Autor: Robert Kirkman Zeichner: Tony Moore (Band 1), Charlie Adlard, Grautöne: Cliff Rathburn Erschienen bei: Image Comics (US-Ausgabe) / Cross Cult Comic Verlag (deutsche Ausgabe) Preis: 12,95 US$ / 16 Euro Manchmal sind die einfachen Ideen einfach die Besten - Robert Kirkmans The Walking Dead ist im Grunde das klassische Zombiefilm-Konzept aus den späten 60er Jahren in Comic-Form. Keine postmoderne Brechung, keine distanzierte Ironie, keine Neu-Interpretation mit neuem Ansatz. Und das ist gut so - denn inzwischen ist die bedrückende Geschichte um die Untoten-Apokalypse einer der großen Hits im Verlagsprogramm des amerikanischen Comic-Riesen Image Comics. Auch die deutsche Ausgabe hat einen respektablen Start hingelegt. Und wir werden uns jetzt einmal anschauen, warum The Walking Dead doch mehr ist als gekonnt-routinierte Genre-Kost. Der Anfang kommt uns doch verdächtig bekannt vor. Polizist Rick erwacht im Krankenbett aus dem Koma, aber niemand ist da. Naja, fast niemand, denn mittlerweile ist das ganze Hospital von stinkenden, stöhnenden, faulenden und vor allem hungrigen Zombies überlaufen. Und nicht nur das Krankenhaus ist eine wahre Zombiehölle, scheinbar die ganze Welt wimmelt nur so von Zombies - Tendenz steigend. Erinnert das ein wenig an Danny Boyles 28 Days Later? Nicht nur daran! Nach kurzer Zeit trifft Rick auf eine Gruppe solcher Überlebender, darunter seine Frau Lori und sein junger Sohn Carl. Aufgrund seiner Ausbildung und Erfahrung wird er schnell zum Anführer bestimmt und nun liegt es an ihm, das Überleben der wild zusammengewürfelte Truppe zu sichern - und das bringt im Verlauf der Geschichte eine ganze Menge zwiespältiger Situationen und schwieriger Entscheidungen mit sich. Tatsächlich bedient sich Autor Kirkman nicht nur bei Boyles britischen Überraschungshit. Vor allem die amerikanischen Genreklassiker von George Romero stehen den wandelnden Comic-Toten Pate, italienische Zombie-Traditionen werden dagegen weitgehend ignoriert..Die Welt von The Walking Dead funktioniert nach den in Romeros Zombiefilmen (Night of the Living Dead, Dawn of the Dead, Day of the Dead, Land of the Dead) festgelegten Regeln: - Eine Erklärung für das Auftauchen der Zombies gibt es nicht.
- Zombies versuchen, die Lebenden zu fressen.
- Wer von einem Zombie gebissen wird, stirbt nach kurzer Zeit und erwacht kurz darauf als Zombie.
- Auch wer auf natürliche Art stirbt, wird zum Zombie.
- Die einzige Art einen Zombie zu töten ist, sein Gehirn zu zerstören.
Was The Walking Dead allerdings von seinen filmischen Vorgänger unterscheidet, ist die generelle Weltsicht. Der Romero´sche Nihilismus ist weit weniger stark vertreten. Genau wie in den ...of the Dead-Filmen folgt die Geschichte einer Gruppe Überlebender die in der von Untoten überranten Welt erst einmal lernen muss, zurecht zu kommen. Da wollen interne Konflikte gelöst werden, persönliche Animositäten stehen dem Überleben im Weg, die Frage nach Nahrung und sicherer Unterkunft stellt sich immer wieder. Oft genug führt das so weit, das nicht mehr klar ist, wer denn nun gefährlicher ist - die fauligen Zombies oder die überlebenden Menschen?  Rick Grimes erwacht im Krankenhaus und bekommt gleich Probleme mit den omnipräsenten Zombies. Tony Moores Zeichnungen wirken runder und feiner als die Arbeiten seines Nachfolgers Charlie Adlard. In Sachen Qualität geben sich die beiden Zeichner nichts, Präferenzen sind da reine Gewöhnungs- und Geschmackssache.
Die Dynamik der Gruppe und die Schicksale der einzelnen Figuren sind es, die den Leser an The Walking Dead fesseln. Sicher, auch die Zombie-Action, die obligatorischen Splatter-Einlagen und das unerartete tragische Ableben liebgewonnener Figuren kommen nicht zu kurz, Focus des Comics ist aber die psychische Entwicklung der Überlebenden - wie reagiert ein normaler Mensch im Angesicht der Zombie-Apokalypse, wie wird er mit dem Tod und der Zombie-Rückkehr derer, die ihm am nächsten stehen fertig? Faszinierender Stoff für einen Comic. Im Vorwort des ersten Bandes Days Gone By / Gute Alte Zeit schreibt Kirkman selbst, dass er das Schicksal der Überlebenden weit interessater findet als blutigen Zombie-Splatter. Und ist es nicht tatsächlich so? Wer will nicht am Ende von Dawn of the Dead wissen, was denn nun aus den Menschen wird, die im Helikopter fliehen? Ob sie es schaffen oder ihr Schicksal nur etwas hinauszögern? Dadurch, dass die Serie bisher vier Sammelbände umfasst und ein Ende bisher nicht in Sicht ist, können wir tatsächlich Zeit mit Rick und den anderen Verbringen und erleben nicht nur einen kleinen Ausschnitt aus ihrem Kampf ums Überleben. Wir erfahren, wie sich die Menschen langsam mit der neuen Situation arrangieren, wie sie ihr Überleben tatsächlich zu meistern scheinen, ahnen aber gleichzeitig auch immer wieder, dass ein echtes Happy End wenig wahrscheinlich scheint. Wer sind nun die wandelnden Toten? Die umherwankenden Zombies oder die Menschen, die sich ängstlich vor den neuen Herrschern der Erde verstecken und sich selbst einschließen? Während der Autor Robert Kirkman den wandelnden Toten treu bleibt (natürlich tut er das - es ist ja seine Serie) übernahm nach dem ersten Sammelband Charlie Adlard (mit dem wir auf dem Comicsalon in Erlangen ein ausführliches Interview geführt haben das ihr hier nächste Woche Vollständig bestaunen dürft) für den bisherigen Zeichner Tony Moore. Qualitativ geben sich die beiden Zeichner nichts - natürlich ist nach dem ersten Band eine gewisse Umgewöhnung nötig, tolle Arbeit liefern aber sowohl Moore als auch Adlard ab. Letzterer gefällt besonders aufgrund seines großzügigen Umgangs mit dunklen Flächen und zeigt hier besonders deutlich die Entwicklung seines Stils im Vergleich zu seinen Anfängen bei 2000AD oder den X-Files.  Nicht nur das stark betonte Schwarz ist ein Markenzeichen von Adlards Zeichnungen, auch die sehr filmische Erzählweise beherrscht der Brite hervorragend, wie wir insbesondere auf der linken Seite sehen können. Man sieht, dass Charlie Adlard sich auch ausführlich mit andere Medien beschäftigt hat.
The Walking Dead ist nicht nur ein ausgezeichneter Comic abseits des Superhelden-Lagers, Kirkmans Zombie-Serie ist auch eine der Serien, die es tatsächlich auch nach Deutschland geschafft haben: Im Cross-Cult-Verlag sind bisher die ersten beiden US-Paperbacks in sauberer Übersetzung erschienen. Aufgrund der hohen Nachfrage kommt der dritte Band bereits im November diesen Jahres anstatt wie zunächst geplant Anfang 2007. Okay, bis dahin haben Anhänger der US-Ausgabe wohl schon den fünften Paperback verschlungen, dafür werden die deutschen Leser aber zumindest durch die nette Aufmachung für die Wartezeit entschädigt. Verlags-typisch wurde das Format etwas verkleinert, und als Rechtfertigung für den etwas höheren Preis spendieren die Cross-Cult-Jungs der deutschen Ausgabe einen hübschen Hardcover-Einband und einen interessanten redaktionellen Teil am Ende des Comics, in dem sich nicht nur die Vor- und Nachworte der US-Ausgaben (Robert Kirkman bei Band 1, Simon Pegg bei Band 2) finden, sondern auch ein paar allgemeine Informationen über den Zombie im Comic und in anderen Medien. The Walking Dead ist eine Serie, die süchtig macht. Kirkmans Skripts und die exzellenten Zeichnungen von Moore und Adlard ergänzen sich hervorragend zu einem wundervollen Genrestück, das genau das erreicht, was sich Kirkman selbst zum Ziel gesetzt hat. Der Leser freundet sich mit den Protagonisten an, verfolgt aufgeregt den Überlebenskampf und ist tatsächlich geschockt, wenn wieder einer der Truppe sein Leben lässt. Denn auch für diesen Comic gilt: Niemand ist sicher, man weiß nie, wen das Schicksal als nächstes ereilt. Aber nicht nur so wird Stagnation ausgeschlossen: Auch nach vier Paperbacks zeigen scheinbar vertraute Figuren immer wieder neue Seiten und Charakterzüge und bleiben so interessant und komplex. Und vergessen wir nicht die Zombies - wie in Romeros Filmen sind auch hier die Untoten gleichzeitig unheimlich, bedrohlich, aber irgendwie auch bemitleidenswert und nett, wie sie da so umherschlurfen, hier und da ein wenig Stöhnen, mal im winterlichen Eise festfrieren und doch eigentlich nur hungrig sind... Zombies sind halt so. Kann man ihnen das denn wirlich übel nehmen? Text Copyright 2006 Thomas Nickel Coverartwork, Auszüge Copyright Image Comics / Cross Cult & Robert Kirkman, Tony Moore, Charlie Adlard |