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Dr. Uwe Boll - Tunnel Rats

Dr. Uwe Boll – 1968 – Tunnel Rats

Eine Besprechung des Films findet ihr hier. 

Uwe Boll hat Hunger. Auf Pizza Salami. Nach einer Testvorführung seines neuen Filmes 1968 - Tunnel Rats und einer langen, erschöpfenden Publikumsdiskussion kann ihm das auch keiner verdenken. Trotzdem nimmt er sich für uns ein Viertelstündchen Zeit, das wir uns allerdings mit dem Kinobetreiber, zwei Fans und seinem Handy teilen müssen. Dennoch kann uns Uwe Boll einige interessante Anekdoten über die Dreharbeiten und seine Intention hinter dem "Antikriegsfilm" mit auf den Weg geben, und führt uns gleichzeitig noch in seine persönlichen weltpolitischen Ansichten ein.

Uwe und die Hip Hop BitchesJochen: In den persönlicheren Filmen, die Sie bisher in Nordamerika gedreht haben – Heart of America und Postal – haben Sie immer explizit amerikanische Probleme thematisiert. In Tunnel Rats bearbeiten Sie mit dem Vietnam-Krieg auch wieder ein uramerikanisches Thema. Warum denn gerade dieses Interesse an den USA?

Uwe Boll: Man wächst natürlich mit amerikanischen Filmen auf, das ist der erste Punkt. Davon lässt man sich schon beeinflussen. Ein weiterer Faktor ist auch die Tatsache, dass ich meine Filme jetzt seit 1999 eher in Nordamerika drehe. Auch wenn ich hauptsächlich in Vancouver drehe, ist es natürlich so, dass man schon einen anderen Draht zu den USA hat. Und ich denke, der dritte Grund ist – und das ist ja leider das Desolate – dass wir eigentlich alle an Amerika hängen. Wenn die die falschen politischen Entscheidungen treffen, gehen wir alle mit drauf. Das ist es eigentlich, was mich wirklich nervös macht. Aus dem Grund finde ich es wichtig, dass man Filme macht, durch die die Amerikaner möglicherweise anfangen nachzudenken. Zumindest ein bisschen.

Jochen: Der letzte ernstzunehmende Vietnamfilm ist über ein Jahrzehnt her. Und Sie haben es vorhin im Publikumsgespräch selbst gesagt: die meisten Regisseure drehen heute Filme über den Irakkrieg. Warum denn gerade jetzt einen Film über Vietnam?

Uwe Boll: Weil ich dachte, dass das Jahr 2008 – 40 Jahre Vietnamkrieg – auch eine Zeit ist, wo man über Krieg generell reflexieren kann. Und gerade weil der Irakkrieg stattfindet. Gerade weil beinahe ein Irankrieg stattfindet. Weil die Russen mit Georgien im Klinsch liegen und so weiter. Wegen diesem ganzen Quatsch, der sich weltweit ergibt. Dass man mit einem Vietnamfilm einen generellen Blick auf Krieg an sich werfen kann. Dass man auf einmal merkt, wir haben ja nichts gelernt. Es ist ja schon absurd: In meinem ersten Film, German Fried Movie, 1991, hatten wir eine Irakkriegsshow und haben uns über den Irakkrieg lustig gemacht. Und dann macht man Postal, 15-17 Jahre später, und hat genau das Gleiche. Und denkt: „Was mach ich hier eigentlich? Ist die Zeit stehen geblieben?“ Man hat den Eindruck, dass es politisch nicht unbedingt - gerade auch nach dem 11. September - besser geworden ist.

Jochen: In Ihren persönlicheren Filmen lässt sich mittlerweile immer eine klare Struktur wahrnehmen. Sie nehmen einen Ensemblefilm – wie es ja bei Postal zu einem gewissen Grade auch war, wie es bei German Fried Movie letzten Endes auch war – und Sie führen die Situation, in der sich das Ensemble befindet, zur Eskalation, genauer: zur Katastrophe. Würden Sie sich einen Pessimisten nennen?

Uwe Boll: Ich bin eben nicht der Typ der glaubt – nehmen wir mal Steven Spielbergs War of the Worlds. Wenn dann am Schluss der Sohn doch überlebt hat und kommt beim Opi aus dem Haus gewatschelt, da sieht es doch aus, als ob sie nur Kaffeeklatsch gemacht hätten, während die Erde untergeht. Bei so etwas denke ich mir: „Das ist doch Quatsch!“ Ich muss jetzt nicht am Ende die heile Welt zeigen, damit ich beim Zuschauer eine Emotion auslöse. Ich versuche eher Filme zu machen, bei denen der Zuschauer eher nachdenkt, unter Umständen auch einen eher fatalistischen Blick gewinnt und denkt: „Ist doch alles scheiße, alles läuft gegen die Wand.“ Nach Postal muss man sich doch selber sagen, als die [der amerikanische Präsident und Osama bin Laden] da am Ende des Films Hand in Hand in den Atompilz reinlaufen: „Das ist ja der totale Irrsinn!“ Das ist mir persönlich lieber. Ich find auch Filme mit so gequältem Happyend meistens scheiße.

Bettina: Ich möchte noch einmal zu der vorherigen Frage zurück, also zur Frage: Warum jetzt gerade einen Vietnam-Film: Ist denn für Sie Vietnam auch eine Metapher für einen Krieg, der im Grunde genommen vollkommen schief läuft?

Uwe Boll: Ja, total, ich meine, die Amerikaner sind da hingegangen, haben gedacht, das erledigen sie mal so eben im Handumdrehen und dann wurde es zum totalen Fiasko. Und der Irakkrieg ist da genauso. Der Sieg war schnell da, Saddam hing schnell am Galgen, aber jetzt merken sie auf einmal, sie kommen keinen Schritt mehr weiter. Und das ist ja auch in Afghanistan so. In Afghanistan werden auch die Taliban gewinnen. In 15 Jahren sind wir alle raus aus Afghanistan und die Taliban kontrollieren das Land. Da halte ich jede Wette drauf. Ja, und das ist eben der Punkt, im Irak werden sie irgendwann alle abziehen und sagen: „O ja, ist super. Es ist Friede, Saddam ist weg, ist alles super.“ Und dann werden die Schiiten die Kontrolle übernehmen und sich mit dem Iran verbünden. Wenn man schon vorher weiß, wie es ausgeht, dann kann man natürlich absichtlich alles so lange hinziehen, nach dem Motto: Wir wollen es ja nicht zugeben. Aber wir können leider nicht jedes Problem weltweit lösen. Es ist einfach diese falsche Mentalität, glaube ich, dass der Westen glaubt, er muss sich überall einmischen.

AuaJochen: In Tunnel Rats reduzieren Sie den Krieg auf eine rein körperliche Erfahrung, wirklich über weite Strecken radikal auf die körperliche Erfahrung. War das von vorne herein das Konzept?

Uwe Boll: Ja, deshalb war es mir auch so wichtig, wenn der Colonel in einer der späteren Szenen in die Falle mit den spitzen Pfählen fällt, dass sich der Soldat, der hinter ihm durch den Tunnel kriecht, genauso verhält, wie in jedem Film: „Colonel, kuck mich an, ich helf dir noch!“ Und so weiter. Und deswegen wird er sofort erschossen. Weil es natürlich totaler Blödsinn ist. Was soll ich da kucken, der ist in die Pfähle gerauscht, das war’s! Sofort Licht aus, abducken und ab! So absurd es ist, aber es gibt eben im Krieg gar keinen Platz für Emotionen. Das war mir auch wichtig zu zeigen. Also der Martin Görtz [sic. ?], der das Ausbildungscamp für unsere Schauspieler geleitet hat, hat denen eben auch Sachen erzählt, dass man sich in einer Kriegssituation eben entscheiden muss, man will ja überleben.

Bettina: Es geht ja schließlich eigentlich nur darum, die eigene Haut da wieder heraus zu bekommen.

Uwe Boll: Genau! Und das finde ich auch das Absurde am Krieg, man geht rein, um irgendetwas zu erreichen, aber Bumm! man ist drin und denkt sich nur noch: „Wie komme ich aus der Scheiße wieder heraus?“ Menschen werden in eine Situation hineinmanövriert, über die sie keine Kontrolle mehr haben. Zum Beispiel war der Ausbilder unserer Schauspieler während der Hutu- und Tutsi-Massaker in Ruanda. Weiße, reiche Farmer hatten ihn und seine Kollegen angeheuert, weil sie Angst vor den Schwarzen hatten. Und der meinte, sie sind da hingefahren, rüber aus Südafrika, schwer bewaffnet und so weiter, und der meinte, er hat mindestens 1000 Leute erschossen. Das war eben so, die haben nur Äxte, die haben keine Chance. Ja aber, was willst du denn machen? Willst du dich auf eine Diskussion einlassen und den Typ so nah ran kommen lassen, dass er mit der Axt zuschlagen kann? Nein! Die werden einfach erschossen! Ende! Danach hört man dann nie wieder auf, über diese Ereignisse nachzudenken. Und das ist auch der Grund, warum man im Krieg zu guter Letzt, auch wenn man überlebt, nicht wirklich gewinnen kann.

Bettina: Vorhin hatten Sie gesagt, der Produzent von Tunnel Rats habe auch den äußerst politischen Film Hotel Ruanda mitproduziert. Was war seine Motivation, sich an Tunnel Rats zu beteiligen?

Uwe Boll: Ja gut, erstmal war seine Motivation natürlich, dass wir in Südafrika gedreht haben, der ist aus Südafrika. Der will natürlich, dass da gedreht wird. Das ist ganz klar. Außerdem ist er auch sehr stark politisch aktiv. Wir wollen nächstes Jahr gemeinsam einen Film über die Dschandschawid machen, über die Massaker im Sudan. Darüber werden wir einen ähnlich gelagerten Film machen, der dann auch ganz stark die Eingeborenen zeigt. Im Fall von Tunnel Rats fand er an unserem Konzept auch gut, dass es so ein klar strukturierter Antikriegsfilm ist.

Jochen: Als wir uns das letzte Mal über Postal unterhalten hatten, meinten Sie, Sie hätten in der Vergangenheit oft das Problem gehabt, so weit in die Organisation der Filme involviert gewesen zu sein, dass Sie nicht so viel Sorgfalt auf die Regiearbeit selbst haben aufwenden können. Hat sich denn daran etwas geändert? Mir kam Tunnel Rats sehr präzise geschossen vor, als hätten Sie den Schauspielern und der Umgebung in Südafrika wirklich Ihre volle Aufmerksamkeit schenken können.

Uwe Boll: Das stimmt. Wie auch bei Heart of America kann ich bei so einem kleineren Film einfach besser agieren. Wenn man einen Film wie Far Cry dreht, ist man einfach zu 80 Prozent der Zeit nur am Warten auf die Technik. Und die Schauspielerleistungen werden dann auch sekundär, weil die Technik oder der Stunt oder was auch immer gerade gemacht wird so komplex ist, dass man sich einfach nicht mehr auf die Schauspieler konzentrieren kann. Und dann ist man am Schluss froh, dass das Ding über die Bühne gegangen ist und keiner gestorben ist. Auch der Gefängnisfilm - Stoic wird er heißen - den wir neulich gedreht haben, hat mir als Regisseur Riesenspaß gemacht, weil ich da die Leute wirklich aus sich herauskommen lassen konnte. Das liegt mir anscheinend auch mehr, als Autoverfolgungsjagden zu drehen. Aber man muss dann eben auch realistisch sein: ein Film wie Far Cry verkauft sich natürlich besser.

Jochen: Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für uns genommen haben.

Uwe Boll: Ja, kein Problem.

 
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