Autorin, Zeichnerin: Chie Shinohara, Übersetzung: Claudia Peter Erschienen bei: Egmont Manga & Anime, Preis: 5 Euro Originaltitel: Sora wa Akai Kawa no Hotori: Anatolia Story 28 Bände, davon bisher 4 in Deutsch Unter den Dutzenden von Mangas, die allwöchtentlich nunmehr in Deutschland erschienen, hat sich das Mittelmaß fest etabliert. Zahlreiche Serien laufen nach altbekanntem Schema F ab und werden nach dem Prinzip "vermarktbar" geschrieben - von der der in Japan tatsächlich vorherrschenden Vielfalt an Stoffen ist hier kaum etwas zu spüren. Auf den ersten Blick möchte man auch Chie Shinoharas Anatolia Story in diesen Reigen der Langeweile einordnen. Das wäre nun allerdings schade. Denn Shinohara kann tatsächlich Geschichten erzählen. Und dass die Dame bereits seit den frühen 80er Jahren aktiv ist, merkt man ebenfalls: Hier ist noch nichts von der drogenschwangeren Splashpage-Manie des Clamp-Hühnerstalls zu finden, der heute so zwangsläufig mit dem Shojo-Genre assoziiert wird. Der Seitenaufbau ist für Manga-Verhältnisse sehr klar und der Lesefluss ganz hervorragend. Auch das Erzähltempo ist weitaus flotter als in zahlreichen Konkurrenzwerken. Innerhalb eines Bandes passiert tatsächlich etwas und der Leser kann der Handlung problemlos folgen. Soweit haben wir es also mit einem gut geschriebenen und ansprechend gezeichneten Mix aus Abenteuer und Romanze zu tun. Was die Sache aber so interessant macht ist der historische Bezug des Ganzen. Eigentlich fängt die Geschichte recht gewöhnlich an - die Schülerin Yuri hat sich gerade den ersten Kuss von ihrem großen Schwarm abgeholt, als sie merkt, dass etwas nicht stimmt - immer wenn sie in die Nähe von Wasser kommt greift etwas nach ihr. Das geht eine Weile gut, schließlich wird sie aber in das feuchte Element gerissen und erwacht an einem Ort, den sie nie zuvor gesehen hat. Anstatt die Geschichte in einer generischen, tolkienesken Fantasy-Welt anzusiedeln oder auf das Mittelalter zurückzugreifen, hat die Autorin recherchiert. Und das offenbar lang und gründlich. Denn Yuri ist nicht in Mittelerde 2 - Jetzt erst recht erschienen, sondern in Hattusa, der Hauptstadt des beginnenden hethitischen Großreiches im 14. Jahrhundert vor Christus.  Yuri blickt vom Tor von Yerkapi hinunter in nach Hattusa, Thomas tut das Gleiche: Für den Vergleich mit den heutigen Ruinen von Hattusa fahrt mit der Maus über Bild. Diese Aussicht bietet sich dem heutigen Betrachter der ehemaligen Hauptstadt des hethitischen Großreichs.
Klar - Geschichten mit historischem Hintergrund sind schon lange hoch in der Gunst der Leser zu finden. Tatsächliche Mühe bei der Recherche geben sich dagegen die wenigsten Autoren - ein paar Säulen hier, ein paar Togen und Sandalen dort und schwupps sind wir im alten Rom. Chie Shinohara hat die historischen Elemente dagegen weitaus gewitzter eingebracht. Nicht nur Hintergrund und Requisite sind historisch belegt, auch die eigentliche Geschichte von Anatolia Story basiert stark auf tatsächlichen Fakten und Gegebenheiten. Denn die Hethiter hatten die praktische Angewohnheit, so ziemlich alles auf Tontafeln aufzuschreiben und somit für die Nachwelt festzuhalten. So erfahren wir beispielsweise aus den Gesetzestafeln, dass die Hethiter tatsächlich an die Zaubersprüche glauben, mit denen Königin Nakia (deren Name von einer assyrischen Königsmutter entliehen wurde, die ein paar hundert Jahre später lebte), die große Antagonistin der Geschichte alle töten will, die der Thronfolge ihres Sohns im Wege stehen - all das ist in den Überlieferungen beschrieben. Genauso erfahren wir von Großkönig Mursili II, der als Kail Murshili die männliche Hauptrolle einnimmt und natürlich zur großen Liebe von Heldin Yuri wird. Zu Zeiten seiner Herrschaft verehrte er besonders die Sonnengöttin von Arinna. Folgende Zeilen sind bis heute überliefert: Oh Sonnengöttin von Arinna! Die umliegenden Feindesländer bezeichnen mich als Kind und schauen auf mich herab, sie versuchen mich von deinem Land zu vertreiben, oh Sonnengöttin von Arinna. Komm zu mir, Sonnengöttin von Arinna, und strafe die Länder der Feinde um mich herum! Und was sehen wir im dritten Band? Yuri steht auf den Mauern der Stadt Arinna (die leider bis heute nicht entdeckt wurde) nachdem sie Zuwa den Kaschkäer besiegt hat, hinter ihr geht ein Stern auf und die Menschen beginnen, sie für die Göttin Ishtar (die allerdings im hethitischen Raum nicht allzu bedeutend war - andererseits ist der Name der Sonnengöttin nicht überliefert, daher hat Shinohara wohl den Namen der prominentesten Göttin der späten Bronzezeit ausgeliehen) zu halten. Anlehnungen und geschichtliche Übereinstimmungen dieser Art finden sich über den ganzen Manga verteilt - fast jede der wichtigen Figuren ist historisch belegt, und wer genau wissen will, wie die Geschichte weitergeht und welche Schicksale den Protagonisten noch bevorstehen, muss nur einen Blick auf die Geschichte des hethitischen Großreichs werfen. All diese Elemente sind es, die Anatolia Story zu mehr als einem gut geschriebenen Shojo-Manga machen. Es macht einfach unwahrscheinlich Spaß, die historischen Fakten so gelungen mit den fiktionalen Elementen verwoben zu sehen, das exotische Setting (mal ehrlich... Griechen und Römer kennt jeder, die Hethiter sind dagegen den wenigsten ein Begriff) sorgt dabei noch für den letzten Schliff. Natürlich, ein großes Motiv bei der ganzen Sache ist Female Wish-Fulfillment - die graue Maus aus dem heutigen grauen Japan kommt ins bronzezeitliche Anatolien, der gutaussehende, frauenjagende Prinz der Hethiter verliebt sich in sie, überall stehen schöne, langhaarige Männer herum... Trotzdem funktioniert der Comic einfach und zieht den Leser stark in seinen Bann, auch wenn man mit dem entsprechenden Hintergrundwissen wohl weitaus mehr aus dem Comic ziehen wird. Einen Schwachpunkt gibt es aber dennoch: Wie bei so vielen deutschen Mangas ist auch hier die Übersetzung bestenfalls zweckmäßig. Man versteht die Handlung, aber die Fehler hinterlassen einen faden Beigeschmack. Besonders das erste Kapitel hat es in sich: Hattousa, Hauptstadt des Kaiserreichs Hittait?! Meine Güte, hier hat jemand ohne Sinn und Verstand gewütet und man kann den Transkriptionsfehler regelrecht riechen, denn im Englischen spricht man vom Hittite Empire. Hittite Empire - Kaiserreich Hittait? Ja nee, is klar. So wird schnell deutlich, dass man Namen und Bezeichnungen einfach schnell phonetisch runterübersetzt hat, ohne auch nur einen Blick in Lexika oder Fachbücher zu werfen. Traurig, aber wahr. Zum Glück wird die Übersetzung später besser, auch wenn immer wieder Fehler auftauchen - aus Arinna wird Alynna, die Kaschkäer heißen nun Kashuga. Das ist durchaus ärgerlich.  Was Mädchen wollen: Yuri taucht in der der Quellen von Hattusa auf und trifft kurz darauf auf den feschen Kail Mursili, den wir auf dem zweiten Bild sehen. Drei Bände später ist sie kein naives japanisches Schulmädchen mehr und tritt in festlichen Gewändern bei einer Feier des Königshauses auf.
Leider konnten wir bisher keinen Blick auf die amerikanische Ausgabe des Mangas werfen - dort erscheint die Serie unter dem Namen Red River (damit ist der Fluss Kizilirmak gemeint, der tatsächlich rötliches Wasser führt) und ist bereits bei Band 12. Da Egmont die deutsche Ausgabe im Dreimonats-Rhythmus veröffentlich, können wir wohl noch bis zum Sankt Nimmerleinstag warten, bis alle 28 Bände in deutscher Sprache vorliegen. Trotz dieser kleinen Probleme ist Anatolia Story ein sehr sympathischer Comic, der das Rad zwar nicht neu erfindet, aber allemal gute Unterhaltung bietet und tatsächlich mal Wissen über eine Region und eine Zeit vermittelt, die im Geschichtesunterricht in der Schule nicht mal annähernd gestreift wird. Anstatt aber noch lange rumzureden, lassen wir nun lieber Bilder sprechen. Das Prinzip ist bereits bekannt - fahrt mit der Maus über das Bild, dann seht ihr auf welchen Funden die Requisiten des Mangas tatsächlich basieren. Man kann Chie Shinohara für ihre exzellente Recherche nur gratulieren.
 Nakia, die es von Anfang an auf Yuri abgesehen hat brauht in ihrer Hexenküche gar übles zusammen. Auffällig sind hier die Stiere im Hintergrund. Diese kennt man aus der steinzeitlichen Siedluing Catal Höyük - die wird allerdings auf den Zeitraum um 6000 v. Chr. datiert und wäre damit nochmal 3500 Jahre älter als das hethitische Großreich. Nakia scheint sich einer ziemlich archaischen Magie zu bedienen. Aber warum nicht!
 Am Anfang des dritten Bandes erhält Yuri einen Dolch als Eisen - 1400 vor Christus eine echte Seltenheit und eine weitaus mächtigere Waffe als die gängigen Bronzeklingen. Die Waffe ist heute in einem Museum zu bewundern.
  Die Standarte auf dem Stab ist ein sehr bekannter Fund und wurde hier sehr gelungen wiedergegeben. Text Copyright 2006 Thomas Nickel Scans Copyright Chie Shinohara, Fotos Copyright Thomas Nickel
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