System: PlayStation 2 Japan (2006), Executive Producer: Kozo Itagaki, Art Direction: Shigenori Soejima, Musik: Shoji Meguro Entwickler: Atlus Erschienen bei: Koei Preis: ca. 40 € Persona 3 bei Amazon.de
Rollenspiele Made in Japan haben zwar eine überzeugte Fangemeinde, gelten aber trotzdem als eines der stagnierendsten Genres überhaupt. Gerade die teils heftige Kritik, die Mistwalkers Blue Dragon und (etwas abgemildert) auch das neue Lost Odyssey vor allem in den USA einstecken mussten, ließ sich oft genug mit den Worten "es ist nichts neues" zusammenfassen. Jetzt soll das hier natürlich keine Diskussion über die unbedingte Notwendigkeit innovativer Spielelemente in klassischen Genrespielen werden - trotzdem muss eines gleich zu Anfang betont werden: Wer eisenhart auf Innovation schwört und nicht ohne neue Spielideen im Rollenspiel-Land leben kann, der ist hier an der exakt richtigen Adresse. Aber dafür ist die Shin Megami Tensei-Reihe ja bekannt. Aber selbst für Serien-Verhältnisse bricht Persona 3 mit mehr etablierten Regeln und Traditionen als das durchschnittliche Shin Megami Tensei-Spiel und fühlt sich auch im Vergleich zu den beiden PSone-Vorgängern tatsächlich radikal anders an. Und wer hätte es gedacht, nachdem es 2006 bereits in Japan und im letzten Jahr auch in den USA erschienen ist, schafft es Persona 3 tatsächlich noch nach Europa! Klar, die PS2 ist keine High-End-Konsole mehr, aber kaum ein Spiel zeigt deutlicher als Persona 3, dass für ein stimmungsvolles RPG-Erlebnis weder HD-Optik noch eine gefühlte Milliarde Polygone, Shader und Filter nötig sind.  
Hilfreich ist dagegen ein originelles Setting und eine interessante Story. Und hier punktet Persona 3 gewaltig. Als Schüler im zeitgenössischen Japan habt ihr viel zu tun - ihr müsst für die Schule ordentlich ranklotzen, solltet euren Freundeskreis nicht vernachlässigen, neue Leute kennenlernen, vielleicht mit einer Mitschülerin eine Romanze anfangen, den verschiedenen Clubs der Schule beitreten, vielleicht auch im Schülerrat aktiv werden und auch die Freizeit will nicht vernachlässigt werden - wie wäre es mit einer Runde Karaoke? Oder lieber einen Abend vor dem neuesten Online-Rollenspiel versacken? Ist alles möglich. Allerdings ist das nicht alles - neben dem normalen Alltagswahnsinn gibt es da noch die Dark Hour... die beginnt jede Nacht um 00:00 Uhr - dann scheint die Zeit stehen zu bleiben und alle Menschen verwandeln sich in Sarg-artige Gebilde und dort, wo eure Schule steht erscheint Tartarus - ein riesiger Turm der nur so vor Dämonen wimmelt. Während normale Menschen nichts von der Dark Hour merken, hat euer Held und ein paar seiner Freunde ein ganz besonderes Talent: Sie behalten auch zur Stunde der Dämonen ihr Bewusstsein und sind somit die einzigen, die überhaupt von der Dark Hour wissen. Und das gibt der Heldentruppe eine gewisse Verantwortung: Denn ohne dass es jemand weiß, rückt der Weltuntergang näher und näher - und ihr habt nur etwa ein Jahr Zeit, dem Geheimnis von Tartarus auf die Spur zu kommen und das Ende abzuwenden. Dadurch elcht ihr im Team nachts durch die verwinkelten Gänge des Turms. Die Monster tun allerdings das Gleiche und sobald ihr einen Gegner berührt, von ihm angegriffen werdet oder ihm selbst mit dem Schwert einen Scheitel zieht, kommt es zum rundenbasierten Kampf. Allerdings steuert ihr da nur euren Helden selbst direkt, die Mitstreiter werden von der (meist recht cleveren) künstlichen Intelligenz übernommen, Befehle könnt ihr ihnen aber trotzdem geben. So gehen die Kämpfe sehr flott von Statten, trotzdem kommt ihr ohne die richtige Taktik nicht weit - nur wenn ihr die Schwachpunkte von Feinden erkennt und diese mit entsprechenden Manövern eurerseits ausnutzt, seht ihr auf lange Sicht Land. Und hier kommen die Personas ins Spiel. Zwar könnt ihr auch selbst mit Katana, Bogen und Langschwert austeilen, richtigen Schaden richten aber eure Personas an. Und die beschwört ihr auf ganz besondere Weise: Die Figur setzt sich eine Art Pistole an die Schläfe und drückt ab - Pädagogen ringen nach Luft, der Spieler freut sich über die angenehme Kompromisslosigkeit mit der die Designer bei der Sache waren. Kompromisse werden allerdings in hohem Maße von euch verlangt: Denn wie bereits erwähnt, gilt es Schulalltag, Privatleben und nächtliche Dämonenjagd gut zu organisieren. Wenn ihr jeden Tag büffelt bis zum Umfallen, mit Freunden im Einkaufszentrum rumhängt und nachts noch Monster verhaut, ist eure Kondition bereits nach kurzer Zeit im Eimer. Daher gilt es abzuwägen. Sage ich einem guten Kumpel ab, um meine Kräfte für den Kampf zu sparen? Ratze ich eine langweilige Unterrichtsstunde durch oder folge ich aufmerksam dem Lehrer, um meine Noten zu verbessern? Wichtig ist dabei, dass ihr keines der Elemente vernachlässigt. So sind beispielsweise starke soziale Bindungen von essenzieller Wichtigkeit, wenn ihr eure Personas zu neuen, oft dramatisch stärkeren Formen verschmelzt. Und so erweist sich das Spielprinzip von Persona 3 als unheimlich vielschichtig, anspruchsvoll und perfekt ineinander verzahnt - und das ohne, dass sich das Spiel jemals wie Arbeit anfühlt. Die wichtigen Elemente werden behutsam eingeführt, der Spieler fühlt sich nie, als würde er jetzt vor einem unüberwindlichen Hinderniss stehen.  
Neben dem komplexen, aber dennoch zugänglichen Spielprinzip hat es uns vor allem die Präsentation angetan. Denn die ist extrem stilsicher ausgefallen. Technisch gesehen ist Persona 3 sicher kein Ausnahmetitel - die Szenarien kommen oft mit überraschend wenigen Polygonen aus und die Figuren sind brauchbar modelliert und animiert, gewinnen aber keine Preise. Der etwas unterkühlte Gesamtlook des Ganzen überzeugt uns aber auf der ganzen Linie - grafisch gibt sich das Spiel ebenso ungewöhnlich wie inhaltlich. Da steht natürlich auch die Akustik nicht zurück - anstelle typischer RPG-Hymnen gibt es einen angenehm poppigen Soundtrack, besondes das Titellied sticht dabei hervor - kein Wunder, dass die Erstauflage in den USA neben einem Artbook auch eine Soundtrack-CD beinhaltete. All das gibt es in der deutschen Version natürlich nicht, ebenso wenig wie deutsche Texte. Dafür kostet sie aber auch faire 40 Euro - das kann man sich dann durchaus gefallen lassen. Zu dumm, dass in den USA in kürze das Inhaltlich erweiterte Persona 3 FES erschient - und lediglich magere 30 Dollar kostet... aber internationale Preisvergleiche sind nicht zuletzt dank des Dollar-Kurses sowieso nicht ganz fair. Freuen wir uns also lieber, dass auch in Zeiten, in denen Industrie und Presse die gute, alte PS2 gerne schon als tot und begraben ansehen noch so ein Ausnahme-RPG auch in Europa erscheint. Entwickler Atlus beweißt abermals, wie stilsicher und kompetent man ohne die üblichen Klischees ein vollends überzeugendes Rollenspiel zusammenschraubt - die originelle Mischung aus Alltags-Simulation und Monstergeschlachte in zufällig generierten Dungeon-Etagen sollte kein Rollenspieler verpassen - und auch wenn ihr bereits auf PS3, XBox360 und Wii umgestiegen seid, für Persona 3 lohnt es allemal, die alte PS2 noch einmal zu entstauben. Text Copyright Thomas Nickel 2008 Bilder Copyright Atlus |