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Seite 3 von 3 Colleen Coover macht nicht nur tolle Comics, sie arbeitet auch noch fleißig als Illustratorin für verschiedene Zeitschriften und nimmt sich trotz aller Arbeitsfülle die Zeit, uns ein Interview zu geben. Ob das wohl mit ihrer Vorliebe für Gorillas zusammenhängt?
Thomas Nickel: Hi Colleen! Erstmal danke, dass du dir Zeit für dieses Interview nimmst. Erzähl uns doch erst einmal, wie du überhaupt zum Comic gekommen bist... Colleen Coover: Ich bin mit Comics aufgewachsen, daher bin ich nie auf die Idee gekommen, zwischen Comics und "normalen" Büchern zu unterscheiden. Und da ich einfach für mein Leben gerne lese, waren Comics so von Anfang an ein wichtiger Teil meines Lebens. Als ich ein Kind war, habe ich auch die ganze Zeit gemalt und gezeichnet und hatte irgendwie schon immer die Idee im Kopf, Comiczeichnerin zu werden. Ich habe aber erst wirklich angefangen, ernsthaft Comics zu machen, als ich meinen Partner Paul Tobin kennengelernt habe und sich eine Beziehung entwickelte. Paul schrieb damals schon Independnt Comics und brachte mir viel von dem bei, was ich über Storytelling weiß. Die Zusammenarbeit mit ihm bei Kurzgeschichten hat mir die Erfahrung und das Selbstvertrauen gegeben, die Arbeit an Small Favors zu beginnen. Thomas Nickel: Du hast einen sehr feinen und genauen Zeichenstil und scheinst klare Panel-Layouts zu bevorzugen. Wie hast du denn deinen Stil entwickelt?
Colleen Coover: Tatsächlich ist es Paul, der in seinen Skripts die Panel-Layouts festlegt, mit denen ich dann arbeite. Das hilft ihm, sich die Geschichte bereits in Comic-Form vorzustellen wenn er schreibt. Wir mögen beide dieses klaren Layouts, weil die sich einfach angenehmer lesen als wenn man da tief in die Trickkiste greift. Mein Zeichenstil hat sich so mit der Zeit entwickelt. Ich bin in meiner Arbeit selbstbewusster geworden, und mein Stil reflektiert die Geschichten, an denen ich arbeite. Banana Sunday und Small Favors sind beides luftig-leichte, kleine Geschichten, daher sind die Zeichnungen auch sehr leicht. The Boogeyman und Freckled Face, Bony Knees sind da nüchterner, daher ist auch das Artwork weniger leicht und etwas dunkler. Jochen Ecke: Small Favors hat den Untertitel "Girly Sex Comics" und verzichtet vollkommen uf die Motive der Perversion oder des schlechten Gewissens. Eigentlich ist das ja genau das Gegenteil vom dem, was Pornographie sonst tut - schlechtes Gewissen und das Thema das Tabu scheinen bei einem männlichen Blick auf Pornographie ja quasi Grundoraussetzung. Glaubst du, das ist eine speziell weibliche Sicht auf Sex? Colleen Coover: Ich weiß nicht, ob das eine besonders weibliche Sicht auf Sex ist, es ist auf jeden Fall sicherlich meine Sicht darauf. Ich habe keine Lust, etwas erotisches zu lesen und mich danach schuldig zu fühlen. So etwas steht der Wirkung einfach im Weg. Das nervt, es ist ein Abturner. Ich glaube, dass diese Art von sexueller Unterhaltung Spaß machen sollte und das ist es, was ich mit Small Favors erreichen wollte. Jochen Ecke: Da wir gerade bei diesem Thema sind: Ist das eine idealisierte Version von Sex? Glaubst du selbst, Sex könnte so vollkommen frei von Schuldgefühlen und individuellen persönlichen Problemen sein? Colleen Coover: Das ist eine vollkommen idealisierte Form von Sex. Es ist reine Fantasie. Eine Person, die vollkommen frei von diesen Problemen ist, das wäre nicht nur menschlich gesehen unmöglich, es wäre auch dumm. In der echten Welt haben wir eine hohe Verantwortung - Reproduktion, Geschlechtskrankheiten, die Gefühle des Partners... Thomas Nickel: Was ist denn deine Meinung über andere Comics, die Sex thematisieren? Insbesondere die aus Europa und Japan? Siehst du da kulturelle Unterschiede bei den Herangehensweisen? Colleen Coover: Es gibt nicht sehr viele amerikanische Porno-Comics, die ich mag. Die meisten haben die gleichen beschissenen Geschichten wie amerikanische Porno-Videos. Aber es gibt ein paar Ausnahmen. Ich mag Corey Barbas Geschichten, weil sie sehr niedlich und charmant sind. Und Gilbert Hernandez Hardcore-Sachen sind genauso gut wie sein Love & Rockets - nur eben mit mehr Sex! Ich bewundere auch wirklich die Arbeiten von Guido Crepax. Sie sind so üppig und sinnlich. Und die meisten von Milo Manaras Arbeiten sind einfach wunderschön. Die Europäer scheinen stark auf die Fetisch-Aspekte der Erotik einzugehen. Mein Storytelling bei Small Favors ist wohl am stärksten von den besseren Erotik-Mangas auf dem Markt beeinflusst. Bondage Fairies ist zum Beispiel recht hübsch, und oft auch wirklich sehr liebevoll. Allerdings wendet sich das Ganze oft sehr plötzlich zu Hardcore-SM und die Figuren schweben in echter Gefahr. Und so was ist mir einfach unheimlich. Ich kann so eine Sex-Fantasie einfach nicht genießen, wenn ich glaube, dass eine der Figuren, von der ich gerade lese auf der nächsten Seite vielleicht ernsthaft verletzt oder sogar umgebracht wird! Golden Boy mag ich auch sehr, allerdings habe ich davon bisher erst einen Band gelesen, und der war auch noch japanisch. Thomas Nickel: Erleben wir momentan so eine Art Bewegung hin zu größerer Akzeptanz von erotischer Unterhaltung? Ich meine, selbst Alan Moore und Melina Gebbie arbeiten mit ihren Lost Girls auf diesem Gebiet. Colleen Coover: Ich denke, ein breiteres Spektrum von sexueller Identität wird mehr und mehr akzeptiert, daher kommt gerade eine Menge Arbeit im Erotik-Genre aus dem Underground-Bereich an die "Oberfläche". Aber ich glaube auch, es wird immer wieder Rückschläge geben durch ängstliche Leute, die unbedingt an den moralischen Standards festhalten wollen, mit denen sie aufgewachsen sind. Thomas Nickel: Ist Banana Sunday jetzt eigentlich vorbei? Oder ist da bereits etwas neues geplant? Colleen Coover: Momentan haben wir keine Pläne für neue Banana Sunday-Comics, aber Paul (der Banana Sunday ja unter dem Pseudonym Root Nibot geschrieben hat) hat bereits einer Serie von Büchern geschrieben und ist gerade auf der Suche nach einem Verleger dafür.  Jochen Ecke: Das Storytelling von Banana Sunday kommt sehr oft ohne Worte aus - ohne Sprechblasen, ohne Captions... Gerade diese Panels funktionieren ganz hervorragend und charakterisieren die Figuren oft auf sehr charmante Weise. Wie bist du auf diese Idee gekommen, hast du für diese stummen Elemente Vorbilder?
Colleen Coover: Diese ganzen stummen Elemende waren so in Pauls Skript, inklusive all dem, was im Hintergrund so passiert. Quasi wie die Bühnenanweiseungen im Theater, er ist als Schreiber sehr visuell orientiert. Wenn mir beim Zeichnen eines Panels eine witzige oder interessante Idee kommt und es der Handlung nicht im Weg steht, dann zeichne ich es auch. Aber die meisten Sachen, die sich in einem Panel finden, waren bereits so von Paul geschrieben. Jochen Ecke: Wie funktioniert denn die kreative Zusammenarbeit mit Paul Tobin? Wieviel Einfluss hattest du auf den Plot von Banana Sunday oder bestimmte Szenen? Colleen Coover: Paul schreibt das Skript komplett bevor ich es zu sehen bekomme, daher ist die Handlung im Grunde erst einmal komplett von ihm. Manchmal schlage ich ihm dann vor, das ein oder andere Wort zu ändern oder weise ihn auf etwas hin, das etwas seltsam wirkt. Er sieht sich das ganze dann noch einmal an und stimmt mir dann manchmal zu, dass etwas geändert werden sollte, manchmal überzeugt er aber auch mich, dass es besser wäre, das Skript so zu belassen. Thomas Nickel: Jeder liebt Menschenaffen, vor allem Gorillas. Wie ist denn dein persönliches Verhältnis zu ihnen? Colleen Coover: Ich liebe sie. Wenn ich sie im Fernsehen oder im Zoo sehe, bin ich wie ein kleines Kind. Sie sind einfach faszinierend. Ich denke, das liegt daran, dass wir uns selbst so in ihnen wieder erkennen, aber sie haben eben die Unschuld von Tieren. Und außerdem macht es richtig Spaß, sie zu zeichnen. Thomas Nickel: Neben deinen anderen, meistens sehr witzigen Comics ist The Boogeyman ein sehr starker Richtungswechsel. Kannst du uns erzählen, wie diese Geschichte entstanden ist? Der Kontrast mit den sehr hübschen Zeichnungen und der sehr traurigen Handlung funktioniert meiner Meinung nach sehr gut. Colleen Coover: Die Herausgeberin Diana Schulz hat mich gebeten, eine Geschichte für die Anthologie Sexy Chix beizusteuern. Damals war ich gerade in einer Übergangsphase zwischen dem unfassbar fröhlichen Small Favors und dem völlig albernen Banana Sunday. Ich wollte die Gelegenheit nutzen und etwas machen, das genau das Gegenteil von den Sachen darstellte, für dich ich bisher bekannt war. Ich wollte die traurigste Geschichte erzählen, die ich mir vorstellen konnte. Die Geschichte von einer jungen Frau, die mit ihrer Trauer zurechtkommen muss, war für mich eine große Herausforderung. Es war sehr befriedigend, aber es hat mich selbst auch sehr traurig gemacht. Daher war ich mir ziemlich sicher, dass ich gute Arbeit abgeliefert habe. Thomas Nickel: Mit Small Favors, Banana Sunday und Kurzgeschichten wie The Boogeyman hast du in einer ganzen Menge verschiedener Gebiete gearbeitet. Gibt es andere Themen, die du gerne bearbeiten würdest? Oder gibt es Gebiete, an denen du gar kein Interesse hast?
Colleen Coover: Momentan arbeite ich mit Paul an einer Graphic Novel namens Freckled Face, Bony Knees, And Other Things Known About Annah. Das wird eine im Vergleich zu Banana Sunday eher düstere Angelegenheit. Ich bin momentan ziemlich auf diese Geschichte konzentriert und daher ist es schwer, darüber nachzudenken was ich noch gerne machen würde. Ich glaube aber, es wäre sehr nett, noch etwas mehr für jüngere Leser zu machen. Das einzige Genre, an dem ich wirklich kein Interesse habe ist die Autobiographie. Ich habe einfach nicht den Drang, mein Leben in einem Comic offen zu legen.
Thomas Nickel: Du sagst Freckled Face, Bony Knees, and Other Things Known About Annah wird eine im Vergleich zu Banana Sunday düstere Geschichte. Okay, im Vergleich mit Banana Sunday ist JEDE Geschichte düster. Erzähl uns doch etwas mehr darüber!
Colleen Coover: Also, im Grunde ist es eine Charakterstudie über eine junge Frau namens Annah. Sie glaubt, sie hat eine verschollene Zwillingsschweste,r die aus einem Teil ihres Gehirns, dem Penfield's Homunculus, erschaffen wurde. Das ist ein Gebiet, das für die sinnliche Wahrnehmung zuständig ist. Annah glaubt, dass der Verlust ihrer Schwester Ginger daran schuld ist, dass sie nichts mehr fühlt. Die Geschichte wird von den Menschen in ihrem Umfeld erzählt, daher bleibt die Frage, ob ihre Geschichte wahr ist oder ob Annah etwas verrückt ist. Denn die Erzähler erklären, dass der Zeitpunkt, zu dem Ginger von Annahs Vater, einem verrückten Wissenschaftler, erschaffen wurde, mit dem der sehr hässlichen Scheidung von Annahs Eltern zusammen fällt und daher vielleicht wirklich nur in ihrer Vorstellung existiert. Thomas Nickel: Was sind denn so deine nächsten Ziele? Du hast ja schon in zahlreichen Comic-Genres gearbeitet - willst du beim Comic bleiben oder auch einmal in anderen Medien arbeiten? Colleen Coover: Ich will dem Comic auf ewig treu bleiben, aber ich habe keine Ahnung, was ich nach Freckled Face, Bony Knees machen will. Zumindest im Moment noch nicht. Ich will auf jeden Fall mehr Illustrationen machen. Ich habe für ein paar Wochenzeitschriften gearbeitet, und es wäre bestimmt auch sehr nett, Buchumschläge zu gestalten. Vielleicht für Liebesromane! Thomas Nickel: Wenn ich mir deine Illustrationen so ansehe scheinst du ein Faible für die 50er und 60er Jahre zu haben...
Colleen Coover: Ich liebe klassische Cartoons und Illustrationen und ich bin ja mit dem Comics der späten 60er aufgewachsen. Ich glaube, deswegen mag ich auch zeitgenössische Künstler, die einen Retro-Stil pflegen. Seth und die Hernandez-Brüder zum Beispiel. Sie wenden klassische Stile auf moderne Themen an. Ich liebe so etwas.
Thomas Nickel: Welche anderen Künstler magst du denn noch? Wen findest du inspirierend?
Colleen Coover: Los Bros Hernandez und Milton Caniff sind meine zwei größten Einflüsse, aber ich absorbiere stilistische Eigenheiten von jedem Künstler, dessen Arbeit mir gerade gefällt. Im Moment sind das Seth, Jordi Bernet und Aaron Renier, die stehen ganz oben auf meiner Liste.
Thomas Nickel: Wenn du gerade nicht an Comics arbeitest, was tust du dann? Ich habe gehört, du magst Videospiele. Wie sieht es denn mit Filmen aus? Colleen Coover: Ich schaue mir momentan vor allem asiatische Filme an. Vor allem aus Hong Kong, Japan und Südkorea. Ein paar Jahre lang hatte ich eine ziemliche Vorliebe für Bollywood-Filme, aber die indische Filmindustrie hat sich irgendwie von den albernen romantischen Komödien weg bewegt und setzt jetzt mehr auf Action-Thriller, und das können die Inder nicht besonders gut. Videospiele mag ich auch sehr gerne, besonders Rollenspiele mit guter Story. Und natürlich liebe ich Bücher. Text Copyright 2006 Thomas Nickel Coverartwork, Auszüge Copyright Colleen Coover
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