Gorilla des Monats

hairilla
Home arrow Comics arrow Whiteout
Whiteout
whiteAutor: Greg Rucka, Artwork: Steve Lieber, Übersetzung: Stefan Pannor, Lettering: Dirk Lenz / AMIGO Grafik

Erschienen bei: Cross Cult
ISBN: 393648080X
Preis: 16 € Whiteout bei Amazon.de

Wer in diesem Moment am Ende des zweiten Kapitels von Whiteout einfach nur eine spannende Actionszene sehen will, kann das gerne tun, aber hier passiert so viel mehr als reine Handlung: ein heftiger Eissturm fegt da durch eine Forschungsstation in der Antarktis. Das Schneegestöber ist so dicht, dass selbst die eigene Hand vor Augen unter den wirbelnden Partikeln zu verschwinden scheint. Der Wind bläst zugleich derart heftig, dass er einen einzelnen Menschen problemlos davontragen könnte. Keine sonderlich gute Idee also, bei solch mörderischer Witterung die gut beheizte Wellblechhütte zu verlassen. An einem Stahlseil, das in Kniehöhe zwischen den Häusern der Station gespannt ist, hängt trotzdem eine vermummte Gestalt, und nur eine kurze Sicherheitsleine trennt sie vom nahezu sicheren Tod. Aus der weiten Einöde der Arktis wird so ein ganz enger Ort, definiert von zwei Leinen, die kreisrund den Grundriss eines Gefängnisses beschreiben, oder besser: einer Falle. So wie für Carrie Stetko an dieser Leine wird die ganze Welt von Whiteout für die Figuren im Verlauf der Handlung immer bedrohlicher und klaustrophobischer. Draußen wartet immer der Tod; so auch jetzt. Eine zweite Person wird für einen kurzen Augenblick sichtbar, sprintet zu dem Stahlseil – und kappt es mit einem Messer.

whitewhite

Das ist ein äußerst spannender, vielleicht der zentrale Moment in Greg Ruckas und Steve Liebers Whiteout, der mittlerweile schon zum Klassiker gewordenen Oni Press-Miniserie von 1998, die jetzt bei Cross Cult in einem Sammelband auf Deutsch erschienen ist. Zu diesem Cliffhanger am Ende des zweiten Kapitels, der die Protagonistin Carrie Stetko im blendend weißen Schneesturm („Whiteout“) hinterlässt, ohne Gesichtsschutz und ohne Orientierung, hat ein von Rucka ohne jeden Zweifel meisterlich konstruierter Krimiplot geführt. Um den ersten Mordfall in der Antarktis überhaupt geht es da – wobei die desillusionierte Marshall Carrie Stetko kein großes Aufhebens um diese Debütvorstellung des Kapitalverbrechens im ewigen Eis macht, und auch sonst niemand von den Horden von Männern, die sie am Pol umgeben. Für Carrie ist der gesichtslose Tote im Schnee, der eines Tages gefunden wird, einfach nur a proper nuisance, eine nervige Angelegenheit, die sie noch dazu ihrem Macho-Vorgesetzten im warmen Hawaii ausliefert - man will zügig Ergebnisse sehen. Prompt brummt Ruckas sorgfältig erdachter Plot um die Aufklärung dieses Mordfalls los. Man könnte sogar von einer unaufhaltsamen plot machine sprechen:  In jedem Panel, jeder Geste, jeder Sprechblase ist ein Stück überlebenswichtiger Information enthalten, das aber weder der Leser noch Carrie auf Anhieb entziffern können. Das reicht vom Offensichtlichen wie dem Schemen am Fenster, der Marshall Stetko bei ihren Untersuchungen beobachtet, bis zur unscheinbaren Geste, bei der aber – beim zweiten Lesen fällt es sofort auf, beim ersten gar nicht – zwei Dokumente ausgetauscht werden. Rucka und Lieber geben als allwissende Erzähler auf diese Weise von Anfang an alle Geheimnisse von Whiteout preis, aber ihre Enthüllungen sind teuflisch gut versteckt.

Dass diese Art von beinahe schon konservativ-perfekter Struktur nicht altbacken oder gar unangenehm clever wirkt, ist Ruckas wunderbar nüchterner, nur auf den ersten Blick simplen Erzählhaltung zu verdanken. Der Autor wechselt beständig hin und her zwischen scheinbar objektiver Bilderzählung und kurzen Passagen, in denen Carrie (und später eine zweite Hauptfigur) in der ersten Person erzählen. Diese Quasi-voice overs importiert der bekennende Noir-Junkie Rucka aus dem hardboiled-Roman und aus der schwarzen Serie Hollywoods, aber er modernisiert sie auf perfide, anfangs kaum merkliche Weise. Während seine Figuren in den Bildern Höllenqualen durchleiden, erzählen sie im off in scheinbarer Seelenruhe Geschichten über das Leben in der Arktis. Und überraschen uns dann damit, dass die Bilder und der Text gar nicht so asynchron waren, wie wir Leser dachten - die Geschichte haben sie uns tatsächlich erzählt während sie beinahe verreckt sind. Damit offenbart sich uns die zentrale Eigenschaft aller (meist weiblichen) Protagonisten Ruckas: Ihre Ohnmacht gegenüber einer gnadenlosen, willkürlichen Welt, und ihre gleichzeitige Souveränität. Diese souveräne Ohnmacht, das Paradoxe und das Tragische an Ruckas Frauenfiguren, hat der amerikanische Autor zuvor schon in seinen Romanen entwickelt. Es kommt hier in der Comicerzählung an, ohne jedes Anfänger-Wehwehchen. Rucka ist von der ersten Seite von Whiteout an ein Comic-Meister.

whitewhite

Sicher ist Whiteout dabei auch ein nahezu makelloser Krimi. Aber der von Cross Cult toll aufbereitete Band bietet viel mehr, wenn man auf diese Weise genauer hinsieht. Es findet sich zwar immer dieser in Ansätzen schon beschriebene, beeindruckende Oberflächenrealismus und die routinierte Genre-Pflichterfüllung, die bei den Kritikern so viel Bewunderung auslösen – ersterer offenbart sich zum Beispiel in der Darstellung der materiellen Welt der Arktis-Forschungsstationen, die von Rucka und dem grandiosen Zeichner Lieber offenbar obsessiv recherchiert wurde und in einer erschlagenden Detailfülle wiedergegeben wird. Aber alles an dieser Oberfläche ist immer auch (nie explizit ausgestellte) Metapher. Die Kälte der Antarktis, das ist zuallererst einmal die Kälte der Männerwelt, aber auch die erkaltete Gefühlswelt Carries. Das mag banal klingen, wird von Rucka und Lieber aber in immer wieder neuen Situationen komplex verhandelt. Im Kern, das heißt bei all den Motiven und Themen, die dem Autor offensichtlich am Herzen liegen, ist Whiteout somit eigentlich gar kein Krimi, sondern eine Geschichte darüber, wie man mit der Kälte leben kann, besser: wie man die Kälte, der man nicht entfliehen kann, zur eigenen Heimat machen kann (oder ganz existentialistisch: sie zur eigenen Heimat machen muss).

Der einzige Ort, der für die Liebe da noch bleibt, ist das ganz dezent homoerotische Verhältnis Carries zu einer britischen Agentin. „Sie haben Eierstöcke aus Stahl, Lily“, das ist das Zärtlichste, was Carrie im ganzen Band sagt. Rucka schenkt uns in diesem hinreißenden Moment die schönste fiktionale Liebeserklärung seit Ewigkeiten. Schade, dass es fast zehn Jahre gedauert hat, bis dieser tolle Comic seinen Weg nach Deutschland gefunden hat. Schön, dass er bei Cross Cult gelandet ist, die Whiteout wie so viele andere Arbeiten zuvor makellos bearbeitet haben.

 

Text Copyright Jochen Ecke 2007
Bilder Copyright Crosscult/Oni Press/ Greg Rucka and Steve Lieber

 
< zurück   weiter >
© 2010 www.g-wie-gorilla.de
Joomla! is Free Software released under the GNU/GPL License.