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USA 2008
Umfang: 3 Episoden, á je ca. 15 Minuten, Buch: Joss Whedon, Jed Whedon, Zack Whedon, Maurissa Tanchareon, Musik: Joss Whedon, Jed Whedon, Zack Whedon, Maurissa Tanchareon, Regie: Joss Whedon, Darsteller: Neil Patrick Harris, Nathan Fillion, Felicia Day, Simon Helberg Offizielle Website: www.drhorrible.com Legal online anzusehen bei: http://www.hulu.com/dr-horribles-sing-along-blog Hollywood ist ein hartes Pflaster. Wenn jemand eine der einflussreichsten Fernsehserien der letzten 10 Jahre schreibt, ein nicht minder gelungenes Spin-Off erfindet und nebenbei noch eine heißgeliebte Sci-Fi-Kultserie auf den Bildschirm zaubert, sollten die Studios ihm eigentlich auch den nötigen Respekt entgegenbringen. Aber als Buffy- Angel- und Firefly-Autor Joss Whedon (ein Interview, das wir mit ihm geführt haben findet ihr hier) nach dem Aus seiner Serien den Sprung in's Kino wagen wollte, musste er schon bald feststellen, wie leicht man auf dem steinigen Parkett der Filmindustrie ins Stolpern gerät. Und so war Whedon mehr als drei Jahre nach seinem Leinwanddebüt Serenity in seiner Karriere als Lichtspielhaus-Auteur immer noch keinen einzigen Schritt vorangekommen. Geplante Projekte wie Wonder Woman oder der Horrorstreifen Goners verschwanden entweder komplett von der Bildfläche oder wurden mainstreamigeren Schreiberlingen in die Hände gedrückt und abgesehen von ein paar Comicprojekten mussten sich Whedon-Fans weiterhin mit ihren zunehmend abgenutzten DVDs über Wasser halten. Und als dann schließlich, nach all der Warterei, endlich eine neue Fernsehserie der Geek-Ikone angekündigt wurde, zogen bereits nach kurzer Zeit erneut schwarze Wolken auf, denn ein groß angelegter Autorenstreik der amerikanischen Filmindustrie sollte auch dieses Projekt um etliche Monate verzögern. Was also tun, wenn einem die Studios immer wieder Steine in den Weg legen? Ganz einfach: Man nimmt das Ruder selbst in die Hand! Und so entschied sich Whedon eine, so schien es, Schnapsidee für ein Superbösewichts-Musical, dass er privat mit seinen Brüdern Zack und Jed sowie dessen Lebensgefährtin, der Autorin Maurissa Tanchareon ausgekocht hatte, auf eigene Kosten in die Tat umzusetzen. Fernab vom Einfluss der großen Studios für ein paar hunderttausend Dollar finanziert und mit guten Freunden aus der Filmbranche in die Tat umgesetzt, entstand so innerhalb weniger Wochen Dr. Horrible’s Sing-along Blog, ein Projekt, dass von Hollywoodriesen und Medien zu diesem Zeitpunkt bestenfalls achselzuckend belächelt wurde.
  Zu Unrecht, denn schon wenige Wochen nach seinem Debüt hat sich der singende Superbösewicht nicht nur zum größten Internetphänomen des Jahres, sondern auch zur Ikone eines neuen Distributionsmodells für Online-Filmkunst gemausert. Mit ca. 200.000 Zuschauern pro Stunde hat Dr. Horrible bewiesen, dass Internetproduktionen den Massenmarkt erreichen können. Was einst als persönliches Spaßprojekt und frustriertes Statement über die Politik der Filmstudios gedacht war, wird von den, inzwischen erstaunlich enthusiastischen, Medien jetzt als kleine Revolution gehandelt. "I cannot believe my eyes, How the world's filled with tears and lies. But it's plain to see, evil inside of me, is on the rise" - Dr. Horrible Wer sich alle drei Akte angesehen hat, dürfte schon ahnen, warum inzwischen das halbe Internet Lobpreisungen auf den wahnsinnigen Wissenschaftler singt. Wer nicht zur rechten Zeit am rechten Ort war, sah allerdings vorerst in die Röhre. Um den Eventcharakter des Projekts zu betonen, hat Whedon Dr. Horrible’s Sing-along Blog ursprünglich nur eine knappe Woche lang zum Nulltarif ausgestrahlt. Inzwischen hat sich aber der amerikanische Stream-Service Hulu bereiterklärt, das Musical zu hosten (Link: http://www.hulu.com/dr-horribles-sing-along-blog) Aber das Netz ist nur der Anfang, eine regionfreie DVD mit reichlich Bonusmaterial folgt im Herbst.
  Wie man es von Whedon gewohnt ist, spielt der Meister auch in seinem Independent-Projekt nach allen Regel der Kunst mit Genrekonventionen. Protagonist Dr. Horrible (Neil Patrick Harris, bekannt aus Doogie Howser, Starship Troopers und How I Met Your Mother)scheint auf den ersten Blick ein Superbösewicht wie aus dem Bilderbuch zu sein.. Abgesehen davon, dass der durchtriebene Akademiker seine bösartigen Pläne im privaten Video-Blog mit einem gesichtslosen Publikum diskutiert, unterscheidet ihn kaum etwas von seinen Kollegen aus dem Marvel- oder DC-Universum. Hinter der brüchigen Fassade verbirgt sich aber ein erstaunlich sensibles Superhirn. Von der Herzlosigkeit und Kälte der modernen Welt angewidert, versucht Dr. Horrible den Status Quo auf die einzige ihm bekannte Art zu ändern. Durch verrückte Erfindungen und megalomanische Pläne will er all jenen die Augen öffnen, die unsere Gesellschaft so akzeptieren wie sie ist, ohne das Leid und die Qualen ihrer Umgebung zu hinterfragen. Lediglich seine heimlich Liebe Penny (Felicia Day, bekannt als Nachwuchsvampirjägerin Vi aus der letzten Staffel von Buffy the Vampire Slayer), scheint die Gefühle des selbsterklärten Superbösewichts zu verstehen. Schon seit Monaten läuft der gute Doktor in seiner geheimen Identität als amerikanischer Jedermann Billy der engagierten Aktionistin zweimal wöchentlich im Waschsalon über den Weg, aber abgesehen von ein paar sinnfreien Stammeleien hat das größenwahnsinnige Genie bisher kein Wort über die Lippen gebracht. Das soll sich jedoch schlagartig ändern, als Penny ihn eines Tages auf der Straße selbst anspricht. Schnell ist klar, dass die beiden auf der gleichen Wellenlänge liegen und dass der furchtbare Doktor durch den Einfluss der passionierten Lady vielleicht sogar von seinen Weltherrschaftsambitionen geheilt werden könnte. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände wird Penny versehentlich in Dr. Horribles aktuellen Plan verwickelt und von dessen persönlicher Nemesis, dem selbstverliebten Superhelden Captain Hammer (herrlich schmierig: Nathan Fillion, bekannt aus Firefly und Slither) gerettet. Jetzt muss Billy sich entscheiden, was wichtiger ist: Pennys Liebe gewinnen oder den verhassten Widersacher ein- für allemal über den Jordan schicken. Aber vielleicht gibt es ja eine Möglichkeit, das Angenehme mit dem Nützlichen zu kombinieren ...
"This is perfect for me, so they say. I guess it's pretty okay. After years of stormy, sailing have I finally found a bay?" - Penny Was folgt, ist eine klassische Dreiecksgeschichte. Aber wie löst sich die Triangel auf, wenn ein hassenswerter Held und ein sympathischer Superbösewicht um die Liebe einer resoluten Frau kämpfen? Nun, auf jeden Fall mit jeder Menge geistreichem Wortwitz und ohrwurmverdächtigen Songs. Jene sind nicht nur erfreulich gut geschrieben, sondern treiben auch stets die Handlung voran, anstatt sie, wie es in so vielen Musicals der Fall ist, rücksichtslos anzuhalten. Wie schon im Buffy-Musical Once More with Feeling nutzt Whedon die manchmal schwungvollen, manchmal melancholischen Songs auch diesmal, um den Zuschauer direkt in die Seele der Hauptfiguren blicken zu lassen. Die Gefühle, Ängste und Ambitionen der Protagonisten werden in den Liedern knallhart enthüllt und am Ende des letzten Aktes haben selbst zynische Zuschauer das Gefühl, Billy, Penny und Captain Hammer seit Jahren zu kennen.   "The hammer ... is my penis!" - Captain Hammer Um so kontroverser fällt dann natürlich auch das Ende aus, denn wie man es von Whedon gewohnt ist, gibt es auch diesmal kein leicht verdauliches Happy End. Was genau im polarisierenden Finale passiert, wollen wir an dieser Stelle nicht verraten, aber so viel sei gesagt: Kaum ein Zuschauer dürfte die Auflösung dieser Geschichte emotionslos zur Kenntnis nehmen (und sollte er es doch tun: Schande über ihn!). Wie üblich erstreckt sich die Arbeit von Whedon auch hier weit über die augenscheinlichen Comic-Einflüsse, den geistreichen Wortwitz und den schamlosen Camp-Faktor hinaus. Whedons Arbeit ist vielschichtig und Dr. Horrible schafft es in einer knappen Dreiviertelstunde alles herauszukristallisieren, was den Erfinder von Buffy Summers zu einer so eigenständigen Stimme im Einheitsbrei der amerikanischen TV-Industrie macht. Ob man das Online-Musical nun als bizarre Romanze, bissige Allegorie auf den Status Quo der Filmbranche, griechische Tragödie mit Spandexträgern, eine einfühlsame Abhandlung zum Thema Einsamkeit oder klassische Ursprungsgeschichte interpretieren will, bleibt jedem Zuschauer selbst überlassen. Fest steht nur, dass die Intentionen der Charaktere und der Verlauf der Handlung eine Tiefe bieten, von der die Superhelden des Blockbusterkinos nur träumen können. Ein Glück also, dass Whedon, der inzwischen wieder emsig an seiner neuen Fernsehserie Dollhouse arbeitet, bereits Pläne für ein Nachfolgeprojekt schmiedet. Joss Whedon ist endlich wieder da, wo er hingehört! Text Copyright Peter Clausen 2008 Bilder Copyright Mutant Enemy |