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Gorilla des Monats

bernie 
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Yentown - Swallowtail Butterfly
yentownJapan (1996)

Buch:  Shunji Iwai, Regie: Shunji Iwai, Kamera: Noboru Shinoda, Musik:  Takeshi Kobayashi,  mit: Hiroshi Mikami, Chara, Ayumi Ito, Yosuke Eguchi, Andy Hui Chi-On
Originaltitel: Swallowtail Butterfly

Erschienen bei: Rapid Eye Movies
Preis: ca. 19 € Yentown- Swallowtail Butterfly bei Amazon.de

In Asien ob eindrucksvoller Beweise seines Könnens wie Love Letter oder Shigatsu Monogatari (April Story) zur Stilikone einer ganzen Generation von Filmschaffenden aufgestiegen, darf Shunji Iwai hierzulande eher als Geheimtipp gelten. Die „lobende Erwähnung“, eine Auszeichnung des Internationalen Verbands der Filmkunsttheater (C.I.C.A.E) für seinen Film All About Lily Chou Chou auf der Berlinale 2001 verklang ohne jeden Nachhall.
Erst im November 2006 ist mit Yentown - Swallowtail Butterfly Rapid Eye Movies sei dank immerhin eines der ambitioniertesten Werke aus dem vielseitigen Oeuvre Iwais in hiesige Gefilde gelangt. Höchste Zeit also, den Gorilla endlich aus dem Frachtraum zu lassen, und ein wenig Erleuchtung zu stiften. Vorhang auf.

"Once upon a time, when the yen was the most powerful force in the world, the city overflowed with immigrants, like a gold rush boom town. They came in search of yen, snatching up yen. And the immigrants called the city Yentown. But the Japanese hated that name. So they referred to those yen thieves as Yentowns. It's a bit puzzling, but "Yentown" meant both the city and the outcasts. If they worked hard, earned a pocketful of yen, and returned home, they were rich men. It sounds like a fairy tale, but it was a paradise of yen, "Yentown". And this is the story of Yentowns in Yentown."

Mit diesen Worten, von einer heiseren Mädchenstimme aus dem Off zur Ansicht einer trostlosen Siedlung von Hafenbarracken stimmig vorgetragen, beginnt die epische Geschichte vom Schicksal jener Yentowns, einer Gruppe sozialer Außenseiter verschiedener Herkunft und Rasse, die sich auf der Suche nach Glück, Geld und Freiheit von einem Tag in den Nächsten durchschlagen müssen.

Im Zentrum steht dabei ein zunächst namenloses Mädchen, das nach dem Verlust ihrer Mutter zwischen den desolaten Haushalten Yentowns hin und her geschoben wird, bis die durchsetzungsstarke, warmherzige chinesische Prostituierte Glico sie unter ihre Fittiche nimmt. Zunächst will sie die Kleine in ihr scheinbar einträgliches Gewerbe einführen, muss dann jedoch erkennen, dass Ageha („Schmetterling“, wie sie getauft wird) für dieses raue Gewerbe nicht über die nötige Abgebrühtheit verfügt. Ageha findet erste Geborgenheit in Glicos Clique, die ihr Tagbrot mit einer wüsten Schrottplatzwerkstatt namens Aozora („blauer Himmel“) im Ödland weit außerhalb Tokios verdienen, wo sie Autos reparieren, deren Reifen sie zuvor dreist aus dem Hinterhalt zerschießen.

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Dort hat der sympathische und gewiefte Tagedieb Feihong das Sagen; er, Glico, und der in Tokio gestrandete schwarze Hüne Arrow werden rasch zu einer Art Ersatzfamilie für Ageha. Schnell gewöhnt sie sich an die Nestwärme der Feiern am Lagerfeuer in der Wüste, bei denen Glico die Yentowns mit sentimentalen Weisen aus ihrem Heimatland verzaubert, und das schmuddelige WG-Leben in Tokios Slums, bis Arrow eines Nachts einen Gangster zerstört, als dieser Glico auf die Pelle rückt. Beim Verscharren des Toten findet sich groteskerweise in dessen Eingeweiden ein Tonband, auf dem neben Frank Sinatras „My Way“ auch noch notwendige Daten zur Vervielfältigung von 1000-Yen-Noten aufgespielt sind. Nach einigen gewagten Geldwechselaktionen, bei denen sich dank „My Way“ der Einsatz jeweils verzehnfacht, beschließt die Gruppe, Feihongs Vision von einem eigenen Rockschuppen zu folgen – inklusive Live-Performances einer spontan gecasteten, aus Gaijin („Ausländern“) zusammengeflickten Band, die sich dementsprechend „The Yentown Band“ tauft. Glicos bezaubernde Stimme entfaltet selbst durch den Filter der Rockröhre ihre magische Wirkung, der Club entwickelt sich zu einer profitablen Einnahmequelle für alle Beteiligten, und so werfen sie sich ins mitreißende Lebensgefühl des Rock 'n' Roll.

Doch als sich für Glico die Chance bietet, eine chartkonforme Berühmtheit bei einem Großlabel zu werden – wofür sie ihre Wurzeln verraten und die japanische Staatsbürgerschaft annehmen müsste - zerbirst die Gemeinschaft, die für Ageha so wichtig geworden war.
Als schließlich noch der berüchtigtste Gangster Yentowns, der kaltblütige Ryu Rianki seine Klauen nach dem „My Way“-Tape ausstreckt, kommt es nach und nach zu einer Zuspitzung der Situation, in deren Verlauf – soviel sei verraten - der Zuschauer mit zahlreichen überraschenden Ereignissen und Entwicklungen der Figuren konfrontiert wird…

Trotz des etwas fransigen Plots gehört Yentown ohne jeden Zweifel zu jenen seltenen Juwelen, in denen sich die ungebändigte Kreativität des Regisseurs in den schillerndsten Spektren zu brechen vermag. Der Film macht zu keinem Zeitpunkt einen Hehl aus seinem avantgardistischen Anspruch und verwebt souverän eine Vielzahl von Genres und Motiven in seiner famos dichten Bildsprache. Dabei gelingt es Iwai, stilistisch interessante Spitzfindigkeiten nie zum bloßen Accessoire verkommen zu lassen. So ist z.B. der Film selbst im japanischen Original untertitelt, was daran liegt, dass die Figuren ständig englisch oder chinesisch, oft sogar ein Mischmasch aus allen drei Sprachen sprechen. Da die Figuren des Films jedoch tatsächlich alle Immigranten sind, erzeugt dies trotz der offensichtlichen Konstruiertheit der Geschichte erfolgreich den Eindruck von Authentizität; durch den lockeren Einsatz der Handkamera wird die Unmittelbarkeit des Geschehens weiter verstärkt.
Andererseits wird ein rein pseudodokumentarischer Stil vermieden, indem sich mit Filtern aller Couleur das Hauptaugenmerk auf eine atmosphärische, fiktionalisierte Darstellung verschiebt. Die Sprachenvielfalt ist kein Gimmick, sondern verdeutlicht die besondere Identität der Yentowns. Zum einen haben sie außer der Suche nach Geld zumindest hinsichtlich ihrer Sitten und Bräuche nichts gemein. Andererseits sind sie vor allem kein Teil der japanischen Bourgeoisie, deren Zusammenhalt eigentlich nur nach außen in einer öffentlichen Polizei sichtbar wird, die folgerichtig bloß des Japanischen mächtig ist.

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Aber auch auf der Ebene einzelner Charaktere wird der Umgang mit Sprache identitätsstiftend, wie leicht anhand zweier Beispielszenen nachvollzogen werden kann. Da ist zum einen Glico, die sich ihrer Kindheit erinnert, wenn sie chinesische Lieder singt, und gleichzeitig ihren weichen Kern gegenüber der Clique ausschließlich in diesen Momenten zugibt – was ihre Zuhörer spüren und sie verzaubert.
Oder nehmen wir die Figur der Ageha, die am Anfang des Films behauptet, keinen Namen zu haben, und der Glico diesen Namen gibt, als Geste, sich ihrer fortan anzunehmen. Der Name beinhaltet bereits das Versprechen, das Glico ihr gibt: Sie würde sich eines Tages von einer Raupe in einen Schmetterling, den „Ageha“ verwandeln. Zu jung für ein Tattoo, zeichnet sie Ageha in dieser Szene eine Raupe auf den noch zarten Busen. Am Ende des Films wird Ageha die Metamorphose abschließen, wenn sie sich an die vormalige Stelle der Raupe einen Schmetterling auftätowieren lässt. Auch ihre Sprachlosigkeit wird dann längst verschwunden sein. Dann nämlich, wenn sie als Chinesin der zweiten Generation dem inhaftierten Feihong Trost spenden will und beginnt, von ihm chinesisch zu lernen – obwohl sie ironischerweise ja Chinesin ist. Das Motiv des Schmetterlings wird darüber hinaus häufiger mit den Entwicklungsstationen Agehas in Verbindung gebracht und bleibt nicht auf den Gag mit dem Tattoo reduzierbar.

Ähnlich durchkomponiert ist das Rock 'n' Roll – Motiv, das nicht nur durch die bewusst schlampige MTV-Ästhetik der frühen 90er visualisiert wird - grelles Gegenlicht inklusive -, sondern erst den Raum schafft, in dem die grundverschieden exotischen Außenseiter Tokios (inklusive einem Westler, der aber nur Japanisch, kein Englisch spricht) einen gemeinsamen ästhetischen Ausdruck finden, mit dem sie sich auch identifizieren. Es ist die konsequente Weiterführung, gleichsam entfesselte Variante des Lagerfeuers der Aozora-Clique in der ersten Filmhälfte, wo jedoch noch ein Gesang aus der alten Heimat erklungen war. Hier ist es die rockig-trotzige Variante von „My Way“, des Songs, der neben der Metapher für den Eigensinn der Yentowns auch indirekt den Zugriff aufs Pekuniäre ermöglicht hatte, oder besser: Die Befreiung davon.

Denn es ist immer die Gier nach dem Geld, die sich an der Bruchnaht der Gesellschaft entlang zieht und zum Element der Zerstörung wird. Sei es der Yentownpate Ryu Rianki, der sich beinahe um seine Familie und sein Leben bringt, wenn er „My Way“ nachjagt, also sinnbildlich den Anderen Leben und Freiheit zum Ausdruck in seiner egoistischen Gier raubt; oder seien es die Freundinnen von Agehas Mutter um deren Leiche zu Beginn des Films, die vor den Behörden verheimlichen, die Tote gekannt zu haben, aus Angst, für die Bestattung finanzieren zu müssen.
In einer der einprägsamsten Szenen des Films wird deshalb inmitten des Ödlands nach Feihongs Tod diesem als Brandopfer ein Bündel Geld nachgeworfen – ein gegenüber sozialer Bindung entbehrliches, und doch (vielleicht selbst im Jenseits) zur Selbstverwirklichung essentielles Gut. So tief ist der Fetisch des Geldes im Bewusstsein des Individuums in Yentown - Swallowtail Butterfly. Es sind solche Ambivalenzen, die der Film auf allen Ebenen, stilistisch wie in der Figurenzeichnung durchhält, und die ihm manchmal Weisheit, stets aber Poesie verleihen.

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Stilistischer Zweiklang von Authentizität und Fiktionalisierung, thematische Ambivalenz, sie sind der Kitt jedes mitreißenden Epos und finden sich ebenfalls auf die Figurenwelt des Films gespiegelt. Vor allem Nebenfiguren werden bewusst als Karikatur erkennbar gehalten, indem diese sich an - teilweise genuin japanischen - Stereotypen orientieren. Dadurch gewinnt der Film zusätzlichen Schwung und vermeidet es, im bedeutungsschwangeren Existenzialismus stecken zu bleiben. Als Beispiel ist hier einmal der hünenhafte, und doch kindliche Schwarze mit dem prägnanten Namen „Arrow“ anzuführen, der stets von Muhammad Ali schwärmt und Ageha das Boxen beibringen will, aber kein Blut sehen kann. So stark ist er, dass er zuweilen ungeschickt die Kontrolle über seine Kraft verliert, andererseits angesichts der Geräuschkulisse einer Baustelle sich mit den dazugehörigen Arbeitern lautstark anlegt, weil er ausschlafen will. Kaum gelingt es ihm, die weiche Seite verstecken, benimmt er sich doch wieder naiv wie ein Junge – solche Figuren kennt der Freund japanischer Popkultur aus zig Mangas, und gut könnte Arrow das Vorbild für „Bullet“ aus Final Fantasy 7 gewesen sein.
Auch der nicht aus der Ruhe zu bringende Anführer der Rebellen bei Aozora, dem nicht einmal dann ein Zucken zu entlocken ist, wenn ihm ca. 30 bis an die Zähne bewaffnete Gangster in bester Western-Manier aufgereiht am Horizont in der Wüste gegenüberstehen, ist wohl ein bewusstes Zitat schweigsamer Helden, wie sie ikonisch von Henry Fonda dargestellt wurden und auch ihre Entsprechung im Samuraifilm haben.
Dazu sind die meisten der Schauspieler optimal gecastet – vor allem die Sängerin Chara, neben diesem Werk auch in Iwais kurzem Ästhetikexperiment Picnic zu bewundern, bleibt mit ihrer rotzigen Art im Gedächtnis haften.

Wie fasst man nun all diese Facetten präzise zusammen? Versuchen wir es mal so:
Yentown ist ein hippes, grungiges, fransiges Epos, ein eklektisch-nachdenklicher Rockroman, der Sozialdrama, Gangsterfilm und Initiationsmovie verschmilzt, und der existentialistischen Sehnsucht nach Nestwärme und Selbstentfaltung in einer konsumkalten, hyperindividualisierten Urban-Moderne kraftvolle Bilder schenkt.
Trotz kleinerer Schwächen im Rhythmus, des zuweilen unübersichtlichen Plot und der Überlänge sollte sich jeder, der sich von der Textwand oben auch nur im geringsten angesprochen fühlt, auf diesen Höllenritt einlassen– das heißt, ihn nicht schnöde ansehen, sondern sich von der Wucht dieses Spielfilms inspirieren lassen und – wie formuliert Lynch das immer? Ah ja: ihn erleben.

Oder der Gorilla soll ihn holen.

Text Copyright Matthias Kemmer 2007
Bilder Copyright Rapid Eye Movies

 
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