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Mieses Karma Autor: David Safier Erschienen bei: Rowohlt ISBN: 978-3-499-24455-1 Preis: € 8,95 Mieses Karma bei Amazon.de
Wer kennt ihn nicht, den Stoßseufzer: Im nächsten Leben möchte ich z.B. eine Katze sein, die liegt den ganzen Tag faul auf dem heißen Blechdach und muss keine Abschlussarbeiten und Klausuren schreiben. Wer Felidae kennt, weiß zwar, dass auch Katzen ein ziemlich stressiges Leben haben, aber für den ersten Moment erscheint es einem sehr verlockend. David Safier, deutscher Drehbuchautor für Soaps und Serien, muss sich eines Tages ein paar Gedanken um solcherlei Reinkarnationen gemacht haben und erfand flugs eine Heldin mit dem Namen Kim Lange, die ein solches Abenteuer zu bestehen hat. Allerdings nicht als Katze – da muss man erstmal hinkommen.
Kim Lange arbeitet als Moderatorin einer berühmten Polit-Talkshow, hat im Laufe ihrer steilen Karriere mehrere Konkurrenten auf nicht ganz faire Weise aus dem Rennen geworfen und freut sich auf die Verleihung des Deutschen Fernsehpreises, für den sie nominiert ist. Die Liebe zu ihrem Gatten Alex ist so ziemlich erloschen, einzig ihre fünfjährige Tochter Lilly hält die beiden noch zusammen. Kim scheut sich auch nicht, Lillys Geburtstagsfeier der Preisverleihung vorzuziehen und rauscht ab nach Köln. Den Tag wird sie nicht überleben.
Zwar gewinnt sie tatsächlich den Fernsehpreis und sogar noch eine Nacht mit ihrem Konkurrenten Daniel Kohn, allerdings reißt ihr peinlicherweise das Kleid auf dem Gang zur Bühne. Aber eigentlich ist das nicht weiter schlimm, denn als sie später auf dem Dach des Hotels die Aussicht genießen will, kracht ein Teil einer Raumstation auf ihren Kopf und das wars dann.
Kim Lange ist tot, es lebe Kim Lange. Sie erwacht kurz vor dem Eintreten in das Licht wieder und stellt fest, dass sie im Körper einer winzigen Ameise steckt. Ihr gegenüber sitzt eine weitere, sehr fette Ameise, die sich ihr als Buddha vorstellt und ihr eröffnet, dass sie es durch all ihre Taten gerademal zur Reinkarnation als Ameise geschafft hat. Und sie solle froh sein, andere Leute werden als Darmbakterien wiedergeboren.
Schöner Mist, das. Die verzickte und egozentrische Kim muss also fortan Kuchenkrümel durch die Gegend schleppen und dabei mitansehen, wie ihr Mann sich in die Arme ihrer ehemals besten Freundin Nina wirft. Langsam beginnt sie schonmal darüber nachzudenken, ob sie Alex nicht vielleicht doch noch ein kleines bisschen liebt. Aber der Drops ist gelutscht, denkt sie sich – als sie plötzlich eine weitere reinkarnierte Ameise kennenlernt, bei der es sich um einen Herren namens Casanova handelt, der seit bald 200 Jahren als Ameise vor sich hindümpelt und schon gut und gerne 115 Leben ausgehaucht hat.
Es gibt nur eine Möglichkeit, unterrichtet Buddha sie bei ihrem nächsten Treffen, aus dem Ameisenhaufen rauszukommen: Gutes Karma durch gute Taten sammeln und auf der Reinkarnationsleiter nach oben klettern. Vielleicht lässt sich die sich anbahnende Beziehung zwischen Nina und Alex ja als Hund verhindern? Zusammen mit Casanova beginnt sie mit der Karmasammlung und fordert schließlich Buddha auf erstaunliche Weise heraus! An sich ist die Idee originell und liest sich auch tatsächlich unterhaltsam. Es fällt zwar schwer, diesen klassischen Freche-Frauen-Tonfall, der sich wie klebriger Teer durch das Buch zieht, halbwegs zu ignorieren, aber dafür wird man oft mit anderen netten Szenen belohnt.
Ab der Hälfte hingegen wird’s lang – und das muss man bei nichtmal 300 Seiten Buchstärke erstmal schaffen. Kim entwickelt sich langsam, aber unaufhaltsam in Richtung Nirwana, handelt aus „reinem Herzen“, wie Buddha es ihr immer wieder predigt und beginnt, sich weniger um sich selbst als um andere zu sorgen. Dass sowas nicht von heute auf morgen passiert, sondern Zeit braucht, ist klar. Aber trotzdem ist die zweite Hälfte des Buches ein wenig zäh, wenn auch schön skurril. Insgesamt eine gute Idee, die in eine leichte, flott geschriebene Lektüre umgesetzt wurde. Durch die Wandlung, die Kim durchmacht, wird das Buch stellenweise ein wenig nachdenklich und weiser, die Verbindung dieser Elemente hätte noch eine Spur besser gemacht werden können. Trotzdem wird die Geschichte schön und halbwegs glaubwürdig (im Rahmen der Möglichkeiten) abgeschlossen. Kim kriegt, was sie verdient, aber auch das, was sie sich im Laufe ihrer Wiedergeburten verdient hat. Und damit meine ich nicht nur Weisheit und die Gabe, mehr an ihre Mitmenschen zu denken. Ein (Frauen?-)Roman also, der zwar hin und wieder droht in die Freche-Powerfrauen-Grube zu fallen, aber den Balanceakt trotzdem noch hinkriegt und nicht abrutscht.
Im übrigen, falls Sie das lesen sollten, Herr Safier: Casanova ist Italiener, wie Sie selbst sagen. Ich finds etwas ungewöhnlich, dass er andere Menschen „Monsieur“ oder „Madame“ nennt. Das tun meines Wissens nach eher Franzosen. Oder? Cover Copyright Rowohlt Text Copyright 2008 Anna-Selina Sander |