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Gorilla des Monats

bernie 
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The Umbrella Academy - Apocalypse Suite

Es geht um klassische Musik, nicht etwa um BrüsteAutor: Gerard Way, Zeichnungen: Gabriel Bá, Farben: Dave Stewart

Erschienen bei: Dark Horse Comics / Crosscult
 
Preis: 19,80 € The Umbrella Academy 1: Weltuntergangs-Suite bei Amazon.de

“Sehr sehr sehr bald wird sich diese triste Alltagswelt und alles in ihr für immer verändern! Folgt uns in das goldene Land, in das Reich der Sinnlosigkeit!“

– Die Bruderschaft von Dada, Grant Morrisons Doom Patrol (1989)


Ende der 1980er Jahre fing der Schotte Grant Morrison an, für DC Comics zu schreiben. Da stand das amorphe, wabernde Gebilde, das wir „Postmoderne“ nennen, schon am Scheideweg: die zentralen Heilsbotschaften der Ära waren schon merklich in Mitleidenschaft gezogen. Subversion und Widerstand durch Affirmation war der Schlachtruf des Zeitalters gewesen, und die zentrale Idee der Postmoderne könnte man entsprechend so formulieren: Indem wir voller Enthusiasmus „Ja!“ sagen zum Ausbeuten des kulturellen Archivs, zum Pastiche, zur Willkür, zur Künstlichkeit (und natürlich zur alles zersetzenden Ironie), können wir „das System“ mit seinen eigenen Mitteln unterwandern und uns so ins wunderbare „Reich der Sinnlosigkeit!“ entziehen. Das hat nicht geklappt und als Grant Morrison seine ersten Arbeiten in den USA veröffentlichte, da wusste er das schon. Seine Doom Patrol für den New Yorker Verlag wirkt dementsprechend auch nur auf den ersten Blick wie ein Höhepunkt des postmodernen Comics. Oberflächlich wird da natürlich mit Zitaten um sich geworfen, werden historische künstlerische Bewegungen wie Surrealismus und Dada durch den Gegenwarts-Fleischwolf gedreht und am laufenden Band Gemälde reproduziert. Aber dann kämpft die Doom Patrol gleich im zweiten von Morrisons Story Arcs gegen Bösewichte, die aus der Welt ein – siehe oben – „Reich der Sinnlosigkeit“ machen wollen. Die „Bruderschaft von Dada“ hält das irrigerweise für eine wunderbare Utopie und es wird klar: die angeblich so befreiende Sinnleere, die man in den 80er Jahren propagiert hatte, ist 1989 schon zum Schreckgespenst geworden.

Gerard WayUmbrella 01Links: Autor und Emo-Star Gerard Way; rechts und alle weiteren Bilder: Auszüge aus The Umbrella Academy

Das ist ein ziemlich langer Vorspann für die Besprechung eines Comics, der 2007 erschienen ist, aber auch ein notwendiger. Eigentlich geht es hier um Gerard Ways und Gabriel Bás The Umbrella Academy, eine sechsteilige Miniserie, die jetzt bei Dark Horse Comics frisch gesammelt erschienen ist und zu den Hits der amerikanischen Comicszene im letzten Jahr gehörte. Der Autor Gerard Way ist Sänger der Emo-Band My Chemical Romance; er ist allerdings auch Kunsthochschul-Abgänger und hatte immer schon Ambitionen als Comic-Autor. Dass er Grant Morrison abgöttisch verehrt, weiß man nicht erst, wenn in Kapitel zwei dieses ersten Bandes mit dem Titel „Apocalypse Suite“ ein Teil eines Rummelplatzes den Namen „Morrison Avenue“ trägt. The Umbrella Academy bedient sich an allen Ecken und Enden insbesondere an der Doom Patrol des Schotten.

Zunächst wird da wie bei Morrisons Frühwerk auch eine betont dysfunktionale Familie eingeführt: Ein exzentrischer Milliardär (genialer Erfinder, Wirtschaftstycoon, Außerirdischer) sammelt sieben Babys ein, die von unbefleckten Frauen ganz plötzlich und ohne jede Symptome einer Schwangerschaft geboren wurden. Die so entstandene disparate Gruppe aus Wahlverwandten wird dann wie bei Morrison in absurde Situationen geworfen. Ein paar Jahre später also kämpfen die (natürlich mit Superkräften gesegneten) Jungspunde gegen den Amok-laufenden Eiffelturm und den fiesen Zombie-Gustave Eiffel, der das Steampunk-Ungetüm kontrolliert. Nach der Rettung von Paris werden im Schnelldurchlauf und hochironisch jede Menge Superhelden-Klischees abgefeiert: Das Team trennt sich, um sich in der Gegenwart nach dem Tod des Ziehvaters wieder zusammen zu finden und gegen eine Bedrohung von innen anzutreten. Von der ersten Seite an ist dabei jedes Panel ein Ausrufezeichen: Wrestling-Matches mit außerirdischen Kraken! Zeitreisen! Emotionslose Väter! Ein hochintelligenter Affe, der Pfeife schmaucht! Killer-Roboter, die sich in amüsanten Gemeinplätzen unterhalten! Und über allem prunkt ganz wie in seligen Doom Patrol-Zeiten das beständig ausgestellte Bedienen an der Kunstgeschichte als Leitmotiv.

Umbrella 03 Umbrella 02

Als gelungenem Comic-Snack ist dem wenig vorzuwerfen. Zwar sind die Ideen und Zitate Ways nicht immer so geistreich, wie er sich das wahrscheinlich vorstellt, aber sie sind zumindest konstant amüsant und äußerst rasant präsentiert. Immens geholfen wird ihm in dem Vorhaben, das bemerkenswert souverän konstruierte und strukturell makellose Ungetüm namens Umbrella Academy umzusetzen, von dem brasilianischen Zeichner Gabriel Bá. Der hatte sich zuvor mit dem ersten Band von Matt Fractions Casanova für Reisen nach Absurdistan empfohlen und liefert hier eine Arbeit von solch immenser graphischer Reife ab, wie sie im amerikanischen Business die wenigsten Zeichner am Ende ihrer Karriere zustande bringen. Die Kolorierung von Dave Stewart, der bei Dark Horse auch Hellboy und Conan kongenial mit Farben versieht, ist dabei atemberaubend. Keine Frage also: Way und Bá ist ein Comic von beträchtlicher Sexiness gelungen, der sich in seinen besten Momenten sogar von seinen Einflüssen lösen kann. Dann schaffen die beiden ein ganz eigenständiges Gefühl von weirdness.

Die wichtigste Lektion der Comics von Grant Morrison hat Way allerdings vor lauter jugendlichem Enthusiasmus vergessen. Beim großen Vorbild schwingt in den besten Momenten immer auch ein Entsetzen vor all der Beliebigkeit mit und unter den Zitaten schwelt eine ganz und gar wahrhaftige, manchmal furchtbar traurige Sinnsuche. Morrisons Figuren lehnen sich immer wieder gegen ihre Fiktionalität auf und kämpfen gegen die Sinnlosigkeit. Von solchen Vorstößen weg von der Postmoderne und hin zu einer Erforschung von etwas essentiell Menschlichem ist bei der Umbrella Academy über weite Strecken vor lauter Witz und Ironie rein gar nichts zu merken. Die Familienprobleme der Superhelden wollen einen erst gegen Ende des Bandes ein wenig mehr berühren, aber ganz ernst nehmen kann man sie nie – dafür ist die Charakterisierung einfach zu dünn. Das Gefühl, dass es Gerard Way um wenig mehr geht als eine sinnfreie Achterbahnfahrt, lässt sich einfach nicht abschütteln; im Gegenteil, der Autor bestärkt den Leser mit jeder neuen Seite in dieser Ahnung, indem er die Geschehnisse auf's immer Neue ironisch bricht: ein Kapitel, in dem ein Vergnügungsplatz zerstört wird, endet beispielsweise mit einer Statistik über Unglücksfälle bei Fahrgeschäften. Alles ist zum Schmunzeln gedacht; nie legt Way es darauf an, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Mit anderen Worten: bei Morrison wird gegen die „Brotherhood of Dada“ gekämpft; Way dagegen möchte uns auf Gedeih und Verderb ins wunderbare „Reich der Sinnlosigkeit!“ zerren, wo der Ästhetizismus regiert. Die von Morrison angekündigten „Superhelden für's 21. Jahrhundert“ sind das also ganz bestimmt nicht. Eher sind sie die Reinkarnation der muffig gewordenen 80er Jahre, die man uns jetzt – frisch-sexy lackiert – als neu und hip verkaufen möchte. Bleibt also abzuwarten, ob sich Way in den angekündigten Fortsetzungen hinter dem Schutzschild der (unbenommenen) Cleverness hervorwagt und sich auch zu etwas Wahrhaftigkeit hinreißen kann. Dann wäre The Umbrella Academy möglicherweise tatsächlich die Comic-Hoffnung, als die der Band momentan in den Staaten verkauft wird.

 
Artikel copyright 2008 Jochen Ecke
The Umbrella Academy, cover artwork, excerpts copyright Gerard Way/Dark Horse

 
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