Walter Moers: Der Schrecksenmeister (2007)
Verlag: Piper Verlag ISBN: 3492049370 Preis: € 22,90 Der Schrecksenmeister bei Amazon.de Jeder Buchling in den Katakomben von Buchheim kennt Gofid Letterkerls kulinarisches Märchen von Echo, dem Krätzchen. Leider nur war die Sprache nach einigen Jahrhunderten nach Hildegunst von Mythenmetz’, dem zamonischen Dichterfürsten, Meinung „sperrig wie ein Eichenschrank“, und so beschloss der aufstrebende Literat, seinen Lieblings-Letterkerl neu zu erzählen – und ihm auch gleich einen reißerischen Titel zu geben. Und da Walter Moers immer bemüht ist, auch uns die Klassiker der zamonischen Hochliteratur näher zu bringen, hat er in mühevoller und jahrelanger Arbeit dieses zentrale Werk aus Letterkerls / Mythenmetz' Schaffen ins Deutsche übertragen. Die Geschichte von der Kratze Echo – eine Kratze ist einer Katze gar nicht mal so unähnlich, außer dass sie alle Sprachen sofort versteht und auch sprechen kann und zwei Lebern hat – und Succubius Eißpin, dem sehr Schrecklichen, spielt in Sledwaya, dem krankesten Ort von ganz Zamonien. Hier sind sogar Straßen und Plätze nach Krankheiten benannt und man begrüßt sich mit einem matten „Ohwehohweh“ und verabschiedet sich mit einem wenig hoffnungsfrohen „Gute Besserung“. Allenorten hört man ein Husten, Röcheln oder Schniefen und der Geruch von Eiter und Durchfall, schlicht von Krankheit liegt in der Luft. Die einzigen lukrativen Berufe sind Mediziner oder Apotheker. Doch nicht nur unter dieser grundsätzlich ungesunden Stimmung haben die Einwohner von Sledwaya zu leiden, sondern auch unter der Herrschaft von Eißpin, dem Schrecksenmeister, der vor allem die Schrecksen Sledwayas mit immer neuen Regulierungen und Verboten malträtiert. Durch die dunklen Gassen von Sledwaya schleppt sich die halbverhungerte Hauskratze Echo, deren altes Frauchen vor kurzem verstorben ist. Auf sich alleine gestellt, muss Echo nicht nur den wilden Hunden entkommen. Will er nicht sterben, braucht er etwas zu fressen, um jeden Preis. So dauert es nicht lange, bis er mit Eißpin einen wahrhaft faustischen Pakt schließt, der auch einem Mephisto würdig gewesen wäre: Eißpin füttert Echo bis zum nächsten Vollmond, dem Schrecksenmond, mit allerlei Leckerbissen und kulinarischen Hochgenüssen und weiht ihn in die Kunst der Alchimie ein. Dafür darf er beim Schrecksenmond Echo töten und sein Fett auskochen. Kratzenfett ist eine der seltensten und begehrtesten Zutaten in der zamonischen Alchimie, doch ist es nur dann wirksam, wenn es im Einvernehmen mit der Kratze gewonnen wird. Um dem voreiligen Tod zu entgehen, schlägt Echo in den Handel ein. Ein Monat angefüllt mit Feinschmeckerküche wiegt doch schwerer, als der sofortige Hungertod auf den Straßen von Sledwaya.
Und wirklich, was seine Kochkünste angeht, hatte der Schrecksenmeister nicht gelogen. Echo schwelgt in safranisierter Tomatenessenz, unsichtbarem Kaviar vom Tarnkappenstör, Bienenbrot mit dem Honig von Dämonenbienen, einem Milchsee und Knilschbrömen. Und obendrein gibt es Kratzenminze, so viel Echos kleines Herz begehrt. Und nicht nur das. Einige der Gänge sind metamorphose Mahlzeiten, die eine Halluzination über das Tier oder die Pflanze auslösen, von der die Zutaten stammen. So fliegt Echo einmal mit den Ledermäusen auf nächtliche Jagd und findet sich ein anderes Mal unter den Dämonenbienen wieder, die Gnorkx, der im Übrigen sehr groß ist, anbeten. Und auch Echos alchimistische Ausbildung lässt nichts zu wünschen übrig. Er lernt, wie ein jeder Alchimieschüler, zunächst, wie man Gespenster kocht, um schließlich von Eißpin in die hohe Kunst der Fettgewinnung und -konservierung eingeweiht zu werden. Und Echo wird derweil immer fetter und fetter und der Schrecksenmond rückt näher und näher. Höchste Zeit, so meint auch Echos neuer Freund Fjodor F. Fjodor, der einäugige Schuhu, aus dem Vertrag mit Eißpin auszusteigen. Fjodor rät ihm, dazu die Hilfe von Izanuela, der letzten Schreckse von Sledwaya, in Anspruch zu nehmen. Und die hilft, wenn auch nach anfänglichem Zögern, gerne, denn heimlich ist sie in Eißpin verliebt. Doch was weiß ein Schrecksenmeister schon von der Liebe! So einiges, denn Eißpin erzählt Echo eine traurige Liebesgeschichte. Und Echo erkennt bald darin Eißpins eigene Geschichte – und in der Angebeteten Floria von Eisenstadt sein verstorbenes Frauchen. Der Schrecksenmond bricht an und Echos letztes Stündchen soll schlagen. Doch dann ist auch noch das Grab von Echos Frauchen auf dem Friedhof im Unkenwald leer. Echo dämmert langsam, wofür Eißpin sein Fett wirklich braucht…
Moers’ Schrecksenmeister ist tatsächlich eine Nacherzählung, und zwar von Gottfried Kellers Novelle Spiegel, das Kätzchen. Moers übernimmt dabei praktisch die Grundhandlung von Keller – der Kater Spiegel schließt mit dem Hexenmeister Pineiß einen Vertrag, dass dieser den nach dem Tod seines Frauchens halbverhungerten Spiegel einen Monat lang durchfüttert und dann dafür sein Fett auskochen darf – mischt aber noch ordentlich mit Anleihen bei Goethes Faust und Motiven aus Dracula und Frankenstein. Auch wie Kratze und Katze zu ihren Namen kommen, ist identisch: Spiegel wird von seinem Frauchen so genannt, weil diese glaubt, ihre Gefühle im Verhalten der Katze wieder zu erkennen. Echo erhält seinen Namen, weil er die Worte von Floria wiederholt. Auch einen Heiratshandel zwischen einer Hexe und dem Hexenmeister hat Moers übernommen, sowie Spiegels Freundschaft mit einer Eule, die im Schrecksenmeister als Echos Freund Fjodor auftaucht.
Wer Spiegel, das Kätzchen gelesen hat, macht sich ein Spiel daraus, diese Parallelen in Moers’ Text zu entdecken, ähnlich wie Moers den Leser in Die Stadt der Träumenden Bücher auf die Jagd nach den Anagrammen von Autoren schickte. Doch auch wer Kellers Novelle nicht kennt, wird auf der Metaebene von Moers auf’s Vortrefflichste unterhalten, und zwar durch die Suche nach Anleihen bei Faust und der klassischen Gruselliteratur. Manchmal natürlich findet man diese recht schnell, etwa wenn Moers Verse aus Faust, Der Zauberlehrling oder Schillers Glocke leicht abgewandelt als alchimistische oder schrecksimistische Zaubersprüche verwendet.
Unheimlicher ist er, der neue Moers. Aber wie immer versteht er es, den Leser auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle zu schicken. Da ist man mit Echo gerade noch entsetzt darüber, dass Echo fürchtet, seinen besten Freund verspeist zu haben. Doch gleich darauf begibt man sich mit der Kratze auf die unglaubliche metamorphose Reise zu den Dämonenbienen. Gekonnt löst Moers auch so die unheimlichsten und schaurigsten Momente in unglaubliches Staunen über seine phantasievollen Einfälle. In einem Nachwort entschuldigt Moers sich auch für die lange Wartezeit – denn die Übersetzung sei dieses Mal äußerst schwierig gewesen. Der Schrecksenmeister, so Moers, ist Mythenmetz’ Roman mit den meisten Mythenmetz’schen Abschweifungen, die sich aber allesamt mit den realen und eingebildeten Zipperlein des Autors befassen und so den Lesefluss erheblich behindern. Und so musste das Werk, nach diversen Wutausbrüchen und Verzweiflungsattacken, erst einmal um sämtliche Abschweifungen – und damit um 700 Seiten – gekürzt werden. Den Liebhabern zamonischer Literatur – und von Katzen – sei Der Schrecksenmeister wärmstens empfohlen. Allenthalben hört man zwar Klagen darüber, dass es leider kein zweites Stadt der Träumenden Bücher sei, aber Moers erwartet bei jedem seiner Zamonien-Romanen, dass sich der Leser auf etwas völlig Neues und Anderes einlässt. Ich kann deshalb nicht sagen, ob Der Schreckseinmeister besser oder schlechter ist als der Vorgänger. Er ist schlicht – anders. Aber das muss ja nichts Schlimmes sein. Übrigens hat Moers anlässlich der Veröffentlichung seines neuen Romans eines seiner seltenen Interviews gegeben. Zum Nachlesen auch sehr empfohlen! Am 23. August erschien in Die Zeit ein offener Brief Moers’ an Mythenmetz mit dem Titel Stellen Sie sich, Herr von Mythenmetz!, worauf Anfang Oktober auf der Internetseite der FAZ ein Streitgespräch zwischen Moers und Mythenmetz unter dem Titel Natürlich bleibt Ihr Buch ein Schmarrn zu lesen war. Text Copyright Bettina Herbig 2007 Cover Copyright Piper Verlag |