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Vor kurzem bin ich durch äußerst Mysteriöse Umstände auf das Album der österreichischen Indie-Noise-Post-Punk Band Kreisky gestoßen (siehe CD-Review Kreisky von Kreisky ). Erfreulicherweise konnte ich die Band zu einem kleinen Interview überreden und Sie so etwas zu ihrer Musik, ihren Texten und einem ominösen VW-Passat aus dem Musikvideo befragen. Mischa: Österreich ist (zumindest hier in Deutschland) nicht gerade bekannt als Brutstätte des Indie-Rocks, Noise oder Post-Punks. Denkt man an Österreich und Musik assoziiert man hierzulande eher Namen wie Falco oder Wolfgang Ambros. Gibt es in Österreich vielleicht eine versteckt agierende Indie-Revolution, von der wir als Nachbarn noch nichts mitbekommen haben? Franz: Eine Revolution würde ich es nicht nennen, aber es gibt auf jeden Fall eine recht rege Szene, mit der es sich durchaus zu beschäftigen lohnt.
Martin: Stimmt, und mit Ambros, Falco und Konsorten wird leider schon sehr lange Unwesen getrieben, oder sie demontieren sich selber. Diese Hüte sind halt schon 25 Jahre alt. Mischa:Habt vielleicht ihr ein paar Geheimtipps was Bands und Locations angeht? Ein paar Pflichtbesuche für den nächsten Österreichurlaub? Klaus: Also was Wien & Konzerte anbelangt würd ich einmal Rhiz, Fluc & Chelsea hervorheben. Hervorragende Bands gibt’s eigentlich zuhauf, Geheimtipps sind wohl für den deutschen Besucher in Wahrheit so ziemlich alle österreichischen Bands: Fuckhead, Bulbul, Wipeout, M185, Valina, Killed By 9V Batteries, Attwenger, Texta etc.
Mischa:Bandgründung 2005, erstes Album mit chartplatzierter Single 2007. Solch eine Leistung kommt nicht von ungefähr. Hier scheint von Anfang an die Chemie in der Gruppe gestimmt zu haben. Wie hat die band Kreisky zusammengefunden? Waren die Mitglieder schon zuvor in Bands ähnlicher Stilrichtungen involviert? Franz: Ja, Martin und ich hatte gut zehn Jahre eine Popduo namens Gelée Royale mit dem wir schon drei Alben veröffentlicht haben, bevor wir dann Kreisky aufsperrten. Auch Klaus und Gregor haben schon in zahlreichen Bands gespielt. Eigentlich hat immer noch jeder von uns ca. drei Projekte, die er ernsthaft betreibt. Martin: Aktuell könnte man die Gruppe MORD erwähnen, bei der Klaus, Gregor und ich zusätzlich werken – ein Lärmkoloss mit 2 Schlagzeugern. Mischa:Welche Künstler oder Bands haben euch in eurer musikalischen Laufbahn maßgeblich geprägt oder beeinflusst? Franz: Ja, jetzt wird’s schwierig, weil das ist doch recht unterschiedlich. Ich bin zum Beispiel ziemlich in den Siebzigern hängen geblieben – meine Säulenheiligen sind immer noch Peter Hammill und Robert Wyatt. Klaus: Kraftwerk, David Bowie, Iggy Pop, John Zorn, Ennio Morricone und bald auch zum engeren Kreis zählend: Jesus Lizard – um die wichtigsten zu nennen. Martin: The Jesus Lizard, außerdem Fugazi, the Ex, Mr. Bungle, Slayer, Aphex Twin und Element of Crime. Mischa: Ihr habt euch nach Bruno Kreisky (Bundeskanzler der Republik Österreich von 1970 bis 1983) benannt. Was steckt hinter dieser Namenswahl? In einigen Texte lassen sich durchaus kritische Meinungen hineininterpretieren (Rolltreppe, Alte Männer wie wir regieren die Welt, Verschollen in Europa). Ist Kreisky eine politische oder einfach nur provozierende Band? Franz: Weder noch, wir sehen uns eher als reflektierende denn provozierende Band. Oder eigentlich einfach als musikalische Band, und nachdem ich ja irgendwas singen muss, sing ich halt lieber Dinge, die ich für relevant halte. Das ist dann aber eigentlich nichts Politisches, sondern da geht’s halt einfach um Menschen. Was einen halt so beschäftigt und wo man sich denkt, das könnte jetzt auch für jemand anderen interessant sein. Da beschreibe ich etwas, was der Hörer aus seinem eigenen Leben kennen könnte. Mischa:Einige Passagen eurer Texte erinnern stark an Zitate, die man sich gut im Mund des ein oder anderen Politikers vorstellen kann. "Ich weiche nicht aus, ich habe nur Probleme mit der Fragestellung", "Mit der Musik kamen die Spinner" oder "Das sind alles Vandalen, entschuldigen Sie den Ausdruck"... Wer schreibt bei Kreisky die Texte, wie entstehen diese? Und vor allem: Was steckt dahinter? Gibt es autobiographische Elemente in den Texten? Franz: Die Texte schreibe ich, autobiographisch sind sie aber nur in dem Ausmaß, indem ich ja das auch irgendwo herhaben muss. Siehe letzte Frage. Mischa: Wie läuft das Songwriting bei Kreisky ab? Wann schreibt ihr die Texte, und wann die Musik? In welcher Reihenfolge Baut ihr Songs auf? Franz: Die Stücke entstehen gemeinsam im Proberaum. Wobei ich allerdings schon immer ein paar Zettel mit Textfetzen mithabe, die ich dann montiere und der Musik anpasse. Klaus: Sprich: kein Songwriter in Band. Montage trifft’s eh recht gut. Martin: Das Vorhandensein der Textfragmente ermöglicht uns diesen luxuriösen Arbeitsprozess, bei dem man sehr schnell zu konkreten Formen kommt. Mischa:Viele eurer Texte überlassem dem Zuhörer einen großen Deutungsspielraum. Man bekommt Bruchstücke und Randnotizen einer Handlung vorgelegt und dadurch setzt sich im Kopf erst das vollstädige Motiv zusammen. Für viele Ersthörer mag zum Beispiel der Text von "Nichtschwimmer" verwirrend oder sogar willkürlich wirken, doch wer sich einmal auf die Geschichte einlässt, bekommt von einer tragischen Liebesbeziehung erzählt, einem Protagonisten der aus Liebe zu einem Mädchen einen Sommer lang zum Nichtschwimmer wurde, weil sie Angst vor dem Wasser hatte. Doch am Schluss zerbricht er daran, dass jenes Mädchen sehnsüchtig auf den Anruf eines anderen wartet. Diesen Effekt, dass sich die Geschichte erst im Vorstellungsvermögen des Hörers entfaltet, entdeckt man immer wieder in euren Texten. Ihr verlangt euren Zuhörern einiges ab, ich könnte mir sogar vorstellen, dass sich manche Zuhörer hiervon abschrecken lassen. Findet hier eine beabsichtigte Selektion statt? Franz: Nein, selektiert wird da eigentlich nicht – wer Kreisky hören will, der darf Kreisky hören, klar, das freut uns ja. Aber wir machen halt einfach das, was wir selber für richtig interessant und hörenswert halten, und da gehören eben genau solche offenen Stellen dazu, diese Restunergründlichkeit, die sich der Zuhörer selber erschließen muss oder kann. Mischa: Den meisten neuen Indie-Bands hierzulande habe ich bisher diese Frage gestellt: "Warum singt ihr eigentlich nicht auf deutsch?". Eine Antwort die ich auf diese Frage immer wieder höre ist, dass man solche Musik nur schwer mit deutschen Texten unterlegen kann, da man sich entweder wie "Wir sind Helden" oder "Rammstein" anzuhören würde und man wäre mit großer Wahrscheinlichkeit nicht "auslandskompatibel". Ausserdem würde man dann eventuell noch Gefahr laufen seinen Dialekt unbeabsichtigt mit einzubeziehen. Im Gegensatz hierzu setzt Kreisky auf deutschsprachige Texte und ihr verschmäht auch euren Wiener Dialekt nicht. Ich würde sogar behaupten, dass Kreisky auch nur mit diesem speziellen Wiener-Touch funktioniert. Hat sich für euch jemals die Frage gestellt, auf englisch zu singen? Franz: Nein, nie. das hängt auch ein bisschen mit meinem Selbstbild zusammen. Ich sehe mich zuerst als Texter, dann als Performer und dann erst als Sänger und Musiker. Ich glaube, ich kann besser texten als singen. Klaus: Diese Wiener-Dialekt-Frage kommt immer wieder. Man muss aber schon festhalten, dass es sich nicht um einen Wiener Dialekt handelt, sondern eigentlich um Schriftdeutsch mit – ich grenz es ein bisserl ein – ostösterreichischer Färbung. Wiener klingen ganz anders. Eigentlich ist es der Versuch, genau nicht den Dialekt zu bedienen, weil da ja ganz andere Sachen mitschwingen. Insofern muss die Behauptung mit dem speziellen Wien-Touch verneint werden. Andererseits könnt ihr mich mit österreichischen Bands jagen, die glauben, sie müssen norddeutsch gefärbt singen! Mischa:Euer Plattencover zeigt eure Gesichter in der Thatcher Illusion von Peter Thompson. Auf den ersten Blick scheinen die vier Gesichter lediglich um 180° gedreht worden zu sein. Doch wer das Album auf den Kopf dreht wird von entstellten Fratzen höhnisch angegrinst, da Augen und Mundpartie ebenfalls auf den Kopf gestellt wurden. Dieses Cover ist exemplarisch für eure Band, da vieles sich erst auf den Zweiten Blick offenbart. Wer zeichnet sich verantwortlich für die Idee mit diesem Cover? Klaus: Die Fotos stammen von Ingo Pertramer, Montage & Artwork kommen von mir. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich noch nie so oft auf ein Cover angesprochen worden bin. Grade deshalb ist es mir nach wie vor peinlich, dass ich Peter Thompson aus Versehen nicht in den Credits angeführt habe. Trotzdem freue ich mich jetzt schon ganz besonders, wenn unser Debut im Frühling auch auch Vinyl rauskommt, weil eigentlich ist es ja mehr ein 12“-Cover als ein CD-Cover. Mischa:Ihr habt zu euren Singles "Wo Woman ist, da ist auch Cry" und "Vandalen" Musikvideos gedreht. Wer führte bei den Videos Regie und wie enstanden die Videos? Die Idee und Umsetzung des "Wo Woman..." Videos finde ich übrigens grandios. Wer ist die geheimnisvolle Frau auf dem Foto? Klaus: Beide Videos wurden von unsere Video-Wizards Herwig Steiner & Daniel Budka umgesetzt, die Ideen haben wir gemeinsam entwickelt. Das Foto mit dem Mädchen hab ich aus dem Online-Portfolio eines Fotografen, mit dem ich früher einmal in die Schule gegangen bin. Ich glaube, sie stammt aus Bratislava... Mischa:Was ich persönlich sehr interessant finde: Am Anfang des Videos zu "Wo Woman ist, da ist auch Cry" sieht man einen schwarzen VW Passat mit einem schwarzen Kennzeichen (evtl. ein altes Polnisches Nummernschild?) auf die Kamera zufahren. Man kann auf dem Nummernschildrahmen des Passats lesen: 63768 Hösbach und eine Telefonnummer mit 06021 als Vorwahl. Hösbach gehört zum Landkreis Aschaffenburg, in welchem auch ich wohne, und Hösbach hat auch die gleiche Vorwahl wie ich. Schicksal oder Zufall? Interessant hierbei ist, dass ein Bekannter von mir aus Hösbach einen ebensolchen schwarzen Passat Kombi vor einigen Jahren aufgrund von Problemen mit dem TÜV (dem Pickerl) für ein paar hundert DMark an ein paar Polen verkaufte... Klaus. Das ist jetzt einmal die investigativste Frage, die uns je gestellt worden ist. Also: Der Passat gehört dem Kameramann Herwig Steiner, und den haben wir eigentlich nur deshalb verwendet, weil der champagner-goldfarbene VW Golf unseres Gitarristen am Vormittag des ersten Drehtages eingegangen ist. Das schwarze Kennzeichen ist der Vorläufer der aktuellen Österreichischen Kennzeichen. Den Schlenker über Polen halte ich für unwahrscheinlich... Mischa: Franz Adrian Wenzl verkörpert schon seit längerem auch die Kunstfigur "Austrofred", eine herbe Mischung aus Freddy Mercury und österreichischem Musikkabarett. Dieser Charakter steht eigentlich im krassen Gegensatz zu dem, was die Mitglieder von Kreisky verkörpern. Dort tretet ihr meist stilbewusst gekleidet in Hemd, Anzug und manchmal sogar Krawatte auf. Inwiefern lässt sich die Rolle des Austrofred mit der des Leadsängers von Kreisky vereinbaren? Franz: Das ist weniger weit auseinander, als man glaubt. Es ist auch nicht so, dass ich da zwei Rollen verkörpere, sondern eher so, dass ich einfach zwei Seiten von mir auf verschiedenen Bühnen auslebe. Mischa: Euer Album ist ein Deutschland regulär über Amazon.de oder den Fachhandel zu bekommen. Schwieriger wirds bei den DVDs und CDs von Austrofred. Wie kommt der interessierte Deutsche Fan an Austrofred Produkte? Franz: Über meinen Onlineshop www.austrofred.at. Da verschicke ich selber, und zu sehr günstigen Versandspesen. Mischa:Wie sieht die Zukunft von Kreisky aus? Wird es auch Konzerte in Deutschland geben? Ist mit einem zweiten Album zu rechnen? Martin: In den nächsten Monaten erscheinen mal zwei neue Stücke von uns auf verschiedenen Compilations und unser Debüt kommt wegen der großen Nachfrage noch mal auf Vinyl raus. Und dann wird’s tatsächlich mal eine kurze Deutschlandtour geben, nämlich im April als Support von Madsen. Mischa: Na, da werden wir uns ja hoffentlich mal treffen. Danke für das Interview und Gruß nach Austria! 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