelle Nuancen, die auf eine andere Zeitebene hinweisen: Ein glatt rasiertes Kinn, wo sonst ein dichter Bart stehen sollte, zum Beispiel. Azzarello schreibt, das sieht man schon an solchen Gemeinheiten, in keiner Weise eine simple Unterhaltungsgeschichte, der man auch kurz vor dem späten Zubettgehen noch folgen kann. Sein Plot mit einer Vielzahl von komplexen Charakteren, die sich niemals selbst erklären, ist kompliziert wie ein Chandler'sches Hardboiled-Labyrinth. Wer sich leicht verläuft, braucht gar nicht erst einzutreten. Oft ist Loveless ganz dafür da, den Leser zu destablisieren, ihn schwindeln zu machen oder ihn auch mal unsanft von einer Klippe zu stoßen. Unter zwei bis dreimaligem Lesen kommt man schon bei A Kin of Homecoming nicht davon.  Ein Beispiel für die komplexen Flashbacks: Die Figuren in der Mitte stellen vergangene Ereignisse an diesem Ort da, der Rest der Splash-Page die weitaus gewalttätigere Gegenwart, wo das (frühere Heimat-)Land selbst zur Gefahr wird.
Und dann ist da natürlich noch der wunderbare Marcelo Frusin. Frusin, der den jazzigen Rhythmus von Azzarellos ungeheuer dichten Dialogen in genau den richtigen Panel-Folgen einfängt. Der ähnlich wie sein Kollege Risso bei 100 Bullets jedes Bild mit einer Vielzahl von Details füllt, ohne es überquellen zu lassen. Seine Spielereien mit Italowestern-typischen Kombinationen von Groß- und Totalaufnahmen in einem einzigen Panel werden nie zum Selbstzweck, sondern dienen immer unserer Orientierung in der Szene. Zudem führt er das Auge des Lesers präzise durch mühelos-perfekte Bildkomposition und weiß genau, wo eine Großaufnahme hingehört und wo nicht. Manche Szene lässt er mutig in der Totalen stehen, die Protagonisten nur mit dem Rücken zu uns, wo andere Zeichner ganz selbstverständlich näher rangehen würden. Dass man die Figuren trotzdem problemlos identifiziert, liegt an seinen eleganten, nie karikaturenhaften Charakterdesigns. In Loveless trägt zwar jeder Mantel und Hut, aber dank Frusin weiß man bei genauem Blick immer, mit wem man es zu tun hat. Loveless ist von Azzarello auf weit weniger Ausgaben angelegt als sein Noir-Epos 100 Bullets: Um die 40 sollen es werden, also sechs, sieben Bände. Mit der ersten Sammlung deutet sich schon ein gemeines, poetisch-nihilistisches Meisterwerk an, noch erwachsener und dringlicher als seine früheren Arbeiten. Eine völlig unentbehrliche neue Serie. Verwandte Vertigo-Artikel Text Copyright Jochen Ecke Coverartwork, Auszüge Copyright DC Comics / Vertigo & Brian Azzarello & Marcelo Frusin |