Advertisement

Gorilla des Monats

bernie 
Home arrow Gorilleske Essays arrow Cheerily Vulgar, Cheerily Proletarian
Beitragsinhalt
Cheerily Vulgar, Cheerily Proletarian
Seite 2 - Die frühen Jahre
Seite 3 - Moore und der Mainstream
Seite 4 - Mad Love
Seite 5 - Moores Schamanismus
Seite 6 - Pornotopia: Lost Girls
Seite 7 - Lost Girls Forts.
 

6. Alan Moores und Melinda Gebbies „Pornotopia“: Lost Girls

Das bedeutet aber in keiner Weise, dass Moore – mit 55 Jahren eindeutig noch zu jung für den Ruhestand – wirklich keine Comics mehr produzieren wird. Vielmehr wird sein Output wohl in Zukunft nur noch aus anspruchsvollen, sehr persönlichen Projekten bestehen. Lost Girls kann als erstes Beispiel für diese neue Politik des Autoren gelten. Der kontrovers diskutierte Comic hat eine ähnlich turbulente Entstehungsgeschichte hinter sich wie From Hell – mit dem Unterschied, dass der künstlerische Prozess im Fall von Lost Girls noch länger dauerte. Moore begann das Projekt mit der amerikanischen Underground-Zeichnerin Melinda Gebbie 1988, und bis die drei fertigen Bände schließlich von Top Shelf in den USA veröffentlicht wurden, waren 18 Jahre vergangen. „Der Comic selbst ist mittlerweile volljährig“, kommentierte Moore diesen langen Zeitraum süffisant in einem Interview.

Lost Girls

Während Moore aber über diese Zeit eine Vielzahl anderer Projekte vorantrieb, kann Lost Girls insbesondere für die Zeichnerin Melinda Gebbie als Lebenswerk gelten. Dabei hat die Auseinandersetzung mit Sexualität, Pornographie und Feminismus von Anfang an ihre Karriere als Comickünstlerin bestimmt. Gebbie stammt aus San Francisco – also aus der Hippie-Hochburg Amerikas schlechthin. In den 70er Jahren entstand dort, parallel zu den Underground-Aktivitäten von Männern wie Robert Crumb, auch eine rege feministisch dominierte Comix-Szene. Ab 1973 arbeitete Gebbie an den in San Francisco publizierten Comic-Magazinen für und von Frauen mit, deren Titel wie Tits and Clits oder Wet Satin bereits auf ihren explizit sexuellen Inhalt hinweisen. Ihre Motivation, damals wie heute an Comics mit pornographischem Inhalt mitzuarbeiten, fasst Gebbie folgendermaßen zusammen:

Ich habe mich von meiner Jugend an mit Pornographie beschäftigt. Sie hat mich neugierig gemacht. Ich war auf der Suche nach dem künstlerischen Element im Porno, aber ich habe es praktisch nie gefunden. Gleichzeitig habe ich auch gemerkt, dass es praktisch keine Frauen gab, die Pornos zeichneten oder gezeichnet hatten. Es ist schon schwierig genug, die Männer ausfindig zu machen. Die berühmteren Zeichner signieren ihre Arbeiten praktisch nie. Also dachte ich mir: da hast du doch deine Nische gefunden.

Moore erinnert sich zudem an die ersten Gespräche mit Gebbie Ende der 1980er Jahre, während der die beiden das Konzept für Lost Girls ausarbeiteten und zu einer klaren Motivation für ihr pornographisches Projekt fanden:

Bei unseren ersten Diskussionen im Vorfeld ging es in erster Linie eigentlich darum, was uns an Pornographie überhaupt nicht gefiel. Denn dafür hatten wir weit mehr Beispiele parat als für Aspekte, die wir tatsächlich mochten. Uns ist vor allem aufgefallen, dass der Großteil der Pornographie sich an heterosexuelle Männer richtet. Es gab zwar damals auch schon Sammlungen von feministischer Pornographie, aber davon hat uns nichts wirklich angesprochen. Das soll jetzt nicht heißen, dass diese Geschichten nicht toll geschrieben waren, aber uns kam es vor, als wollte man zu zwanghaft einer feministischen Leserschaft gefallen. Daraufhin haben wir beschlossen, etwas zu schaffen, das sich nicht um political correctness schert, in dem Sinne, wie man den Begriff in den 1980er Jahren benutzt hat.

Lost Girls

Tatsächlich ist das Grundkonzept, auf das sich Gebbie und Moore schnell einigen konnten, alles andere als politically correct. Die beiden waren sich während ihrer Vorgespräche bald im Klaren darüber, dass sie über die sexuelle Entwicklung von drei sehr unterschiedlichen Frauen erzählen wollten, aber erst, als sie anfingen, über berühmte literarische Werke zu sprechen, die das Thema des Erwachsenwerdens behandeln, kamen sie auf den zentralen Coup von Lost Girls: die drei Frauen sollten nicht einfach irgendjemand sein, sondern Wendy aus J.M. Barries Peter Pan, Dorothy aus Frank L. Baums Der Zauberer von Oz und Alice aus Lewis Carrolls Alice im Wunderland. Recherchen ergaben, dass die drei Kinderbuchfiguren auch historisch gesehen sehr plausibel zusammengeführt werden konnten, so dass sich Moore und Gebbie das Jahr 1913 für ihr zufälliges Treffen aussuchten. Die Figurenkonstellation kam auch ihrer Absicht entgegen, möglichst unterschiedliche Frauen darzustellen, da Lewis Carrolls Alice noch zu viktorianischen Zeiten geboren war (das heißt, hätte sie je existiert) und entsprechend wesentlich älter sein musste als die beiden anderen Protagonistinnen; Wendy dagegen wäre Mitte 30 bis Anfang 40, und Dorothy noch in ihren Zwanzigern. 



 
< zurück
© 2012 www.g-wie-gorilla.de
Joomla! is Free Software released under the GNU/GPL License.