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Der 35. Mai als Comic

Der 35. Mai

von Bettina Herbig

Autor (Vorlage): Erich Kästner, Umsetzung,  Zeichnungen: Isabel Kreitz

Erschienen bei: Dressler Verlag
Preis: 16,90 € Der 35. Mai als Comic bei Amazon.de

Kästners Kinderbücher sind allesamt Klassiker der deutschen Literatur geworden. Sei es Die Konferenz der Tiere, Emil und die Detektive, Pünktchen und Anton oder Das doppelte Lottchen. Kaum einer, der nie einen Kästner für Kinder in der Hand hatte und gelesen hat. Genauso wie Der 35. Mai – oder als Konrad in die Südsee ritt, was Kästner 1932 veröffentlichte. Bereits in seinem dritten Kinderbuch schrieb Kästner das Hohe Lied auf die Phantasie.
Schon der Titel verrät es: an einem 35. Mai muss man auf alles gefasst sein. Doch vom Zauber dieses besonderen Tages will Konrad zunächst nichts merken. Er hat in der Schule einen Aufsatz über die Südsee aufbekommen – weil er gut im Rechnen ist und deshalb ja keine Phantasie besäße. Doch zum Glück hat Konrad ja seinen Onkel, den Apotheker Ringelhuth, und außerdem trifft er ja noch auf das sprechende und rollschuhlaufende Ex-Zirkuspferd Negro Kaballo. Beiden klagt er sein Leid mit den Hausaufgaben. Doch Negro Kaballo hat die rettende Idee: Warum besucht Konrad nicht einfach die Südsee?

Doch wie soll man da hinkommen? Ist die Südsee nicht schrecklich weit weg? Nicht, wenn man die Abkürzung durch Ringelhuths antiken Dielenschrank nimmt! Dann kommt man direkt im Schlaraffenland raus, wo alle Wünsche erfüllbar sind, man bei Untergewicht, das heißt unter zweihundert Pfund, ausgewiesen wird und Faulenzen und Essen oberste Bürgerpflicht sind. Jetzt muss man nur noch geradeaus gehen und man kommt direkt in die Südsee. Nun ja, vielleicht nicht direkt. Einen kleinen Abstecher in der Burg der großen Vergangenheit, in der die Größen der Geschichte zum olympischen Wettstreit zusammenkommen, oder nach Elektropolis, der vollautomatischen Stadt, sollte man schon einplanen. Doch ist man erst einmal am Pazifik angekommen, so muss man nur noch über den Äquator laufen, um die Südsee zu erreichen. Dort angekommen treffen die drei auf Petersilie, die schachbrettgemusterte Tochter eines Häuptlings und eines holländischen Tippfräuleins auf der hiesigen Kokosflockenfarm, die mitten im Urwald vor einem Wal flüchtet. (Denn Wale sind ja bekanntlich Säugetiere, die nur aus versehen im Wasser leben.) Petersilie lädt sie auch sogleich zum Abendessen zu ihrem Stamm ein und Konrad hat nun endlich genug Anregung für seine verkümmerte Phantasie, um seinen Aufsatz doch noch schreiben zu können.

Der 35. MaiDer 35. Mai

Kästners Geschichte ist nicht nur ein Feuerwerk der Phantasie, sondern wie alles von ihm auch reichlich subversiv und passt gerade so ausgezeichnet in die Endzeit der Weimarer Republik. Dieses Experiment kann 1932 bereits als gescheitert angesehen werden. Alle Ansätze auf Erneuerung wurden ad acta gelegt und so besann man sich wieder auf die alten Werte der Kaiserzeit. Das bekommen auch die Kinder in Konrads Welt zu spüren, denn sie müssen ihre Eltern in der verkehrten Welt, in der sie das Sagen haben, erst umerziehen, und zwar mit eben jenen Maßnahmen, mit denen die Eltern sie „erziehen“, sprich züchtigen. Von den Früchten der Reformpädagogik ist hier nichts mehr zu spüren. Auch Konrads Eltern scheinen vom Ausflug ihres Sohnes mit seinem Onkel alles andere als begeistert zu sein. Und was für ein Vorbild ist eigentlich dieser Onkel, der bemerkt, Konrads Eltern seien viel zu ernst für ihr Alter. Doch gerade der Onkel, der sich seine Phantasie bewahrt hat, scheint wie ein Leuchtfeuer und Hoffnungsfunke aus der Erwachsenenwelt und gemahnt uns alle: So ihr nicht werdet wie die Kinder…

Der 35. MaiIsabel Kreitz hat Der 35. Mai bereits 2006 als Comic umgesetzt. Sie fängt Kästners Text wunderbar ein und bereichert ihn um ihre Zeichnungen, die sie stark an Walter Triers Illustrationen der Originalausgabe anlehnt. Dass Isabel Kreitz Trier, dem sie das Buch auch gewidmet hat, sehr verehrt, wird nicht zuletzt dadurch sichtbar, dass sie Papageien in einer Trier-Ausgabe lesen lässt. Die erste Comic-Umsetzung eines Kästner-Buches findet bei Kinderbuchjurys und nicht nur dort großen Beifall. Nicht umsonst wurde ihre Interpretation des Kästner-Klassikers 2008 mit dem Max-und-Moritz-Preis für den besten deutschen Kindercomic ausgezeichnet. Stets hat man das Gefühl, dass es Der 35. Mai nie anders gab als mit ihren Zeichnungen. Auch als Comic verfehlt Der 35. Mai seine Wirkung damit in keinster Weise, und auch, wer sich schon lange nicht mehr als Zielgruppe für Kindercomics sieht, sollte nicht davor zurückschrecken, bei der nächsten Einkaufstour einmal dieses Regal anzusteuern. Denn wie sagte schon Häuptling Rabenaas: „Vier mal sechs ist drei mal acht und null ist null mal hundert – Die Wunder werden nur vollbracht von dem, der sich auch wundert.“

Text Copyright Bettina Herbig 2008
Bilder Copyright Dressler-Verlag

 
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