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Gorilla des Monats

bernie 
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Ash – 1977 in London

ash5.September 2008, London, Roundhouse
6.September 2008, London, Astoria

http://www.ash-official.com

 „I'm feeling so alive, feeling so real
On a stormy night, the rain is coming down
Rain like never before“


Freitag, 5. September 2008, kurz nach 21 Uhr, London, Roundhouse. Bummelig 3000 Leuten sprechen diese Lyrics aus der Seele, als sie, zu diesem Zeitpunkt noch voller Energie, die Arme in Richtung Decke reißen und aus vollem Halse jedes Wort mitgröhlen. Tim Wheeler (Gitarre, Gesang), Mark Hamilton (Bass) und Rick McMurray (Schlagzeug) spielen Goldfinger, den zweiten Track ihrer Debütplatte 1977, im Rahmen einer ganz besonderen Show. Und alle Anwesenden, darunter ich und ein Haufen Freunde und Mitfans, sind glücklich, dabeizusein und wollen, während sich draußen das englische Schietwedder von seiner besten Seite zeigt, den besten Abend ihres Lebens verbringen. Man ist sich einig: Die Macht wirkt stark in diesen Jungs.

Im Mai 2008 kündigten Ash eine sogenannte One-Off Show in London an, ein Konzert, bei dem sie ausschließlich ihr legendäres 1977 spielen würden, mit dem die damals knapp 20jährigen Jungs aus Nordirland im Jahre 1996 die Charts auf den Kopf stellten. 1977 ist ein wichtiges Jahr gewesen, war es doch das Geburtsjahr der beiden Bandgründer Tim und Mark, und natürlich das der besten Filmreihe der Welt, von Star Wars. Klar, dass für die Chefgeeks aus Downpatrick kein anderer Titel für ihr erstes Album in Frage kam. „Making noise since 1977“, das Bandmotto, ist dementsprechend auch mehrdeutig zu interpretieren.

Zwölf Jahre nach ihrem krachenden Eintritt in die Welt der Rockstars stellen Ash sich mit diesem Programm wieder auf die Bühne. Viel ist passiert seitdem, fünf Major-Alben wurden veröffentlicht, Bühnen auf der ganzen Welt wurden geentert, Gitarristin Charlotte Hatherley stieg in die Band ein und vor zwei Jahren wieder aus, und zuletzt sorgten Ash mit ihrer Entscheidung, ihre Songs lieber online zu vertreiben, für Schlagzeilen in der Musikbranche. Nur leider sind sie damit etwas schläfrig, große Bands wie Radiohead und Nine Inch Nails sind auf die gleiche Idee gekommen und haben sofort gehandelt. Es ist also seit der großen Ankündigung einiges an Zeit verstrichen und neue Releases sind vor Frühjahr 2009 nicht zu erwarten.

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Dafür aber bringt Rhino Records am 3. November diesen Jahres eine Deluxe-Version von 1977 heraus, drei CDs mit tonnenweise Material umfassend. Wer Ash näher kennt, weiß, dass sie im Laufe ihrer Karriere einen großen Haufen B-Seiten produziert haben, die zum Teil beliebter sind als die Singles oder die Albumtracks. Mit diesen Songs ist die neue Version des Album selbstredend massenweise ausgestattet, ebenso mit den Live-Alben Live at the Wireless und Live at Reading 1996 und dem Minialbum Trailer, das seinerzeit noch vor 1977 erschien.

Dieses Release ist ein Grund für dieses ganz besondere Konzert, das die derzeit schwer mit Aufnahmen beschäftigte Band ihren Fans in London bescherte. Und weil der Termin ratz-fatz ausverkauft war, hängte man gleich noch einen zweiten am Folgetag hintendran. Um das ganze noch eine Spur legendärer zu machen, buchte man für das zweite Konzert das etwas kleinere Astoria in der Charing Cross Road, in dem Jimi Hendrix seinerzeit die erste brennende Flying V – Gitarre auf der Bühne schwang (von Wheeler auf der Tour zum vierten Album Meltdown 2004 dankbar übernommen) und in der Ash mehr Konzerte gespielt haben als irgendwo sonst. Der Abriss der Location zugunsten einer neuen U-Bahn-Linie steht bereits fest, so dass dieser Auftritt wohl auch der letzte von Ash im As(h)toria gewesen ist.

Am 5. September jedoch wurde zunächst das ausverkaufte Roundhouse in Camden bespielt, eine beeindruckende Halle, die, laut Aussage der Website, alle Plätze berücksichtigt, mehr als 3000 Leute fasst. Die Vorband des Abends heißt Fighting With Wire, wie Ash ein irisches Trio, das sich auf harten, sehr schnellen Rock eingeschossen hat. Die Melodien stechen hier und da bemerkenswert hervor, doch insgesamt war es mir doch zu viel Brei.

Gegen viertel vor neun, die Umbaupause ist so gut wie zuende, beginnt doch tatsächlich eine Art Animationsprogramm. Die Mitglieder von Ash sind, wie bereits erwähnt, Star Wars-Geeks der krassesten Sorte, und so wundert es eigentlich wenig, als plötzlich vier Stormtrooper und ein imperialer Offizier mit Gewehren im Anschlag aufmarschieren und für Darth Vader Spalier stehen, der mit gezücktem Lichtschwert auf die Bühne schreitet und gestenreich das Publikum bedroht. Letzteres tobt vor Begeisterung. Leider ist der Überraschungsmoment schnell verflogen, und die Mannen stehen schließlich etwas hilflos auf der Bühne rum. Trotzdem flackert weiterhin das Blitzlichtgewitter und eine schöne Szene ist es allemal. Mit einem Marsch durch den Fotografen-Graben zwischen Absperrung und Bühne wird die Bühne freigemacht für die Helden des Abends. Und was für ein Abend das werden sollte.

Tatsächlich rattert Ash zunächst 1977 wie auf der CD runter, die Tracklist entspricht ohne Veränderungen dem Set. Was auch die einzig sinnvolle Möglichkeit ist, eine bessere Reihenfolge gibt es meiner Meinung nach nicht. Kurze Erholungspausen gibt es für uns Absperrungskuschler und Moshpitler bei etwas langsameren Stücken wie Gone The Dream, aber was man dort an Energie wieder reingeholt hat, wird beim nächsten Track sofort wieder rausgepogt. Innocent Smile und I'd Give You Anything mit ihren kranken, verquirlten Instrumentalparts entpuppen sich als absolute Killer, die uns die Luft und das Wasser aus dem Körper ziehen wie sonst kaum etwas. Zum Glück wird von Roundhouse-Mitarbeitern, die vor der Absperrung rumrennen, Wasser gereicht. Das hätte man sonst nicht überlebt!

Man merkt ihnen bei allem Spaß, den die Jungs auf der Bühne haben an, wie nervös sie sind, schon im Vorfelde hatten sie viel darüber gesprochen, dass dieser Gig etwas besonderes für sie ist und sie schrecklich aufgeregt seien. Nach so vielen Shows und 15 Jahren auf der Bühne fällt es allerdings schwer, ihnen das abzunehmen. Aber man merkt tatsächlich: Das hier ist keine Routineshow. Klar, die Klassiker wie Girl From Mars, Oh Yeah oder Kung Fu, die auf jedem anderen Gig auch zum Set gehören, gehen lockerflockig von der Hand, aber einige Stücke wurden seit 1996 nicht mehr live gespielt! Die Akkorde und Soli sitzen jedoch bis auf ein, zwei Ausrutscher perfekt und es ist erfreulich, die alten Songs mit der Stimme des heutigen Tim Wheeler zu hören. Die Töne wackeln nicht mehr, die Intonation ist sicher und der Ausdruck um Längen besser als auf der CD. Es ist schon eigenartig, diese Songs, die ja doch größtenteils Teenager-Themen beinhalten, in diesem Stadium der Band zu hören, aber es ist ein einmaliges Denkmal für die eigene Geschichte, was hier gesetzt wird. Und ja, mir standen bei Lost In You wirklich die Tränen in den Augen. Phantastisch.

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Aber natürlich ist die Show nach dem Album noch lange nicht zuende. Es wurde viel versprochen von den Mitgliedern, unter anderem B-Seiten vom feinsten und ein paar Klassiker, die auf keinem Konzert fehlen dürfen. Was einen beim dritten und letzten Teil der Setlist erwartet, ist also mehr als absehbar, denn das hört man ja nun wirklich bei jeder anderen Show auch. Wirklich neugierig waren wir alle dagegen auf die längst vergessenen Schätze und den kranken Scheiß, die in der Mitte des Sets gespielt wurden. Nach einer kurzen Pause scheuchten die Stormtrooper die Bandmitglieder also wieder auf die Bühne zurück, und die eigentlichen Perlen wurden auf das Publikum losgelassen. Wunderbare Kleinodien wie Sneaker, das ABBA-Cover Does You Mother Know oder Trailer-Songs wie Jack Names The Planet wurden aufgetischt, und – wie wundervoll ist das bitte! - das Gitarren-Cover von Cantina Band aus Star Wars EP IV. Wahoo! Zum Glück wurde von Sick Party, dem Hidden Track auf 1977 abgesehen, man munkelt aber, dass es im Laufe des Abends von Menschen aus dem Publikum mehrere Coverversionen gegeben hat.

Um das Publikum endgültig zu Boden zu fegen, fetzten Ash noch die obligatorischen Kracher wie Orpheus, Shining Light und Burn Baby Burn raus, eigenartigerweise mit Twilight of the Innocents am Anfang der Zugabe; normalerweise enden die Konzerte immer damit. Entsprechend seltsam wirkte es an der Stelle auch. Aber was solls! Ein phantastischer, legendärer Abend von fast zwei Stunden Länge, viele Menschen und Fans trafen sich im Roundhouse (wieder). Ash hat eine sehr lebhafte Forums-Community, und viele Mitglieder trafen sich nach langer Zeit hier wieder. Ich kann mich dunkel daran erinnern, mehreren verschwitzten und irre grinsenden Menschen um den Hals gefallen zu sein, die mir ein Freund als diverse Forumsmitglieder vorgestellt hat. Alles verschwimmt in einem Blob von Ohrpiepen und Glückseligkeit, der sich vermutlich so schnell nicht wieder einstellen wird. Was für ein Abend.

Die Aftershowparty im Roundhouse erleben wir nur noch im Halbdelirium, die Beine wackeln, die Augen fallen zu und ob der Lautstärke ist man zu Konversationen nicht mehr in der Lage. Macht nichts, wenigstens waren wir da.

Einen Tag später waren die Beine noch von der vorigen Nacht wabbelig, ein zweiter Abend im Moshpit war ausgeschlossen. Glücklicherweise verfügt das Astoria über schöne Sitzplätze auf dem Rang, von denen man das Konzert hervorragend überblicken konnte. Normalerweise findet man mich ja bei Ash ausnahmslos in inniger Umarmung mit der Absperrung ganz vorne, doch diesmal musste, nicht zuletzt aus gesundheitlichen Gründen, ein anderer Blickwinkel her.

Nach der Vorband, diesmal In Case of Fire, technisch um einiges besser als Fighting With Wire, und ohne Stormtrooper, kam die Band mit einem verunglückten Start auf die Bühne. Die Lautstärke von Tims Gitarre war nicht hochgestellt, und so begann der Abend statt mit einem schwungvollen Lose Control – Intro mit einem „Aw, that sucks.“ Kann nicht schaden, hin und wieder einfach mal selbst ein Auge auf die Technik zu haben, aber nun ja.

Was zur Hölle ist über Nacht mit dieser Band passiert? Vorbei die Nervosität und Unsicherheit, alle drei strotzen nur so vor Selbstvertrauen, die Soli sind breitbeinig, wie sie breitbeiniger nicht sein können, und die Stimmung, pures Dynamit, springt sofort auf die Fans über. Tausende Menschen springen glücklich herum, singen jede Zeile mit, haben den besten Abend ihres Lebens. Was für ein Konzert.

ashDie B-Seiten wurden geändert und in viele unvergessene Cover wie z.B. Punk Boy oder I Only Want To Be With You getauscht und Raritäten wie Teenage Kicks und T.Rex kamen zu Ehren. Hardcore-Fans stand das Wasser in den Augen angesichts solcher Momente! Glücklicherweise besann sich die Band diesmal auch wieder ihrer Qualitäten und setzte Twilight of the Innocents wieder ans Ende des Sets, so dass dieses Wochenende so episch endete, wie es das verdient hat.
Als Vorschau auf das neue Material präsentierte Ash Ichiban!, einen Song, der schon auf mehreren Festivals diesen Sommer ausgetestet wurde. Auch hier wirkt er wunderbar, der Song schreit förmlich nach Rumspringen hat eine herrliche Hookline zum Mitgröhlen, die praktischerweise nur aus einem einzigen Wohooooo besteht. Simpel, aber genial.

Das war für den Rest des Jahres, und vermutlich auch die letzten und kommenden Jahre, salopp gesagt vermutlich das Krassfetteste, was Ash auf die Bühne gebracht hat. Als zum Schluss des Wochenendes die Star Wars-Fanfare durchs Astoria dröhnte (ich möchte nicht wissen, was die dafür bezahlen mussten), fiel es schwer, wieder zum Alltag zurückzukehren. Wir hatten herrlich viel Spaß, sowohl unten im Moshpit als auch oben auf der Empore, wir haben die Band zweimal in Topform gesehen, erlebt, wie heiß die Liebe auf der Insel für Ash noch immer glüht. Es ist einfach kein Vergleich zu deutschen Konzerten, bei denen sie nur noch mit anderen Bands zusammen kaum 45 Minuten lange Gigs spielen und sich dafür grad mal 10-20 wirkliche Fans zusammenfinden.
Ich blicke jetzt aufgeregt in die Zukunft und freue mich auf neue Releases, an denen in dem New Yorker Studio gerade emsig gearbeitet wird und die hoffentlich in nicht allzu langer Zeit ihren Weg auf viele auch deutsche Rechner finden werden. Ichiban! lässt schonmal Großes hoffen, ich wünsche mir, dass die Qualität so „konstant geil“ (Zitat Cordelia) bleibt wie in den letzten 12 Jahren. Chapeau, Ash.

Text Copyright Anna-Selina Sander
Fotos von Mirjam Kellermann (www.mybrainhurtsalot.com )

 
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