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USA (2008)
Regie: Christopher Nolan, Drehbuch/Story: Jonathan und Christopher Nolan, David Goyer, Kamera: Wally Pfister, Musik: Hans Zimmer, James Newton Howard, mit: Christian Bale, Michael Caine, Heath Ledger, Aaron Eckhart, Maggie Gyllenhaal, Gary Oldman, Morgan Freeman Verleih: Warner Bros. Nach einer bis auf den letzten Platz besetzten Pressevorführung von Warner, zu der übrigens dank dem Engagement von Luise und Peter Wenkheimer von www.batmans.de auch ausgeloste Fans Zutritt hatten, musste ich The Dark Knight lange verarbeiten, um zu einer vertretbaren Meinung zu kommen. Christopher Nolan revolutionierte schon mit Batman Begins die Welt des Dunklen Ritters, mit dem Nachfolger treibt er das auf die Spitze. Herausgekommen ist ein Film wie eine Abrissbirne, der dem Zuschauer keine ruhige Minute lässt. Bereits Monate im voraus begann eine virale Werbekampagne, wie man sie bisher kaum gesehen hatte. Um die Figur des Harvey Dent einzuführen, wurde er im Internet als die neue Hoffnung Gotham Citys gepriesen und sein Wahlkampf bis hin zur Wahl über's Netz präsentiert. Es gab ein "Guidomobil", das in Amerika durch die Städte getourt ist, um Werbung für Dents Kandidatur (bzw. den Film) zu machen, einen Newsletter, Telefonvotings, eine Internetseite, auf der Neuigkeiten zu Dents Wahlkampf zu lesen waren, sogar Videos von Pressekonferenzen, die im Film später nicht zu sehen sein würden. Auch Maggie Gyllenhaal beteiligte sich an der Aktion und spielte Rachel Dawes für eine solche Aufnahme. Zeitgleich marodierte der Joker durch's Internet und machte sich in seiner Internetzeitung „The Hahahatimes“ (http://batman.wikibruce.com/Thehahahatimes.com , http://www.thehahahatimes.com/ ), einer Parodie der Gotham Times, die natürlich auch regelmäßig im Netz zu finden war und Neuigkeiten über Dent, Batman und ihre Stadt preisgab, über die ganzen Saubermänner lustig. Mit viel Liebe zum Detail waren diese Werbegags ausgearbeitet, Rätsel wurden darin versteckt, die aber zu nichts wirklich Brauchbarem führten als zu weiteren Websites, auf denen der Joker sein Unwesen trieb. Für einen kurzen Moment also war man in Gotham City und konnte die Geschehnisse dort verfolgen, die nur auf ein Ereignis hinzielten: The Dark Knight.
Wenn man sich mit The Dark Knight beschäftigt, gibt es eine ganze Menge Dinge, über die man reden kann und die sich die nationale und internationale Presse schon zur Brust genommen hat. Über Heath Ledger zum Beispiel, dessen Tod im Januar und dessen schauspielerische Leistung in seinem letzten Film, die - da muss nicht diskutiert werden - phänomenal ist und unweigerlich nach einem Vergleich zu Jack Nicholson schreit. Dann natürlich über die Brutalität und Dunkelheit, die nun auch für den letzten Zweifler die Comicverfilmung mit dem Holzhammer aus der Kinderecke holt. Die beklemmende Aktualität des Geschehens. Die unglaublichen Einspielergebnisse. Natürlich auch die philosophische Ebene, der Sinn und Zweck des eigenen Daseins. Und zuletzt, und für mich eigentlich am wichtigsten, die endgültige Verselbständigung liebgewonnener Comicfiguren zu völlig neuen Charakteren, durch die sie einen großen Schritt näher in unsere Welt gelangen. Ich muss mich diesmal mit meiner ausschweifenden Inhaltsangabe besonders zurückhalten, denn es soll hinterher niemand sagen, ich hätte ihm was Wichtiges verraten. Trotzdem seien ein paar Sätze über den Inhalt verloren. Letzterer ist unglaublich reichhaltig und vollgestopft. Es passiert in diesem Film so viel, dass man Schwierigkeiten hat, den Überblick zu behalten, doch Nolan und seine Mannen helfen im letzten Moment stets mit spannenden Schnitten und einer rasanten Erzähltechnik. Okay, also der Joker (Heath Ledger), kommen wir gleich zur Sache. Der katapultiert sich mit gezielten Bankraubaktionen, bei denen er viele erfolgreiche Mafiosi um ihr Erspartes bringt, an die Spitze von Gothams Verbrecherbanden und macht sich damit verflucht unbeliebt bei ihnen. Währenddessen schöpft Batman (Christian Bale) so etwas wie Hoffnung, denn auf der guten Seite zieht ebenfalls jemand die gesamte Aufmerksamkeit auf sich und strotzt vor Mut und Selbstbewusstsein: der neu gewählte Bezirksstaatsanwalt Harvey Dent (Aaron Eckhart) stellt sich der Rotte der Kriminiellen entgegen und startet mit einem Rundumschlag von Verhaftungen. Sollte Batmans Zeit vorbei sein und dieser Anwalt die Stadt fortan von der finsteren Brut reinigen?
Es wird jedoch schnell klar, dass Dent gegen den Joker nicht ankommt und Batman vorläufig nicht in Rente gehen kann. Dieser offensichtlich völlig durchgeknallte, dabei aber eiskalt berechnende Psychopath hat ganz andere Pläne als einfache Bereicherung oder Drogenhandel und droht, unterstützt von einer ordentlichen Prise Sprengstoff, Gotham City in's Chaos zu stürzen. Batman nimmt die Verfolgung auf und aus Jokers anfänglichem Vorschlag an die Gangsterbosse: „Tötet Batman“ wird mit der Zeit die Erkenntnis, dass er ohne den Dunklen Ritter eigentlich gar nicht kann und auch nicht will, denn das Katz- und Mausspiel macht ihm schlicht und einfach irre Spaß und das ohne Rücksicht auf Verluste. Wayne hat damit eigentlich schon genug am Hals, doch noch viel mehr plagt ihn, dass Rachel Dawes (Maggie Gyllenhaal), mit der er so eine komplizierte Beziehung pflegt, sich offenbar für Dent entschieden hat, weil Wayne nicht aus seiner schwarzen Gummihaut kann und weiter seine Rolle als Detektiv spielen muss. Harvey Dent ist also nicht nur die Hoffnung für Gotham City, sondern auch die Chance für Bruce Wayne, endlich ein normales Leben zu führen (so normal das als Millionenerbe sein kann) und eventuell auch noch das Mädchen zu kriegen. Wir alle kennen jedoch das Schicksal der Figur Harvey Dent, dessen linke Gesichtshälfte - so die Tradition - nach einem Säureattentat verätzt wird. In früheren Comic-, Serien- und Filmdarstellungen ist er als Superschurke Two-Face auf einer Ebene mit dem Joker zu betrachten, als vom Zufall gesteuerter Psychopath, der gerade durch diese Unberechenbarkeit so brandgefährlich ist. Auf der großen Leinwand sahen wir zuletzt eine reichlich flache Interpretation von Tommy Lee Jones in Batman Forever. In der Geschichte The Long Halloween von Jeph Loeb erhält man hingegen eine Ahnung von dem, was Two-Face durchgemacht hat und was ihn zusätzlich zu seinem entstellten Gesicht zu diesem Dasein führte, das er weder auf der einen, noch auf der anderen Seite des Gesetzes fristen kann. Ähnlich intensiv, aber leider viel zu schnell erzählt Nolan seine Geschichte. Wo Loeb Dent in der Kanalisation der Stadt wochenlang mit sich und seinen Idealen hadern ließ, genügen Nolan wenige Filmminuten, um seine Figur komplett umzudrehen – zudem mit einem Make-Up, das so unrealistisch ist, dass es ein Fremdkörper in Nolans ansonsten so authentischer Darstellung ist. Da hätte man sich wirklich noch mehr Zeit für gewünscht – gerne auch unter Verzicht von Scarecrow (Cillian Murphy), der zu Beginn des Films noch schnell verhaftet wird.
Schön zu sehen ist, wie die Nebenfiguren sich immer besser in die Geschichte integrieren. Lucius Fox (Morgan Freeman), der ja inzwischen von Waynes Geheimidentität weiß, wird in diesem Film weiter geformt und reiht sich in die „Verschwörerriege“ um Batman ein, deckt Wayne souverän den Rücken und baut fleißig Gadgets – der Vergleich mit Bond und Q beißt einem förmlich in die Wade. Eine sehr nette Hommage!
Ebenso wenig enttäuschen Alfred Pennyworth (Michael Caine) und James Gordon (Gary Oldman), der in The Dark Knight nun endlich zum Commissioner befördert wird, als der er Batman in den kommenden Jahren der Timeline noch lange Zeit zur Seite stehen wird. Von ihm sehen wir endlich etwas mehr als in Batman Begins, und auch er entwickelt sich zu einer eigenständigen Figur, ohne die der Film nicht funktionieren würde.
Und er funktioniert. Und wie er funktioniert. Er funktioniert so gut, dass es einem regelmäßig Angst und Bange wird. Zunächst dieser abartige Joker, den Ledger so überzeugend spielt, dass man mit jeder Jokerszene im Kinosessel kleiner wird. Das ist nicht mehr der überdrehte Muahaha-Joker aus Batman: The Animated Series, das ist nicht mehr die von Prince untermalte Farbbombe von Tim Burton, das hier ist eine Figur, die völlig neue Dimensionen gewonnen hat. Seine Origin lügt er sich bei jeder Gelegenheit neu zusammen, er hat widerliche Ticks und Macken, ist ungepflegt, anarchistisch und brutal, nennt sich selbst „das Chaos“. Und dennoch läuft sein Hirn konsequent auf Hochtouren, er reagiert auf alles, was passiert und was er hervorgerufen hat, sofort mit etwas neuem, so dass man fast von einem Plan reden könnte, dessen Zahnräder ohne zu knirschen ineinandergreifen. Dabei behauptet er von sich selbst, gar keinen Plan zu haben – ein Hund zu sein, der Autos jagt und nicht weiß, wann er etwas erwischt hat. Diese Kombination aus Planung und schlichter Reaktion macht ihn zu einer unberechenbaren Bestie, die die Bevölkerung von Gotham City mühelos vor ihre eigenen Abgründe stellt.
Daher halte ich Vergleiche mit Jack Nicholsons Joker aus Batman von 1989 auch für eine schwierige Angelegenheit. In Nolans Gotham City passt der Burton-Joker nicht rein, ebensowenig andersrum. Jeder der beiden Regisseure hatte eine eigene Vorstellung und eine eigene Art der Gestaltung der Batman-Welt und was herausgekommen ist, funktioniert in sich tadellos. In den früheren Filmen stand immer die Frage nach der Nähe zu den Comics im Vordergrund. Burton wollte nach den psychedelischen Ausmaßen, die die Geschichten angenommen hatten, wieder zurück zu den düsteren Anfängen, Schumacher rechtfertigte seine Machwerke mit der Nähe zu ebendiesen Geschichten aus den 50er Jahren, die so bunt und crazy waren. Und Nolan? Der entwickelt aus Comicfiguren neue Charaktere, Filmcharaktere. Schon in Batman Begins wurde angesichts des zurechtgestutzten Ra's al Ghul sichtbar, dass Nolan eine genaue Vorstellung von dem hat, was in seiner Welt möglich ist und was nicht, und dieser mussten sich auch die Figuren Joker und Harvey Dent/Two-Face unterordnen. Bleibt die Frage, ob man das mag, ob man sehen will, wie seine liebgewonnenen Comicfiguren eine neue Form annehmen und sich von ihrer Vorlage lösen. Ich bin immer eine Freundin der Narrenfreiheit, was die Batman-Figuren betrifft und kann sogar so skurrilen Interpretationen wie Haunted Gotham von Doug Moench was abgewinnen. Hier jedoch hab ich herbe geschluckt, denn das ist, auch mit Batman Begins im Nacken, wieder etwas Neues. Aber so fremd und unbequem es ist, es ist großartig. Vielleicht liegt diese Befremdlichkeit auch an der Aktualität der Geschehnisse. In Comicwelten passieren ja immer die abgefahrensten Dinge, die man selbst eigentlich nach Zuklappen des Buches auch gern da drinlassen will. The Dark Knight hat Momente, in denen man sich fragt, wie lange es wohl dauert, bis so etwas auch in unserer Welt passiert, bis so ein völlig durchgedrehter Typ daherkommt und allen mit einem finsteren Lachen und einem Fernzünder in der Hand auf der Nase herumtanzt.
Aber bis dahin genießt The Dark Knight als das, was es ist: Einen fabelhaften Thriller, ein packendes Drama, eine famose Comicverfilmung (denn das ist es ja trotz allem) mit brillanten Schauspielern – Bale, den ich hier schmächlicherweise noch gar nicht erwähnt habe, ist gerade dabei, sich zum einzig anerkannten Batman-Darsteller zu mausern, was für mich als Keaton-Fan natürlich vollends inakzeptabel ist, aber auf mich hört ja eh keiner – ganz einfach einer der Kracher dieses Kinojahrs, wenn nicht sogar der Kracher schlechthin. Das Wort „Kracher“ ist übrigens nicht von ungefähr gewählt. Nehmt Ohrstöpsel mit, wenn die Ohren noch nicht meinem Rat folgend mit Batman Begins vorgewärmt wurden. Es wird laut, und das nicht nur durch die vielen bunten Explosionen, sondern auch durch den mal wieder sehr prätentiösen Soundtrack von Hans Zimmer und James Newton Howard. Der ähnelt dem von Batman Begins bis auf ein paar neue Stücke leider so sehr, dass man das Gefühl bekommt, er wäre schnell in der Mittagspause umarrangiert worden. Abgesehen davon, dass dieser Mensch ohnehin immer mit der gleichen Besetzung und den gleichen Themen arbeitet, so dass auch dieser Soundtrack droht, im Zimmer'schen Einheitsbrei unterzugehen. Klar, während des Films ist die Musik passend zu den unfassbaren Bildern und Kamerafahrten, aber man hat trotzdem das Gefühl, das alles schon mal gehört zu haben. Könnte man nicht einfach mal einen anderen, neuen Komponisten an Land ziehen? Das hat doch mit dem Regisseur auch gut geklappt damals. Aber warum so ernst? Der Film ist phantastisch und der Stoff für Kontroversen liegt lediglich im Detail. Also löst am besten gleich Karten für drei Vorstellungen hintereinander. Muahaha. Text Copyright Anna-Selina Sander 2008 Bilder Copyright Warner Bros. werbung |