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Seite 4 von 4 Kommen wir doch ohne große Umschweife zur Sache - hier ist das große, mächtige Interview mit Levin Kurio! Frage: Wer ist Levin Kurio eigentlich? Stell dich doch erstmal vor...
Levin Kurio: Ui, Selbstdarstellung ist aufgrund meiner bescheidenen Natur nicht meine Stärke, das erledigt am besten dieser Pressetext für mich: "Der 1977 in den Steinburger Mooren geborene Tausendsassa ist nicht nur Gründer und Verlagsleiter von WEISSBLECH Comics, sondern auch Autor, Zeichner und Colorist in Personalunion. Levin Kurio schafft in erster Linie sorgenfreie Unterhaltung nach klaren erzählerischen Gesichtspunkten, trotzdem bestechen seine Geschichten nicht nur durch die selten dagewesene Stimmung und Tiefe, sondern auch durch einen bisweilen abgründigen Humor. Sein Hauptwerk findet sich im Programm des WEISSBLECH Verlags, im Moment arbeitet er vornehmlich an der Horrorserie HORRORSCHOCKER, für die er einen Großteil der Geschichten schreibt und teilweise auch umsetzt." Frage: Erzähl mal, wie du überhaupt zum Comic gekommen bist - was war deine erste Berührung und was hat dich gepackt? Levin Kurio: Als Kind habe ich viel, sehr viel gelesen, in erster Linie Bücher, aber auch Comics, in erster Linie Lustige Taschenbücher - die hatte ich irgendwann von 1 bis 130 komplett, dann verlor ich das Interesse und mein Hang zu Comics stagnierte, ich habe mehr gezeichnet als gelesen. Bis ich dann irgendwann im Zuge meiner eigenen Tätigkeit begann, insbesondere die US-Comics zu entdecken. Frage: Wie ist denn deine generelle Arbeitsweise? Was fällt am Leichtesten?
Levin Kurio: Erst habe ich eine Idee, dann schreibe ich ein Script, dann den Text mit Scribbles, das Ganze wird dann gepencilt und anschliessend geinkt, um zu guter letzt coloriert und gelettert zu werden. Nichts ungewöhnliches also. Oft arbeite ich mit anderen Zeichnern zusammen, die dann einige Schritte übernehmen, das hat denn natürlich Auswirkungen auf die Weise, wie ich die Vorbereitungen treffe. Am liebsten mache ich die Pencils, wahrscheinlich, weil man schnell ein Ergebnis sieht - ich bin nämlich recht ungeduldig. Frage: Reden wir doch ein wenig über dein Frühwerk - die Koma Comix. Was war der Punkt, an dem du beschlossen hast, mit Koma aufzuhören?
Levin Kurio: Oh, das war eher eine Reihe von Punkten, das würde den Rahmen sprengen, sagen wir kurz: Ich hatte keine Lust mehr, und es lief auch nicht mehr so gut.
Frage: Wie biografisch sind die Geschichten denn tatsächlich? Levin Kurio: So halb - es sind schon größtenteils "wahre Begebenheiten", die zwecks besserer Erzählbarkeit nochmal durch den Wolf gedreht wurden. Das heisst, es wurde zum Beispiel eine Rahmenhandlung drumgestrickt, gerafft, zusammengefasst oder auch mal was dazugedichtet. Frage: Wenn ich richtig liege, und die ganzen Typen reale Vorbilder haben, was haben sie zu ihren Comic-Versionen gesagt? Levin Kurio: Erst fanden sie es denke ich recht cool, und später dann entwickelten sich die Comiccharaktere ohnehin immer weiter von ihren Vorbildern weg. Frage: Wenn ich bei der vorherigen Frage richtig gelegen habe, was machen die ganzen Chaoten wie Waxi, Flopp und Eimer heute? Levin Kurio: Teilweise weiss ich es nicht, zu einigen habe ich aber noch Kontakt. Im wesentlichen würde ich sagen, alle gehen auf die 30 zu und sind etwas ruhiger geworden, Jobs, Frauen und dergleichen. Das Alter Ego von Knülle z.B. betreibt die Website www.kiffer.net und ist der Sache auf die Weise irgendwie treu geblieben, bisweilen treffen wir uns zum Saufen.  Chaotische Vergangenheit: Quevis, Knülle, Waxi und der Rest der jungen Rentner erlebem Abenteuer zwischen Alltag und Wahnsinn. Frage: Die hast ja offenbar eine Vorliebe für Trash, Camp und die gerne so bezeichnete Schundliteratur: Was schätzt du besonders daran? Mit welchen Sachen aus dem Bereich bist du aufgewachsen? Was für Vorteile siehst du an Genre-Arbeit, die dir zum Beispiel. der autobiographische Kram nicht bieten kann?
Levin Kurio: Klingt vielleicht komisch, aber es ist die Vielseitigkeit. Eigentlich kann man aus jeder Geschichte eine Horrorstory machen. Bei Autobiographien ist man eben auf seine eigene Vita angewiesen - das engt ein, auch wenn es eine ziemlich einfache Art ist, Geschichten zu erzählen, aber ich hatte Lust, was anderes zu machen. In Horrorschocker kann ich viele verschiedene Themen und Settings bringen, und das macht einfach sehr viel Spass! Meine ersten Berührungen mit dem Genre waren spät, erst so mit 14, 15 - da habe ich mir beim Comicsalon in Hamburg einen Stapel EC-Nachdrucke gekauft. Interessanterweise waren sie mir aufgefallen, weil das Logo dem meinen sehr ähnlich war - glaubt mir kein Schwein, aber das WC-Logo habe ich mir ausgedacht, bevor ich die ersten ECs gesehen hab. Vorher habe ich allerdings schon Horror-und SF-Taschenbücher gelesen, und LTBs waren ja auch irgendwie Pulps für Kinder mit den Schatzsucher- und Detektivgeschichten.
Frage: Warum die Nostalgie zum Pre-Code Horror? Oder ist das gar keine Nostalgie? Warum die bewusst altmodische Aufmachung? Ist "mundgeblasen" im Gegensatz zu "mit Computergraphik glattpoliert" für dich ein Zeichen für größere Authentizität? Levin Kurio: Eigentlich wollte ich damit zu den Wurzeln des Mediums zurück, ohne direkt nostalgisch zu sein. Eine der Stärken des Comics ist seine Plakativität, die kommt heute oft zu kurz. Ein typisches Cover ist heute ein nach Fotovorlage gephotoshopter Charakter in Pose mit einem aus einem Schriftfont zusammengebastelten, bisweilen unleserlichen Schriftzug. Cool. Mich spricht das nicht an - die alten Titelseiten zeigen hingegen Interaktion, machen auf den Inhalt neugierig, sind bunt, voller reißerischer Sprüche. Ich steh drauf, wenns handgemacht aussieht. Wir benutzen natürlich auch Computer, mich spricht allerdings die momentan angesagte "Wir-machen-hier-ganz-viele-Photoshop-Effekte-rein-und-alles-monochrom-schattiert-weil-realistische-Stimmung"-Methode nicht an. Erstens erinnert mich das so ein bisschen an die Zeit, als die ersten Grafikprogramme kamen und jeder möglichst alle vorhandenen Schriftfonts in einem Layout verwendet hat, und zweitens finde ich diesen Hang zum Realismus à la "wenns aussieht wie ein Photo ist es auch gut gemalt" doof, weil über den Realismus hinaus ist das nicht selten uninspiriertes Künstlergewixe. Nun gibt es auch da hervorragende Künstler, aber ich mag es lieber, wenn man einen individuellen Stil erkennen kann. rage: Die Cover haben oft starken Camp-Charme während viele Geschichten tatsächlich gruselig daherkommen. Warum die Ironie? Wie greifen diese beiden Faktoren für dich ineinander? Levin Kurio: Ich sehe da keinen Widerspruch - zumal die Ironie immer eine Frage der Betrachterebene ist. Was für den einen ironisch-übertrieben wirkt, ist für den anderen vielleicht voll krass. Und natürlich feixe ich mir bisweilen beim Entwerfen der Cover einen, aber die Ironie ist für mich kein Muss, Hauptsache ist, das Cover ist irgendwie geil und schockig! Frage: Wo hast du die ganzen Leute gefunden, die Zeichner und Autoren? Besser gesagt: Wo halten sich die normalerweise versteckt? Levin Kurio: Teils, teils - manche der Leute haben ganz gewöhnliche Jobs wie Kammerjäger oder sowas, manche sind tatsächlich als Illustratoren, Schriftsteller oder Grafiker tätig. Insgesamt ist es eine schöne Mischung aus Profis, jungen Talenten und Hobbyzeichnern, die sich da zusammengefunden hat. Frage: Die Vorliebe für Mythologie gerade in deinen eigenen Storys - woher kommt das? Ist das deine bevorzugte Privatlektüre? Was interessiert dich an mythologischem Material mehr als an Gegenwarts-Horror?
Levin Kurio: Mythologie finde ich ungeheuer faszinierend, besonders, wenn sie mit historischen Themen einhergeht. Geschichte ist sozusagen meine zweite große Leidenschaft, ich hab sogar etwas in diese Richtung studiert. Zudem hat mein Vater einen recht großen Trödelladen, in dem ich immer wieder die Alltagsgegenstände vergangener Epochen bestaunen konnte. Dadurch habe ich wohl ein recht großes Repertoire an Settings im Kopf. Bei solchen Geschichten ist die Umsetzung einfach aufregender als beim Gegenwartshorror. Ich mache es jedenfalls lieber und es fällt mir leichter, als immer nur lauter Straßenlaternen, Autos und Hochhäuser zu zeichnen. Frage: Du hast was mit Geschichte studiert? Was hast du denn da gemacht wenn man fragen darf? Levin Kurio: Neun Semester Ur- und Frühgeschichte, allerdings nur Nebenfach - Hauptfach war Volkskunde (europäische Ethnologie), anderes Nebenfach Philosophie.  Kurio mag es historisch und mythologisch: Von der Geschichte vom Toten-Fährmann Charon, untoten Mördern im Zweistromland 3000 vor Christus bis hin zu spanischen Goldsuchern im südamerikanischen Dschungel reichen die Settings.
Frage: Wie kann man in Comics tatsächlich Horror, Schauder, Grusel vermitteln? Das Medium ist in Bezug auf Schockeffekte und atmosphärischer Mittel dem Film deutlich unterlegen - warum also gerade Horrorcomics? Was funktioniert im Horror-Comic, was nicht? Levin Kurio: Der Comic hat auf der anderen Seite auch wieder Vorteile gegenüber dem Film - man kann ihn so ziemlich überall lesen, und zumindest bei den Horrorkurzgeschichten ist die Zeit, in der man sich damit beschäftigt, deutlich kürzer. Was für die Pause zwischendurch, aber auch für einen entspannten Abend im Ohrensessel oder für vor dem Einschlafen. Und man kann schon deshalb nicht nur Filme gucken, weils endlos viele GUTE Filme gar nicht gibt - so ist meiner Ansicht nach ein guter Comic immer noch besser als ein schlechter Film. Merke ich immer wieder, wenn ich vor meinen 400 Filmen stehe und Bock auf keinen davon hab. Aber das ist jetzt alles an der Frage vorbei: Natürlich kann man im Comic Horror und Grusel vermitteln - es funktioniert allerdings eher durch die Psychologie der Geschichte als durch Schock- und Splattereffekte, ähnlich wie bei guten Filmen. Stimmung lässt sich auch durch illustrative Mittel gut erreichen, durch Schatten, durch die Farben... Manches, was im Film geht, geht im Comic allerdings nicht, lange Einstellungen und dergleichen. Horrorcomics deshalb, weil es mein Thema ist, und funktionieren tut im Comic eben so einiges, solange man die Mittel des Comics verwendet. Frage: 400 Filme? Nicht schlecht! Was sind denn deine Lieblingsfilme? Im Horrorbereich, vielleicht auch einfach generell? Levin Kurio: Na, vielleicht sinds auch nur 350 - aber mein Lieblingsfilm ist (im Moment) Conan der Barbar ... was die Restlichen betrifft, ist das stimmungsabhängig. Ich habe allerdings keine ausgeprägte Vorliebe für Horrorstreifen, die meisten Filme, die ich habe sind ziemlich Mainstream oder waren es zumindest mal... Frage: Was sind denn für dich ganz spezifisch die Mittel des Comics, die ihn vom Film unterscheiden? Levin Kurio: Natürlich die Grundbestandteile an sich: Sprechblasen, Captions, Soundwords, die Panelaufteilungen. Die Grenzen des Comics können gleichzeitig auch seine Stärken sein. Dann natürlich, dass das Erzähltempo vom Rezipienten bestimmt wird. Die Möglichkeiten zur Übertreibung, die Dynamik, die Abstrahierung. Geht beim Film auch, aber beim Comic irgendwie besser. Dann ist es bei den Heften eben auch die Gegenständlichkeit, auch die hat eine Wirkung. Frage: Der Idee, dass im Comic der Horror eher über die Psychologie funktioniert, würde ich absolut zustimmen. Fällt dir ein gutes Beispiel für eine solche Psychologisierung ein? Auf welche Stimmungen und Momente in den Heften bist du besonders stolz? Levin Kurio: Ein Beispiel für die Psychologisierung nicht direkt, und zwar deshalb, weil diese doch immer sehr vom Leser abhängt, was dieser kennt und für Erwartungen hat. Grundsätzlich ist es vielleicht so, dass eine Geschichte dann funktioniert, wenn der Leser von ihr in eine Stimmung versetzt wird oder optimalerweise mit den Protagonisten mitfiebert bzw mitzittert. Wie das genau vonstatten geht, kann ich nicht wirklich sagen, ich schreibe recht intuitiv. Stolz bin ich zum Beispiel auf die Geschichte Der Bote in der dritten Ausgabe der Horror Schocker - diese etwas pathetische Ameisengeschichte. Ich hatte erst meine Zweifel, wie das ankommt, aber die Reaktionen waren recht positiv. Das Tal des Drachen hat eine gut gelungene bedrohliche Stimmung. Dann gibt es massig Überraschungsmomente in anderen Geschichten, die wirklich gut funktionieren. Frage: Ganz dreist gefragt: Wie kannst du die Preise für die Hefte so niedrig halten? Warum haben die Hefte Erfolg, während viele andere deutsche Versuche, Heftserien zu etablieren, gnadenlos gescheitert sind? Levin Kurio: Na, der Witz an Heften ist ja, dass sie generell relativ preiswert sind - besonders bei unseren Themen gehört ein niedriger Preis irgendwie dazu. Neben einer stattlichen Leserzahl braucht man auch etwas kaufmännisches Geschick und Organisationstalent, um diesen Preis letztlich zu halten. Dazu kommt, dass bei den Serien neben der inhaltlichen Qualität in Bild und insbesondere Text auch ein paar andere Faktoren stimmen müssen, um erfolgreich zu sein, zum Beispiel halbwegs regelmässiges Erscheinen, einheitliches Format und so weiter... dann ist eine Heftserie auch schwer nebenher zu betreiben. Wenn Du Dir diese Faktoren anguckst, merkst Du schnell, warum andere deutsche Heftserien gescheitert sind. Text Copyright 2006 Thomas Nickel, Jochen Ecke Cover, Artwork Copyright Weissblech Comics / EC Comics (Tales from the Crypt)
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