|

USA (1998) Autor: Frank Miller, Zeichner: Frank Miller, Coloristin: Lynn Varley Erschienen bei: Cross Cult ISBN: 3936480303 Preis: 29,80 Euro 300 bei Amazon.de Ein Essay über Zack Snyders Verfilmung von 300 befindet sich hier. Spätestens seit er in den 80er Jahren den heute wieder allseits beliebten Batman von der flachsenden TV-Witzfigur zur gimmig-harten Sau umdefinierte, gilt Frank Miller als einer der ganz großen im Comicbusiness und wird oft in einem Atemzug mit Autoren wie Alan Moore genannt. Nun, um ehrlich zu sein teile ich diese Meinung nicht ganz. Sicher, Miller ist ein sehr ordentlicher Autor mit einem umfang- und abwechslungsreichen Werk. In dem stellt der aufmerksame Leser allerdings immer wieder ein paar doch recht unangenehme Tendenzen in Richtung Dirty Harry-Faschismus fest - und damit ist jetzt nicht nur der angekündigte Holy Terror, Batman! gemeint, in dem der schwarze Rächer ausführlich Al Kaida-Arsch treten soll. Damit wir uns hier nicht falsch verstehen: Der Kram ist genauso wie der bereits angesprochene Dirty Harry ungemein unterhaltsam und macht einfach Spaß, trotzdem sollte der Leser doch etwas reflektieren, was er da tatsächlich liest. Unter dieser Prämisse lässt sich dann auch die epische Graphic Novel 300 am besten betrachten. Und um meine bescheidene Meinung gleich mal vorwegzunehmen: Ich halte 300 für Millers gelungstes Werk bisher - grafisch und inhaltlich.  300 basiert nicht wie so gerne behauptet wird auf der Schlacht der Spartaner gegen die Perser im Jahre 480 vor Christus - der Comic basiert auf den Überlieferungen des griechischen Historikers Herodot. Damals hielt eine kleine spartanische Armee unter ihrem König Leonidas den Weg ins Landesinnere gegen die ungleich größere Armee des Großkönig Xerxes von Persien. Und auch wenn Leonidas und seine Armee am Ende besiegt wurden, so konnten sich am Ende doch die Griechen gegen die orientalische Großmacht behaupten. Unnötig zu betonen, dass dieser Sieg dir griechische Volkseele über alle Maßen beflügelte und die Ereignisse um Leonidas und seine 300 Soldaten mehr und mehr glorifiziert wurden - auch heute noch wird die Schlacht an den Thermopylen als der große Konflikt zwischen Kultur und Barbarei, Aufklärung und Aberglauben, Demokratie und Despotismus, Orient gegen Abendland verstanden. Der Gedanke, dass die geschichtliche Wahrheit natürlich eine ganz andere ist und die Griechen ebenso wenig edle und freie Helden wie die Perser dekadente und grausame Unterdrücker waren, setzt sich heute erst nach und nach durch. An diesen Entwicklungen zeigt Frank Miller hingegen kein Interesse. Seine Spartaner sind die Alpha-Männchen unter den Griechen. Niemand kann es mit den durchtrainierten, disziplinierten Truppen aufnehmen - weder mit ihren absoluten Kampfgeschick, noch mit ihrer perfekten Disziplin, noch mit ihrem nahezu makellosen Charakter. Die Perser dagegen sind geradezu auf groteske Weise fremdartig und bedrohlich - dekadent und mit Schmuck behängt, von dunkler Hautfarbe, mit goldenen Gesichts-Piercings, manchmal mit gelockten Bärten und im Falle der 10.000 Unsterblichen, Xerxes Elite-Einheit, mit unheimlichen Masken präsentieren sich die Armeen des Achämenidenreiches als grausamer Gigant, der den Funken der Aufklärung mit Hilfe von Gewalt oder Bestechung bereits im Keim zu Ersticken droht.  Das sind - zugegebenermaßen - Tendenzen, die insbesondere im heutigen politischen Klima einen leicht unangenehmen Nachgeschmack hinterlassen. Allerdings sollte man dies nicht zu hoch bewerten, immerhin schrieb und zeichnete Miller 300 bereits 1998, lange bevor George Bush Junior zu seinem großen Anti-Terror-Feldzug aufbrach. Und hier geht es außerdem um einen Comic, nicht um zeitgenössische politische Brennpunkte. Und um die Argumentation mäßig elegant in weniger weniger brisante Bahnen zu lenken, lassen wir alle Osten gegen Westen-Tendenzen einfach mal unter den Tisch fallen und wenden uns tatsächlich dem Comic zu. Und der beeindruckt schon vor dem Aufschlagen der ersten Seite. Der deutsche Cross Cult Verlag wird seinem guten Ruf abermals vollends gerecht und präsentiert eine perfekt aufgemachte deutsche Fassung. Im epischen Breitformat im Hardcover und auf hervorragendem Papier gedruckt strahlt 300 eine wundervolle Wertigkeit aus, die den Preis von knapp 30 Euro allemal rechtfertigt. Auch die Übersetzung ist Cross Cult-typisch stimmungsvoll, eloquent und zeigt, dass der Übersetzer sich tatsächlich auch mit der Materie auseinander gesetzt hat - etwas, dass wir bei anderen Werken mit historischem Hintergrund wie beispielsweise dem eigentlich exzellent recherchierten Manga Anatolia Story schmerzlich vermisst haben. Die Sprache der Spartaner ist knapp und prägnant - lakonisch eben, wie es sich gehört. Berühmte Zitate wie "Unsere Pfeile werden die Sonne verdunkeln." - "Dann werden wir im Schatten kämpfen" erzielen genau die Wirkung, die sie sollen. Und auch wenn die Spartaner eigentlich gnadenlose Kampfmaschinen sind, die schonmal eine ganze persische Vorhut aufspießen, um den Rest der Armee in Angst und Schrecken zu versetzen, so steht der Leser dennoch fest auf der Seite von Leonidas und seinen 300 Mann.
Millers Zeichnungen erinnern stark an seine Arbeiten bei Sin City, durch die Coloration von Lynn Varley erzielen sie aber einen ganz anderen Effekt als die stark stilisierte Sin City-Welt. Kräftige, erdige Farben, leuchtend rotes, spritzendes Blut und viel Staub und Dreck geben 300 eine ungemein kraftvolle Optik. Der kommende Film versucht diese mit Hilfe von jeder Menge Computerzauber umzusetzen, aber zumindest im Trailer wirkt das ganze im Vergleich zum archaisch-urgewaltigen Comic doch eher künstlich und steril. Archaisch und urgewaltig - diese Adjektive umschreiben 300 am besten. Die Spartaner sind keine Menschen, sie sind Übermenschen, Halbgötter, die gleich den Heroen in der griechischen Vasenmalerei nicht einmal eine Rüstung brauchen sondern in idealisierter Nacktheit kämpfen. Der Comic strotz nur so vor Testosteron und Männlichkeit und ist sicher nicht für empfindsame Gemüter geeignet. Das Blut spritzt, die Leichen türmen sich und die Spartaner gehen ohne mit der Wimper zu zucken in den Tod. Warum? Weil es ihre Pflicht ist. Ob der Leser mit den Botschaften, die dem Comic innewohnen einverstanden ist oder nicht, das hängt von ihm ab. Einen interessanten, wenn auch natürlich ideologisch gefärbten Blick auf eines der entscheidendsten Ereignisse der Kulturgeschichte Europas und Vorderasiens gewährt 300 auf jeden Fall, und den sollte man sich nicht entgehen lassen. Weitere Crosscult-Comic-Reviews: The Portent - Zeichen des Unheils
The Red Star B.U.A.P. - Die Froschplage The Walking Dead Text Copyright Thomas Nickel 2006 Artwork Copyright Frank Miller |