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System: PS3
USA (2007), Director: Julian Eggebrecht, Story: Julian Eggebrecht, Sean O'Keefe, Will Staples, Special Effects: Tamer Eldib, Musik: John Debney Entwickler: Factor 5 Erschienen bei: Sony Preis: ca. 65 € Lair bei Amazon.de   Erinnern ihr euch an Peter Jacksons Herr der Ringe-Filme? Da gab es den Hexenkönig von Angmar, einen gar üblen Gesellen. Der war böse, hatte kein Gesicht und wir sind uns ziemlich sicher, dass er auch nicht sonderlich angenehm roch. Aber um eines, da haben wir ihn doch alle beneidet: Seinen schicken Drachen, auf dessen Rücken er über Mittelerde preschen konnte um arglose Hobbits in Angst und Schrecken zu versetzen. So böse könnt ihr in Factor 5s "Lair" zwar nicht sein, trotzdem kann auch der Drache von Protagonist Rohn so einige tolle Kunststückchen und ist zudem ziemlich wehrhaft. Kein Wunder, gehört Rohn doch zu Sky Guard, der Elite der Armee von Asylia. Die Asylianer teilen sich ihre Welt mit den Mokai. Während erstere in einer recht typisch mittelalterlichen, religiös allerdings arg fanatischen Gesellschaft leben sind die Mokai Tüftler, Ingenieure und Erfinder die den Asylianern eigentlich technisch weit voraus sind. Allerdings haben beide Völker das gleiche Problem: Zahlreiche Vulkane haben sich vor vielen Jahren geöffnet und zerstören nicht nur wertvolles Land, sondern schädigen auch die Umwelt – so haben beide Parteien Probleme mit schwindenden Ressourcen und Nahrungsmitteln. Und eben dieser Streit führt schließlich zum Krieg, Verhandlungen über einen Waffenstillstand werden von religiösen Fanatikern aus Asylia sabotiert. Allerdings weiß nur Rohn davon und ehe er sich versieht muss er sich selbst fragen, welche Rolle er in dem immer weiter eskalierenden Krieg spielen soll.
Die Rolle die Lair für die PS3 spielen sollte ist dagegen klar – Lair, das sollte die Killer-Application sein für die PS3-Besitzer ihren Stammhändler belagern und für die unentschlossene bereitwillig 400 bis 500 Euro für die Konsole über den Ladentisch wandern lassen. Und mit Factor 5 hatte Sony da im Prinzip auch das richtige Team am Start, sind die Exildeutschen doch absolute Experten wenn es um üppige Inszenierung und das gnadenlose Ausreizen von Hardware geht. Und das hat Factor 5 teilweise auch wirklich ordentlich gemacht. In manchen Levels strotzt die Umgebung nur so vor Details und Effekten, die zugegebenermaßen arg Herr der Ringe-inspirierte Art-Direction glänzt mit tollen Designs bei Figuren, Drachen und Gebäuden. Leider ist das Niveau aber nicht in allen Levels gleich hoch – die Framerate geht gerne mal in die Knie, auch die Kamera ist nicht vor Problemen gefeit. Überhaupt scheint der eigentlich exzellenten Grafik an einigen Ecken der letzte Feinschliff zu fehlen, die Todesanimation wenn Rohn die Energie ausgeht und er von seinem Drachen fällt wirkt fast schon peinlich steif und ungelenk... Und das weißt uns direkt auf das größte Problem von Lair hin: Auch wenn es schon mehrfach verschoben wurde, hätte dem Drachenritt auch eine weitere verschiebung noch einmal gut getan - die Zeit hätte Factor 5 nutzen können, um ein paar der gröberen Schnitzer wie die bereits erwähnte Todesanimation, aber auch andere Probleme wie den legendär nutzlosen Radar zu beheben und dem ganzen Spiel noch einmal eine ordentliche Portion Feinschliff zu verpassen. Denn so wirkt Lair zwar üppig und groß und auf dem richtigen Bild und Ton-Equipment auch über alle Massen eindrucksvoll, aber einen rauen, oft nur etwas halbfertigen Eindruck hinterlässt das Spiel dennoch.
Die Missionsstruktur von Lair ist ähnlich wie bei Factor 5s Star Wars-Spielen auf dem Gamecube – meist ändert sich die Aufgabe mehrmals innerhalb eines Szenarios. Bei Lair sieht das dann so aus: Eure Armee und die Mokai-Truppen stehen sich auf einer Brücke gegenüber. Mittendrin das Orakel der Asylianer. Das gilt es zunächst zu retten. Also schnell zur betreffenden Stelle geflogen, den Rest erledigt Ihr Drache automatisch. Weiter geht’s – der Gegner soll dezimiert werden. Also preschen wir flott in die feindliche Armee und mischen das Geschmeiß auf – ein paar werden geröstet, ein paar zertreten, ein paar verleibt sich der Drache ein: Mokai scheint zu schmecken und bringt sogar etwas Lebensenergie. Aber es gibt keine Zeit zu verlieren: Dunkle Drachen greifen Ihre Truppen an. Gegen ihr Feuer sind die dummerweise immun, denen kommen Sie nur im Nahkampf bei. Sind die dunklen Drachen unschädlich gemacht setzen die Mokai plötzlich wilde Kampfbullen ein: Sie sollen die Untiere mit dem Drachen greifen und von der Brücke werfen... man sieht, ein Tag im Leben eines Drachenreiters ist voller Überraschungen. Was hier allerdings recht linear und logisch klingt sieht im Spiel oft etwas anders aus: Dort regiert oft die Hektik! Viele Aufgaben haben ein unsichtbares Zeitlimit und wenn Sie nicht gerade von einem Ende der Brücke zum anderen fliegen, fragt ihr euch meist wo ihr seid, wo der Gegner ist und was da eigentlich alles um euch herum passiert. Der Radarpfeil zeigt zwar grob auf das nächste Ziel, ist aber viel zu ungenau, als das man sich auf ihn verlassen könnte und verschwindet zudem gelegentlich einfach mal wenn man ihn am meisten brauchen würde. So werdet ihr die meisten Missionen mehrfach angehen müssen bis ihr endlich wisst, was ihr wann an welcher Stelle tun sollt – das kann man sicherlich besser lösen.
Ohne Zweifel das umstrittenste Element von Lair ist die Steuerung - überraschenderweise hatten wir mit der aber weniger Probleme! Klar, auch wir können die störrische Designentscheidung, dem Spieler keine alternative Analogstick-Steuerung zur Sixaxis-Kontrolle zu bieten nicht nachvollziehen, nach einer gewissen Einspielzeit konnten wir unseren Drachen aber dennoch ganz ordentlich durch die Missionen lenken. Gut, das Vieh hat den Wendekreis eines ausgewachsenen Doppeldeckerbusses, ist dafür aber auch intelligenter als der durchschnittliche X-Wing, hat er doch nicht nur eine recht praktische automatische Zielerfassung, sondern auch genügend Grips, um selbstständig auszuweichen, wenn der Spieler mal wieder direkt auf einen Pfeiler oder ein anderes Hindernis zurast. Allerdings hat Rohns treues Reittier andere Macken und Probleme: Für eine schnelle 180°-Drehung müsst ihr den Controller nach hinten ziehen – was beispielsweise bei Game Republics Folklore tadellos funktioniert erweist sich bei Lair als durchaus problematisch: Manchmal wird die Bewegung gar nicht erkannt, manchmal als Bewegung in die entgegengesetzte Richtung interpretiert was einen kurzen Geschwindigkeitsboost zu Folge hat. Gelegentlich wird die Bewegung zu spät umgesetzt – so spät, dass der Spieler es bereits zum zweiten Mal versucht und gleich zwei scharfe Kurven ausführt. Bitte nicht missverstehen – oft genug funktioniert das Manöver, aber stellt euch einmal vor, ihr spielt Super Mario Galaxy (oder noch besser: stellt es euch nicht nur vor, tut es einfach!) und euer Klempner springt bei zwei von zehn Versuchen einfach nicht... nun, ideal ist das nicht unbedingt. Vielleicht ist das aber gar gewollt - immerhin steuert ihr ja nicht den Drachen direkt, sondern Rohn der auf seinem schuppigen Rücken sitzt und die Zügel führt - und als Lebewesen hat der Drache eben auch seine Macken und setzt nicht jede Lenkbewegung direkt 1:1 um. Unter diesem Gesichtspunkt können wir uns mit der nicht immer glücklichen Kontrolle schon eher arrangieren, mehr Spaß machts dadurch aber natürlich auch nicht. Lair ist ein seltsames Spiel. Mal machts durchaus Spaß, mal möchte man den Controller an die Wand werfen, mal möchte man die Entwickler Ohrfeigen und sie fragen, wie man trotz soviel Erfahrung solche Fehler begehen kann. Aber eines können wir mit Sicherheit sagen: Den Spielspaß, den ihr aus Lair ziehen werden hängt direkt mit dem Equipment zusammen, auf dem ihr das Spiel laufen lasst: Wer seinen Drachen über einen normalen SD-Fernseher und ohne üppige Sound-Anlage besteigt, den springen die Fehler sofort ins Gesicht. Wer dagegen mit dickem HD-Fernseher, oder besser noch einem ordentlichen Projektor unterwegs ist und sich den Donnersound aus fünf Richtungen ins Ohr blasen lässt, der taucht viel tiefer in Rohns Welt ein und wird vom audiovisuellen Spektakel meist recht ordentlich von den spielerischen Defiziten abgelenkt. Spielspaß-Puristen mag das zurecht verwerflich erscheinen, aber wenn wir einen Blick ins Kino werfen, läufts da ja eigentlich genauso: Der neue Bruckheimer läuft auf seiner 800 Meter-Leinwand und brüllendem Donnersound äußerst erfolgreich, erst auf dem normalen Fernseher wird dem Zuschauer klar, mit welchem Bullshit er da eigentlich abgespeist wird. Und ähnlich, wenn auch nicht ganz so schlimm ist es mit Lair - könnt ihr mit spielerischen Defiziten leben und seid ihr vor allem auf eine audiovisuelle Tour-de-Force aus, dann ist Lair vielleicht durchaus etwas für euch. Probespielen solltet ihr aber dennoch erstmal. Text Copyright 2007 Thomas Nickel Screenshots Copyright Factor 5 |