Die Löwen von Bagdad
Autor: Brian K. Vaughan, Zeichnungen: Niko Henrichon, Farben: Steve Oliff, Übersetzung: Claudia Kern Originaltitel: The Pride of Baghdad Erschienen bei: Panini Preis: 16,95 € Die Löwen von Bagdad bei Amazon.de Die Fabel ist eine der ältesten Wege der Menschheit, wichtige Lektionen weiterzugeben, egal ob philosophisch, moralisch oder naturwissenschaftlich. Dabei handeln sprechende, vermenschlichte Tiere anstelle von echten Menschen. Bereits im 3. Jahrtausend von Christus wurden in Sumer Fabeln in Keilschrift aufgeschrieben, und auch heute haben uns sprechende Tiere noch einiges zu sagen. Und in einem, in diesem Fall wohl nicht ganz beabsichtigten Kreisschluss, bringen Autor Brian K. Vaughan und Zeichner Niko Henrichon mit Die Löwen von Bagdad die Fabel zurück in das Land, in dem sie vor gut 5.000 Jahren das erste Mal schriftlich festgehalten wurde und nimmt ihr gleichzeitig ihre Eindeutigkeit und ersetzt diese mit erheblicher Ambivalenz.
Dabei lässt sich die Handlung doch eigentlich sehr schnell wieder geben: Im Jahre 2003 fallen US-Truppen in der durchaus zynisch benannten Operation Iraqi Freedom in das Land am Euphrat und Tigris ein. Bei den Kämpfen um die Hauptstadt Bagdad wird auch der Zoo schwer beschädigt und ein Rudel von vier Löwen entkommt der Gefangenschaft. Da ist Zill, das Männchen des Rudels. Er ist ein wohlmeinender Opportunist - er hat die Freiheit erlebt, trotzdem nimmt er für das Wohlergehen seiner Familie auch die Gefangenschaft im Zoo in Kauf. Ganz anders ist da die junge Löwin Noor: Sie ist bereit, für die Freiheit zu kämpfen und stellt dafür auch alte Werte und sogar ihre eigenen Instinkte in Frage. Die plötzliche Freiheit erscheint ihr falsch und unverdient. Die alte, verbitterte Löwin Safa dagegen hat auch die Freiheit erlebt - aber sie hat vor allem die Gefahren kennen gelernt und ist bereit, für die Sicherheit auch die Gefangenschaft in Kauf zu nehmen. Ganz anders ist da das Löwenkind Ali - Ali ist bereits in Gefangenschaft geboren und kennt in seiner Naivität gar kein anderes Leben und ist ganz begierig, die neue Freiheit zu erleben.
Auf ihrem Weg durch das bombardierte und umkämpfte Bagdad trifft diese Gruppe nun auf zahlreiche andere Tiere die man oft schnell einordnen kann - da sind monströse ehemalige Vollstrecker des Hussein-Regimes, da sind gequälte Opfer, Plünderer, Fanatiker... Aber so einfach machen es Vaughan und Henrichon sich selbst und dem Leser dann doch nicht. Durch die neue Perspektive - der Krieg im Irak wird zur Abwechslung mal nicht aus der Sicht amerikanischer GIs gezeigt - ergibt sich so auch ein ganz neuer Blick auf das Land, seine (wenn in diesem Fall auch tierische) Bevölkerung und ihr Schicksal. Wer aber eine klar umrissene Moral und eine direkte Stellungnahme zum Irakkrieg erwartet, der wird schnell feststellen, dass ihm Autor und Zeichner eben genau das nicht liefern wollen. Die Löwen von Bagdad ist ein Kommentar, ein weiteres Aufwerfen von Fragen, aber sicher keine Antwort. War die amerikanische Invasion gerechtfertigt? Was ist Freiheit? Kann man Freiheit tatsächlich geschenkt bekommen oder muss man sie sich verdienen? Wie reagieren die Bewohner des Irak auf den Krieg und den Sturz des Regimes? Können die in jahrelanger Gefangenschaft lebenden Protagonisten überhaupt in Freiheit überleben? Definitive Antworten auf diese Fragen gibt es nicht.. Das plötzliche Ende der Geschichte macht das mehr als deutlich und zeigt, dass es im Irak letzten Endes nur Opfer gibt. Doch neben all diesen Statements zum Irakkrieg und seinen Auswirkungen wollen wir nicht vergessen, dass Die Löwen von Bagdad nicht nur ein nachdenklich stimmender Kommentar zu einem völkerrechtlich zutiefst verwerflichen Angriffskrieg ist, sondern ganz nebenbei auch noch eine äußerst spannende und actionreiche Geschichte erzählt. Neben dem tollen Skript glänzen vor allem die Zeichnungen von Henrichon und die großartige Koloration von Steve Oliff - der in letzter Zeit so beliebte, auf einen Inker verzichtende Look, bei dem direkt auf die Zeichnungen koloriert wird und die hervorragenden, sehr erdig-warmen Farben schaffen eine tolle Atmosphäre. Die Actionszenen bestechen durch ihre mitreißende Dynamik. Mit Die Löwen von Bagdad zeigt sich wieder einmal deutlich, wie gut ein solch ernstes und komplexes Thema in einem Comic behandelt werden kann. Text Copyright 2008 Thomas Nickel Bilder Copyright DC Comics/Panini |