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All about Lily Chou-Chou
Lily Chou-Chouvon Knut Brockmann

Review: Shunji Iwais vielleicht bester Film ist auch sein schwierigster. Immer involvierend, aber auch immer deprimierend erzählt er von den Problemen der Jugend in Japan in selten gesehener Direktheit und Radikalität. Lest hier mehr zu diesem Meisterwerk des neuen japanischen Indie-Kinos...

WaterboysJapan 2001

Regie und Drehbuch: Shunji IWAI (Portrait und Interview auf filmpage.de)
Kamera: Noboru SHINODA, Schnitt: Yoshiharu NAKAGAMI, Musik: Takeshi KOBAYASHI, Darsteller: Hayato ICHIHARA, Shugo OSHIHINARI, Yu AOI, Ayumi ITO, Takao OSAWA

Preis: ca. 22 €  All about Lily Chou-Chou [UK-Import] bei Amazon.de

Das Reisfeld ist fast schon gleißend grün in der heißen Mittagssonne. Die Handkamera fängt es fast schwebend ein, dahin rasend, mit einer hohen Schärfentiefe, nähert sich einem in sich zusammengefallenen Jungen, gekleidet in seiner Schuluniform, abgeschottet von allem Äußeren dank seines tragbaren CD-Players. Diese Fahrt wird immer wieder unterbrochen, abrupt, durch eine schwarze Leinwand, auf der die Beiträge eines Online-Forums erscheinen. Hier sprechen sie über Lily, die große Sängerin und ihren Äther, der alle vom Hier und Jetzt erlöst. Weg, weit weg, von dem, was in der Realität auf sie wartet

Genau jene Lily Chou-Chou singt auch für den Jungen im Reisfeld, als dieser seinen Frust herausschreit. Seine Wut, seine Trauer, alles legt er in diesen Schrei, den man sofort wieder erkennt. Es ist der ganze Frust, der durch den Druck des Erwachsenwerdens entsteht, genau dann, wenn nicht alles glatt geht. Und bei diesem Jungen geht alles schief.

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Yuichi Hasumi (Hayato Ichihara) heißt er, der dort mit seinen 14 Jahren alleingelassen steht. Er lebt in einer eher ländlichen Umgebung, eingeschlossen, ohne wirkliche Perspektiven, ohne wirkliche elterliche Unterstützung und schwer depressiv, wie die meisten Menschen in seinem Umfeld. Als er auf die Highschool kommt, geschieht dies unter keinem guten Stern. Die dortige Gang macht ihn besonders gerne fertig. Deren Anführer, sein ehemals bester Freund Shusuke Hoshino (Shugo Oshinara), bringt gleich die halbe Schule unter seine Führung, die er dann mit Gewalt auf Spur hält. Yuichis Leben wird unerträglich, er lebt nur noch für seine Lily und den Äther, den er im Internet sucht, aber irgendwo nie richtig findet. Das Live-Konzert von Lily gibt ihm Hoffnung, in Tokyo endlich seinen Seelenfrieden zu finden, was angesichts der Realität um ihn herum nicht möglich scheint. Denn Shusuke hat sich zu einem richtigen Zuhälter entwickelt, der seine Klassenkameradinnen in die Arme reicher Geschäftsmänner zwingt. In eine hat sich Yuichi verliebt, das Wegsehen wird unmöglich. Als diese dann noch von der “Obertussie” in eine derbe Vergewaltigung getrieben wird, kann es nur noch ein Abnabeln geben. Was soll ich tun? Wegsehen, weghören und im Internet auf den Äther hoffen. Dies ist die letzte Antwort, bis zum Ausbruch …

Dass Erwachsenwerden keine einfache Sache ist, dürfte jeder selbst zu genüge wissen. Wie schwierig es aber für den jungen Yuichi ist, mag man kaum noch nachfühlen wollen. Wir werden aber fast dazu gezwungen, den Regisseur Shunji Iwai gibt uns kaum einen Ausweg aus dem Geschehen. Dank eines extrem ausgeklügelten Konzepts aus einer selten aufdringlichen Handkameraarbeit, die immer wieder absolute Nähe zum Geschehen suggeriert und dem sehr differenzierten Einsatz von Ton, vor allem von Musik, gelingt es ihm, die Welt eines Jugendlichen wieder vor uns aufleben zu lassen und gleichzeitig die Probleme der momentan aufwachsenden Generation in Japan näher zu bringen. Das Rausschreien des Frustes, gepaart mit der Musik und den fast schon meditativen Aufnahmen des Reisfeldes, ist das Kernbild des Films, wird mehrfach wiederholt und immer mehr mit nachfühlbaren Emotionen unterstützt. Wir selbst können vor diesem Geschehen nicht fliehen, sind über die gesamten 146 Minuten Laufzeit an die jugendliche Hölle gebunden.

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Iwais größte Leistung ist dabei, niemals in den Vordergrund zu treten. Trotz einer schwachen Sequenz in der Mitte des Films, als er versucht, mit Hilfe einer DV-Kamera den ersten Urlaub der Jungen darzustellen, dabei aber die Übersicht verliert, bleibt seine Kamera immer der Beobachter. Die emotionalen Effekte erzielt er eher dadurch, dass er die Welt dieser Jugendlichen kennt. Er hat ihre Traumwelten als Videoclip-Regisseur mit erschaffen, sein langjähriger Freund und Komponist Takeshi Kobayashi hat mit Größen wie Chara auch die Musik dieser Generation mit geprägt. Mit diesen Mitteln bauen sie eine Art visuelle und musikalische Brücke zu dem, was man im Dialog nicht darstellen kann. Sie lassen die Welt aus Erfolgsdruck und Idol-Pop, Sexualgewalt und Internet regelrecht in uns aufleben.

Lily Chou-Chou ist ein Film, der sehr schwierig durchzustehen ist. Ein Werk voll intensiver Nähe, das vielleicht nicht die Wirklichkeit wiederspiegelt, aber absolut wahr ist. Es ist nicht nur Iwais bisher bester Film, sondern gleichzeitig ein Werk, welches so manchem die Augen öffnen dürfte.

 

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Ein Portrait und ein Interview mit dem Regisseur Shunji Iwai befindet sich exklusiv auf der Filmpage.

Dieser Text wurde uns freundlicherweise von Knut Brockmanns Seite www.filmpage.de zur Verfügung gestellt. Also, klickt da mal hin.


Text Copyright Knut Brockmann
Bilder Copyright 2001 by Rockwell Eyes Inc.

 

 
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