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Autor und Zeichner: Marc Hempel, Lettering: Dirk Lenz, Hartmut Klotzbücher, Übersetzung: Matthias Wieland
Erschienen bei: Cross Cult Preis: 19,80 € Gregory: Ich, Gregory! bei Amazon.de Gregory: Obenei! bei Amazon.de Gregory wird sich nie ändern. Er trägt Zwangsjacke und geräumige Anstaltshosen. Wenn er nicht schläft, wetzt er wie ein Besessener durch seine öde Zelle in einer namenlosen Klinik für Geisteskranke, verzehrt Insekten oder führt Gespräche mit der egomanischen Ratte Herman Vermin, die ihn ab und an durch den Abfluss besuchen kommt. Sein Vokabular erschöpft sich dabei in der enthusiastischen Bestätigung der eigenen Existenz: „Ik Gregory!“ Gregory ist selig, er genügt sich in seiner niemals wahrgenommenen Beschränkung völlig selbst. Er wird sich nie ändern. Marc Hempels Gregory bedient sich also an einem der wichtigsten Konzepte des Comic-Strips: der völlig statischen Figurenkonzeption. Charlie Brown hat sich über all die Jahrzehnte auch nie geändert. Selbst im Superheldencomic sind die Soap Opera-Plots mit all ihren Irrungen und Wirrungen meist Augenwischerei, die letzten Endes doch nur auf einen ewigen Status Quo rekurrieren (das, was Fans dann mit leuchtenden Augen „die Essenz des Charakters“ nennen).   Hempels Kniff in Gregory ist nun, dass er die Statik weder zu verbergen sucht noch als notwendig gegeben nimmt – im Gegenteil, sie ist sein großes Thema. Das gilt ganz sicher für Gregory und die wenigen anderen Figuren, die zu den festen dramatis personae der beiden Bände gehören. In den simpelsten Geschichten, die nur von den Insassen von Gregorys Zelle handeln, nimmt Hempel meist einfach nur sehr effektiv die Idee von Veränderung an sich auseinander. Wenn sich Gregory zum Beispiel seitenlang wie ein Schneekönig darauf freut, dass zu Frühlingsanfang endlich „der Mann“ kommt, erwartet man als Leser doch erhebliche Veränderungen von diesem so herbeigesehnten Ereignis. Dann erscheint tatsächlich „der Mann“ – und macht einfach nur das Fenster auf. Im Fall von Gregorys Kumpel, der Ratte Herman, wird Hempels Obsession mit der Veränderungslosigkeit noch deutlicher. Der Nager wird zwar ständig von einem Pfleger mit dem Besen erschlagen, aber auch ebenso beständig als Herman wiedergeboren, weswegen er meist mit seinem Schicksal hadert. Unter diesen Eindrücken könnte man Gregory ein Warten auf Godot in der postmodernen Comedy-Comic-Variante nennen – wenn unter all den Gags nicht ab und an etwas authentische Verzweiflung aufblitzen würde. Nicht bei Gregory allerdings. Dem bereitet schon ein geöffnetes Fenster größte Wonne. Meist arbeitet Hempel aber nicht mit den Figuren in der Anstalt alleine, sondern setzt passende Kontrastmittel an. Auf den Seiten dieser beiden Bände treffen dementsprechend immer nur vollends verhärtete Fronten aufeinander. Besser: sie treffen auf Gregory. Einmal zum Beispiel bringt eine Familie ihre Katze mit in Gregorys Zelle – zur Haustier-Therapie. Während Gregory von der Katze gnadenlos gefoltert wird, nimmt der haarige Vater-Koloss im Feinripp-Unterhemd nichts anderes wahr als einen Jungen und ein Haustier, die sich harmlos „raufen“. Die Mutter sieht genauso eine herzerwärmende Spielerei, und die Tochter reagiert erst wieder auf das Schauspiel, als die Folter vorbei ist – „Tja, jetzt wirkt Gregory tatsächlich viel entspannter, oder nicht?“ Jeder in der Gruppe schneidert sich so sein eigenes, statisch-heuchlerisches Weltbild zusammen, und erst durch den urkomischen Kontrast dieser persönlichen Kopf-Gummizellen ergibt sich beim Leser ein Verständnis der „Wirklichkeit“, die Hempel gar nicht erst abbilden mag. Er deutet sie nur durch grausige Soundwords an, die klar machen, was im Off gerade wirklich passiert. Zur Überzeugung der Statik des Lebens tritt also noch die mehr als offensichtliche Maxime des allgemeinen Wahnsinns – gegenüber dem Selbstbetrug und der Beschränktheit der geistig „gesunden“ Welt ist Gregorys Umnachtung aber wenigstens wahrhaftig.
  Diese Welt des universellen Wahnsinns setzt Hempel folgerichtig mit ebenso geisteskranken Zeichnungen um, die heftig vom Expressionismus beeinflusst sind. Eine „objektive Realität“ versucht er niemals abzubilden, alles ist heftig subjektiv verzerrt. Entsprechend ragen aus Gregorys Sicht die Pfleger und Psychiater wie fürchterliche Monolithen in den Himmel. Frauen haben Brüste wie Abrissbirnen, und die meisten Männer bestehen nur aus Muskeln und dem diffusen Versprechen von sinnloser Gewalt. Überhaupt hagelt es in vielen Geschichten so lange Panels aus der Subjektiven verschiedenster Figuren bis einem schwindlig wird. Die Amok-laufende Form tut ihr übriges dazu: Panels wirbeln, verschieben sich ineinander, und eine Vielzahl verschiedenster Schrift-Fonts brüllen dem Leser entgegen. Umso mehr imponiert es, dass sich Crosscult überhaupt dazu entschieden hat, dieses Kunstwerk zu übersetzen – muss Lettering-Künstler Hartmut Klotzbücher doch über weite Strecken der beiden Bände in aufwendiger Handarbeit aktiv werden. Die Imitation von Hempels flächigem Schriften-Wahn gelingt ihm ganz ausgezeichnet, genauso wie die Übersetzung von Matthias Wieland treffender, geistreicher und stilsicherer nicht sein könnte. Zwei Bände mit hohem Wiederles-Wert also, der (vergriffenen) amerikanischen Edition noch dazu dank neuer Farbseiten und der liebevollen Aufbereitung in jeder Hinsicht überlegen. Gregory wirft also eigentlich nur eine Frage auf: Wie wär’s denn mit noch ein bisschen mehr Hempel in dieser Deluxe-Bearbeitung?
Text Copyright Jochen Ecke Gregory, excerpts copyright Marc Hempel |