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Seite 4 von 7 5. Über Selbstverantwortlichkeit und Schamanismus Der Comicindustrie gelang es also nicht, der neuen Situation gerecht zu werden, und sie klammerte sich stattdessen an die alten, dubiosen Methoden. Moore, der bereits unter der ungeliebten Berühmtheit litt, war nach einiger Zeit so enttäuscht von den Geschäftspraktiken des amerikanischen Mainstreams, dass er sich ganz aus dem Business zurückzog. Er wurde, wie Gary Spencer Millidge schreibt, „praktisch zum Einsiedler“. Man sollte Moores Rückzug aber nicht mit der Abwesenheit von Produktivität verwechseln. Tatsächlich könnte man sagen, dass das Jahr 1988 den Beginn der zweiten Phase von Moores Karriere markiert, in der er den notwendigen Kompromiss des Superheldencomics hinter sich lässt, stattdessen aber in völlig neue Schwierigkeiten gerät.
Mit dem Geld, das er mit Watchmen verdient hatte, gründete Moore einen eigenen Verlag namens Mad Love. Er begann sofort mit der Arbeit an etlichen Comics, die sehr ambitioniert angelegt waren – um genau zu sein sollten sie Moore für den Großteil eines Jahrzehnts beschäftigt halten. Es zeigte sich aber schnell, dass Mad Love nicht lebensfähig war. Der Verlag wurde zu einem finanziellen schwarzen Loch, der mit rasender Geschwindigkeit Moores Geldreserven auffraß. Er musste also doch wieder auf die Suche nach Verlegern gehen, eine schwierige Aufgabe, die nur sehr bedingt erfolgreich war. Der Comic-Roman From Hell, den Moore mit dem Zeichner Eddie Campbell Ende der 80er Jahre begann, soll als Beispiel für die Problematik stehen: Mehrmals mussten Campbell und Moore den Verleger wechseln, jedes Mal, weil das jeweilige Haus pleite ging, so dass es bis zur Fertigstellung des 600 Seiten starken Bandes Jahre dauerte. Eine Sammlung erschien schließlich 1996. Eddie Campbell beschreibt die Verlagsproblematik folgendermaßen:
Drei Verlage meldeten bankrott an. Die Verkaufszahlen waren nie so hoch, wie sie eigentlich hätten sein sollen. From Hell verkaufte durchgängig weniger als zehntausend Exemplare pro Kapitel. Es wurde nie vernünftig veröffentlicht, und hat nie die Aufmerksamkeit bekommen, die es meiner Meinung nach verdient hätte.
Die amerikanische Verlagswelt zeigte sich also unfähig, einen Autoren von Moores Qualitäten angemessen zu behandeln und eines der wichtigsten englischsprachigen Comics der 1990er Jahre vernünftig zu bewerben. Nicht nur aus diesem Grund versuchte sich Moore mit dem Beginn der 90er Jahre auch in anderen Medien und Formen: So veröffentlichte er 1996 seinen ersten Roman mit dem Titel Voice of the Fire. Victor Gollancz veröffentlichte den Band allerdings nur als Paperback, und er wurde weitestgehend von der Öffentlichkeit ignoriert. Zu Unrecht: Der Roman, der 20.000 Jahre in der Geschichte des Landstrichs um Moores Heimatstadt Northampton abdeckt, ist ein episodisches Meisterwerk, das noch dazu als Chronik eines weiteren wichtigen Wandels in Moores literarischer Methode angesehen werden kann. Das letzte Kapitel des Romans, das in der Gegenwart von 1996 spielt, hat einen kuriosen Protagonisten: Es ist Moore selbst, der verkündet, er werde fortan nicht mehr den Bauchredner und Puppenspieler geben, sondern in der ersten Person so wahrhaftig wie möglich über sich selbst erzählen. Diese Aussage ist eine dreiste Lüge, weil im ganzen Kapitel das Pronomen „Ich“ nie vorkommt. Dennoch erzählt uns dieser neue Erzähler etwas über eine Veränderung in Moores Leben – wie er, in den fünf Jahren, in denen er den Roman geschrieben hat, nach und nach von den archaischen Themen von Voice of the Fire selbst beeinflusst worden ist. Tatsächlich hatte Moore anlässlich seines vierzigsten Geburtstags 1993 verkündet, er sehe sich fortan als „Magier“. Die Aussage mag zunächst befremdlich wirken, und Moore meint selbst:
Man kann nicht wirklich über Magie sprechen, ohne verrückt zu wirken, aber das kratzt mich nicht sonderlich. Mit meinem Haarschnitt ist der Zug sowieso schon lange abgefahren. |