Erich Kästner: Drei Männer im Schnee Verlag: DTV Verlag ISBN: 978-3-423-11008-2 Preis: € 7,50 Drei Männer im Schnee bei Amazon.de Der Herr Kästner hatte zeitweise kein schönes Leben. Mit ansehen zu müssen, wie ein Haufen Wahnsinniger die eigenen Werke verbrennt, Schreibverbote auferlegt zu kriegen, wenn der Kopf voller Ideen darauf brennt, sie zu Papier zu bringen und schließlich die komplette Existenz bei einem Bombenangriff zu verlieren, macht keinen Spaß und stellt einen Schriftsteller auf eine harte Probe.
1933 erhält der regimekritische Kästner von den Nazis Schreibverbot, aber trotzdem wandert er, anders als viele seiner Kollegen, nicht aus. Stattdessen, um irgendwie überleben zu können, schreibt er den Unterhaltungsroman Drei Männer im Schnee und lässt ihn im Buchhandel in großem Stil ankündigen. Zunächst erteilt das Reichspropagandaministerium (im Volksmund damals übrigens „Promi“ genannt, ich lass das einfach mal so stehen...) ihm verärgert absolutes Schreibverbot, dann jedoch wird ihm ob der lockenden Devisen gestattet, zumindest im Ausland zu veröffentlichen. Kästner selbst macht sich Vorwürfe, mit seinem Rückzug den verbleibenden Regimegegnern in den Rücken gefallen zu sein und die Disziplin des Unterhaltungsromans, in der er sich verdingen muss, wird seinen Fähigkeiten längst nicht gerecht. Was nicht heißt, dass das Buch keinen Spaß macht! Die Erzählung dreht sich um den Millionär Tobler, der unter dem Pseudonym Eduard Schulze an einem Preisausschreiben seiner eigenen Firma teilgenommen und prompt einen Aufenthalt in einem noblen Wintersporthotel in den Alpen gewonnen hat. Sein Plan ist der folgende: Er will sich als armer Mann verkleidet dort unerkannt einquartieren, um zu schauen, wie die Menschen auf ihn reagieren. Eine Gesellschaftsstudie kann man das wohlmeinend nennen, Langeweile, wenn man zynisch ist.
Toblers Tochter Hilde und seine Hausdame Kunkel sehen der ganzen Sache jedoch mit Bangen entgegen. Sie ahnen, dass die blasierten Hotelmenschen ihren Altvorderen schnellstens aus ihrem kleinen Universum hinauskomplimentieren werden, wenn sie nicht einschreiten und seine Marotte vorher ankündigen. Hilde ruft also im Hotel an und verkündet, es werde in zwei Tagen ein als armer Mann verkleideter Millionär dort aufschlagen, der bitte täglich mit einer Massage, einem Aufgebot von drei siamesischen Katzen im Zimmer sowie einem gewärmten Ziegelstein im Bett zu versehen sei. Und Nudeln mit Rindfleisch esse er am liebsten.
So weit, so gut. Tobler erhält übrigens Gesellschaft von seinem Diener Johann Kesselhuth, der als reicher Reedereibesitzer verkleidet ebenfalls einen Aufenthalt im Hotel buchen wird, so dass er in Toblers Nähe ist, falls die Dinge außer Kontrolle geraten. Kesselhuth hat deutliche Schwierigkeiten damit, sich aus seiner devoten Berufshaltung auszuklinken, wächst aber unter dem nötigen Alkoholeinfluss im Laufe der Geschichte bemerkenswert über sich hinaus. Der zweite Gewinner des Wettbewerbs ist Dr. Fritz Hagedorn, ein arbeitsloser Werbetexter, der noch mit seiner Mutter zusammenlebt und ihr auf der Tasche liegt. Daher haben beide nicht viel Geld und Hagedorn ist zum wiederholten Male bei dem Plan gescheitert, die Reise in Bares umzutauschen. So tritt er also in seinem schäbigen alten Anzug seine Reise in die Alpen an.
Man ahnt, was passiert. Hagedorn kommt als erster im Hotel an und wird natürlich von der Hotelleitung für den angekündigten spleenigen Millionär gehalten und entsprechend verwöhnt. Irritiert nimmt er sein bekatztes Zimmer zur Kenntnis und kann sich nur mühsam der liebestollen reichen Damen erwehren, die in kürzester Zeit untereinander einen Krieg um seine Gunst anzetteln.
Tobler/Schulze hingegen kommt ein paar Minuten zu spät an und angewidert versuchen die Hotelangestellten nun täglich mit aller Kraft, ihm rauszuekeln. Aber glücklich wie er in seiner voll funktionierenden Verkleidung ist, lässt sich Schulze von keiner Schikane abschrecken und beginnt alsbald eine Freundschaft mit Hagedorn und auch dem Reedereibesitzer Kesselhuth, der das ganze Drama natürlich haarklein dokumentiert und den Daheimgebliebenen in Briefen erläutert. Trotzdem haben die drei Männer im Schnee einen Heidenspaß, bauen im volltrunkenen Zustand riesige Schneemänner, tauschen auf einem Kostümfest die Rollen (Hagedorn: „Ich will Sie nicht kränken, Herr Kesselhuth, aber Sie sehen wie der geborene herrschaftliche Diener aus!“) und amüsieren sich, ohne die eigentlichen Identitäten dem leutseligen Hagedorn zu verraten, vier Tage lang königlich - bis die alarmierte und in höchster Sorge befindliche Sippschaft Toblers im Hotel eintrifft und alles auf den Kopf stellt.
Bis dahin genießt der Leser eine leichte, aber tierisch witzige Verwechslungsgeschichte mit drei liebevoll ausgearbeiteten Männercharakteren, reichlich Alkohol und einer herzlichen Freundschaft, die Standesgrenzen überwindet. Der Schluss der Geschichte ist dann allerdings unglaubwürdig und trieft vor Heile Welt-Hurra, so dass man sich an die deutschen 50er Jahre-Wirtschaftswunderfilme erinnert fühlt. Aber das gehört natürlich zum Konzept der Geschichte, Kästner musste jedes Wort dreimal umdenken, bevor er es niederschrieb – es könnte Regimekritik enthalten oder als solche aufgefasst werden.
So gesehen kann Drei Männer im Schnee als eine Art zeitgenössischer Trash betrachtet werden – wenn auch äußerst hinreißender Trash. Wer sich lieber das wahre Genie dieses Autoren vor Augen führen möchte, der möge doch bitte Fabian lesen, oder die großartigen Gedichte.
Nichtsdestotrotz ist Drei Männer im Schnee ein Paradebeispiel für Kästners humoristisches Können und ein nettes Stück deutscher Literaturgeschichte, das mir einen schönen Nachmittag beschert hat. Die Bissigkeit und Schlagfertigkeit Kästners sind natürlich extrem weichgespült worden, aber vor dem Hintergrund der Entstehung kann man das nachvollziehen. Ich wünsche viel Vergnügen! Unter dem Pseudonym Robert Neuner schrieb Kästner übrigens auch ein Theaterstück aus dem Stoff mit dem Titel Das lebenslängliche Kind. Ich erzähle das für die Leute, die gerne Vorworte lesen. Text Copyright Anna-Selina Sander 2008 Cover Copyright Rowohlt Verlag |