|
John Williams: Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull (USA 2008) Plattenfirma: Concord (Universal) Tracks: 19 Erscheinungsdatum: 23. Mai 2008 ASIN: B0017YX0BY Preis: ca. 17€ Indiana Jones OST bei Amazon.de
Indiana Jones ist zurück auf der großen Leinwand (die Review zum Film gibts hier) – und wir dürfen uns wieder fühlen wie damals, als wir noch jung waren. Wirft man einen Blick auf die Crew-Liste, findet man mehr als nur einen bekannten Namen, wie zum Beispiel John Williams, Spielbergs Haus- und Hof-Komponisten. Bleibt also akustisch auch alles beim Alten? Hier meine Gedanken zu einigen der Tracks. Schon mit dem ersten Track „Raider’s March“ betritt man die Zeitmaschine zurück in die 80er. Ja, es fühlt sich genauso an wie damals, als wir das erste Mal mit großen Augen Indys Abenteuer verfolgten – ob wir nun zu den Glücklichen gehören, die 1981 im Kino saßen, oder ob wir später vor dem Fernseher hofften, dass Indy die Bundeslade doch noch vor den Nazis finden wird. Ein verschmitztes schiefes Grinsen breitet sich auf dem Gesicht aus. Doch die anheimelnd-vertrauten Klänge spielen spätestens bei „Call of the Crystal“ nur noch die zweite Geige. Seit einigen Jahren ist bei Williams eine höchst interessante Entwicklung hin zu Atonalität und Minimalismus zu beobachten: Spärlich setzt er eingängige Melodien ein, die man schon nach wenigen Takten mitpfeifen könnte. So besteht auch das Crystal-Thema nur aus zwei Motiven. Da wäre zum einen ein gebrochener Dreiklang, der nicht nur als Motiv, sondern auch als Ostinato immer wieder auftaucht. Die Töne gehen fließend ineinander über, bis sie nicht mehr von einander zu trennen sind und einen einzigen, unheimlichen Klang erzeugen. Darüber schwebt gleichsam die Querflöte, deren Motiv sich völlig frei, nicht mehr an Takt und Metrum gebunden, bewegt. Doch gleich darauf beweist uns Williams, dass er beides kann, durch reinen Klang Emotionen erzeugen und durch eingängige Melodik Bilder entstehen lassen. Bei „Adventures of Mutt“ zum Beispiel stelle ich mir unweigerlich einen energiegeladenen Jungspund vor, der auf charmante aber auch etwas tollpatschig-unerfahrene Art daher kommt. Verspielt baut Williams immer wieder das Indy-Thema ein. Ob er uns hier etwas sagen will? Und wenn ich es mir recht überlege, mit „mutt“ bezeichnet der Englisch-sprechende Mensch ja gemeinhin einen Hund, genauer gesagt einen Köter… Es ist sicherlich nicht falsch, wenn man „Adventures of Mutt“ in die stilistische und inhaltliche Nähe von „Indy’s Very First Adventures“ aus dem Opener zu Indiana Jones und der letzte Kreuzzug stellt. Und weil kein Indy-Film ohne Schlangen funktioniert, gibt es im vierten Teil auch eine und zwar eine richtig große in einer Grube. Streicher und Holzbläser imitieren den riesigen, sich ringelnden und windenden Schlangenkörper schon beinahe plastisch. „Moment mal, das kenne ich doch…!“ denkt man sich schon in den ersten beiden Sekunden von „Spell of the Skull“. Natürlich kennen wir das Bundesladen-Thema aus Jäger des verlorenen Schatzes. Aber hier geht es ja nicht um althebräische Kisten, sondern um Kristallschädel, und darum geht das erste Thema recht bald in die schon bekannten Klänge aus „Call of the Crystal“ über. Außer den obligatorischen Schlangen kommt auch kein Indy-Film ohne Reisesequenz aus. Wie schon in den drei Vorgängerfilmen, mischt Williams hier den „Raider’s March“ mit Versatzstücken aus anderen Themen. Nach kurzer Reisezeit sind wir denn auch schon am Ziel angekommen: die fröhlichen, folkloristischen Klänge mit jeder Menge Rhythmusgerassel, Gitarren, Trompeten und Panflöte implizieren Südamerika. Williams legt hier großen Wert darauf, uns auch musikalisch ein Gespür für die Örtlichkeit zu geben. Williams scheint seit einigen Jahren von Xylophonen begeistert zu sein und setzt sie geschickt immer wieder dann ein, wenn es um Verfolgungsjagden geht. So auch bei „Whirl through Academe“, einer Verfolgungsjagd über den Campus, bei der zu wohlbekannten studentischen Klängen (Bitte nicht mitsingen bei „Gaudeamus igitur“!) allerlei zu Bruch geht. Die kurzen, abgehackten Töne des Xylophons, die durch die harten Schlägel auf dem Holz entstehen, hetzen regelrecht durch die Notation und verbreiten unweigerlich den Eindruck „Aus dem Weg!“. Auch „Grave Robbers“ ist ein wahres Percussiorama. Durch kurze Einwürfe der Harfe und unterschwellige Bläser, die gerne auch mal als Soundeffekt eingesetzt werden, sieht man bald ein schummeriges Grab vor sich, das von Spinnweben durchzogen ist. Pizzicato in den Violinen impliziert kleines Viehzeug, das sich auf mindestens vier Beinen schnell fortbewegt. Und noch einmal Krabbelvieh, diesmal „Ants!“. Und wahrlich, es sind Milliarden Ameisen, die sich da über die Leinwand bewegen. Es wuselt in allen Registern der Streicher und Holzbläser – als Klarinettistin kann ich da nachfühlen... In „Finale“ werden abschließend in guter alter Tradition die einschlägigen Themen des Films rekapituliert, angefangen bei „Raider’s March“ über „Marion’s Theme“ bis hin zu „Call of the Crystal“. Dazwischen tummelt sich auch noch ein bisschen Irina Spalko, die wir an fröhlicher russischer Folklore erkennen. Dieser Teil des Irnia-Themas ist leider auf der CD ansonsten nicht zu entdecken. Es sollte Aufgabe eines guten Filmkomponisten sein, Atmosphäre zu schaffen und Bild und Inhalt so weiter auf die Gefühlsebene der Zuschauer zu transportieren. Williams gelingt dies hier erneut ganz wunderbar. Seine Musik untermalt nicht nur die Bilder des Films, sondern entwickelt ein Eigenleben, indem sie eigene vor unserem geistigen Auge entstehen lässt. Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels fühlt sich über weite Strecken an, als wäre Williams tatsächlich 27 Jahre in die Vergangenheit gereist und hätte sein damaliges Ich den Score schreiben lassen. Doch andere Passagen wie zum Beispiel in „Hidden Treasure“ beweisen, dass Williams eine Entwicklung durchmacht hin zu abstrakter Musik, die er nicht rückgängig machen will. Es scheint so, als wolle John Williams uns sagen: „Ja, es ist Indiana Jones und daran wird auch nichts ändern. Aber ich habe mich verändert.“ Steven Spielberg sagte kürzlich in einem Interview mit der New York Times: „John Williams and I have a word we use when we have something we think the audience will love. Maybe it’ll be a little over the top, and we ask each other, ‘Are we being too shameless?’ In a way I think we’ve both grown kind of proud of being shameless.” Ich kann nur sagen: O ja, ihr wart schamlos, und darauf dürft ihr guten Gewissens stolz sein.
Verwandte Artikel: Review: Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels Text Copyright Bettina Herbig 2008 Bilder Copyright Concord |