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Seite 7 von 7 Dabei war es allerdings nie Moores und Gebbies Intention, die Originalbücher sozusagen offiziell fortzusetzen oder ihnen einen erwiesenen sexuellen Subtext anzudichten, wie es beispielsweise Literaturwissenschaftler seit dem ersten entsprechenden Aufsatz 1933 mit den Mitteln der Psychoanalyse immer wieder getan haben. Moore kommentiert solche Vorwürfe in einem Interview folgendermaßen: Im Falle dieser drei Kinderbücher war mir daran gelegen, nicht den Eindruck zu erwecken, dass sich unsere sexuelle Interpretation unbedingt, auch nicht nur unterbewusst, mit der Intention der Autoren deckt. Da wir selbst eine Geschichte erzählen, waren wir zu einem gewissen Grad von diesen eher analytischen Überlegungen befreit. Wir wollen keine freudianische Analyse von Alice im Wunderland liefern, wir benutzen einfach die Geschichte des Buches als Sprungbrett. Wir denken darüber nach, welche Geschehnisse in einem sexuellen Zusammenhang gesehen werden könnten, und diese ergeben dann die Grundlagen für verschiedene Episoden.
Die genannten „Episoden“ sind dabei der Grundstruktur von Lost Girls geschuldet, die wie viele andere erzählerische Kniffe Moores prominente Vorbilder hat. Dorothy, Wendy und Alice treffen sich in einem Schweizer Hotel namens „Himmelgarten“, und obwohl sich die drei nie zuvor begegnet sind, pflegen sie schnell Freundschaften und teilen auch sehr bald das Bett. Sie beginnen, einander ihre Lebensgeschichte zu erzählen – und genau dieser Erzählprozess führt uns in die einzelnen „Episoden“, die mehr als deutlich von den genannten Kinderbuchklassikern inspiriert sind. So deuten Moore und Gebbie beispielsweise den Tornado, der Dorothys Haus in Der Zauberer von Oz in das magische Königreich versetzt, um in Dorothys ersten Orgasmus; der Eintritt in ein Wunderland wird zum Eintritt in das Wunderland der Sexualität. Das Konzept der Gruppe, deren Mitglieder einander Geschichten erzählen, entleiht Moore dabei deutlich Klassikern der Weltliteratur wie Geoffrey Chaucers Canterbury-Erzählungen oder Giovanni Boccaccios Decamerone. Man fühlt sich bisweilen auch an Thomas Manns Zauberberg erinnert, obwohl Moore standfest behauptet, den Roman nie gelesen zu haben. 
Selbst wenn dem nicht so wäre, kann man Lost Girls trotz struktureller Ähnlichkeiten nur als die beinahe völlige Antithese zu Manns modernistischem Roman sehen: strebt dort alles hin zu Zerstörung und Tod, handelt Lost Girls hauptsächlich von einem Heilungsprozess. Indem die drei Frauen sich gegenseitig ihre Lebensgeschichte erzählen, werden sie zu aktiven Gestaltern ihrer eigenen Geschichte; sie schaffen Ordnung und Sinn, wo vorher nur Fragmente und möglicherweise empfindliche Verletzungen waren. Moore weist auf diese beinahe schon therapeutische Intention in einem Interview deutlich hin: Unser Zielpublikum für Lost Girls sind Frauen, und ein Teil dieses Publikums hatte vielleicht unangenehme Erlebnisse, was Sex angeht. Wahrscheinlich liegt der Anteil bei den Frauen wesentlich höher als bei den männlichen Lesern. Unsere Absicht war es also, mit Hilfe dieser drei Charaktere, mit denen sich unser Publikum in der Kindheit identifiziert hat, eine ganz universelle Geschichte zu erzählen. Mit Lost Girls wollen wir suggerieren, dass wir, indem wir unsere Lebensgeschichten erzählen, uns vielleicht heilen können. Man gibt der eigenen Erfahrung einfach eine Art Struktur oder Form, man macht sie für sich selbst verständlich auf emotionaler wie intellektueller Ebene.
Das Hotel „Himmelgarten“ ist dabei der ideale Platz für diesen Erzählprozess, der auch gleichzeitig ein Heilungsprozess ist. Moore und Gebbie zeigen das Hotel als einen Ort, an dem jedwedes hierarchische Moment an der Sexualität außer Kraft gesetzt ist, an dem jede Stimme den gleichen Wert hat – Moore spricht in Interviews in diesem Zusammenhang immer wieder von einem „Pornotopia“. Um diese sexuelle Utopie zu schaffen und zu gestalten, nutzen Autor und Zeichnerin die einzigartigen Möglichkeiten des Mediums Comic auf ungeheuer clevere Weise. So bestehen beispielsweise zwei frühe Kapitel über weite Strecken aus vollends identischen Panels – es werden nur jeweils die Sprechblasen ausgetauscht, so dass in einem Kapitel die Handlung im Vordergrund mit Dialog belegt wird, im nächsten dagegen die Handlung im Hintergrund. Die Message ist klar: Jede Handlung hat hier den gleichen Wert, jeder Dialog ist gleich wichtig. Noch dazu suggeriert Moores und Gebbies Technik eine Art von Zeitlosigkeit – die Comicseite wird zum Ort, an dem jeder gleichzeitig zu Wort kommen kann, an dem die Notwendigkeit von zeitlicher Ordnung aufgehoben ist. Der „Himmelgarten“ ist also tatsächlich als eine Art „Himmel“ angelegt – als ein Ort, der solange zeitlos bleibt, bis jeder gesagt und erzählt hat, was erzählt werden musste, bis der Heilungsprozess abgeschlossen ist. Die Heilung ist auch bei allen drei Protagonistinnen dringend notwendig. Nicht alle Rückblenden des Comics sind so harmlos wie Dorothys Erzählung über den Wirbelsturm; tatsächlich werden die Damen immer offener, je länger sie sich kennen, und teilen schließlich auch sehr traumatische Episoden miteinander. Lost Girls spart also keineswegs die problematischen Aspekte der Sexualität aus, aber Moore und Gebbie nähern sich ihnen auf sehr sensible und durchdachte Weise. Moore formuliert es folgendermaßen: Pornographie dreht sich meist um Macht und Dominanz, während die Leute in Lost Girls so aussehen, als ob ihnen der sexuelle Akt Freude bereitet. Das heißt natürlich nicht, dass wir keine kontroverseren Themen behandeln können. In diesem schönen, üppigen Rahmen geht es auch um extreme, intensive Dinge, sicherlich auch um Themen, die weibliche Leser nicht im Traum lesen würden, wenn sie nicht in diesem einladenden Kontext an sie herangetragen würden.
Mit anderen Worten: Der Heilungsprozess in Lost Girls ist auch ein Prozess der Ästhetisierung. Aus hässlichen, traumatischen Erlebnissen wird Kunst; es wird ihnen eine Form gegeben, in der sie Sinn ergeben, in der sie sogar von einer gewissen Schönheit sein können. Erst hierdurch werden sie für die Frauen und für den Leser überhaupt erfassbar, wird überhaupt erst der Wille geschaffen, sich mit den eigenen und den fiktionalen Verletzungen auseinander zu setzen. Melinda Gebbie spricht in einem Interview von einer ganz bewussten Verführung zur Therapie, und von der transformierenden Kraft der Schönheit: Schönheit, schöne Zeichnungen, sind verführerisch, und deswegen funktioniert Lost Girls. Es würde sich nicht an Frauen verkaufen, es würde sich an viele Leute nicht verkaufen, wenn es nicht zuallererst ein Werk von großer Schönheit wäre. Im Englischen gibt es ein Sprichwort, „Beauty killed the beast“ – „Die Schönheit hat die Bestie getötet.“ Wir haben genug Bestialisches in Pornos gesehen. 
Um diese Ästhetisierung zu erreichen, haben Moore und insbesondere Gebbie über beinahe zwei Jahrzehnte hinweg hart gearbeitet. Wie für Moore typisch bedeutet die Konzeption eines Comics auch im Fall von Lost Girls ein Eintauchen in das kulturelle Archiv der Menschheit – nur kontrastiert er mit seiner Zeichnerin hier nicht die Mythen der Popkultur miteinander, wie er es beispielsweise in Watchmen getan hat, sondern beschäftigt sich ganz intensiv mit der Ästhetik der Moderne, die in dem Jahr, in dem Lost Girls spielt, einen ihrer Höhepunkt erreichte, mit der Erstaufführung von Stravinskys Le sacre du printemps, der die drei „Lost Girls“ zu Ende des ersten Bandes auch beiwohnen. Gebbie und Moore suchen sich aber nur ganz spezifische Ausprägungen der Moderne für Lost Girls aus – beispielsweise den Jugendstil und Art Nouveau, also Formen, die ganz bewusst auf einen hohen, für manche schon wieder zu hohen ästhetischen Effekt zugeschnitten sind, auf reine, berauschende Schönheit. Nicht nur Stile der Moderne werden imitiert – Gebbies Repertoire reicht von Egon Schiele über Alfons Mucha zu Bayros, während Moore seinerseits die Stimmen von Oscar Wilde oder Guillaume Apollinaire imitiert. So könnte man also sagen, dass sich Moore mit Lost Girls doch ein wenig einem bürgerlichen Kunstbegriff nähert, wenn auch immer noch mit einer deutlichen Präferenz für das Marginalisierte am Werk vieler kanonischer Künstler – nicht umsonst hat Melinda Gebbie ja wiederholt darauf hingewiesen, dass viele berühmte Maler pornographische oder erotische Werke gar nicht erst signiert haben. Moores Entscheidung, den Comic-Mainstream zu velassen, sollte man also nicht als Verrat an den eigenen Idealen werten. 
7. Der unbekannte Superstar Die Tatsache, dass Moore diesen Entschluss öffentlich gemacht hat, genauso wie zahllose andere zuvor, verweist auf den zentralen Konflikt seiner Karriere, die man in keiner Weise mit der eines Schriftstellers vor-postmoderner Zeit vergleichen kann: Als Autor war und ist er notwendig gebunden an die Populärkultur, zu deren Kindern er wie viele Künstler seiner Generation gehört; aber er hat unter dieser Populärkultur auch sehr gelitten. Sein Werk hätte nicht entstehen können ohne die Archive der populären Formen des zwanzigsten Jahrhunderts, die er im Lauf seiner Karriere ebenso liebevoll wie rücksichtslos geplündert hat. Roger Whitson schreibt entsprechend in einem Essay über das Spannungsverhältnis zwischen Moores Selbstwahrnehmung als „marginale“ Figur und seinen sehr realen Status als Comic-Superstar: Moore mag zwar von seiner Bekanntheit profitieren, aber er scheint auch zugleich die Tatsache zu hassen, dass er sein „Underground“-Selbstbild nicht mehr aufrecht erhalten kann. Moore sehnt sich danach, seinen Status als kommodifizierte Kult-Ikone hinter sich lassen zu können, aber gerade sein sehr publikumswirksames Ringen mit diesem Status bringt sein Publikum dazu, seine Comics zu kaufen. Gerade diese Spannung zwischen Kommodifizierung und Authentizität macht Moores Werk aus, seine Suche nach immer neuen Möglichkeiten, sich Klassifizierungsmethoden und der eigenen Institutionalisierung zu widersetzen – eine Suche, bei der er sich immer einen Anflug des „fröhlich Vulgären“ erhalten hat, wie Lost Girls gerade wieder wunderbar beweist. Genau das ist letzten Endes der überzeugendste Grund, weswegen Moore nie zum literarischen Establishment gehören wird. Und auch der beste Grund, sich mit seinem Werk zu beschäftigen.  Text Copyright Jochen Ecke 2008 Bilder Copyright Jose Villarubia, Neil Gaiman, 20th Century Fox, Marvel Comics, Robert Crumb, Alan Moore, Ian Gibson, DC Comics
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