Autor: Peter Wiechmann, Artwork: Jordi BernetErschienen bei: Cross Cult ISBN: 3936480753 Preis: 18 € Andrax, Bd.1 : Experiment des Grauens bei Amazon.de Was für ein Erzähltempo! Autor Peter Wiechmann und Zeichner Jordi Bernet brauchen in diesem ersten Band von Andrax gerade einmal sechs Seiten, um den olympischen Champion Michael Rush vom gegenwärtigen Sandplatz 2000 Jahre in die Zukunft zu schleudern. Bei den Herren Millar oder Bendis hätte diese Entwicklung gut und gerne sechs Ausgaben verschlungen. Wiechmann macht dagegen kurzen Prozess. Es hagelt nur so Plot Points: ein barttragender böser Wissenschaftler, Zeitkapsel, Zwangsverfrachtung des Helden - und schon steht der Olympionike auf der verbrannten Erde der fernen Zukunft und muss seinen Namen gegen einen virileren eintauschen, der eher zu dieser archaischen Welt passt: Andrax. Herrliche Zeiten waren das wohl, die frühen 70er Jahre, aus denen Andrax stammt. Das Autorenkollektiv des Rolf Kauka-Verlags schrieb einfach drauflos, ohne Sorge ob einer späteren Zweitverwertungskompatibilität als Kinofilm oder heutiger Trivialitäten wie continuity oder der Regelhaftigkeit eines einheitlichen Universums. Stattdessen: anything goes. Alles war erlaubt, solange es ordentlich Thrill für die junge Leserschaft des Primo-Magazins lieferte, in dem die Serie veröffentlicht wurde. Andrax wurde so offenbar zur Spielwiese für den anlaufenden Popkulturwahn des Westens, wo alles durchgespielt werden durfte, was bisher an Pulp-Mythen produziert worden war: die erste Geschichte in diesem Band beginnt als Science Fiction im schnellen Vorlauf, macht dann aber eine wilde Wende hin zum Endzeit-Nagelbeißer à la Robert E. Howards Solomon Kane. In der zweiten Story hat dann - Endzeitszenario be damned! - gleich der in den 70er Jahren omnipräsente Graf Dracula seinen Auftritt. Wiechmanns Spitzzahn-Variante scheint dabei eher an den Sleaze-Vampiren des italienischen Horrorfilms als am Hammer-Dracula geschult. Und in der letzten Erzählung des Bandes tritt die bisher eher unterschwellig transportierte politische Einstellung des Autoren deutlich in den Vordergrund: Innerhalb weniger Seiten macht da eine degenerierte Super-Zivilisation die Entwicklung von der Geld-, Arbeits- und Leidensfreien Utopie über den gnadenlosen Kapitalismus bis zur Selbstzerstörung mit. Die fatalistische Schlussfolgerung jedesmal: der Mensch ist in seiner Korrumpiertheit nicht zu retten. Höchstens durch Primo-Comics.  An dieses Erlösungversprechen via Pulp wollen wir in diesem Falle gerne glauben. Zuvorderst wegen Jordi Bernets fantastischer Zeichnungen, die noch mehr als im graphisch genauso exquisiten Torpedo seine Meisterschaft unzähliger Stile offenbaren. Der Spanier kann mit den Conan-Arbeiten eines Gene Colan oder Barry Windsor-Smith locker mithalten, überflügelt diese illustren Vorbilder aber noch mit expressionistisch-verzerrten Horror-Hintergründen und grandios erarbeiteten Science Fiction-Szenarien. Das alte Schwarzweiß-Material wurde dabei von Cross Cult toll aufbereitet, neu gelettert und von Texter Peter Wiechmann noch einmal redaktionell bearbeitet. Ein solch aufwändige Remastering dieser alten Schätze leistet einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Rettung deutscher Popkultur-Geschichte. Wer auch nur ein Quäntchen Liebhaberei für Pulp in sich trägt, wird mit Andrax ungeheuren Spaß haben. Text Copyright Jochen Ecke 2007 Andrax, Bilder Copyright Crosscult/Kauka Promedia
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