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Autor: Joss Whedon, Zeichnungen: Michael Ryan, Farben: Christina Strain
Erschienen bei: Marvel Comics Preis: 12,95 € Runaways: Dead End Kids bei Amazon.de Runaways: Dead End Kids, die langerwartete Fortsetzung von Brian K. Vaughans Geschichte über Teen-Superhelden wider Willen, sieht zunächst einmal beeindruckend aus. Ein weißer Hardcover-Band mit Schutzumschlag, auf dem irgendwo oben das Serienlogo gedruckt ist, ein kleines Mädchen, das genervt die Lippen spitzt; vor allem aber steht da über die halbe Seite in großen freundlichen Buchstaben ein Name: JOSS WHEDON. "From the creator of Buffy The Vampire Slayer," ergänzt der Schutzumschlag für alle Außerirdischen, die den Namen noch nicht kennen. Also los Leute, that's the new shit, kauft es! Und das ist erstmal auch gar nicht falsch. Es ist allseits bekannt, dass Joss Whedon gute Unterhaltung machen kann. Herrgott, selbst sein Outtake bei Veronica Mars ist so witzig, dass er eine eigene DVD verdient hätte. Und auch in Comics hat Whedon sich inzwischen einen Namen gemacht. Fray ist eine liebevoll erzählte Geschichte mit verrückten Charakteren, Buffy Staffel 8 macht gezeichnet sogar mehr Spaß als im Fernsehen. Selbst die Astonishing X-Men, bei denen Whedon fremde Charaktere übernommen hat, können sich sehen lassen. Und alle Werke von Joss, ob in einer Highschool oder irgendwo auf den Äußeren Planeten der Galaxis , haben eins gemeinsam: Es geht nicht so sehr um die Handlung und die Welt, und nicht eimal um den herrlichen Witz, es geht vor allem um die Helden, die sie bewohnen. Serien wie Buffy oder Angel sind nicht so beliebt, weil der Kampf gegen das Monster des Tages unglaublich spannend ist, sondern weil es sich stets um Teams handelt, die sich irgendwie durch Zufall zusammengefunden haben und die jetzt versuchen müssen, gemeinsam zu überleben. Und man braucht eigentlich auch keine besonderen Superkräfte, um dazuzugehören. Diese entwickeln sich erst durch die Freundschaft und die Erfahrungen, die die Chraktere als Gruppe machen. Jeder von uns könnte dabei sein, hätte als Passagier auf die Serenity steigen oder Sunnydale High vor Vampiren beschützen können. Dazugehören, feste Bindungen an die Umwelt haben - dieser Wunsch ist seit Jahrtausenden eine der wichtigsten menschlichen Entscheidungsgrundlagen. Was Joss Whedon am besten kann, ist diesen Wunsch zu erfüllen. Er zeigt uns, wie aus einer zusammengewürfelten Gruppe einsamer Menschen ein unzerstörbares Ganzes wird. Damit ist er bei Runaways, sechs Jugendlichen, deren Eltern zufällig zusammen die Welt zerstören wollten, genau richtig.   Und doch irgendwie auch falsch. Während die X-Men so lange von so vielen Autoren geformt wurden, bis man sich gewöhnt hatte, immer neue Charakterisierungen zu akzeptieren und Perlen in einem Haufen Müll zu suchen, war an den Runaways bisher noch niemand außer Brian K. Vaughan dran. Obwohl die Handlugsstränge in seinen Comics eher ein jüngeres Publikum ansprechen dürften, sind es vor allem die Dialoge und die Sichtweise auf das restliche Marvel-Universum, die die Serie so unglaublich interessant machen. Joss Whedon nun, eigentlich Meister der spritzigen Dialoge und laut eigener Aussage ein großer Fan der Serie, scheint mit Nico Minoru & Co. nie wirklich warm geworden zu sein. Die sechs Jugendlichen verändern sich nicht nur in ihrer Art zu sprechen, sondern teilweise auch in ihren Wesenszügen, auf einer Art, die man nicht mit ihrer natürlichen Entwicklung erklären kann. Im Gegenteil, die kleine Molly, die zum Ende der Original-Serie stark gealtert ist, redet wieder allen möglichen Blödsinn, wohingegen Chase, das vielleicht spannendste Mitglied der Truppe, seine wirklich interessante Ecke verloren hat. Und Nico Minoru selbst sieht immer mehr wie Willow aus. Der Original-Funke, der bei Vaughan schon durch die Charakterisierung am Anfang der Serie gezündet hat, ist verschwunden. Ein neuer will in dem einen kurzen Sammelband einfach nicht zünden.
Damit nicht genug, Joss Whedon bricht auch mit einem der Grundprinzipien der Comics. Schon im zweiten Kapitel schreit Nico plötzlich: "Runaways! Run away!" - obwohl die Gruppe sich noch nie so bezeichnet hat. Im Gegenteil, Brian K. Vaughan parodierte die anderen Superhelden geradezu, indem er zum Beispiel Molly sich verkleiden ließ, "weil es sich so gehört". Auch die albernen Codenamen, die die Gang sich am Ende des ersten Zyklus verpasst, werden höchstens für Witze gebraucht, bis Molly bei Joss wieder ganz begeistert davon erzählt, dass sie "Princess Powerful" ist und Karolina "Lucy in the Sky". Was früher entgegen allen Versuchen von Marvel, das Team in seine Superheldenklassen einzuordnen, stets "The Pride's kids" oder "those L. A. kids" genannt wurde, hat jetzt eine offizielle Erlaubnis, als Runaways bezeichnet zu werden. Schade drum.
Zusammen mit einem neuen Autor kam auch ein neuer Zeichner an Board. Michael Ryan ist kein großer Name und Runaways wird ihm keinen Ruhm verschaffen. Adrian Alphona hatte einen für Superhelden-Comics recht eigenwilligen Stil, der sich wunderbar mit Brian K. Vaughans Schreibart ergänzt hat. Ryan hat erstmal gar keinen Stil und darüber hinaus einen unverkennbaren Manga-Einfluss zu verzeichnen. Seine eigenen Charaktere sehen gut aus, die bereits bekannten Gesichter sind jedoch eher gewöhnungsbedürftig: Als hätte da einer direkt von Adrian Alphona abgezeichnet und die Augen größer und Münder kleiner gemacht. Störend ist aber vor allem, dass auch der Seitenaufbau manchmal sehr am Manga orientiert ist. Was in Schwarz-Weiß und reduziert gut funktioniert hätte, ist gepaart mit einer typisch amerikanischen Fülle an Details und Farben oft schwer nachzuvollziehen. So übersieht man oftmals ein Panel oder wundert sich, warum der Punisher plötzlich drei Arme hat - nicht gerade förderlich für eine Actionsequenz. Das ist wohl das größte Problem: Das alles, Joss Whedons Umgang mit den Charakteren, Michael Ryans Umsetzung, ja selbst die Farben von Christina Strain, ist so stark gewöhnungsbedürftig, dass man die guten Seiten von Dead End Kids leicht übersieht. Und es gibt einige. Da wäre zum Beispiel die unglaublich kreative Handlung, die unsere Helden nach 1907 befördert. Oder die Idee, den sechs reichen Kindern mal zu zeigen, wie es ihren Gleichaltrigen auch ergehen kann, in einer Welt wie bei Charles Dickens, in der man mit 16 erwachsen und wahrscheinlich auch verheiratet ist. Es gibt eine tolle Liebesgeschichte und einige sehr spannende Bewohner von 1907, einen coolen Gastauftritt von Kingpin und Witze über den Punisher. Es gibt ein paar echt gute Seiten, bevor die Story richtig losgeht. Es gibt deutlich intelligentere Ansätze und bessere Umsetzung als etwa im Runaways/Young Avengers Civil War Teamup. Es gibt eine Vorlage für Terry Moore, der die Serie übernehmen wird, mit dem Versprechen, Chase wieder cool zu machen. Es gibt einfach gute Unterhaltung, die man im Sommer mit an den Strand nehmen kann. Mehr gibt's eben auch nicht - und damit weniger, als man von Joss Whedon erwartet. Hätte Marvel seinen Namen nicht ganz groß auf's Cover geschrieben, wäre vielleicht keinem aufgefallen, dass Dead End Kids doch nicht sooo toll ist. Es wäre dann eine "gelungene Fortsetzung von Altmester K. Vaughans Gratwanderung zwischen Superhelden und Teenager-Klamotte". Alle nicht Die-Hard-Fans sollten also vielleicht darauf warten, dass eine preisgünstigere Ausgabe der Serie erscheint, vielleicht ein Digest, die haben den Autorennamen gar nicht vorne drauf stehen. Text Copyright Darina Goldin 2008 Bilder Copyright Marvel |