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Seite 1 von 7 Cheerily Vulgar, Cheerily Proletarian:
Die Außergewöhnliche Karriere Alan Moores 1. Alan Moore, der wandelnde Comic Alan Moore ist ein wandelndes Kunstwerk. Jedenfalls wird er von den meisten Journalisten so beschrieben, die den Autoren aus Northampton persönlich kennenlernen durften. Sridhar Pappu beispielsweise zeichnet genau dieses Bild von Moore in der Einleitung zu einem Interview: Moore, 1,90m groß, mit Haaren, die weit über seine Schultern hinausreichen und einem Bart, der bis zur Brust gewachsen ist, kommt an unserem Treffpunkt an. Ja, er trägt tatsächlich nur schwarze Kleidung und einen Gehstock, der wie eine Schlange geformt ist. An allen seinen Fingern sieht man dicke Ringe aus Metall, aber gleichzeitig macht er auch den Eindruck eines englischen Barristers mit rosigen Wangen, der gerade vom Kontinent zurückgekehrt ist. Während er spricht, fuchtelt er mit seinem Schlangenstock in der Luft, ein Geschichtenerzähler, der die Orte, die er gesehen hat, auf der Landkarte seiner Vorstellungskraft ausweist. Schon anhand dieser Zeilen kann man erkennen, dass Moore sich - zumindest wenn er öffentlich in Erscheinung tritt – als ein komplexer, offen fiktionaler Text präsentiert, der uns dazu auffordert, ihn sowohl auf visueller als auch sprachlicher Ebene zu interpretieren. Man ist also versucht zu sagen: Er hat sich selbst zu einer Art lebendem Comic gemacht, einem Medium, das ja scheinbar auch aus einer Vielzahl von Widersprüchen zu bestehen scheint, wie der Opposition von Bildern und Wörtern – Widersprüche, die sich allerdings im Leseprozess beinahe schon magisch zu einem kohärenten Ganzen fügen. Moore lädt uns also ein, die Identität, die er sich geschaffen hat, zu „lesen“, und bombardiert uns dabei mit scheinbar paradoxen Charakterzügen – am offensichtlichsten darunter ganz sicher das Bild vom Jungen aus der Northamptoner Arbeiterklasse, der einen Teufel tun würde, den vor Diphthongen wimmelnden Akzent loszuwerden, das in so absurdem Kontrast zu dem postmodernen Schamanen steht, der mit hochironischem Lächeln verkündet, er verehre eine uralte Schlangengottheit namens Glycon. Tatsächlich gelingt Moore die Synthese dieser beiden Figuren problemlos: Wenn wir eine Unterscheidung zwischen diesen beiden Aspekten seines Charakters treffen, dann tun das ganz allein wir, nicht er. Zwei Fotos, die den Kontrast von Moores öffentlicher Persönlichkeit und dem Privatmann mehr als deutlich machen.
2. Alan Moores Status in der Welt der britischen Literatur Moore könnte sich also nicht mehr vom literarischen Establishment in Großbritannien unterscheiden – er ist gewiss kein Julian Barnes, Martin Amis oder Ian McEwan, und auch mit der jungen Generation von Autorinnen und Autoren wie Zadie Smith hat er wenig gemeinsam. Tatsächlich ist er sich selbst sicher, dass er im Vergleich zu diesen Stars der Literaturszene immer im Hintergrund bleiben wird. Moores Argumentation ist dabei sehr schlüssig; so meint er in einem Interview, dass die Aufmerksamkeit, die ein Schriftsteller im Vereinigten Königreich genießt, immer noch stark von der Klassenzugehörigkeit abhängt – denn der Kanon wird vom Mittelstand bestimmt. In einem Interview sagt er dazu: Bei uns arbeitet das literarische Establishment immer noch – das heißt seit den Tagen von Jane Austen – nach dem Modell der „Novel of manners“, des bürgerlichen Sittengemäldes. Die Kritiker, selbst Teil des Bürgertums, waren so angetan von dieser Literatur, die ihre eigenen sozialen Verhältnisse widerzuspiegeln schien, dass sie entschieden, die „Novel of manners“ sei die einzig wahre Literatur.
Moores Statement ist sicher etwas vereinfachend, was wohl auch an der oft etwas oberflächlichen Interview-Situation liegt. Aber seine Schlussfolgerungen sind dennoch interessant. Für Moore liegt es an der Dominanz von Jane Austens Modell des Romans, dass jedwede Genrekost, alles, was nicht in irgendeiner Art ein Sittengemälde war/ist, von der Definition von Literatur ausgeschlossen wurde/wird. Damit ist für ihn auch klar: „Wenn man Comics schreibt, was als durch und durch niederes Medium angesehen wird, naja, dann darf man nicht erwarten, dass man in naher Zukunft den Booker Prize bekommt.“
Aus dieser Aussage lassen sich etliche Schlussfolgerungen ziehen. Zuallererst wird deutlich, dass Moore einen entschieden proletarischen Hintergrund hat, und dass er schon immer misstrauisch gegenüber dem politischen und kulturellen Establishment war. Dieses Misstrauen hat seine Karriere in erheblichem Maße beeinflusst, sowohl in künstlerischer als auch in menschlicher Hinsicht. Gleichzeitig weist Moore darauf hin, woran er den Hauptteil seiner Karriere gearbeitet hat: Genreliteratur, besser Genre-Comics, von Science Fiction über Horror bis hin zu der in Amerika so dominanten Spielart des Superhelden-Melodrams. Eine „Novel of manners“ findet man in seinem Werk aber nicht.  Es ist also alles andere als überraschend, wenn Moore seine Überzeugung kundtut, das „echte kulturelle Leben“ finde „in den Randgebieten statt“ und „die interessantesten Autoren“ seien „diejenigen, die nur selten einen Literaturpreis überhaupt aus der Nähe zu sehen bekommen, weil man sie für zu vulgär hält“. Auf den ersten Blick scheint es, als rede Moore hier nur von sich selbst, aber damit tut man ihm Unrecht. Seine Sympathie gilt tatsächlich den Künstlern, die als „zu schamlos vulgär, zu proletarisch“ angesehen wurden und werden – Autoren wie Arthur Machen oder Mervyn Peake, die sich in keinem bürgerlichen Kanon finden. Im selben Maße hat er Kollegen gefördert und hat das Schreiben von Comics auch dann nicht aufgegeben, als er die Gelegenheit hatte, in kulturell akzeptiertere Bereiche abzuwandern. Auch deswegen ist Moore wohl zum nach wie vor anerkanntesten Autor englischsprachiger Comics geworden: er hat das Medium nie im Stich gelassen. |