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Das Medium DVD ist ein Segen: durch den Silberscheiben-Boom sind wir heute in der glücklichen Lage, nicht nur im Sinne der technischen Qualität in der Filmgeschichte Beispielloses zu genießen; für unsere Generation werden auch in einem Maße die Archive der Verleiher geöffnet, wie es nie zuvor der Fall war. Das bietet uns im Fall vieler Genres und Epochalstile die Möglichkeit zur Neubewertung, gerade auch was den Italowestern angeht. Während in den 1980er und 1990er Jahren schon die Klassiker dieser Genre-Spielart all’Italiana - Leone, Corbucci, Sollima - nur mit Schwierigkeiten oder bisweilen gar nicht zu sehen waren, wagen Anbieter wie Koch Media heute sogar, Filme von nicht ganz so großen Namen zu restaurieren und ansprechend aufzubereiten. Zum ersten Mal seit den späten 1960er Jahren wird es so nach und nach möglich, sich relativ leicht einen vernünftigen Überblick über den Italo-Western zu verschaffen. Und der fällt durchaus überraschend aus. Nach den Filmen eines Sergio Leone hat man doch hauptsächlich das klischeehafte Bild der Übersteigerung des klassischen Westerns im Kopf – zuckende Finger am Pistolengürtel, stahlharte Blicke; keine Figuren mehr, nur noch Typen, die sich vorzüglich mit Halbsätzen wie „der mit dem Zigarillo im Mundwinkel“ charakterisieren lassen. Sieht man sich aber die Streifen an, die in Koch Medias wertvoller „Western Collection“ mittlerweile erschienen sind, bietet sich ein wesentlich vielfältigeres Bild. Wir haben uns drei Filme aus der Reihe herausgegriffen, die charakteristisch für den „anderen Italo-Western“ stehen sollen. Der Ritt nach Alamo Italien/Frankreich (1964) Regie: Mario Bava (als "John Old"), Drehbuch: Livia Contardi, Lorenzo Gicca Palli, Franco Prosperi, Kamera: Ubaldo Terzano, Musik: Piero Umiliani, mit: Ken Clark, Jany Clair, Michel Lemoine, Adreina Paul
Erschienen bei: Koch Media Preis: ca. 10 € Der Ritt nach Alamo bei Amazon.de    Schon der Regisseur mag im Fall von Der Ritt nach Alamo einfach nicht zum spröden Zynismus des Spaghetti Western-Klischees passen. Mario Bava – der im Vorspann unter dem höchst ironischen Pseudonym „John Old“ firmiert – ist vor allem für seine grandiosen B- und C-Horrorfilme bekannt, darunter sein wundervolles Regie-Debüt Die Stunde wenn Dracula kommt und Gialli -Krimis wie Blutige Seide oder der deliröse Lisa und der Teufel. Entsprechend wird von Kritikern gerne behauptet, Bava habe mit den drei Western, die er aus finanziellen Gründen gedreht hat, verhältnismäßig wenig am Hut gehabt. Auch Wolfgang Luley vertritt in seinem informativen Klappentext der DVD diese Meinung. Dem Film selbst ist davon aber ganz und gar nichts anzumerken. Im Gegenteil: der Handlung, die eher an einen der klassischen Kavallerie-Western von John Ford erinnert (She Wore a Yellow Ribbon scheint in jedem Fall eine Inspirationsquelle der Drehbuchautoren gewesen zu sein), drückt Bava von der ersten Einstellung an seinen höchst eigensinnigen Stempel auf. Vor allem sieht Bava, der in seinen Filmen auch durchgängig das Licht setzte und die Kamera führte, in Der Ritt nach Alamo wohl eine Gelegenheit, der typischen klaustrophobischen Grundstimmung seiner Horrorfilme zu entkommen. Er inszeniert hier praktisch jede Einstellung meisterhaft in die Tiefe, in wunderschön komponierten Cinemascope-Bildern, die fast durchweg mit dem Weitwinkel fotographiert sind. Zudem findet er immer wieder Möglichkeiten, seine Protagonisten in finstere Höhlen zu bugsieren – und da darf er dann auch die für ihn typische, überaus bunte Farbdramaturgie einsetzen. Noch dazu gelingt ihm in diesen Szenen ein wunderbar durchsättigtes Schwarz, so dass man sich bei den etwas gewöhnlicher geschossenen Außenaufnahmen schnell wieder nach den künstlichen Studiosets sehnt. Allein als absolut meisterhafte Kamera-Etüde ist diese DVD also jeden Cent wert.  
Schön also, dass der Film selbst als Bonus eine durchaus spannende Angelegenheit ist, überaus rasant inszeniert und für einen italienischen Genrefilm dieser Zeit ungewöhnlich sorgfältig in der Charakterzeichnung. Bava geht zudem mit den Standardsituationen des Westerns souverän um – und damit sind tatsächlich eher die Standardsituationen des klassischen amerikanischen Westerns gemeint. Mit den extravagant-überzogenen späteren (Meta-)Western Sergio Leones hat Der Ritt nach Alamo rein gar nichts zu tun. Lamberto Bava meint in dem schönen Interview, das Koch als Extra beigefügt hat, sein Vater habe tatsächlich nie einen der anderen "Western all'Italiana" gesehen. Eine rundum tolle DVD-Veröffentlichung, und für Freunde Bavas in jedem Falle unverzichtbar. 
Für einen Sarg voller Dollars Italien (1971) Regie: Demofilo Fidani, Drehbuch: Demofilo Fidani, Tonino Ricci, Kamera: Joe D'Amato (als Aristide Massaccesi), Musik: Coriolano Gori, mit: Klaus Kinski, Jack Betts, Gordon Mitchell
Erschienen bei: Koch Media Preis: ca. 10 € Für einen Sarg voller Dollars bei Amazon.de
   Ähnlich uneingeschränkte Empfehlungen kann man für diesen Titel, Nummer sieben in der Collection, dann doch nicht aussprechen. Wenn Klaus Kinski in Talkshows desöfteren einmal bedauernd meinte, er habe „zu viele schlechte Western gedreht“, dann waren Filme wie dieser hier gemeint. Regisseur Demofilo Fidani wird von Trash-Fans sogar gerne (durchaus liebevoll) als „Ed Wood des Italo-Westerns“ bezeichnet. Beide Statements gehen dann doch etwas zu weit. Klar: Für einen Sarg voller Dollars merkt man in jeder Einstellung an, dass er wahrscheinlich in anderthalb Wochen gedreht wurde, für ein Budget, das sogar dem alten Sparfuchs Mario Bava zu niedrig gewesen wäre. Um Geld zu sparen, drehte Fidani seine Western als preisgünstige Familienunternehmungen. Die Ehefrau schneiderte die Kostüme und produzierte, das hübsche Töchterchen durfte die „Damsel in Distress“ mimen, und der spätere Porno- und Trashkönig Joe D’Amato, ebenfalls ein Verwandter, montierte sich die Handkamera selbst auf die Schulter, anstatt einen Operator für sich schwenken zu lassen. Gedreht wurde in den Kulissen bereits fertig gestellter Western mit höherem Budget oder in Barackensiedlungen, die nur mit viel gutem Willen nach dem amerikanischen Westen aussehen. Für Außenaufnahmen brachte man die wahrscheinlich eher überschaubare Crew in Steinbrüche, 40 Kilometer von Rom entfernt.

Gerade wegen der sichtbar kruden Machart entfaltet Für einen Sarg voller Dollars einen ganz eigenen dilettantischen Charme. Fidani und D’Amato machen nämlich das Beste aus ihrer desolaten Situation: Anstatt Action gibt es ausgedehnte Spannungs-Szenen, in denen sich die Protagonisten in menschenleeren Western-Kulissen verschanzen. Auch die maximal drei Drehtage Klaus Kinskis werden bestens genutzt, mit einer Vielzahl von Grimassen-Closeups und der maximal möglichen Anzahl Ausraster. In einer besonders hübschen Szene fängt D’Amato auf beinahe schon avantgardistische Art den durch den Raum tigernden Kinski in immer neuen Handkamera-Einstellungen ein - so zerrissen wie Kinski seine eigentlich ziemlich hohle Figur spielt, gibt sich da auch die Inszenierung. Charakterisiert wird hier sowieso nur durch Klischees und Optik. So hat die Ausstatterin Kinskis Figur, die im Original schön germanisch „Hagen“ heißt, in einen sagenhaft unpassenden Sturm-und-Drang-Frack gesteckt, der wohl Kinskis romantisch-gepeinigtes Deutschtum unterstreichen soll.
Unterhaltsam sind diese 83 Minuten lupenreinen Trashs also auf jeden Fall – was man bestimmt nicht über jeden von Ed Woods Filmen behaupten kann. Mit anderen Worten: Für einen Sarg voller Dollars ist ganz gewiss nur ein Italo-Western für den Liebhaber, der sonst schon alles hat. Der braucht die DVD aber in jedem Fall. 
Töte Amigo Italien (1966) Regie: Damiano Damiani, Drehbuch: Salvatore Laurani, Franco Solinas, Kamera: Tony Secchi, Musik: Luis Bacalov, Ennio Morricone, mit: Klaus Kinski, Gian Maria Volonté, Lou Castel
Erschienen bei: Koch Media Preis: ca. 10 € Töte Amigo bei Amazon.de
Kinski hat aber nicht nur in Exploitation-Schrott mitgespielt, sondern bekanntermaßen auch in einigen echten Genre-Klassikern. Zu denen gehört in jedem Falle Töte Amigo – nach wie vor wahrscheinlich der beste Film in der Koch-Reihe. Neben Bavas eigensinniger John Ford-Imitation und Fidanis Zelluloid-Schrott stellt Damiano Damianis Film eine weitere Spielart des Western all’Italiana dar: er gehört zum sogenannten „Revolutions-Western“, wie beispielsweise auch Leones Todesmelodie. Ort der Handlung ist also nicht der amerikanische Westen, sondern Mexiko zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Töte Amigo ist dabei nicht nur der Film mit dem sicherlich höchsten Budget der drei vorgestellten, sondern auch inhatlich der Ambitionierteste. 1966, zwei Jahre bevor die 68er Bewegung höchst optimistisch versuchte, ihre gesellschaftlichen Utopien umzusetzen, zeigt sich Damiani hier schon höchst skeptisch gegenüber jedwedem Fortschrittsdenken. Diesen Pessimismus macht er fest an der Figur des Chuncho, dem "Helden" von Töte Amigo. Der mexikanische Bandit sieht sich als Held des Volkes, weil er Bahntransporte der mexikanischen Armee überfällt und die so erbeuteten Waffen an einen abtrünnigen General liefern will. Von Anbeginn ist aber klar, dass dieser Chuncho höchst ambivalent zu sehen ist - wegen seines brutalen Vorgehens (von Damiani alles andere als zimperlich inszeniert), aber auch wegen seines Profitdenkens. Chuncho würde die Waffen nie ohne Entgelt der Revolutionsarmee übergeben wollen. Der zentrale Konflikt des Films ist damit schon vorgezeichnet. Es geht ganz konkret um die (Un-)Möglichkeit der Revolution, oder besser: das Scheitern der Revolution am Individuum. Chuncho ist gleichzeitig Idealist und Egoist, und seine Unentschlossenheit wird schon vom Originaltitel des Films festgehalten: "Quién sabé?" - "Wer weiß?" Bei einem seiner Überfälle trifft nun dieser Chuncho auf einen Amerikaner, der ihm behilflich ist - und dann auch zügig unter dem Namen "El Niño" in die Bande aufgenommen wird. Zusammen mit Chuncho erlebt "El Niño" im Folgenden alle möglichen Spielarten der Revolution. Damiani geht so weit, die beiden zu den Befreiern einer Kleinstadt zu machen - und auch hier misslingt das utopische Experiment. Es scheitert am Dilettantismus Chunchos und an der Selbstsucht seiner Bande. Gleich darauf reduziert Damiani die Frage nach der Möglichkeit eines anderen, besseren Lebensentwurfs auf das Individuelle - es ziehen nur noch Chuncho und "El Niño" durch Mexiko. Aber selbst die Möglichkeit der Freundschaft wird der Film Chuncho am Ende nehmen, und letzten Endes seine Handlungsfähigkeit ganz und gar in Frage stellen. 
Töte Amigo ist also ein bitterer Film, der mit den Mitteln der klassischen Schelmengeschichte - Unbedarfte werden dort episodenhaft immer wieder in neue gesellschaftliche Zusammenhänge gestellt und müssen sich behaupten - ein höchst düsteres Gesellschaftsbild zeichnet. Dafür hat Damiani ein beachtliches Budget zur Verfügung, das er für tolle Landschaftsaufnahmen und sehr präzise inszenierte Massenszenen nutzt. Seine Schauspieler sind dabei durchweg vorzüglich - allen voran Lou Castel als der dandyhafte, beinahe schon diabolische "El Niño". Kurz, Töte Amigo ist Genre-Kino in seiner edelsten, künstlerischsten Ausprägung - immer unterhaltsam, aber immer auch ein meisterlich genutztes Werkzeug zur Auseinandersetzung mit der eigenen Gegenwart. Die Koch Media Western Collection zeigt uns damit nicht nur, wie vielseitig der Italo-Western als Genre tatsächlich war. Sie zeigt uns auch die Möglichkeiten des Genre-Kinos an sich auf, in seiner ganzen Bandbreite von der visuellen Inszenierungsübung über den unterhaltsamen Trash hin zur anspruchsvollen Auseinandersetzung mit Themen, die sonst nur das bürgerlich-selbstgefällige Drama für sich gepachtet hat. Eine Sammlung also, auf die sich ein Blick in jedem Falle lohnt. 
Text Copyright Jochen Ecke 2008 Bilder/Filme Copyright Koch Media GmbH/Protor Film-A.P.-CFFP./Elektra Film/M.C.M. |