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USA / Kanada / Frankreich (2006) Regie: Christophe Gans, Buch: Roger Avary, Kamera: Dan Laustsen, mit: Radha Mitchell, Sean Bean, Jodelle Ferland
Preis: ca. 20 Euro Silent Hill (Limited Edition, 2 DVDs) (Steelbook) ca. 14 Euro Silent Hill (Einzel-DVD) ca. 18 Euro Silent Hill [UMD Universal Media Disc] Wenn in Christophe Gans’ Silent Hill zum ersten Mal die Luftschutzsirenen kreischen und sich der Himmel verfinstert, dann lösen sich auf einen Schlag eine ganze Reihe von Versprechen ein, die uns die Spezialeffektindustrie schon seit Jahren macht: dass mit Computergraphiken alles möglich ist; dass die Vorstellungskraft der Filmemacher grenzenlos sein darf; dass die Bilder auf unverschämt unterhaltsame und verblüffende Weise jede Verlässlichkeit verloren haben. Aus einer amerikanischen Kleinstadt, visuell ein bisschen mythisch überhöht wie ein Gemälde von Norman Rockwell, wird dann ganz plötzlich ein schwarzes Labyrinth aus Asche, Stahl und einem absurden Geflecht aus Zäunen. Die Kamera begleitet die Protagonistin Rose (Radha Mitchell) auf der Suche nach ihrer entlaufenen Tochter nicht mehr, sondern wirbelt in die Luft, kippt, fällt, rollt, steigt dann wieder auf und zeigt uns so, dass man selbst aus schwindelnder Höhe keinen Überblick über diese plötzlich entstandene Hölle bekommen kann. Dann fällt eine Horde humpelnder Fleischklumpen über Rose her; ihre Körper sind versengt, von der Haut steigt Asche auf. Verbrannte Kinder könnten das sein, von der Sirene erweckt von den Toten, aber keiner erklärt uns das so genau. Erst recht nicht die Kaputtniks selbst: Gellende, unmenschliche Schreie geben die Angreifer von sich, die Atmo tönt wie ein voll ausgelastetes Stahlwerk. Schließlich fällt eine Tür zu, die verkokelten Mistbiester verflüchtigen sich ganz plötzlich, aus dem Radio tönt fröhliche Musik aus den 50ern. Ein wonniger Alptraum, die beste Kino-Geisterbahn seit Ewigkeiten, soviel ist sicher. Fragt sich nur, wer der Träumer ist. An diesem Punkt wird es kompliziert und unangenehm postmodern, denn die Frage lässt sich nicht so leicht beantworten. Silent Hill ist schließlich das neueste Bindeglied in einem langen, schwer zu entwirrenden Geflecht, das sich einfach nicht mit der lockeren Formel „Videospiel wird zu Kinofilm“ fassen lässt. Konamis Reihe von interaktiven Horrortrips selbst ist ja keineswegs aus dem Nichts heraus entstanden. Im Gegenteil, die japanischen Produzenten der Spiele machen aus ihren Idolen keinen Hehl. Die Silent Hill’sche Ursuppe, um nur einige Beispiele zu nennen, besteht wahrscheinlich aus den Filmen der italienischen Horror-Trash-Ikonen Lucio Fulci und Dario Argento oder eines David Lynch. Entsprechend ist Christophe Gans’ völlig entfesselte Kameraarbeit nicht nur auf die manische Dynamik der Spielbilder zurückzuführen, sondern auch auf den schiefen, irren Blick, den ein Haufen durchgeknallter Italiener der Welt entgegengebracht haben. Es wundert einen dann auch nicht, dass Gans in dritter Generation von seinen filmischen Ahnen auch die völlige Missachtung von orthodoxer Plausibilität, schlüssiger Figurenzeichnung, ästhetischer Konsistenz oder einfachster Logik übernimmt.   Wenn schon neblig, dann richtig: Christophe Gans hat ein großes Faible für expressionistische Überzeichnung. Wer sich von Silent Hill also Charakterdrama, kunstvoll gehaltenen Ton oder gar geistreiche Dialoge erwartet, der ist auf dem völlig falschen Dampfer. Gans’ Stil, genau wie der seiner Vorbilder, ist ein Kino der extrem aufregenden Oberfläche, der visuellen Brillanz. Patrick Tatopolous’ sagenhaftes Produktionsdesign zeigt dabei überdeutlich, worauf es Gans ankommt. Hier werden keine klassisch-rumpeligen Geisterhäuser oder Gothic-Kirchen wie in B-Movies der 50er Jahre entworfen, sondern was sie in der Imagination „immer hätten sein sollen“, ihre Big Budget-Idealversionen, maßlos überzogen und so ornamental-schmuck, dass vor unseren Augen eine Art monumentaler Kitsch des Hässlichen entsteht. Silent Hill sieht dann auch genau so aus, wie man sich als Achtjähriger die Geisterbahn auf dem Jahrmarkt gewünscht hätte: Voll mit grausen Gestalten, abgetrennten Gliedmaßen, schaurigen Geräuschen, aber das alles ist nicht sofort erkennbar aus Pappe, und die Schienen, auf denen unser Wagen fährt, führen nicht zwangsläufig verlässlich zum Ausgang. Besser gesagt: Wenn sie uns zum Ausgang bringen, dann bleibt am Ende die Ungewissheit, ob wir wieder in derselben Welt aussteigen, in der wir eingestiegen sind. Gans und seine Vorgänger suhlen sich also in Horror-Klischees, überziehen sie bis an die Grenzen der Selbstparodie, um diesen erstarrten Ideen doch noch so etwas wie ein echtes Gefühl, tatsächlichen Schauer, vielleicht sogar einen kurzen Moment des Grauens zu entringen. Das gelingt ihnen nicht immer. Ein Beispiel für ihr gelegentliches Scheitern: Wenn der Klüngel christlicher Fundamentalisten, allesamt physiognomisch beeinträchtigt, in der Kirche von Silent Hill zur Hexenverbrennung aufruft, dann wirkt das nicht mehr wie das gewünschte Klischee von fanatischer Mob-Mentalität, sondern ganz konkret wie die berühmte Szene aus den Rittern der Kokosnuss. Machen wir also keinen Hehl daraus: Silent Hill flirtet nicht nur mit dem bewussten, sondern auch mit dem naiven Camp. Wer hier nicht ab und zu lachen muss, der hat kein Herz. Wer das aber als Schwäche, nicht als eine der Stärken des Films begreift, der sollte die Scheibe gar nicht erst einlegen. Für alle anderen lohnt sich der Besuch aber in jedem Fall, denn wenn Gans’ Strategie aufgeht, dann richtig. Beispielsweise, wenn er Klischees drastisch zu Ende denkt: Die Begleiterin der Heldin, eine burschikose Polizistin, muss erwartungsgemäß sterben, aber dann gleich zweimal. Beide Heldentode sind an Konsequenz kaum zu überbieten und machen die Furchtbarkeit der ausgeübten Gewalt sehr spürbar. An anderer Stelle übt sich Gans genüsslich in Zuschauerbeteiligung: Eine entsetzlich deformierte Leiche auf einer Schultoilette deutet in der Realität schon an, was in der (Alp-)Traumebene des Films erwartungsgemäß furchtbare Gewissheit wird. Derartige Konsequenzen lassen sich zwar oft vorausahnen, die Drastik der Umsetzung macht das aber mehr als wett.   Der Kamerastil von Silent Hill ist eigentlich dem gegenwärtigen Closeup-Wahn diametral entgegengerichtet. Es dominieren Weitwinkel-Megatotalen mit komplizierter Lichtsetzung. Schlussfolgerung: Der eigentliche Star des Films sind oft genug Patrick Tatopolous' spektakuläre Kulissen.
Am Ende hat Silent Hill dann natürlich auch noch eine eigene Erklärung parat, wer denn das Horror-Melodram zusammengeträumt hat. Kaum zu glauben, dass der / die Schuldige allein aus Rache, Leid und Enttäuschung gehandelt haben soll, nicht auch aus purem Spaß an der Geisterbahnfahrt. Das gilt nämlich ganz bestimmt für den zweiten großen Träumer des Films, nämlich Christophe Gans, genauso wie für die postmoderne Horrorfamilie, in die er mit Silent Hill eingeheiratet hat. Es ist ein brüchiger, manchmal überambitionierter, skizzenhafter Film geworden, ganz sicher nicht das Produkt eines großen Intellektuellen. Gerade das macht ihn aber so unterhaltsam – für gute zwei Stunden macht Kino plötzlich wieder Spaß. Und Christophe Gans steht unter verschärfter Beobachtung, was auch immer er als nächstes tut. Weniger angetan sind wir von den Extras, welche die Doppeldisc von Concorde für uns bereithält: Zwar wird rein numerisch mit Featurettes nicht gegeizt, die fallen dafür aber über weite Strecken dröge und selbstbeweihräuchernd aus, ohne tiefere Einblicke zu liefern. Der Griff zur Single Disc ist also nicht gerade mit einem sagenhaften Verlust an Mehrwert verbunden und deswegen von uns eher empfohlen.
Text Copyright 2006 Jochen Ecke Film, Artwork, Screenshots Copyright Konami Corporation Ltd., TriStar Pictures, Silent Hill DCP Inc. |