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Gorilla des Monats

bernie 
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Beitragsinhalt
Cheerily Vulgar, Cheerily Proletarian
Seite 2 - Die frühen Jahre
Seite 3 - Moore und der Mainstream
Seite 4 - Mad Love
Seite 5 - Moores Schamanismus
Seite 6 - Pornotopia: Lost Girls
Seite 7 - Lost Girls Forts.
 

3. Die frühen Jahre: Alan Moores Weg zum professionellen Autor

Betrachtet man Moores Biographie, scheint es umso ungewöhnlicher, dass er überhaupt erst einen künstlerischen Beruf ergriffen hat. Er wurde am 18. November 1953 in Northampton geboren. Sein Vater Ernest arbeitete zu dieser Zeit für die ansässige Brauerei, und später verbrachte er den Rest seines Arbeitslebens damit, für das Northamptoner Elektrizitätswerk Gruben auszuheben. Moores Mutter Sylvia schuftete in einer Druckerei. Die ersten Comics, die Moore im Kindesalter las, waren genauso dem „Working Class“-Hintergrund verbunden – Wochenmagazine wie Topper und Beezer hatten sich aus der viktorianischen Tradition des „Chapbook“ und des Groschenromans entwickelt. Erst die importierten revolutionären Marvel-Titel der 1960er Jahre allerdings, wie zum Beispiel Stan Lees und Jack Kirbys Fantastic Four, übten eine verhängnisvolle Faszination auf Moore aus.

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Ein Titelbild von Jack Kirbys und Stan Lees Fantastic Four aus den frühen 1960er Jahren

Durch sie entdeckte er im Anschluss noch wesentlich subversivere amerikanische Importe wie Will Eisners The Spirit, Harvey Kurtzmans Mad Magazine und schließlich die Underground Comix der späten 60er Jahre. Besonders die Magazine Arcade und Graphic Story wurden essentiell für Moores künstlerische Sozialisation, ebenso wie die Comics des legendären Underground-Künstlers Robert Crumb.

Alan Moore
Robert Crumbs Underground-Comix zeigten Moore das subversive Potential des Comic-Mediums auf

Moore entwickelte damals schon den Plan, später Comics zu schreiben, aber diesen Ambitionen wurde 1970 – er war 17 – zunächst ein scheinbar jähes Ende bereitet. Er hatte wohl etwas zu sehr den revolutionären Geist der Underground Comix zum Vorbild genommen, und dementsprechend freiheitlich verhielt sich Moore an der Northampton Grammar School, für die er aufgrund seines Talents zugelassen worden war. Anstatt den Unterricht zu besuchen, bretterte er meist mit dem Motorrad über den Hof der psychiatrischen Klinik, die neben der Schule lag. Als seine Lehrer entdeckten, dass er an seine Klassenkameraden LSD verkaufte, wurde Moore von der Schule geworfen. Seine eigene Interpretation der Ereignisse gab er in einem Fernsehinterview:

Der Direktor hatte einfach etwas gegen mich. Ich würde sagen, seine tiefe Abneigung hatte etwas mit meinem sozialen Stand zu tun – jedenfalls schrieb er an alle Schulen im Umkreis, dass sie mich nicht aufnehmen sollten, weil ich einen schlechten Einfluss auf meine Mitschüler ausüben würde. Ich musste mich also fortan um meinen Lebensunterhalt selbst kümmern und fing an, wie ein Verrückter zu lesen.
In den folgenden Jahren schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch – besonders gerne zitiert Moore zu diesem Thema in Interviews seine Erlebnisse im Schlachthof von Northampton, wo er dafür zuständig war, die Eingeweide wegzuschaufeln, die den Boden bedeckten. Gleichzeitig gab er aber den Gedanken einer Karriere als Autor nie auf, veröffentlichte mit gleichgesinnten jungen Leuten aus dem Northampton Arts Lab die Magazine Embryo und Rovel.

Schließlich startete er im Alter von 25 Jahren einen letzten Versuch, seinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben zu verdienen. Er war zu diesem Zeitpunkt bereits zum ersten Mal verheiratet, seine Frau war schwanger – und nahm ihm das Versprechen ab, er würde sich mit einem Bürojob zufrieden geben, sollten seine Versuche als Autor nicht zügig erfolgreich sein. Zu Beginn seiner Karriere war Moore notgedrungen auch als Zeichner tätig. Er textete und zeichnete Cartoons und Strips für Musikzeitschriften, verkaufte dann aber bald auch seine ersten längeren Geschichten an die britische Niederlassung von Marvel Comics, an das wöchentliche Science Fiction-Magazin 2000AD und schließlich ab März 1982 an Dez Skinns revolutionäre Anthologie Warrior. Von den Serien, die Moore zu dieser Zeit erfand, jetzt schon nur noch als Texter, wird meist V for Vendetta als die wichtigste zitiert – ein verständliches Urteil über diesen enorm subversiven Superhelden-Comic, der die Genre-Grenzen dreist durchbrach, das Archiv früherer maskierter Helden und literarischer Dystopien schamlos plünderte und auf diesem Weg eine neue, selbstreflexive Art von Mainstream-Comic erfand, die dem Zeitgeist der 1980er Jahre perfekt entsprach. Auch in politischer Hinsicht ist der Comic ein wichtiges Zeitdokument: V for Vendetta kann man als leidenschaftlichen Protest gegen die materielle Gier, die Kriegstreiberei und die Anti-Gewerkschaftspolitik der damaligen Thatcher-Regierung lesen. Hier entwickelt Moore auch den für ihn seitdem typischen, hochkomplexen Formalismus.

Die Dominanz von V for Vendetta in der öffentlichen Wahrnehmung hat aber möglicherweise auch noch andere Gründe. Während seiner Publikation in Warrior war es einer der ersten von Moores Comics, die auch in den USA Aufmerksamkeit erregten. Später wurde die Serie sogar vom New Yorker Verlag DC Comics zu Ende geführt, weil Warrior pleite gegangen war. Die Popularität von V for Vendetta hat also möglicherweise auch etwas mit der höheren Auflage der amerikanischen Veröffentlichung und der Dominanz der amerikanischen Comickultur zu tun, die im Gegensatz zu ihrem britischen Pendant dazu fähig war, den Sammelband bis heute verfügbar zu halten. 

Halo Jones
 Ein Cover der Original-Veröffentlichung von The Ballad of Halo Jones in 2000AD; rechts daneben: der derzeitige Paperback-Umschlag
 
Dabei wird aber auch ein wenig die Sicht verdeckt auf all die anderen Comics, die Moore in den frühen 80er Jahren schrieb und die ebenso komplex und faszinierend sind - so beispielsweise The Ballad of Halo Jones, das in 2000AD erschien. Moore beschäftigt sich dort, wieder auf Basis eines dystopischen Science Fiction-Szenarios, mit den Gesellschaftsgruppen, die am meisten vom Aufstieg der neuen Rechten unter Thatcher zu leiden hatten. Die damalige Premierministerin hatte den politischen Fokus von der Vollbeschäftigung auf die Senkung der Inflationsrate verlegt, und dementsprechend entstand in Großbritannien eine ganz neue Form von Armut unter den arbeitslosen Mitgliedern der Working Class. Halo Jones spitzt diese politische Entwicklung satirisch zu, indem es die Mitglieder dieser Arbeiterklasse in ein abgeschlossenes Ghetto namens „The Hoop“ versetzt, aus dem es eigentlich kein Entkommen gibt. Halo Jones wird gleichzeitig – auch auf dem Klappentext – als „feministisches“ Comic bezeichnet. Das ist so nicht ganz haltbar: Zwar war Halo tatsächlich die erste Heldin von 2000AD, aber Moore legt sie nicht als wirklich aktive Handlungsträgerin an. Im Gegenteil, wenn ihr es am Ende des ersten Buches gelingt, den „Hoop“ zu verlassen, dann geschieht das aus reinem Zufall heraus. Auch diese explizite Handlungsunfähigkeit spiegelt deutlich die Lage der britischen Arbeiterklasse in den 80er Jahren wider.
 
Es waren also Arbeiten wie V for Vendetta oder Halo Jones, die Moore die verdiente Aufmerksamkeit amerikanischer Comic-Redakteure einbrachten. Als ihn DC Comics schließlich im November 1983 die Serie Saga of the Swamp Thing anbot, brach ein ganz neues Kapitel in seiner Karriere an – fortan würde er als Mittler zwischen Großbritannien und den USA arbeiten. Moore wurde so zum ersten einer langen Reihe von britischen Autoren und Zeichnern, die im amerikanischen Comic sozusagen transatlantisch tätig werden sollten. Swamp Thing war dabei der ideale Spielplatz, um diese neue Partnerschaft herauszubilden.
 
Swamp Thing
Die komplexen Seitenlayouts von Saga of the Swamp Thing verweisen schon auf die späteren Experimente Moores in Promethea
 
Die Auflage der Serie um das Sumpfmonster lag mit 17.000 Exemplaren bei einem historischen Tief. Moores Beschäftigung bei DC hätte also auch eine reine Beerdigung des Titels sein können. Es kam völlig anders: Er brachte in diese uramerikanische Monsterserie die eigenen politischen und formalen Neigungen mit ein, und nutzte Swamp Thing so, um sich mit Themen wie Rassismus und dem Umweltschutz zu beschäftigen, und das mit einer für ein Mainstream-Comic bis dahin ungekannten emotionalen Tiefe. Als Moore schließlich nach vier Jahren die Serie verließ, war die Auflage auf 100.000 monatliche Exemplare gestiegen.
 
 
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