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Die Kunst des negativen Denkens

denkenNorwegen (2006)

Regie: Bård Breien Drehbuch: Bård Breien Kamera: Gaute Gunnari, Musik: Stein Berge Svendsen, Mit: Fridtjov Såheim, Kjersti Holmen, Henrik Mestad, Marian Saastad Ottesen, Kari Simonsen, Kirsti Eline Torhaug, Per Schaaning

Originaltitel: Kunsten å tenke negativt, Homepage  

Erscheint bei: Kool Filmdistribution

Weg mit der Political Correctness, weg damit, betreten die Augen zu senken, wenn ein Behinderter vorbeifährt! Der Norwege Bård Breien rückt Rollstuhlfahrer in den Mittelpunkt seines Films Die Kunst des negativen Denkens und behandelt sie genauso böse, wie die gehenden. Und ihr Fett weg kriegen sowieso alle. Es vergehen zwar einige Minuten, bis das Publikum sich traut, über Behinderte zu lachen. Aber irgendwann kann es damit gar nicht mehr aufhören.

Dabei hat sich da um die Psychologin Tori auch eine wirklich lustige Selbsthilfegruppe zusammengefunden: Die von Hals abwärts gelähmte Marte grinst von Backe zu Backe während ihr fürsorglicher Mann Gard verspricht, weniger Überstunden zu machen und mehr Zeit mit ihr zu verbringen. Asbjörn, der nach einem Schlaganfall nicht einmal mehr reden kann, gibt komische Geräusche von sich und Lillemor, die depressive Rentnerin, muss sich erstmal den Scheiße-Beutel ausleihen. Da spricht man alle seine negativen Gefühle rein! Den Rest der Zeit glaubt die Gruppe, dass alles gut wird, wenn sie nur positiv denken. Tori führt ihre Behindertengruppe mit eiserner Hand, für Agressionen ist da gar kein Platz. Ja, sie wirken nicht umsonst erstmal völlig realitätsfern und naiv. Und der 33-jährige Geirr ist bereit alles zu tun, nur um sie nicht in sein Haus zu lassen.

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Dass die Selbsthilfegruppe überhaupt da ist, ist die Schuld von Geirrs erschöpfter Ehefrau. Diese steht kurz davor, ihren Mann zu verlassen. Zu schwer ist es, mitanzusehen, wie Geirr sich immer mehr gehen lässt. Lange Haare, noch längere Joints, Johnny Cash Platten und Kriegsfilme - Geirr wartet doch eigentlich nur noch darauf, irgendwann an seinem Elend zu sterben. Schließlich ist er ja Realist. Wenn man im Rollstuhl sitzt und nicht mal mehr Sex haben kann, was hat das Leben dann denn noch zu bieten? Doch sich mit den Freaks aus der Selbsthilfegruppe abzugeben kommt für ihn erst recht nicht in Frage. Sie können ihn gar nicht umüberzeugen.

Ab jetzt ist die Story ja eigentlich klar - die Gruppe wird doch ins Haus kommen, Geirr wird sich ihnen langsam öffnen, erkennen, dass es ihm noch lange nicht so schlecht geht wie den anderen Anwesenden und wieder zu seiner Frau finden. Und alle lebten glücklich zusammen bis ans Ende der Welt.

Doch wir sind hier nicht im ARD-Nachmittagsfernsehen. Und der Film heißt nicht The Art of Positive Thinking, dafür ist Breien einfach zu kreativ, zu talentiert und vor allem auch offen. Anstatt von oben herab das Märchen von dem gleichberechtigten Leben zu erzählen macht er nie einen Hehl darauf, dass Geirr und die anderen wirklich mit großen Handicaps umgehen müssen und noch lange nicht jeder sie für voll nimmt. Tori selbst behandelt etwa ihre Gruppenmitglieder wie kleine Kinder, vergleichbar mit dem, wie ein unvorbereiter Mensch Behinderten begegnet. Dass sie aber in wirklichkeit voll funktionsfähige Menschen sind, deren Gedanken- und Gefühlswelt bei dem jeweiligen Unfall nicht verletzt wurde, zeigt Breien.

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Geirr erlaubt niemanden, seinen Zustand zu beschönigen oder ihn nicht für voll zu nehmen. Anstatt auch nur ein Bisschen auf die Bemühungen der Feel-Good-Aktivistin Tori einzugehen schaltet Geirr sie irgendwann einfach aus. Und als der Zwang, optimistisch zu sein, erstmal weg ist, tun sich in der Gruppe wahre Abgründe auf. Was passiert eigentlich in Martas Kopf, während sie so treudoof lächelt? Warum redet Asbjörn nicht? Plötzlich ist Martas Ehemann Gard gar nicht mehr der aufopferungsvolle Strahlemann, während Tori sowieso schon lange jegliche Glaubwürdigkeit verloren hatte... Ist es wahr, dass sie alle wirklich nichts mehr vom Leben zu erwarten haben? Falls ja, hat Geirr ja auch immer eine Schußwaffe zur Hand.

Wer will, kann die zahlreichen Behinderungen natürlich wörtlich nehmen. Doch auch als Metapher funktioniert der Trupp in Geirrs Haus augezeichnet. Spätestens als die Gruppe ein Rating aufzustellen versucht, wird sowieso klar, dass überhaupt nicht darum geht, was für Probleme man eigentlich hat, sondern wie man sie empfindet. Ist es schlimmer, arm, alt und einsam zu sein oder nicht gehen zu können? Kommt ganz darauf an, wie man die Sache angeht. Geirr hat zum Beispiel die Kunst des negativen Denkens gemeistert, damit sollte er eigentlich sofort auf Platz eins. Aber was ist mit seiner Ehefrau, geht es ihr nicht eigentlich noch viel schlechter, obwohl sie gehen kann? Meisterhaft zeichnet Breien ihre Beziehung heraus, in der noch so viel Liebe ist, die jedoch an den Umständen fast zerbricht.

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Und erst wenn jeder aufgehört hat, seine Lage zu beschönigen sondern akzeptiert, dass er nun mal mit einem Handicap leben muss, kann soetwas wie eine Heilung eintreten. Bei einigen wird dieser Heilungsprozess sogar körperich sichtbar, auch wenn Geirr nüchtern anmerkt, dass man seine Beine nicht plötzlich spüren kann, bloß weil man Hasch geraucht hat. Aber sogar er kann irgendwann plötzlich lachen. Negativ zu denken tut eben manchmal doch gut. Und seine Hemmungen zu überwinden und über Behinderte zu lachen kann dazu führen, dass man beim nächsten Mal keinen weiten Kreis schlägt, wenn jemand mit Rollstuhl bei einem Rockkonzert auftaucht.

Text Copyright Darina Goldin 2008

Bilder Copyright Maipo Film- og TV Produksjon

 
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