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Gorilla des Monats

bernie 
Isola

isolaIsabel Abedi: Isola (2007)

Verlag:  Arena Verlag
ISBN: 978-3-401-06048-4
Preis:14,95 Isola bei Amazon.de

In Zeiten von Big Brother, Survivor und all solchen bahnbrechenden TV-Formaten ist Privatsphäre von einem unantastbaren Tabu zu einer profitablen Ware geworden. Das denkt sich auch der Regisseur Tempelhoff, als er zwölf junge Menschen zwischen 16 und 19 Jahren zu einem kontroversen Filmprojekt anheuert. Drei Wochen lang sollen sie auf einer einsamen Insel vor der Küste von Rio de Janeiro leben. Sie werden mit allem versorgt, was sie brauchen, und sollen, von unzähligen Kameras beobachtet, ohne Drehbuch die Handlung des Films durch ihr tägliches Leben gestalten. Da die zwölf völlig unterschiedliche Charaktere sind, ist für Zündstoff natürlich ohne Ende gesorgt und Tempelhoff reibt sich schon die Hände, als die Jugendlichen auf der Insel eintreffen. Jeder von ihnen hat sein normales Leben für drei Wochen hinter sich gelassen, einen Nickname angenommen und nur drei persönliche Gegenstände im Gepäck.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Vera, die selbst brasilianische Wurzeln hat und kurz vor der Volljährigkeit steht. Sie hat ihre ganz eigenen Gründe, auf der Insel zu sein und hofft, nach Ablauf der drei Wochen noch nicht nach Deutschland zurückkehren zu müssen.

Doch am ersten Abend ändert sich alles. Tempelhoff hat natürlich vorgesorgt und ein Spiel vorbereitet, das den Aufenthalt ein Bisschen spannender gestalten soll. Es ist eine Mord-im-Dunkeln-Variante, bei der das Filmteam einer Person verdeckt die Rolle des „Mörders“ gibt, der die anderen nun nach und nach einzeln und unerkannt fangen und in ein Versteck bringen soll, wo sie vom Filmteam abgeholt werden. Die „Opfer“ sind raus aus dem Spiel und fliegen nach Hause. Im Prinzip ist das keine große Sache, doch obwohl es ein Spiel ist, breitet sich eine gewisse Paranoia unter den Kandidaten aus, keiner traut dem anderen mehr und man bewegt sich nur noch in größeren Gruppen, um dem Mörder nicht allein zu begegnen. Gerade für Vera, die um jeden Preis ihre Volljährigkeit abwarten möchte, wird dieses Spiel zu einer Bedrohung.

Die jungen Leute versuchen, sich ihren Verfolgungswahn nicht anmerken zu lassen und das Paradies, in dem sie sich befinden, möglichst zu genießen. Doch der Leser merkt, wie aufgesetzt alles ist. Eine Party in einer Höhle am Strand kippt innerhalb von Sekunden, als das Licht ausfällt, die Panik ist ganz dicht unter der Maske der Selbstsicherheit und wartet nur darauf, hervorzubrechen. Und dann geschieht der erste Todesfall – und mit einem Schlag wird das ohnehin schon grenzwertige Projekt zur Vorhölle.

Irgendjemand hat sich in die ganze Geschichte eingemischt, jemand, der nicht dazugehört und der aber trotzdem alle Zügel in der Hand hält. Oder ist vielleicht einer der Kandidaten tatsächlich ein Krimineller, der den Toten auf dem Gewissen hat?

Natürlich ist die Geschichte noch wesentlich vielschichtiger, allein die verschiedenen Figuren sind so wunderschön ausgearbeitet, dass es bei einigen wirklich wehtut, dass sie den Schauplatz der Handlung so schnell wieder verlassen. Auch Veras Hintergründe erlebt man intensiv mit, genau wie die kleine, zarte Liebesgeschichte, die zwischen ihr und einem der Kandidaten aufkeimt, die sich am Ende aber einer harten Bewährungsprobe unterziehen muss. Der Charakter Vera entfaltet sich allerdings langsam, sie gibt sich selbst vor den anderen, aber auch vor dem Leser verschlossen und geheimnisvoll, bis sie sich irgendwann mit einem Feuerwerk der geschriebenen Wörter der Gruppe öffnet (jedoch ohne dabei auch nur ein Wort zu sagen); passend zu den Emotionen und Gedanken, die sich im Laufe der Geschichte hochschaukeln, löst das die perfekte Gänsehaut aus.

Die Charaktere sind für ihr Alter größtenteils sehr erwachsen, einige wenige tragen noch die letzten Spuren der Pubertät aus, aber so unterschiedlich sie in ihrem Wesen sind, so verschieden sind sie auch in der Entwicklung, auch das hat Isabel Abedi mit ihrem untrüglichen Gefühl für Figuren perfekt ausgearbeitet. Abgesehen natürlich von der bombastischen Handlung, dem Schauplatz des trügerischen Paradieses und der allgegenwärtigen Beklemmung, die die unsichtbaren Kameras auslösen. Stimmungen zu erzeugen war schon in den letzten Büchern das Spezialgebiet der Autorin, davon kann man sich in Whisper überzeugen, das sie vor einigen Jahren veröffentlicht hat, und das hat sie in Isola perfektionert.

Text Copyright Anna Selina Sander 2007
Cover Copyright Arena Verlag 

 
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