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Thunderbolts Vol. 1 - Vertrauen in Monster

tb1Thunderbolts Vol. 1 - Vertrauen in Monster

Autor: Warren Ellis, Zeichnungen: Mike Deodato Jr., Kolorierung: Rain Bareto, deutsche Übersetzung:  Michael Strittmatter

Erschienen bei: Panini
Preis: 16,95 € 

Der britische Autor Warren Ellis war über Jahre hinweg der Hunter S. Thompson des amerikanischen Comics: In seiner Serie Transmetropolitan zerlegte er von 1998 bis 2004 mit den Mitteln völlig maßloser Satire nicht nur die amerikanische, sondern rückblickend auch die globalisierte Kulturlandschaft. Damit stand er in der besten transatlantischen Tradition von Comic-Autoren, die im sowieso schon sehr politisierten Klima der britischen Wochenzeitschrift 2000AD heranwuchsen und anschließend ihre Working Class-Werte (eindeutig linksgerichtet, aber zum Glück nicht allzu intellektualisiert) mit wütender Leidenschaft in den amerikanischen Comic-Mainstream einbrachten. Irgendwann jenseits der Jahrtausendwende schien Ellis aber der heilige Furor zu verlassen. Sein Ausstoß war in der Folge vor allem dem formalen und strukturellen Experiment verschrieben: Wie erzähle ich möglichst viel in nur 24 Seiten? Wie lassen sich die Strukturen der neuen, progressiven amerikanischen Fernsehserien wie Deadwood oder 24 auf den Mainstream-Comic übertragen? Das sollten eine ganze Weile lang Ellis’ Hauptinteressen sein, bis ihm vor gut zwei Jahren mit neuen Serien wie Fell und Marvel-Arbeiten wie Thunderbolts und NewUniversal scheinbar die Synthese alter und neuer Leidenschaften gelang. Strukturelle Virtuosität und politischer Eifer waren ab diesem Zeitpunkt anscheinend nicht mehr unvereinbar. Gleichzeitig wurde aber auch deutlich, warum sich Ellis wahrscheinlich in den Formalismus geflüchtet hatte: sein Idealismus war deutlich lädiert.

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Ellis’ Ausgaben der Marvel-Antiheldentruppe Thunderbolts, die jetzt bei Panini auf Deutsch erscheinen, sind ein deutlicher Beweis für die Desillusionierung des Briten. Die Serie liefert uns auf den ersten Blick tatsächlich den „ganzheitlichen Ellis“ - den, der auf der Suche nach der „perfekten Comic-Fernsehserie“ ist, und den, dessen moralische Empörung auf jeder Seite deutlich spürbar wird. Dabei kommt dem englischen Zyniker das Konzept des serials auf den ersten Blick klar entgegen, weil es jede Menge Stoff für politischen Subtext bietet. Die Thunderbolts sind nämlich kein klassisches Superheldenteam, sondern eine Truppe aus Super-Schwerverbrechern, die nur durch schmutzige Tricks und unter ständig vorgehaltener Waffe zum Gesetzesdienst gezwungen werden. Im Gegensatz zu früheren Inkarnationen des Teams wird dieser Zwangsdienst bei Ellis aber nicht verborgen, sondern in aller Öffentlichkeit abgefeiert. Das Ziel der zwangskonvertierten Bösewichte sind dabei durch die Bank sogenannte „Unregistrierte“ – Superhelden, die sich geweigert haben, ihre Identität dem Staat preiszugeben, und die deswegen gejagt werden. Es geht also plakativ zu auf den Seiten dieses Comics: Massenmörder bringen, höchst medienwirksam inszeniert, die „wirklichen Helden“ zur Strecke – worauf die Öffentlichkeit applaudiert und die passenden Action-Figuren kauft. Fast alle Charaktere sind dabei völlig überzogen dargestellte Irre, allen voran Norman Osborn, der Chef des Teams, der trotz heftiger Medikamentierung hauptsächlich mit manischem Lachen beschäftigt ist.

Die Thunderbolts bieten also ein noch viel bittereres Szenario als noch vor Jahren Transmetropolitan, und genau da liegt der Hund begraben. In Transmet gab es für Ellis in Form des Enthüllungsreporters Spider Jerusalem zumindest noch einen Repräsentanten des heiligen Zorns. Der konnte sogar effektiv handeln, war fähig, der großen, alles Menschliche zermalmenden Maschine wenigstens ab und an Sand ins Getriebe zu werfen. Eine solche, zumindest vorsichtig optimistisch stimmende Gestalt geht den Thunderbolts völlig ab. Im Gegenteil, die wenigen moralisch handelnden Figuren scheinen, zumindest in diesem ersten Band, völlig machtlos. Einer von ihnen – man sollte das als durchaus signifikant ansehen – wird sogar durch einen Dolchstoß ins Rückgrat vollständig gelähmt. Eine andere Heldin flüchtet Hals über Kopf ins Ausland. Mit anderen Worten: für die Rechtschaffenen gibt es keinerlei Handlungsspielraum mehr. Pessimisten mögen das als Konsequenz loben, als etwas oberflächliche, aber vielleicht gerade deswegen akkurate Darstellung eines Medienapparats, der zumindest auf den für die Massen gedachten Kanälen jegliche Möglichkeit des Widerstands ausgeschaltet hat.

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Diese pessimistische Konsequenz macht Ellis’ Thunderbolts aber auch trotz aller struktureller Vitalität, trotz Mike Deodatos oft toller Chiaroscuro-Zeichnungen und furioser Actionszenen zu einer eher traurig stimmenden Veranstaltung. Nachdem die Hoffnungen auf eine neue Handlungsfähigkeit, die auch Ellis in die neue Welt des Internet gesetzt hatte – Spider Jerusalem war ihre fiktionale Inkarnation – herb enttäuscht worden sind, bleiben dem Briten nur die Beschreibung des Elends, das Zerrbild, die handwerkliche Brillanz. Die Thunderbolts sind also auch Zeugnis einer Orientierungslosigkeit, vielleicht Teil eines Zwischenstadiums, bis Ellis herausgefunden hat, wo er seinen Idealismus möglicherweise doch wieder investieren kann. Bis dorthin kann er Ordnung und künstlerische Befriedigung wohl nur in Form und Struktur finden. Das ist schmerzhaft mit anzusehen, ganz besonders unter dieser perfekten, glattpolierten Pop-Oberfläche. Gerade deswegen sind Ellis' Thunderbolts vielleicht Comic-Pflichtlektüre, als Stimmungsbarometer, das sogar Anspruch auf Gültigkeit weit über den Autor als Individuum hinaus haben könnte - leider in bisweilen ziemlich hakeliger deutscher Übersetzung.

 
Text Copyright 2008 Jochen Ecke
Thunderbolts, Excerpts and Cover Art Copyright Marvel Characters / Panini Comics

 
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