 Autor: Christoph Hardebusch Erschienen bei: Heyne ISBN: 978-2-453-52385-2 Preis: € 13 Sturmwelten bei Amazon.de Nach der Trilogie Die Trolle und damit der mittlerweile wirklich langweilig gewordenen Fantasy-Völker-Schwemme, hat sich Christoph Hardebusch nun der Piraten-Fantasy à la Die Wellenläufer oder Pirates of the Caribbean zugewandt. Zauberer und (seufz) Drachen treffen auf Dreispitz und Kanonendonner – ob das gutgeht? Das Anfangsmanöver ist schonmal ganz gut durchschaubar: Fünf Figuren werden vorgestellt, die an unterschiedlichen Plätzen in Hardebuschs Welten Corbane und der Sturmwelt ihr Abenteuer beginnen und die im Laufe der Geschichte zusammenfinden werden. Roxane Hedyn ist eine junge Offizierin, die ihren Dienst auf dem Militärschiff Mantikor der Nation Thaynric antritt und merkt, dass die Luft an Bord ziemlich dick ist. Kapitän Harfell, von der Mannschaft geliebt, ist sichtlich nicht mehr in der Lage, das Kommando zu führen, und die Offiziere sehen nur einen Weg, um die Besatzung vor dem Untergang zu retten: Er muss abgesetzt werden. Doch in Thaynric steht auf Meuterei natürlich die Todesstrafe, was die ganze Sache recht kompliziert macht. Unabhängig von dieser Problematik erhalten Harfell und seine Offiziere den Auftrag, ein schwarzes Schiff mit einer rätselhaften Fracht aufzubringen und die Ladung dem thaynricschen Admiral in der Sturmwelt zu bringen. Die Sturmwelt ist eine neu entdeckte gigantische Insellandschaft, die die Staaten des Kontinents Corbane nun langsam besiedeln. Und eine Fahrt in die Sturmwelt ist noch immer ein gefährliches Unterfangen. In einer Taverne in der Sturmwelt trifft Jaquento, ein junger Mann, der seine Heimat Hiscadi auf Corbane verlassen hat - warum, wird noch nicht gesagt – auf die Mannschaft des Piratenschiffes Todsünde. Anfangs sträubt er sich, den charmanten Kapitän Deguay und seine Leute zu begleiten, doch während er seinen Rausch ausschläft, wird er einfach von ihnen gekidnappt und kann sich die Sache nicht wirklich aussuchen. Die hübsche und temperamentvolle Offizierin Rahel ist daran eigentlich auch nicht ganz unschuldig. Auch die Todsünde erhält den Auftrag, nach dem schwarzen Schiff zu suchen, und so ist schonmal klar, dass sich die Wege der Todsünde und der Mantikor sehr bald treffen werden.
Auf der Insel, auf der das Corpus Delicti vor Anker liegt, hat sich die Handelscompagnie, eine Art unabhängige Gemeinschaft von Händlern (allerdings nicht solche „Händler“ wie Jaquento und seine Mannen) breitgemacht. Diese gehören staatlich zwar zu Thaynric, kochen aber ihr eigenes Süppchen und halten unter anderem ein Lager mit ca. 300 Sklaven aus der Sturmwelt, den Paranao. Sie gehörten einst einer Kultur an, die wohl mit den Inka vergleichbar ist. Da Sklaverei in Thaynric abgeschafft und somit illegal geworden ist, ist die Handelscompagnie natürlich einem ständigen Risiko ausgesetzt, was ihrem Anführer Tangye allerdings ziemlich egal ist. Er behandelt seine Sklaven wie Vieh in Menschengestalt und geizt nicht mit Prügel- und Todesstrafen. Sinao, eine Halbparanao, arbeitet in der Küche des Forts und hat damit einen vergleichsweise angenehmen Job, wohingegen Majagua, der Sohn eines Stammeshäuptlings, der zu Beginn der Geschichte auf der Insel eintrifft, auf die Felder abkommandert wird und dort den ganzen Tag lang Maniokwurzeln ausgraben und ansähen muss. Er ist von Anfang an aufsässig und plant schnell gemeinsam mit Sinao eine Revolte. Als Jaquento gemeinsam mit Pertiz, dem Kapitän der Windreiter, des zweiten Schiffes der Deguayschen „Händlerflotte“, das Fort unter dem Vorwand des Weinhandels besucht, bittet Sinao ihn um Hilfe für ihre Flucht. Jaquento sichert ihr seine Hilfe zu, jedoch ohne zu ahnen, dass Deguay ganz anderer Meinung ist als er.
Auf den letzten 150 Seiten geht schließlich alles drunter und drüber. Das Kapitänsamt auf der Mantikor und der Windreiter wechselt quasi täglich. Jaquento durchschaut Deguays Masche und muss dafür teuer bezahlen – aber es geht doch nichts über unerwartete Freunde, die einen aus jeder Situation wieder raushauen.
So entbrennt zum Schluss ein erbittertes Seegefecht, das den Leser so richtig schön auffrisst. Das ist allgemein so schön an Sturmwelten – man wird da richtig reingesogen und steht schon nach wenigen Seiten neben Roxane und Leutnant Frewelling (womöglich ein kleiner Tribut an die Piratenfantasy-Autorin Lynn Flewelling? Weiß man's?) an der Reling. Das Setting ist an die europäischen Länder und Kolonialmächte um 1900 angelehnt: Das königstreue Thaynric erinnert stark an England, das dekadente Géronay kommt Frankreich sehr nahe und Hiscadi mit seinen lebensfrohen Bewohnern ist an Spanien angelehnt.
Aus Hiscadi kommt auch der fünfte Charakter im Bunde, der bis zum Schluss noch ein Einzelgänger bleibt, während sich die anderen Figuren schon begegnet sind. Franigo ist ein Dichter, der sich die Gönnerschaft eines géronnaischen Adligen erarbeitet hat und einige Monate lang in Saus und Braus lebt, bis er sich reichlich spät der Ungerechtigkeit gegenüber den Armen in der Stadt bewusst wird, anonym einige Schmähverse verfasst und idiotischerweise gegen Geld veröffentlicht. Da lamentiert der Mann über die Macht, die das Geld über sie alle hat und erliegt dann doch dessen Zauber. Natürlich wird schnell herausgefunden, wer dahintersteckt, und Franigo, der übrigens gern leidenschaftlich über stümperhafte Abenteuerroman-Autoren flucht, muss aus Géronay fliehen. Selber Schuld, Junge, du musst noch einiges lernen. Sein Handlungsfaden läuft also unabhängig von den anderen vieren, die sich am Ende des Buches miteinander verwoben haben. Eine vielversprechende Situation ist das am Ende: Ideologien und Regeln sind außer Kraft gesetzt, das schwarze Schiff (solche Schiffe sind irgendwie immer schwarz, oder?) segelt weiter über die Ozeane und die Jagd von Roxane, Jaquento und den Paranao auf die geheimnisvolle Fracht ist eröffnet. Das funktioniert tatsächlich mit der Magie und den Drachen. Die Magie ist zwar allgegenwärtig, aber trotzdem sparsam eingesetzt. Jedes Schiff hat einen Bordmaestre, der bei Heilungen und in Kämpfen behilflich ist, aber es werden noch keine Feuerbälle geschleudert. Auch die Drachen halten sich noch etwas zurück. Jaquento findet zu Beginn der Geschichte eine kleine goldene Echse, die er fortan bei sich auf der Schulter trägt und die ihn anscheinend abgöttisch liebt, für ihn kämpft und so weiter, aber als Drache ist sie nur einmal scherzhaft bezeichnet worden. Mal sehen, ob das Tierchen noch wächst und mit ihm über Gedanken kommuniziert. Ganz zum Schluss droht das tatsächlich zu passieren, ich hoffe inständig, dass die Stimme in Jaqs Kopf nicht die der Echse ist. Aber ich fürchte, es wird doch so geschehen. Nochmal: seufz. Trotzdem: Sturmwelten rockt. Schöne Piratenaction, es ist viel los, der Sensenmann wütet unter den Figuren, nichts ist sicher, alles kommt anders, als man denkt. Und zwischen windgeblähten Segeln, blutroten Sonnenuntergängen und Pulvernebel kommt die richtige Abenteuerstimmung auf. Ein Glück kommt Band zwei diesen Herbst – ich freu' mich drauf. Cover Copyright Heyne Text Copyright 2008 Anna-Selina Sander |